Das Wort des Lebens
lebensstudium

Gottes Verfahren zur Erfüllung Seines Zweckes (1)

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Die ersten beiden Kapitel von 1. Mose stehen in einem auffälligen Spannungsverhältnis: Kapitel 1 legt Gottes Ziel offen — den Menschen als Sein Bild und Vertreter zu schaffen —, doch es bleibt die Frage, wie dieses Ziel praktisch erfüllt werden soll. Kapitel 2 beantwortet genau diese Frage, indem es nicht nur das Ergebnis, sondern den Weg beschreibt: Gottes persönliche und schrittweise Arbeit am Menschen, vom Formen bis zum Einhauchen des Lebens. Wer die beiden Schilderungen zusammenliest, erkennt, dass Gottes großer Plan eine ebenso große, intime Methode zur Umsetzung braucht.

Gottes Ziel: Ein korporativer Mensch

Die ersten Schöpfungsworte legen mehr nahe als die Herstellung isolierter Individuen; sie entwerfen ein Ziel, das Gemeinschaft voraussetzt. Wenn Gott den Menschen nach Seinem Bild schafft und ihm Autorität über die Erde gibt, bleibt diese Absicht nicht an einsame Subjekte gebunden, sondern strebt auf einen gemeinsamen Ausdruck hin. Inmitten dieser Perspektive heißt es deutlich: “da formte Jehovah Gott den Menschen vom Staub des Erdbodens und hauchte ihm den Lebensatem in die Nasenlöcher, und der Mensch wurde zu einer lebenden Seele.” (1. Mose 2:7). Dieses Bild macht deutlich: Gottes Absicht verlangt ein Menschensein, das miteinander steht und Gott zusammen repräsentiert.

Gottes Wunsch und Ziel ist der korporative Mensch, der Ihn in Seinem Bild zum Ausdruck bringt und Ihn mit Seiner Autorität vertritt. (Witness Lee, Life-Study of Genesis, Botschaft zehn, S. 117)

Aus der Beobachtung folgt die Deutung, dass das göttliche Ziel über private Frömmigkeit hinausgeht. Der korporative Mensch ist keine bloße Summe individueller Tugenden, sondern ein organischer Leib, dessen gemeinsame Gestalt Gottes Charakter und Autorität sichtbar macht. Die neutestamentliche Offenbarung spricht von der Gemeinde als dem einen neuen Menschen, und gerade in dieser kollektiven Form wird Gottes Vorsatz verwirklicht: Bildtragen und Repräsentation geschehen nicht primär als Einzelleistung, sondern als gemeinsames Zeugnis. Daraus folgt die theologische Konsequenz, dass geistliche Reife und das Zusammensein untrennbar verbunden sind; nur in der gestalteten Gemeinschaft wird Gottes Herrschaft real erkennbar.

da formte Jehovah Gott den Menschen vom Staub des Erdbodens und hauchte ihm den Lebensatem in die Nasenlöcher, und der Mensch wurde zu einer lebenden Seele. (1. Mose 2:7)

Es ist tröstlich zu bedenken, dass Gottes Ziel keine entfernte Idee bleibt, sondern auf Gemeinschaft hin aufgebaut ist. Die Gewissheit, dass Er einen korporativen Menschen anvisiert, eröffnet Hoffnung: Gottes Werk braucht Zeit, Beziehungen und Verlässlichkeit, doch es ist auf Vollendung gerichtet. So lässt sich mit ruhigem Vertrauen schauen, wie Gott in und durch seine Gemeinde die Welt neu sichtbar macht.

Gottes Verfahren: Formen und Einhauchen des Lebens

Der zweite Schöpfungsbericht öffnet den Blick auf Gottes konkretes Verfahren: Formen und Einhauchen sind nicht nur poetische Details, sondern theologische Signale für zwei einander ergänzende Weisen göttlichen Wirkens. Beobachtet man die Sprache von “formen” aus dem Erdboden und dem “Einhauchen” des Lebens, wird deutlich, dass Gott zuerst gestaltet und dann innerlich belebt. Dazu heißt es: “da formte Jehovah Gott den Menschen vom Staub des Erdbodens und hauchte ihm den Lebensatem in die Nasenlöcher, und der Mensch wurde zu einer lebenden Seele.” (1. Mose 2:7). Die Reihenfolge zeigt, dass Gestalt und Leben zusammengehören: Formung ohne Atem bliebe leer, Atem ohne Form würde keine gestaltete Repräsentation erzeugen.

Obwohl der Schöpfungsbericht in 1. Mose 1 Gottes Absicht bei der Erschaffung des Menschen offenbart, sagt er uns nicht, wie diese Absicht zu verwirklichen ist. Daher brauchen wir einen zweiten Bericht, der den Weg — das Verfahren — offenlegt, den Gott einschlägt, um seinen Zweck zu erfüllen. (Witness Lee, Life-Study of Genesis, Botschaft zehn, S. 117)

In der Deutung dieser Szene liegt ein Aufruf, die doppelte Dimension geistlichen Wachstums ernst zu nehmen. Das Formen betrifft Charakter, Gestalt und Beziehungsfähigkeit; das Einhauchen bedeutet die Übertragung innerer Wirklichkeit durch den Geist — nicht nur biologische Vitalität, sondern die befähigende Gegenwart Gottes. Für die Gemeinde heißt das: Formation und Erneuerung im Geist gehen Hand in Hand, sodass der Leib als solcher in seinem Dienst und Zeugnis wirksam wird. Theologisch verdichtet sich hier die Einsicht, dass Gottes Verfahren persönlich und zugleich auf das Kollektiv gerichtet ist; Er arbeitet an einzelnen Personen, doch das Ziel bleibt der korporative Ausdruck Seiner Herrlichkeit.

da formte Jehovah Gott den Menschen vom Staub des Erdbodens und hauchte ihm den Lebensatem in die Nasenlöcher, und der Mensch wurde zu einer lebenden Seele. (1. Mose 2:7)

doch ein Wasserdunst stieg von der Erde auf und bewässerte die ganze Oberfläche des Erdbodens –, (1. Mose 2:6)

Die Vorstellung, dass Gott sowohl formt als auch einhaucht, schenkt Zuversicht: Jede sorgfältige Formung hat Sinn, und jeder Odem Gottes erfüllt mit Wirklichkeit. In dieser Kombination liegt Geduld und Verheißung zugleich — Geduld, weil Formung Zeit braucht, Verheißung, weil Gottes Atem Leben bringt. So darf die Gemeinde in dem Bewusstsein leben, dass Gottes Verfahren beständig wirkt und auf die Vollendung eines gemeinsamen, geformten und belebten Zeugnisse hinführt.


Herr, du bist der Formende und der, der Leben einhaucht; wir bitten um deine Finger, die unsere Schwächen richten, und um deinen Geist, der uns zu Gemeinschaft und Zeugnis befähigt. Mach uns als Leib fähig, dein Bild deutlich zu tragen und deine Herrschaft zu repräsentieren. Amen.

Englische Quelle: Life-Study of Genesis, Chapter 10