Das Wort des Lebens
lebensstudium

Ermahnungen an die Gläubigen

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Manchmal wirkt der christliche Weg widersprüchlich: Einerseits werden wir aufgefordert, wachsam zu sein und ernsthaft zu glauben, andererseits wird uns zugesagt, dass Gott selbst uns bis ans Ziel trägt. Der Judasbrief hält diese Spannung zusammen, indem er leidenschaftliche diese Botschaft ausspricht und zugleich den Blick auf den mächtigen Gott richtet, der zu bewahren vermag. So entsteht ein geistlicher Weg, der sowohl unsere Verantwortung ernst nimmt als auch die Gnade Gottes groß macht.

Im heiligsten Glauben auferbaut – Leben aus dem Wort in der Kraft des Geistes

Judas spricht von „eurem heiligsten Glauben“ und öffnet damit einen weiten Horizont. Er meint nicht zuerst unser persönliches Glaubensgefühl, sondern den reichen Inhalt dessen, was Gott in Christus getan hat und was im Neuen Testament bezeugt ist. Dieser Glaube ist wie ein tragfähiges Fundament, das von Gott selbst gelegt wurde. In ihm sind die Inkarnation des Sohnes, sein Kreuz, seine Auferstehung, seine Himmelfahrt, das Kommen des Geistes und die Geburt der Gemeinde zusammengefasst. Wenn dieses Wort an unser Herz herantritt, kommt nicht bloß eine Idee, sondern eine Wirklichkeit auf uns zu: der lebendige Christus, den das Wort bezeugt, steht gewissermaßen in diesem Wort vor uns. In diesem Sinn heißt es von den Empfängern des Petrusbriefes, dass sie „einen gleich kostbaren Glauben wie wir durch das Los zugeteilt bekommen haben in der Gerechtigkeit unseres Gottes und Retters Jesus Christus“ (2.Petr. 1:1). Der Glaube ist etwas Empfangenes, nicht Erzeugtes.

Der Glaube, von dem hier die Rede ist, ist der objektive Glaube und bezieht sich auf die kostbaren Dinge des Neuen Testaments, an die wir glauben zu unserer Errettung in Christus. Auf der Grundlage dieses heiligen Glaubens und in seinem Bereich bauen wir uns durch Beten im Heiligen Geist selbst auf. Sowohl die Wahrheit des Glaubens, wie wir sie erfassen, als auch der Heilige Geist, der durch unser Gebet wirkt, sind für unseren Aufbau notwendig. Sowohl der Glaube als auch der Geist sind heilig. (Witness Lee, Life-Study of Jude, Botschaft drei, S. 17)

Doch das Wort bleibt nicht äußerlich, wenn der Geist Christi es innerlich begleitet. Oft kennen wir den Moment, in dem eine Wahrheit, die wir vielleicht schon oft gehört haben, plötzlich „greift“: Etwas klickt in unserem Inneren, wir merken, dass das nicht mehr nur Lehre ist, sondern uns persönlich meint. Hier wirkt der Heilige Geist mit dem Wort zusammen, bis aus objektiver Wahrheit subjektives Vertrauen wird. Auf diese Weise wird Christus selbst – der „verarbeitete Gott“, der durch Menschwerdung, Kreuz und Auferstehung hindurchgegangen ist – in uns wirksam. Er nimmt Wohnung in uns, nicht mit leerer Theorie, sondern mit Erlösung, Wiedergeburt und göttlichem Leben. So wird derselbe Glaube, der uns rettet, zugleich zu dem Material, mit dem Gott uns aufbaut. Wir werden nicht mit abstrakten Sätzen aufgebaut, sondern mit der Wirklichkeit, die diese Sätze tragen. Wo das Wort Gottes so angenommen wird, entsteht innere Festigkeit, die nicht von Stimmungen abhängt.

Judas denkt dabei nie nur an einzelne Glaubende, die sich geistlich fortbilden. Er schreibt „ihr aber, Geliebte, erbaut euch auf eurem heiligsten Glauben, betet im Heiligen Geist“ (Jud. 1:20). Die Mehrzahl ist wichtig: der Glaube verbindet und baut zu einem Haus. Im Gemeindeleben, im Leib Christi, ergänzen sich die verschiedenen Erfahrungen und Einsichten; das, was der eine im Wort entdeckt hat, wird zum Segen für die anderen. Die Wahrheit des Glaubens ist damit nicht ein Regal persönlicher Erkenntnisse, sondern ein lebendiger Baustoff, der uns miteinander verbindet. Die gemeinsame Ausrichtung auf das eine Evangelium verhindert, dass wir uns in Nebenthemen verlieren, und lässt Christus selbst zur Mitte des Aufbaus werden.

Wo das geschieht, wächst eine stille Zuversicht: Was Gott in seinem Wort begonnen hat, wird er auch vollenden. Es lohnt sich, diesem Prozess Raum zu geben, den Glauben nicht als Etikett, sondern als Lebensraum zu verstehen. Dort, wo wir uns als Gemeinschaft unter das Wort stellen und dem inneren Wirken des Geistes nicht ausweichen, wird aus bloßer Information ein tragender Bau. Und mitten in allen Spannungen der Zeit entdecken wir, dass Gott selbst es ist, der unsere inneren Mauern stärkt, unseren Blick klärt und unser Vertrauen vertieft – Schritt für Schritt, Wort für Wort, getragen von seinem heiligsten Glauben.

Ihr aber, Geliebte, erbaut euch auf eurem heiligsten Glauben, betet im Heiligen Geist, (Jud. 1:20)

Simon Petrus, ein Sklave und Apostel Jesu Christi, an die, die einen gleich kostbaren Glauben wie wir durch das Los zugeteilt bekommen haben in der Gerechtigkeit unseres Gottes und Retters Jesus Christus: (2.Pet. 1:1)

Wer den heiligsten Glauben so versteht, verliert die Angst, geistlich zu kurz zu kommen: In Christus ist uns die ganze Fülle zugesprochen, und dieses zugesprochene Evangelium ist das Material, aus dem Gott unser Leben formt. Die Teilnahme am gemeinsamen Hören und Leben des Wortes wird dann nicht zur Pflichterfüllung, sondern zu einem Ort, an dem der Herr seine Gemeinde innerlich fest macht. In dieser Gewissheit darf jedes Herz ruhiger werden: Nicht unsere religiöse Aktivität trägt den Bau, sondern der inhaltlich gefüllte Glaube, in dem Gott sich selbst in unser Inneres hinein verschenkt.

Leben im dreieinen Gott – Beten im Geist und bleiben in der Liebe des Vaters

Judas entfaltet ein schlichtes, aber tiefes Bild vom geistlichen Alltag: „betend im Heiligen Geist, erhaltet euch in der Liebe Gottes, indem ihr die Barmherzigkeit unseres Herrn Jesus Christus erwartet zum ewigen Leben“ (Jud. 1:20–21). Hier begegnet uns der dreieine Gott in seiner Zuwendung: der Heilige Geist, in dem gebetet wird; Gott, dessen Liebe zum Lebensraum wird; der Herr Jesus Christus, dessen Barmherzigkeit wir erwartend im Blick behalten. Beten im Heiligen Geist ist dabei keine spektakuläre Erfahrung, sondern in erster Linie eine Sache des Lebens. Wie ein Samenkorn, das unscheinbar in der Erde liegt und doch durch seine innere Lebenskraft den Boden durchbricht, so wirkt der Geist des Lebens oft leise, aber nachhaltig in unserem Beten.

Aus Erfahrung wissen wir, dass Beten im Heiligen Geist weit mehr eine Sache des Lebens ist als eine Sache der Kraft. Wenn wir beten, empfinden wir vielleicht keine Kraft; dennoch haben wir oft das inneres Empfinden des Lebens. Leben ist kostbarer als Kraft. Tatsächlich kommt wirkliche geistliche Kraft aus geistlichem Leben. (Witness Lee, Life-Study of Jude, Botschaft drei, S. 20)

In solchen Momenten mag keine besondere Kraft empfunden werden, aber es entsteht ein feines Empfinden von Leben: Gedanken ordnen sich, das Herz wird weich, Schuld wird erhellt, Dankbarkeit regt sich. Darin zeigt sich, dass echtes geistliches Beten nicht aus der Anspannung unserer Seele entsteht, sondern aus dem Mitgehen mit dem inneren Zug des Geistes. Dieser Geist nimmt das Wort Gottes auf, erinnert uns an das, was Christus gesagt und getan hat, und macht es gegenwärtig. So wird das Beten im Geist zu einer Bewegung hinein in die Liebe des Vaters. Wenn Judas sagt: „erhaltet euch in der Liebe Gottes“ (Jud. 1:21), beschreibt er keinen Leistungskatalog, sondern einen Aufenthaltsort. Die Liebe des Vaters ist wie ein Raum, in dem wir bleiben dürfen, auch wenn viel in uns wechselhaft ist.

Gleichzeitig richtet Judas unseren Blick nach vorne: Wir leben „indem wir die glückselige Hoffnung und Erscheinung der Herrlichkeit unseres großen Gottes und Heilandes Jesus Christus erwarten“ (Tit. 2:13). Die Barmherzigkeit des Herrn ist nicht nur ein Thema der Vergangenheit, als er am Kreuz starb, sondern eine fortlaufende Zuwendung auf unserem Weg. Er begegnet uns in den Spannungen des Alltags mit neuen Anfängen, mit Vergebung, mit überraschendem Trost. Indem wir seine Barmherzigkeit erwarten, rechnen wir damit, dass unser Leben nicht von unserer Treue, sondern von seiner Zuwendung getragen ist. So gewinnt die Aussicht auf das ewige Leben Gewicht: nicht als ferner Preis, sondern als die Qualität des Lebens, das jetzt schon in uns begonnen hat und einmal ungehindert vor Gottes Angesicht aufgehen wird.

Ein solcher Alltag im dreieinen Gott ist keine ununterbrochene Hochphase, sondern ein Gehen in Beziehung: im Geist, in der Liebe des Vaters, unter der Barmherzigkeit des Sohnes. Wer so lebt, entdeckt mit der Zeit, dass selbst unscheinbare Gebete Spuren hinterlassen, dass schwierige Tage von einer leisen, aber sicheren Liebe umfangen sind und dass hinter den begrenzten Möglichkeiten der Menschen eine größere Hand steht. Diese Einsicht nimmt dem Leben nicht seine Ernsthaftigkeit, aber sie nimmt ihm die Verzweiflung. Aus ihr wächst eine stille Zuversicht: Der, in dessen Gegenwart wir stehen, führt uns mit seiner Liebe durch dieses Zeitalter hindurch in die Fülle des ewigen Lebens hinein.

erhaltet euch in der Liebe Gottes, indem ihr die Barmherzigkeit unseres Herrn Jesus Christus erwartet zum ewigen Leben. (Jud. 1:21)

indem wir die glückselige Hoffnung und Erscheinung der Herrlichkeit unseres großen Gottes und Heilandes Jesus Christus erwarten. (Tit. 2:13)

Wo Beten, Bleiben und Erwarten in der Gegenwart des dreieinen Gottes zusammenkommen, entsteht ein glaubensvoller Realismus: Die Herausforderungen des Tages bleiben, aber sie stehen nicht mehr allein im Raum. Im Hintergrund trägt die Liebe des Vaters, im Inneren wirkt der Geist des Lebens, vor uns steht die Barmherzigkeit des Sohnes. Das nimmt dem Herzen die Härte und öffnet Raum für Vertrauen – nicht als fromme Fassade, sondern als gewachsene Haltung, die sich auch in stürmischen Zeiten als tragfähig erweist.

Barmherzig und zugleich heilig – andere retten, selbst bewahrt bleiben

Nachdem Judas die innere Verankerung der Gläubigen beschrieben hat, richtet er den Blick auf den Umgang miteinander: „Und erbarmt euch der einen, die zweifeln; rettet sie, indem ihr sie aus dem Feuer reißt, der anderen aber erbarmt euch mit Furcht, indem ihr sogar das vom Fleisch befleckte Kleid haßt“ (Jud. 1:22–23). Vor seinem inneren Auge stehen Menschen, deren Glaube wankt, die sich von Irrlehren beeinflussen lassen oder schon gefährlich nahe am Gericht Gottes stehen. Wer selbst im Licht des Evangeliums steht, kann bei dieser Not nicht unbeteiligt bleiben. Barmherzigkeit bedeutet hier, die inneren Kämpfe des anderen ernst zu nehmen, seine Frage nicht vorschnell zu verurteilen, sondern ihn mit dem Herzen Gottes anzusehen. Zugleich macht Judas klar, dass diese Barmherzigkeit nicht naiv ist: Sie kennt die Realität des Feuers, das Bild des Gerichts, und weiß um die Dramatik geistlicher Entfremdung.

In Vers 23 fährt Judas fort: „Rettet sie, indem ihr sie aus dem Feuer reißt; über andere erbarmt euch in Furcht, indem ihr sogar das vom Fleisch befleckte Kleid hasst.“ … Während wir uns über andere erbarmen, sollten wir aus Furcht vor der schrecklichen Ansteckung der Sünde sogar die Dinge hassen, die von der Lust des Fleisches befleckt sind. Wenn wir Barmherzigkeit an anderen üben, müssen wir in Furcht sein, damit wir nicht von ihnen beeinflusst werden. Sündhaftigkeit ist ansteckend. (Witness Lee, Life-Study of Jude, Botschaft drei, S. 23)

Darum steht neben der Barmherzigkeit die Furcht. Judas verwendet ein eindrückliches Bild: sogar das „vom Fleisch befleckte Kleid“ soll gehasst werden. Gemeint ist nicht der Mensch, sondern alles, was durch die Lust des Fleisches, durch unheilige Praktiken und zerstörerische Muster verunreinigt ist. Sünde hat eine ansteckende Kraft; wer unbedacht in ihre Nähe gerät, wird leichter mit hineingezogen, als er es sich selbst zugestehen würde. Echte Liebe zu Menschen schließt daher eine klare Distanz zu ihrer Sünde ein. Wer andere „aus dem Feuer reißt“, tut es nicht aus Überlegenheit, sondern mit dem Bewusstsein, selbst gefährdet zu sein. Die Furcht, von der Judas spricht, ist keine lähmende Angst, sondern ein waches Bewusstsein der eigenen Verwundbarkeit.

In dieses Spannungsfeld hinein stellt Judas die große Zusage Gottes: „Dem aber, der euch ohne Straucheln zu bewahren und vor seine Herrlichkeit tadellos mit Frohlocken hinzustellen vermag“ (Jud. 1:24). Bewahrung ist demnach nicht das Ergebnis unserer inneren Stärke, sondern ein Werk Gottes. Er ist es, der inmitten aller Verstrickungen dieser Zeit fähig ist, uns vor dem Fallen zu bewahren und uns einst vor sein Angesicht zu stellen – nicht beschämt, sondern mit Jubel. Diese Perspektive entlastet: Unsere Verantwortung füreinander bleibt, aber sie ruht auf einem viel größeren Fundament. Der, der uns zu barmherzigem Handeln ruft, ist derselbe, der unsere Schritte auf dem Weg der Heiligung hält.

Wer das verinnerlicht, darf mutiger und zugleich demütiger auf andere zugehen. Mutiger, weil das eigene Heil nicht am Gelingen des Dienstes hängt, sondern in Gottes bewahrender Macht verankert ist. Demütiger, weil niemand von sich aus über dem anderen steht; jeder lebt von derselben Barmherzigkeit, zu der er gerufen ist. In diesem Bewusstsein verliert der Dienst an Gefährdeten seinen heroischen Anstrich und bekommt den Charakter des Mitgehens: ein Gehen an der Hand dessen, der Sünde ernst nimmt, Menschen liebt und seine Gemeinde durch alle Gefahren hindurch ans Ziel bringt.

Und erbarmt euch der einen, die zweifeln, (Jud. 1:22)

rettet sie, indem ihr sie aus dem Feuer reißt, der anderen aber erbarmt euch mit Furcht, indem ihr sogar das vom Fleisch befleckte Kleid haßt. (Jud. 1:23)

In einer Zeit, in der vieles geistlich zerbrechlich ist, wird diese Doppelbewegung kostbar: liebevolle Zuwendung zu den Gefährdeten und klare Distanz zu dem, was sie schädigt. Wer in dieser Spannung lebt, entdeckt, dass Gott selbst zwischen beiden Polen hält – mit seiner heiligen Liebe. Daraus wächst eine stille Ermutigung: Kein ehrlicher Einsatz für andere ist vergeblich, und keine Sorge um die eigene Bewahrung muss ins Misstrauen gegenüber Gott kippen. Er bleibt der, der bewahrt, während er uns sendet.


Gott, unser Retter, du bist mächtig, uns vor dem Straucheln zu bewahren und uns einst mit Freude vor deine Herrlichkeit zu stellen. Stärke in uns den Glauben, der aus deinem lebendigen Wort kommt, und lass uns tief in deiner Liebe verwurzelt bleiben. Wo du uns Menschen anvertraust, die zweifeln oder sich verirrt haben, schenke uns ein Herz voller Barmherzigkeit und zugleich heilige Ehrfurcht vor deiner Reinheit. Lass das ewige Leben, das du uns in Christus geschenkt hast, in unserem Alltag wachsen, damit dein Ruhm sichtbar wird. Dir sei Ehre, Majestät, Macht und Autorität – von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.

Englische Quelle: Life-Study of Jude, Chapter 3

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