Die Tugenden der göttlichen Geburt, um die Welt, den Tod, die Sünde, den Teufel und die Götzen zu überwinden (5)
Viele Christen sprechen davon, Gott zu kennen – aber was bedeutet es, wenn die Bibel sagt, dass wir im wahren Gott sind? Johannes verbindet das Wissen um Gott untrennbar mit dem Erleben Gottes: Wer von Gott geboren ist, hat ein neues inneres Verständnis, einen belebten Geist und den Geist der Wirklichkeit, um Gott nicht nur zu denken, sondern als lebendige Realität zu erfahren. Gerade in einer Welt voller Ersatzgötter und innerer Zerrissenheit wird die Frage existenziell, ob Gott für uns nur eine Lehre bleibt oder ob Er als der wahre Gott und als ewiges Leben unsere tatsächliche Lebenswirklichkeit ist.
Der wahre Gott als unsere erlebte Realität
Wenn Johannes von „dem Wahrhaftigen“ spricht, zeichnet er kein abstraktes Gottesbild, sondern weist auf eine Gegenwart hin, die wirklich ist, tragfähig, erfahrbar. Gott ist nicht nur der Richtige, der theologisch korrekt Beschriebene, sondern der Reale, der unsere Wirklichkeit durchdringt. Darum verbindet Johannes das Kommen des Sohnes Gottes mit unserem inneren Verstehen: „Und wir wissen, dass der Sohn Gottes gekommen ist und uns Verständnis gegeben hat, damit wir den Wahrhaftigen erkennen können; und wir sind in dem Wahrhaftigen, in Seinem Sohn Jesus Christus. Dieser ist der wahrhaftige Gott und das ewige Leben.“ (1. Johannes 5:20). Das „Verständnis“, von dem hier die Rede ist, ist mehr als ein geschärfter Intellekt. Es ist ein erleuchteter Verstand, ein lebendig gemachter Geist und der Geist der Wirklichkeit, der uns befähigt, Gott nicht nur zu denken, sondern Ihn zu kennen, wie man einen Menschen kennt, mit dem man lebt.
Der Sohn Gottes, der in der Menschwerdung und durch seinen Tod und seine Auferstehung zu uns gekommen ist, hat uns das Verständnis, die Fähigkeit, gegeben, den wahren Gott zu erkennen. Dieses Verständnis, diese Erkenntnisfähigkeit, umfasst unseren erleuchteten Verstand, unseren lebendig gemachten Geist und den Geist der Wirklichkeit. Jetzt haben wir die Fähigkeit, Gott zu erkennen. Wie wir betont haben, bedeutet Gott zu erkennen, Ihn zu erfahren, Ihn zu genießen und Ihn zu besitzen. (Witness Lee, Life-Study of 1 John, Botschaft vierzig, S. 362)
So wird der objektive Gott, von dem wir hören und über den wir reden, zu einer inneren und unmittelbaren Wirklichkeit. In der Menschwerdung ist das Wort Fleisch geworden und hat „unter uns gestiftshüttet … voller Gnade und Wirklichkeit“ (Johannes 1:14). In Jesus tritt die Wirklichkeit Gottes in unsere Geschichte ein, aber sie will nicht an der Oberfläche unseres Lebens stehen bleiben. Wenn Er sagt: „Ich bin der Weg und die Wirklichkeit und das Leben“ (Johannes 14:6), dann öffnet Er uns nicht nur einen Zugang zu Gott, sondern teilt uns Sein eigenes Leben mit, in dem Gott Wirklichkeit ist. Dieses Leben wirkt still, aber kraftvoll: Es wird zu unserer Lebensversorgung in innerer Müdigkeit, zu einem Maßstab in unseren Entscheidungen, zu einer sanften, aber hartnäckigen Korrektur in unseren Beziehungen. Allmählich merken wir, dass Glaube nicht bloße Zustimmung zu Lehre ist, sondern Teilnahme an einer Gegenwart, die trägt.
Je mehr der Geist der Wirklichkeit uns in diese Erfahrung hineinführt, desto weniger sind wir gezwungen, Gott ständig zu „beweisen“. Wir merken, dass Er uns schon längst beweist, indem Er spricht, leitet, tröstet, zurechtbringt. Sein Licht fällt auf unsere verborgenen Motive, nicht um uns zu verurteilen, sondern um uns in die Freiheit der Wahrheit hineinzuziehen. Seine Liebe erreicht Stellen in uns, an denen wir uns selbst längst aufgegeben haben. Dort, wo wir früher nur mit Prinzipien arbeiteten – was richtig, was falsch ist –, begegnet uns nun eine Person, die uns in die Wahrheit hinein begleitet. Und dieses stille, konkrete Erfahren macht unser Zeugnis glaubwürdig: Wir reden nicht nur über Gott, wir leben in dem, was Er in uns ist.
Darum liegt in dieser Erkenntnis des Wahrhaftigen eine leise, aber starke Ermutigung. Gott erwartet nicht, dass wir uns zu Ihm hocharbeiten, sondern Er ist in Christus zu uns heruntergekommen, um uns das innere Vermögen zu schenken, Ihn zu erkennen. Niemand muss bei einer distanzierten Gottesvorstellung stehen bleiben. Das, was heute vielleicht noch Lehre ist, kann morgen erlebte Wirklichkeit werden. Wo der Sohn Gottes, der voller Gnade und Wirklichkeit ist, Raum gewinnt, beginnt ein Weg, auf dem Gott nicht mehr bloß eine Idee über uns, sondern eine Gegenwart in uns ist – eine Wirklichkeit, die auch in Dunkelheit trägt und in innerer Trockenheit nicht versiegt.
Und wir wissen, dass der Sohn Gottes gekommen ist und uns Verständnis gegeben hat, damit wir den Wahrhaftigen erkennen können; und wir sind in dem Wahrhaftigen, in Seinem Sohn Jesus Christus. Dieser ist der wahrhaftige Gott und das ewige Leben. (1.Joh. 5:20)
Und das Wort wurde Fleisch und stiftshüttete unter uns (und wir haben Seine Herrlichkeit angeschaut, eine Herrlichkeit als des Einziggeborenen vom Vater), voller Gnade und Wirklichkeit. (Joh. 1:14)
Wer den Wahrhaftigen so kennenlernt, wird nicht in die Enge eines theoretischen Glaubens gedrängt, sondern darf mit der Erwartung leben, dass Gott in der eigenen Geschichte konkret erfahrbar ist – im Klären von Fragen, im Trösten von Wunden, im Ordnen von Wegen. Diese stille Gewissheit, dass der Sohn Gottes uns Verständnis gegeben hat und uns in die Wirklichkeit Gottes hineinführt, schenkt Mut, ehrlich vor Gott zu werden und im Alltag auf Seine leise, aber real wirksame Gegenwart zu achten.
In dem Wahren – organische Einheit mit dem Dreieinen Gott
Wenn Johannes schreibt, dass wir „in dem Wahrhaftigen“ sind, dann beschreibt er keine fromme Atmosphäre, sondern eine neue Existenzweise. Er fügt hinzu: „und wir sind in dem Wahrhaftigen, in Seinem Sohn Jesus Christus“ (1. Johannes 5:20). In Christus zu sein heißt, in Gott zu sein, weil in Ihm „die ganze Fülle der Gottheit leibhaftig“ wohnt (Kolosser 2:9). Was Gott über Christus gesagt hat, macht Er zur Grundlage unseres Seins vor Ihm: In dem einen Menschen, in dem Seine ganze Fülle wohnt, werden wir mit eingeschlossen, mit Ihm gekreuzigt, mit Ihm auferweckt und in Ihn hinein versetzt. Organische Einheit meint daher mehr als Verbundenheit im Bild oder in der Idee; es ist eine Lebensgemeinschaft, in der ein und dasselbe Leben in Gott und in uns fließt.
In 5:20 sagt Johannes, dass wir in dem Wahrhaftigen sind. Wir erkennen nicht nur den wahren Gott, sondern sind auch in Ihm. Wir haben nicht nur die Erkenntnis von Ihm, sondern stehen in einer organischen Einheit mit Ihm. Wir sind organisch eins mit Ihm. (Witness Lee, Life-Study of 1 John, Botschaft vierzig, S. 363)
Diese Einheit bleibt nicht im Unsichtbaren stecken, sie drückt sich in einem bestimmten Lebensstil aus. Wer „in Ihm bleibt“, so sagt Johannes, „sündigt nicht“ (vgl. 1. Johannes 3:6), nicht im Sinn absoluter Fehlerlosigkeit, sondern im Sinn einer neuen Ausrichtung: Das Zentrum hat sich verlagert. Nicht mehr das eigene Ich, nicht mehr die Erwartungen der Umgebung, sondern Christus als der Ort unseres Lebens bestimmt, wie wir denken, wählen, lieben. In dieser Perspektive ist ewiges Leben nicht in erster Linie eine „Sache“, die Gott gibt, sondern die Person Christi selbst, die in uns lebt. So kann Johannes von Jesus Christus sagen: „Dieser ist der wahrhaftige Gott und das ewige Leben“ (1. Johannes 5:20). Gott und Sein Leben sind in unserer Erfahrung nicht voneinander zu trennen; wer den Sohn hat, hat das Leben.
In diesem Bewusstsein bekommt auch der Alltag eine andere Färbung. „Darum, wie ihr den Christus, Jesus, den Herrn, empfangen habt, so wandelt in Ihm“ (Kolosser 2:6) – nicht neben Ihm, nicht nur für Ihn, sondern in Ihm. Viele Spannungen unseres inneren Lebens entstehen gerade dort, wo wir versuchen, aus eigener Kraft christlich zu funktionieren, anstatt aus dieser organischen Einheit zu leben. Wenn aber Christus selbst unser inneres Milieu wird, der Raum, in dem unsere Gedanken, Gefühle und Entscheidungen sich bewegen, wächst eine Freiheit, die nicht von äußeren Umständen abhängt. Wir lernen, uns selbst weniger im Griff haben zu müssen, weil wir lernen, von Ihm gehalten zu sein.
Diese Sicht ist zutiefst tröstlich und zugleich herausfordernd. Tröstlich, weil unsere Sicherheit nicht in der Stabilität unserer Hingabe liegt, sondern in der Treue dessen, in dem wir sind; herausfordernd, weil diese Einheit uns nicht in Passivität entlässt. Wer in Christus ist, trägt das Vorrecht, dass Christus in ihm leben will. In dieser gegenseitigen Einwohnung geschieht stille Verwandlung: Gewohnheiten verlieren ihre Macht, alte Prägungen werden relativiert, neue Prioritäten wachsen heran. So wird die Zusage, in dem Wahrhaftigen zu sein, zu einer Quelle stiller Zuversicht: Wir sind nicht auf uns selbst zurückgeworfen, sondern eingebettet in die Wirklichkeit des Dreieinen Gottes, der sich nicht ändert und dessen Leben in uns nicht erlahmt.
Und wir wissen, dass der Sohn Gottes gekommen ist und uns Verständnis gegeben hat, damit wir den Wahrhaftigen erkennen können; und wir sind in dem Wahrhaftigen, in Seinem Sohn Jesus Christus. Dieser ist der wahrhaftige Gott und das ewige Leben. (1.Joh. 5:20)
denn in Ihm wohnt die ganze Fülle der Gottheit leibhaftig, (Kol. 2:9)
Die organische Einheit mit Christus entlastet von der Last, sich selbst ständig sichern und rechtfertigen zu müssen. Wer sich von dieser Wirklichkeit prägen lässt, darf sein Christsein weniger als ein Projekt der Selbstoptimierung und mehr als eine Geschichte gelebter Gemeinschaft begreifen: in Ihm wohnen, in Ihm denken, in Ihm Entscheidungen reifen lassen. Gerade in innerer Schwachheit wird dann kostbar, dass unser Leben „versteckt mit Christus in Gott“ ist, und dass Seine Gegenwart in uns stärker ist als das, was uns nach unten zieht.
Von Gott geboren – bewahrt vor Sünde, Welt, Teufel und Götzen
Die göttliche Geburt ist mehr als ein neues Kapitel; sie ist ein neuer Ursprung. Johannes fasst das knapp, aber tief: „Wir wissen, daß jeder, der aus Gott geboren ist, nicht sündigt; sondern der aus Gott Geborene bewahrt ihn, und der Böse tastet ihn nicht an.“ (1. Johannes 5:18). Damit erklärt er nicht, dass ein von Gott Geborener nie mehr fällt, sondern dass in ihm ein Leben wirksam ist, das Sünde nicht hervorbringt, das sich nicht mit ihr verbündet. Dieses Leben stammt aus Gott; es trägt Seinen Charakter, Seine Richtung. Zugleich steht es nicht schutzlos in einer feindlichen Umgebung, denn der aus Gott Geborene – Christus – bewahrt den aus Gott Geborenen – den Gläubigen. Sieg über Sünde ist daher nicht primär Leistung, sondern Frucht des Lebens, das wir empfangen haben und das in uns wirkt.
Damit dieses Verbleiben in der göttlichen Gemeinschaft bewahrt bleibt, müssen drei hauptsächliche negative Dinge behandelt werden. Das erste ist die Sünde, die Gesetzlosigkeit und Ungerechtigkeit ist (1:7–2:6; 3:4–10; 5:16–18). Das zweite ist die Welt, die aus der Lust des Fleisches, der Lust der Augen und dem prahlerischen Ruhm dieses Lebens besteht (2:15–17; 4:3–5; 5:4–5:19). Das letzte sind die Götzen, die häretische Ersatzmittel für den wirklichen Gott und nichtige Ersetzungen des wirklichen Gottes sind (5:21). (Witness Lee, Life-Study of 1 John, Botschaft vierzig, S. 369)
Dieses neue Leben stellt uns in einen scharfen Kontrast zu dem System, das Johannes „die Welt“ nennt: „Wir wissen, dass wir aus Gott sind, und die ganze Welt liegt in dem, der böse ist.“ (1. Johannes 5:19). Diese Welt besteht aus der Lust des Fleisches, der Lust der Augen und dem prahlerischen Ruhm dieses Lebens. Sie trägt das Gepräge des Bösen und wurde vom Kreuz Christi bereits gerichtet. Wer „aus Gott“ ist, steht in einer anderen Sphäre, auch wenn er mitten in dieser Welt lebt. „Denn alles, was aus Gott geboren ist, überwindet die Welt; und dies ist der Sieg, der die Welt überwunden hat: unser Glaube.“ (vgl. 1. Johannes 5:4). Glaube ist hier nichts anderes als das Festhalten an dem, der bereits überwunden hat – an dem Sohn Gottes, dessen Leben in uns wohnt.
Vor diesem Hintergrund bekommt der kurze Satz „Kindlein, nehmt euch in Acht vor den Götzen!“ (1. Johannes 5:21) ein besonderes Gewicht. Johannes richtet ihn nicht an Heiden, sondern an von Gott geborene Kinder. Götzen sind nicht nur Statuen aus Stein; es ist alles, was in unserem Herzen den Platz des lebendigen Gottes einnimmt: Erfolg, fromme Leistung, Menschenmeinung, Sicherheit, sogar geistliche Erfahrungen. Sie sind „Ersatzmittel für den wirklichen Gott“, Versuche, Leben und Halt außerhalb des wahren Gottes und Seines Sohnes Jesus Christus zu finden. Doch gerade weil wir aus Gott geboren sind, stehen wir nicht mehr unter der Notwendigkeit, uns an Ersatzgötter zu binden. In der Gemeinschaft mit dem Vater und dem Sohn werden die Dinge, die uns beherrschen wollen, als das sichtbar, was sie sind: zu klein, um unser Herz zu tragen.
Dass die göttliche Geburt uns so bewahrt, bedeutet nicht, dass wir keine Kämpfe kennen. Im Gegenteil: Wer in das Licht kommt, erfährt oft erst die Schärfe der Auseinandersetzung mit Sünde, Welt, dem Bösen und den vielen Götzen des eigenen Herzens. Doch mitten in diesem Ringen bleibt eine doppelte Gewissheit: Das Leben, das in uns ist, stammt aus Gott, und der, der uns gegeben wurde, ist „der wahrhaftige Gott und das ewige Leben“ (1. Johannes 5:20). In dieser Gewissheit wird es möglich, sich von alten Bindungen zu lösen, innere Lügen zu entlarven und der leisen Stimme des Geistes zu vertrauen, die uns in die Freiheit der Kinder Gottes führt. So ist die göttliche Geburt nicht ein fernes Dogma, sondern eine Quelle beständiger Ermutigung: Was von Gott ist, trägt Gottes Handschrift, und Er selbst wacht darüber, dass Sein Leben in uns nicht verstummt, bis die Überwindung, die Er begonnen hat, auch in unserem Erleben Gestalt gewinnt.
Wir wissen, daß jeder, der aus Gott geboren ist, nicht sündigt; sondern der aus Gott Geborene bewahrt ihn, und der Böse tastet ihn nicht an. (1.Joh. 5:18)
Wir wissen, dass wir aus Gott sind, und die ganze Welt liegt in dem, der böse ist. (1.Joh. 5:19)
Wer sich daran erinnert, dass er aus Gott geboren ist, sieht seine Kämpfe in einem neuen Licht: nicht als aussichtslosen Versuch, sich selbst zu verändern, sondern als Weg, auf dem das göttliche Leben in ihm Raum gewinnt. Diese Sicht nimmt den Druck, sofort vollkommen sein zu müssen, und stärkt das Vertrauen, dass der aus Gott Geborene bewahrt. So wächst leise eine Haltung der inneren Wachsamkeit gegenüber Götzen und zugleich ein gelassener Mut, in der Kraft des empfangenen Lebens Sünde, Welt und das Wirken des Bösen nicht als Herren, sondern als überwundene Mächte zu sehen.
Herr Jesus, führe uns im Licht Deines Wortes und schenke uns Gnade, die gezeigte Wahrheit nicht nur zu verstehen, sondern im Alltag aus Deinem Leben zu erfahren. Bewahre uns in Deiner Gegenwart, damit unser Denken, Reden und Dienen von Dir geprägt wird und Dein Name in der Gemeinde verherrlicht wird. Amen.
Englische Quelle: Life-Study of 1 John, Chapter 40