Das Wort des Lebens
lebensstudium

Gottes Verfahren zur Erfüllung Seines Zweckes (2)

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Die ersten Kapitel der Bibel wirken auf den ersten Blick wie eine nüchterne Chronik von Schöpfung und frühem Menschenschicksal. Wer aber genauer liest, erkennt ein anderes Anliegen: Es geht weniger um technische Details als um Leben — um Gottes Absicht, Sein Leben in die Menschheit zu bringen, die Störung durch eine himmlische Rebellion und den Neuanfang durch eine Berufung. Welche Rolle nimmt Christus dabei ein, und zu welcher Gemeinschaft will Gott die Gläubigen formen?

1. Mose als Buch des Lebens: Christus im Zentrum

Die Erzählungen in 1. Mose öffnen keinen naturwissenschaftlichen Bericht, sondern ein theologisches Panorama über das, was Leben wirklich bedeutet. Es geht nicht zuerst um Materie, sondern um das Setzen und Bewahren von Leben durch Gott. Johannes beginnt seine Darstellung mit einem bündigen Satz, der diese Perspektive trägt; wie es heißt: “Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und das Wort war Gott.” Diese Worte legen nahe, dass das Leben nicht nur aus Kräften und Prozessen besteht, sondern aus einer personalen Quelle, die zugleich Gott ist und bei Gott war.

Wenn wir das Buch 1. Mose wirklich und gründlich verstanden haben, erkennen wir, dass es Christus als die Hoffnung und die Errettung des gefallenen Menschen darstellt. Durch Christus ermöglicht Gott dem gefallenen Menschen, Seinen Zweck zu erfüllen. 1. Mose ist ein Buch mit Christus im Zentrum; Christus ist Leben für die Menschen, die Er vom Fall wiederhergestellt hat. (Witness Lee, Life-Study of Genesis, Botschaft elf, S. 7)

Wenn die Schrift in den neutestamentlichen Kommentaren weitergeht, tritt Christus als die konkrete Erfüllung dieser Schöpfungsabsicht hervor. “Denn in ihm ist alles in den Himmeln und auf der Erde geschaffen worden, das Sichtbare und das Unsichtbare… alles ist durch ihn und für ihn geschaffen,” heißt es bei den Kolossern. Daraus folgt, dass das Ziel der Schöpfung nicht bloß kosmische Ordnung oder funktionales Dasein ist, sondern die Manifestation Gottes in einem Leib, der Sein Leben sichtbar macht. Christusherrschaft ist daher Lebensquelle und -erhalter; das, was 1. Mose als Schöpfung öffnet, findet in Christus seine Mitte und Gestalt.

Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und das Wort war Gott. (Johannes 1:1)

Denn in ihm ist alles in den Himmeln und auf der Erde geschaffen worden, das Sichtbare und das Unsichtbare, es seien Throne oder Herrschaften oder Gewalten oder Mächte: alles ist durch ihn und für ihn geschaffen; (Kolosser 1:16)

Diese Sicht lädt dazu ein, das Leben nicht als Privatbesitz oder bloße Existenz zu begreifen, sondern als Gabe, die auf eine Person hin verweist: Christus als Ursprung und Ziel. In dieser Wahrheit liegt Trost und Hoffnung — die Schöpfung ist nicht beliebig, sondern auf die Offenbarung Gottes hin geordnet. Möge das Bewusstsein, dass Christus die Mitte allen Lebens ist, unseren Blick verändern und uns innerlich stärken, indem wir in der Gewissheit ruhen, dass unser Leben in Ihm seinen Sinn und Halt hat.

Die Rebellion und ihre Folgen: Gericht, Leere, Dämonische Mächte

Das kurze, fast beiläufige Intervall in 1. Mose zwischen Anfang und Chaos fordert unsere Aufmerksamkeit: “Doch die Erde war zu einer Wüste und Leere geworden, und Finsternis war auf der Oberfläche der Tiefe,” heißt es in der Urgeschichte. Diese knappe Feststellung trägt die Spannung einer Störung in sich, eine Unterbrechung der ursprünglichen Ordnung. Die Texte des Alten Testaments deuten an, dass mit der sichtbaren Verwüstung auch geistliche Realitäten verbunden sind — Mächte und Fürsten, deren Gegenwart die Schöpfung beeinflusst hat.

Irgendetwas geschah zwischen Vers 1 und 2, wodurch die Erde wüst und leer wurde. (Witness Lee, Life-Study of Genesis, Botschaft elf, S. 13)

Die neutestamentliche Perspektive ergänzt dieses Bild, ohne die Schwere zu verharmlosen: Christus tritt als derjenige auf, der Gericht und Sieg über diese Macht realisiert; Johannes bringt es pointiert: “Jetzt ergeht das Gericht über diese Welt; jetzt wird der Fürst dieser Welt hinausgeworfen werden.” Zugleich erinnert uns die Erwähnung himmlischer Freuden beim Werk der Schöpfung (“als die Morgensterne miteinander jubelten und alle Söhne Gottes jauchzten”) daran, dass das Kosmische nie nur materiell, sondern durch die Beziehung himmlischer Wesen und Gottesplanung geprägt ist. Die Konsequenz ist keine Theologie der Angst, sondern eine ernste Aufforderung, Gottes Wiederherstellungswerk zu erkennen und die Tiefe der Erlösung zu begreifen: Christus greift in die Geschichte ein, um die verlorene Ordnung wiederherzustellen.

Doch die Erde war zu einer Wüste und Leere geworden, und Finsternis war auf der Oberfläche der Tiefe, (1. Mose 1:2)

als die Morgensterne miteinander jubelten und alle Söhne Gottes jauchzten? (Hiob 38:7)

Die Erkenntnis, dass eine himmlische Rebellion die Welt beeinflusst hat, lässt uns nicht verzweifeln, sondern schafft eine nüchterne Hoffnung: Die Realität der Mächte ist erkannt, doch ihre Macht ist nicht zuletzt; Gott handelt in Christus. Diese Gewissheit gibt Mut und Demut zugleich — Mut, weil Gottes Souveränität über das Chaos steht; Demut, weil die ganze Schöpfung der Wiederherstellung harrt. Möge dieses Wissen uns in stiller Zuversicht halten und in der Bereitschaft, die Tiefe von Gottes Erlösung weiter zu erforschen.

Von der geschaffenen zur berufenen Gemeinschaft

Die Bibel zeichnet zwei sich verhältnismäßig klar unterscheidende Linien: die Linie der Schöpfung und die Linie der Berufung. Die eine beginnt mit dem Menschen im Bilde Gottes, wie es in 1. Mose heißt: “Und Gott sprach: Lasst Uns den Menschen machen in Unserem Bild, gemäß Unserer Gleichgestalt.” Diese Aussage betont die universale Würde und Bestimmung des Menschen als Geschöpf. Doch die Schrift entwickelt daneben die Idee einer besonderen Berufung — eines Neubeginns, der nicht allein aus Abstammung, sondern aus Gottes Ruf erwächst.

Im 1. Mose erscheinen uns zwei Väter: Adam, der Vater der geschaffenen Menschheit, und Abraham, der Vater der Berufenen. Gehört du zur geschaffenen Menschheit oder zu den Berufenen? Alle Berufenen sind Söhne Abrahams. Galater 3 macht deutlich: Wer an Jesus Christus glaubt, ist ein Sohn Abrahams (V. 7, 29). (Witness Lee, Life-Study of Genesis, Botschaft elf, S. 6)

Abraham tritt als Symbol jener Berufenen auf; die Berufung zeichnet eine Gemeinschaft, die nicht primär aus biologischer Herkunft, sondern aus Glaube und Hingabe entsteht. In der weiteren Heilsökonomie wird Christus zum Mittelpunkt jener, die berufen sind: “und Er ist das Haupt des Leibes, der Gemeinde; Er ist der Anfang, der Erstgeborene von den Toten, damit Er Selbst in allen Dingen den ersten Platz einnehme.” Identität in dieser Perspektive ist nicht Leistung oder Blutlinie, sondern Teilnahme an dem Leben und der Sendung, die Gott durch Christus entfaltet. Für das alltägliche Glaubensleben bedeutet das, dass Zugehörigkeit Sinn gewinnt als Teil einer welt-übergreifenden, berufenen Gemeinschaft, die Gottes Absicht in der Welt verkörpert.

Und Gott sprach: Lasst Uns den Menschen machen in Unserem Bild, gemäß Unserer Gleichgestalt, und sie sollen herrschen über die Fische des Meeres und über die Vögel des Himmels und über das Vieh und über die ganze Erde und über jedes Kriechtier, das auf der Erde umherkriecht! (1. Mose 1:26)

und Er ist das Haupt des Leibes, der Gemeinde; Er ist der Anfang, der Erstgeborene von den Toten, damit Er Selbst in allen Dingen den ersten Platz einnehme; (Kolosser 1:18)

Zu wissen, dass Berufung vor biologischer Abstammung steht, schenkt einerseits Gelassenheit gegenüber gesellschaftlichen Kategorien und andererseits die Einladung, unser Dasein als Teil einer größeren göttlichen Absicht zu sehen. Diese Identität ist tröstlich und anspruchsvoll zugleich: tröstlich, weil sie eine bleibende Zugehörigkeit bietet; anspruchsvoll, weil sie Leben in Gemeinschaft mit anderen und in Hingabe an Gottes Ziel voraussetzt. Möge die Wirklichkeit der Berufung uns innerlich festigen und mit einer ruhigen Sehnsucht erfüllen, Christus in Gemeinschaft zu begegnen.


Herr Jesus, Amen.

Englische Quelle: Life-Study of Genesis, Chapter 11