Die Tugenden der göttlichen Geburt zur Ausübung der göttlichen Gerechtigkeit (1)
Viele Christen sehnen sich danach, ein Leben zu führen, das Gott ehrt, und erleben doch, wie begrenzt ihre eigenen Bemühungen sind. Der erste Johannesbrief zeigt eine überraschende Perspektive: Wirkliche Gerechtigkeit entsteht nicht aus frommer Anstrengung, sondern aus der neuen Geburt aus Gott, aus einem Leben, das in ihm bleibt und von ihm durchdrungen wird.
Von Gott geboren – die göttliche Herkunft unseres neuen Lebens
Von Gott geboren zu sein ist mehr als ein geistlicher Neubeginn oder eine moralische Besserung. Johannes spricht von einem wirklichen Geborenwerden, von einem Ursprung, der sich grundlegend geändert hat. Früher waren wir, wie Jesus sagt, aus dem Fleisch geboren: „Was aus dem Fleisch geboren ist, ist Fleisch, und was aus dem Geist geboren ist, ist Geist“ (Johannes 3:6). In der neuen Geburt kommt Gott selbst als Geist in unser Inneres und legt dort seinen Samen hinein. So wie ein Kind die Natur seiner Eltern trägt, so tragen wir in der Wiedergeburt das Leben und die Natur Gottes. Es ist ein neues „Von-jemand-her-Kommen“: nicht mehr nur aus Adam, sondern aus Gott. Darum heißt es: „Jeder, der aus Gott geboren ist, tut nicht Sünde, denn sein Same bleibt in ihm; und er kann nicht sündigen, weil er aus Gott geboren ist“ (1.Joh. 3:9).
Es ist das größte Wunder im ganzen Universum, dass der Mensch von Gott gezeugt werden und dass Sünder zu Kindern Gottes gemacht werden können! Durch eine solche erstaunliche göttliche Geburt haben wir das göttliche Leben empfangen, das das ewige Leben ist (1.Joh. 1:2), als den göttlichen Samen, der in unser Sein gesät wurde (3:9). Aus diesem Samen wachsen alle Reichtümer des göttlichen Lebens aus unserem Inneren hervor. Dadurch bleiben wir im Dreieinen Gott und leben das göttliche Leben in unserem menschlichen Leben – ein Leben, das keine Sünde praktiziert (3:9), sondern Gerechtigkeit praktiziert (2:29), die Brüder liebt (5:1), die Welt überwindet (5:4) und von dem Bösen nicht berührt wird (5:18). (Witness Lee, Life-Study of 1 John, Botschaft fünfundzwanzig, S. 222)
Dieser göttliche Same ist nicht eine fromme Idee, sondern eine lebendige, wirksame Wirklichkeit. Er ist das ewige Leben, von dem Johannes sagt, dass es „von Anfang an“ bei dem Vater war und uns offenbart wurde (vgl. 1.Joh. 1:1–2). Wo dieser Same in einem Menschen eingepflanzt ist, beginnt etwas in ihm zu wachsen, das nicht von ihm selbst stammt. Neue Empfindungen entstehen, ein neuer Geschmack, ein neues inneres Ja zu Gott. Was früher schwer war – Gott zu vertrauen, seinen Willen zu lieben – bekommt einen inneren Zug. Nicht weil wir fleißiger geworden wären, sondern weil eine andere Natur in uns lebt.
Aus dieser Herkunft erklärt sich, warum die Wiedergeburt so entscheidend für das Christenleben ist. Ohne dieses neue Leben kann man über Gott reden, aber man hat keinen inneren Zugang zu ihm; man kann über das Reich Gottes nachdenken, aber man steht nicht in seiner Sphäre. Jesus sagt zu Nikodemus, dass niemand das Reich Gottes sehen und hineingehen kann, es sei denn, er werde von Neuem geboren (vgl. Johannes 3). Die neue Geburt ist nicht die Krönung eines langen religiösen Weges, sondern das Tor, durch das wir überhaupt in Gottes Wirklichkeit eintreten. Wer von Gott geboren ist, wird zum Kind Gottes und – wie manche es nennen – zum Gott-Menschen: wahrer Mensch, und doch getragen und geprägt von Gottes Leben.
Weil unser Ursprung neu ist, bekommt unser Leben eine neue Richtung. Johannes fasst das in einem schlichten, aber tiefen Satz zusammen: „Wenn ihr wisst, dass Er gerecht ist, so erkennt ihr, dass auch jeder, der die Gerechtigkeit praktiziert, von Ihm gezeugt worden ist“ (1.Joh. 2:29). Gerechtigkeit wird hier nicht als harte Pflicht beschrieben, sondern als Kennzeichen der neuen Herkunft. So wie man einem Kind ansieht, aus welcher Familie es stammt, so soll man an unserem Lebensstil erkennen, dass wir aus Gott sind. In uns wohnt ein Leben, das Gerechtigkeit liebt, das Licht nicht scheut und das den Bruder nicht hassen kann, ohne innerlich in Not zu geraten.
Was aus dem Fleisch geboren ist, ist Fleisch, und was aus dem Geist geboren ist, ist Geist. (Joh. 3:6)
Jeder, der aus Gott geboren ist, tut nicht Sünde, denn sein Same bleibt in ihm; und er kann nicht sündigen, weil er aus Gott geboren ist. (1.Joh. 3:9)
Wer sich als von Gott geboren erkennt, darf mitten in alltäglicher Unvollkommenheit mit innerer Hoffnung leben: Nicht die alte Herkunft aus Adam hat das letzte Wort, sondern der göttliche Same in uns, der wachsen, reifen und sich ausdrücken will – und gerade darin liegt eine stille, aber tiefgreifende Motivation, Gott in allen Dingen Raum zu geben.
Bleiben im dreieinen Gott – wohnen in der Gemeinschaft statt nur mit Gott zu gehen
Die Bibel kennt das Bild vom „Mit-Gott-gehen“ und das Wort vom „In-Gott-bleiben“. Beides klingt ähnlich, und doch beschreibt es eine unterschiedliche Tiefe der Beziehung. In 1. Mose 5 lesen wir von Henoch, dass er mit Gott ging – eine wunderbare Beschreibung eines Lebens, das sich mit Gottes Wegen verbindet. Johannes geht einen Schritt weiter, wenn er schreibt: „Und nun, Kinder, bleibt in ihm, damit wir, wenn er geoffenbart werden wird, Freimütigkeit haben und nicht vor ihm beschämt werden bei seiner Ankunft“ (1.Joh. 2:28). Bleiben ist mehr als gehen; es meint Wohnen, Verwurzeltsein, ein Zuhause haben in Gott. Nicht nur zeitweise Weggemeinschaft, sondern eine dauerhafte Lebenssphäre.
Im Dreieinen Gott zu bleiben, ist untrennbar mit der göttlichen Geburt verbunden. Der dritte Abschnitt dieses Briefes betont die göttliche Geburt. Wir haben die Worte „von Ihm gezeugt“ in 2:29 und den Ausdruck „von Gott geboren“ in 3:9; 4:7; 5:1, 4 und 18. Daran sehen wir, dass Johannes wiederholt auf unsere göttliche Geburt Bezug nimmt. Damit wir in Gott wohnen können, müssen wir erkennen, dass wir eine göttliche Geburt erfahren haben, dass wir von Gott geboren worden sind. (Witness Lee, Life-Study of 1 John, Botschaft fünfundzwanzig, S. 223)
Dieses Bleiben ist nur möglich, weil wir Gottes Leben in uns tragen. Ein Gast kann zu Besuch kommen und wieder gehen; ein Kind bleibt Teil des Hauses, auch wenn es sich nicht immer daran erinnert. So hängt unser Bleiben nicht zuerst an der Stärke unseres Gefühls, sondern an der Realität unserer neuen Geburt. Johannes verbindet darum beides eng miteinander: „Was euch betrifft, lasst das in euch bleiben, was ihr von Anfang an gehört habt. Wenn das, was ihr von Anfang an gehört habt, in euch bleibt, werdet auch ihr im Sohn und im Vater bleiben“ (1.Joh. 2:24). Das Wort, das uns das göttliche Leben gebracht hat, ist zugleich das Mittel, durch das wir in der Gemeinschaft mit dem Vater und dem Sohn verwurzelt bleiben.
Doch dieses Bleiben ist nicht statisch. Johannes spricht von einer Salbung, die in uns bleibt und uns lehrt: „Und was euch betrifft, die Salbung, die ihr von Ihm empfangen habt, bleibt in euch, und ihr habt es nicht nötig, dass euch jemand lehre; sondern wie Seine Salbung euch über alle Dinge lehrt und wie sie wahr ist und keine Lüge ist, und so wie sie euch gelehrt hat, so bleibt in Ihm“ (1.Joh. 2:27). Die Salbung ist der innewohnende, lebengebende Geist, der das, was Gott in Christus vollbracht hat, auf unser Inneres überträgt. Sein Wirken ist wie eine feine, aber beständige „Bemalung“: Er durchtränkt nach und nach unsere Gedanken, Motive und Entscheidungen mit der Realität Christi.
Bleiben in Gott heißt darum, in dieser leisen, inneren Bewegung des Geistes zu leben. Er erinnert an die Wahrheit über Christus, warnt vor falschen Lehren, macht empfindsam für Licht und Finsternis. Manchmal geschieht das unspektakulär: ein Unfrieden in einer bestimmten Entscheidung, ein inneres Aufleuchten eines Bibelwortes, eine neu geschenkte Klarheit über eine Beziehung. Wenn wir dieser inneren Salbung Raum geben, wohnen wir nicht nur theoretisch in Gott, sondern erfahren seine Gegenwart wie ein Klima, das uns formt. So wird aus dem „Gehen mit Gott“ ein „Wohnen in Gott“ – weniger Bewegung nach außen, mehr Verwurzelung nach innen.
Was euch betrifft, lasst das in euch bleiben, was ihr von Anfang an gehört habt. Wenn das, was ihr von Anfang an gehört habt, in euch bleibt, werdet auch ihr im Sohn und im Vater bleiben. (1.Joh. 2:24)
Und was euch betrifft, die Salbung, die ihr von Ihm empfangen habt, bleibt in euch, und ihr habt es nicht nötig, dass euch jemand lehre; sondern wie Seine Salbung euch über alle Dinge lehrt und wie sie wahr ist und keine Lüge ist, und so wie sie euch gelehrt hat, so bleibt in Ihm. (1.Joh. 2:27)
Wer das Bleiben als Wohnen im dreieinen Gott versteht, wird das Christenleben weniger als eine Reihe geistlicher Leistungen, sondern als ein behütetes Dasein im Haus des Vaters sehen – ein Dasein, in dem der innewohnende Geist Tag für Tag still erinnert, korrigiert und stärkt, damit unser Inneres immer tiefer in der Gemeinschaft mit dem Sohn und dem Vater verwurzelt wird.
Die Tugend der göttlichen Geburt – ein Leben der gelebten Gerechtigkeit
Wenn Johannes von Gerechtigkeit spricht, denkt er nicht zuerst an einzelne Taten, sondern an eine Lebensweise, die aus der neuen Geburt hervorgeht. Er schreibt: „Wenn ihr wisst, dass Er gerecht ist, so erkennt ihr, dass auch jeder, der die Gerechtigkeit praktiziert, von Ihm gezeugt worden ist“ (1.Joh. 2:29). Gerechtigkeit praktizieren heißt hier: gewohnheitsmäßig so leben, dass unser Verhalten mit Gottes Wesen übereinstimmt. Es geht weniger um spektakuläre Taten, sondern um das, was „normal“ für uns geworden ist. So wie ein Mensch selbstverständlich atmet, ist für ein von Gott geborenes Kind ein bestimmter Umgang mit Wahrheit, mit dem Nächsten und mit den eigenen Begierden Ausdruck des neuen Lebens.
Die Gemeinschaft des göttlichen Lebens und die Salbung der Göttlichen Dreieinigkeit sollten eine Auswirkung haben, das heißt, sie sollten im Ausdruck des gerechten Gottes münden. (Witness Lee, Life-Study of 1 John, Botschaft fünfundzwanzig, S. 221)
Dieser Lebensstil der Gerechtigkeit ist eine Tugend der göttlichen Geburt. Aus dem göttlichen Samen erwächst in uns eine neue Empfindlichkeit. Sünde verliert ihren Reiz, weil sie der inneren Wahrheit widerspricht; Ungerechtigkeit drückt auf das Gewissen, weil sie nicht zu dem Gott passt, dessen Leben wir tragen. Johannes sagt deshalb auch: „Hieran sind offenbar die Kinder Gottes und die Kinder des Teufels: Jeder, der nicht Gerechtigkeit tut, ist nicht aus Gott, und wer nicht seinen Bruder liebt“ (1.Joh. 3:10). Gerechtigkeit und Bruderliebe gehören untrennbar zusammen, denn beide entspringen derselben göttlichen Natur. Wo Gottes Leben Raum hat, wird der andere nicht ausgenutzt, sondern geehrt; da wird nicht manipuliert, sondern klar und barmherzig gesprochen.
Die Tugend dieser gelebten Gerechtigkeit wurzelt in Gott selbst. Johannes betont, dass Gott Licht ist und keinerlei Finsternis in ihm ist (vgl. 1.Joh. 1:5). Wenn dieses Licht durch die Gemeinschaft des göttlichen Lebens und durch die Salbung des innewohnenden Geistes in uns wirksam wird, bleibt das nicht folgenlos. Gottes Gerechtigkeit drückt sich dann nicht nur in unseren Bekenntnissen aus, sondern in konkreten Haltungen: in Wahrheit statt Verstellung, in Treue statt Beliebigkeit, in innerer Geradheit statt doppelter Zunge. Es ist die „Auswirkung“ der Gemeinschaft, wenn unser Tun dem Wesen des gerechten Gottes entspricht.
Dabei bleibt die Spannung spürbar: Wir tragen zwar das göttliche Leben, leben aber weiterhin in einer gefallenen Welt und in einem Leib, der noch nicht erlöst ist. Johannes idealisiert das Christenleben nicht, macht aber deutlich, dass das neue Leben eine Richtung vorgibt. Fällt ein Kind Gottes, erlebt es inneren Widerspruch und sucht den Weg zurück ins Licht. Nicht, weil es Angst hat, ausgestoßen zu werden, sondern weil das eigene Leben nicht mehr zur Finsternis passt. So wird Gerechtigkeit zur inneren Sehnsucht und zur äußeren Spur eines Lebens, das aus Gott stammt und auf ihn hin geformt wird.
Wenn ihr wisst, dass Er gerecht ist, so erkennt ihr, dass auch jeder, der die Gerechtigkeit praktiziert, von Ihm gezeugt worden ist. (1.Joh. 2:29)
Hieran sind offenbar die Kinder Gottes und die Kinder des Teufels: Jeder, der nicht Gerechtigkeit tut, ist nicht aus Gott, und wer nicht seinen Bruder liebt. (1.Joh. 3:10)
Wer die Gerechtigkeit als Tugend der göttlichen Geburt versteht, darf seine täglichen Entscheidungen als Gelegenheit sehen, das in ihm wohnende Leben Gottes zur Sprache kommen zu lassen – nicht als Zwang, sondern als stille Freude daran, dass der gerechte Gott sich inmitten einer ungerechten Welt durch seine Kinder sichtbar machen will.
Herr Jesus, führe uns im Licht Deines Wortes und schenke uns Gnade, die gezeigte Wahrheit nicht nur zu verstehen, sondern im Alltag aus Deinem Leben zu erfahren. Bewahre uns in Deiner Gegenwart, damit unser Denken, Reden und Dienen von Dir geprägt wird und Dein Name in der Gemeinde verherrlicht wird. Amen.
Englische Quelle: Life-Study of 1 John, Chapter 25