Die Salbung und die Antichristen
Viele Christen wünschen sich ein lebendiges Glaubensleben, erleben aber oft nur Lehre auf dem Papier. Johannes verbindet in seinem ersten Brief die Gemeinschaft mit Gott ganz eng mit der inneren Salbung des Geistes und warnt zugleich vor antichristlichen Einflüssen, die die Person Christi verdunkeln. Wo die Salbung überhört oder bekämpft wird, bleibt nur eine formale Religion; wo sie bejaht und geschätzt wird, wird Christus selbst in Kreuz und Auferstehung erfahrbar.
Die Salbung – die innere Bewegung des Dreieinen Gottes
Wenn Johannes von der „Salbung“ spricht, öffnet er uns einen Blick in das verborgene Innerste unseres Glaubenslebens. Er denkt nicht zuerst an ein äußerliches Ritual, sondern an die leise, aber beharrliche Bewegung des Dreieinen Gottes in unserem Geist. Der „Salbstoff“ ist der allumfassende, lebengebende Geist, der durch die Menschwerdung, das Kreuz und die Auferstehung Christi hindurchgegangen ist; die „Salbung“ ist seine gegenwärtige Tätigkeit in uns – ein unaufhörliches Streichen, ein inneres Bestreichen mit dem Wesen Gottes. So erklärt sich das Wort: „Und ihr habt eine Salbung von dem Heiligen, und ihr alle wisst es“ (1.Joh. 2:20). Johannes schreibt denen, die die Wahrheit bereits kennen, weil die Salbung sie in diese Wahrheit hineinführt und darin erhält (1.Joh. 2:21). Gemeinschaft mit Gott ist darum nicht zuerst ein Gefühl, sondern das Mitschwingen mit dieser inneren Bewegung des Geistes.
Tatsächlich ist die Salbe der Geist, und die Salbung ist die Bewegung dieser Salbe. Wenn wir von der Salbung sprechen, meinen wir den Dreieinen Gott, der uns als der Geist erreicht. Wenn der Dreieine Gott in unseren Geist hineinkommt, ist Er der lebengebender Geist. Dieser lebengebender Geist, der in unserem Geist wohnt, bewegt und wirkt jetzt in unserem Inneren. Diese Bewegung ist die Salbung. (Witness Lee, Life-Study of 1 John, Botschaft vierundzwanzig, S. 210)
Wo diese Salbung in uns Raum gewinnt, wird die Gemeinschaft mit Gott lebendig und tragfähig. Johannes verbindet das Bleiben im Herrn mit dem Bleiben im Licht und mit der gelebten Gemeinschaft der Glaubenden: „Und sie blieben beharrlich in der Lehre und in der Gemeinschaft der Apostel, im Brechen des Brotes und in den Gebeten“ (Apg. 2:42). Die gleiche Wirklichkeit, die damals die erste Gemeinde in der apostolischen Lehre und im Brotbrechen zusammenhielt, wirkt heute in uns als innerer Lehrer: „Und was euch betrifft, die Salbung, die ihr von Ihm empfangen habt, bleibt in euch, und ihr habt es nicht nötig, dass euch jemand lehre; sondern wie Seine Salbung euch über alle Dinge lehrt … so bleibt in Ihm“ (1.Joh. 2:27). So wird das, was Christus am Kreuz vollbracht und in der Auferstehung erlangt hat, aus der Ferne der Geschichte in die Nähe eines gegenwärtigen Erlebens gerückt. Die Salbung macht das Kreuz und die Auferstehung nicht nur glaubwürdig, sondern spürbar wirksam: Sie prägt unsere Reaktionen, ordnet unsere Gedanken neu und führt uns in eine stille Übereinstimmung mit dem Herzen Gottes. In dieser Bewegung liegt eine große Ermutigung: Selbst wenn unser Empfinden schwankt, bleibt der Dreieine Gott als salbender Geist in uns treu aktiv. Wer sich dieser inneren Handschrift Gottes nicht verschließt, erfährt, wie die Gemeinschaft mit Ihm tiefer, freier und zugleich schlicht alltagstauglich wird – ein Leben, das von innen her durchdrungen ist von Licht, Trost und einer tragenden Gewissheit, wirklich in Ihm geborgen zu sein.
Und ihr habt eine Salbung von dem Heiligen, und ihr alle wisst es. (1.Joh. 2:20)
Und was euch betrifft, die Salbung, die ihr von Ihm empfangen habt, bleibt in euch, und ihr habt es nicht nötig, dass euch jemand lehre; sondern wie Seine Salbung euch über alle Dinge lehrt und wie sie wahr ist und keine Lüge ist, und so wie sie euch gelehrt hat, so bleibt in Ihm. (1.Joh. 2:27)
Die innere Salbung des Geistes bedeutet, dass Gott selbst in unserem Geist tätig ist und uns beständig mit seinem eigenen Wesen durchdringt. Sie macht die Gemeinschaft mit Gott zu einer lebendigen, tragenden Wirklichkeit, in der die Menschwerdung, das Kreuz und die Auferstehung Christi zu einer inneren Erfahrung werden und unser Denken, Fühlen und Handeln leise, aber kraftvoll umgestalten.
Der wahre Christus und die antichristlichen Verführungen
Johannes zeichnet das Bild einer Zeit, die er „die letzte Stunde“ nennt. Das Kennzeichen dieser Stunde ist nicht nur eine ferne Endgestalt namens „Antichrist“, sondern die schon jetzt wirksame Verdrehung der Person Jesu Christi. „Kinder, es ist die letzte Stunde, und wie ihr gehört habt, daß der Antichrist kommt, so sind auch jetzt viele Antichristen aufgetreten; daher wissen wir, daß es die letzte Stunde ist“ (1.Joh. 2:18). Antichristliche Einflüsse äußern sich dort, wo Jesus nicht mehr als der Christus, der vom Geist gezeugte Sohn Gottes, in wahrer Menschheit und wahrer Gottheit anerkannt wird. „Wer ist der Lügner, wenn nicht der, der leugnet, daß Jesus der Christus ist? Der ist der Antichrist, der den Vater und den Sohn leugnet“ (1.Joh. 2:22). Wer den Gesalbten leugnet, trennt damit auch das Wirken der Salbung von seinem Ursprung ab und verliert den Zugang zum Vater.
Ein Antichrist unterscheidet sich von einem falschen Christus (Mt. 24:5, 24). Ein falscher Christus ist jemand, der in betrügerischer Weise vorgibt, der Christus zu sein, wohingegen ein Antichrist jemand ist, der die Göttlichkeit Christi leugnet, der leugnet, dass Jesus der Christus ist, das heißt, der den Vater und den Sohn leugnet, indem er leugnet, dass Jesus der Sohn Gottes ist (V. 22–23), und nicht bekennt, dass Er im Fleisch gekommen ist durch die göttliche Empfängnis des Heiligen Geistes (4:2–3). (Witness Lee, Life-Study of 1 John, Botschaft vierundzwanzig, S. 211)
Neben dieser inneren Verleugnung spricht die Schrift auch von äußeren Verführungen, die den Namen Christi benutzen, aber nicht seine Wirklichkeit tragen: „Denn es werden falsche Christi und falsche Propheten aufstehen und werden große Zeichen und Wunder tun, um so, wenn möglich, auch die Auserwählten zu verführen“ (Mt. 24:24). Falsche Christi imitieren das Äußere – Sprache, Formen, religiöse Dynamik –, doch die Salbung in den Gläubigen erkennt, dass hier ein anderer Geist wirkt. Johannes betont, dass der wahre Christus nicht nur ein Thema der Lehre ist, sondern als lebendiger Sohn Gottes durch den Geist in uns bezeugt wird: „Diese aber sind geschrieben, damit ihr glaubt, daß Jesus der Christus ist, der Sohn Gottes, und damit ihr durch den Glauben Leben habt in seinem Namen“ (Johannes 20:31). Wo die Salbung Raum hat, ordnet sie unser Christusbild, stellt es von Spekulation auf Offenbarung um und entlarvt Lehren, in denen Jesus nur zu einer Idee, einer bloßen Moralfigur oder einer entfernten historischen Gestalt reduziert wird. Darin liegt eine tröstliche Bewahrung: Die gleiche Salbung, die uns den wahren Christus vor Augen stellt, schützt unser Herz vor subtile Verfälschungen. Wer ihr inneres Zeugnis ernst nimmt, erfährt, dass Christus immer klarer, konkreter und anbetungswürdig vor der Seele steht – und dass gerade diese innere Klarheit still und beharrlich durch alle antichristlichen Strömungen dieser Zeit hindurchträgt.
Die Verbindung zwischen dem Gesalbten (Christos) und der Salbung (chrisma) zeigt sich besonders darin, dass der, der den Sohn bekennt, auch den Vater besitzt: „Jeder, der den Sohn leugnet, hat auch den Vater nicht; wer den Sohn bekennt, hat auch den Vater“ (1.Joh. 2:23). Christus ist das Angesicht des Vaters, und der salbende Geist macht dieses Angesicht in uns gegenwärtig. Antichristliche Tendenzen trennen Vater, Sohn und Geist entweder in abstrakte Lehrstücke oder verschmelzen sie zu einer unpersönlichen Macht; die Salbung hingegen führt uns in die konkrete Beziehung: der Vater, den wir lieben; der Sohn, den wir bekennen; der Geist, der in uns wohnt und wirkt. In dieser Beziehung wächst ein stilles Unterscheidungsvermögen. Es ist weniger ein intellektuelles System als eine innere Klarheit, bei der das Herz spürt, was dem biblischen Christus entspricht und was Ihn verdunkelt. Das schenkt Gelassenheit in einer verwirrenden religiösen Landschaft: Nicht jede starke Stimme, nicht jedes beeindruckende Phänomen trägt die Signatur des wahren Christus, aber die Salbung in uns bleibt ein verlässlicher Zeuge. Wer sich von ihr leiten lässt, entdeckt, dass Christus nicht nur gegen antichristliche Einflüsse schützt, sondern zugleich immer herrlicher und vertrauenswürdiger wird – ein Herr, den man nicht nur verteidigt, sondern von Herzen liebt.
Kinder, es ist die letzte Stunde, und wie ihr gehört habt, daß der Antichrist kommt, so sind auch jetzt viele Antichristen aufgetreten; daher wissen wir, daß es die letzte Stunde ist. (1.Joh. 2:18)
Wer ist der Lügner, wenn nicht der, der leugnet, daß Jesus der Christus ist? Der ist der Antichrist, der den Vater und den Sohn leugnet. (1.Joh. 2:22)
Die Salbung des Geistes bewahrt vor antichristlichen Verirrungen, indem sie das innere Zeugnis über den biblischen Christus schärft: Jesus als den Christus, den Sohn des lebendigen Gottes, der in wahrer Menschheit gekommen ist. So entsteht ein stilles, aber klares Unterscheidungsvermögen, das nicht von äußeren Eindrücken lebt, sondern von der inneren Offenbarung des Sohnes, der uns zugleich untrennbar mit dem Vater verbindet.
Mit der Salbung leben – Kreuz und Auferstehung in der Praxis
Die Salbung ist nicht nur ein inneres Leuchten der Erkenntnis, sie ist auch die Kraft, mit der die Geschichte Jesu in unsere Lebensgeschichte hineingeschrieben wird. Paulus beschreibt, wie wir mit Christus in seinen Tod hineingenommen und in seine Auferstehung hineingestellt werden: „Oder wisst ihr nicht, dass wir, so viele auf Christus Jesus getauft wurden, auf seinen Tod getauft worden sind? So sind wir nun mit Ihm begraben worden durch die Taufe auf den Tod, damit, wie Christus aus den Toten auferweckt worden ist durch die Herrlichkeit des Vaters, so auch wir in Neuheit des Lebens wandeln. Denn wenn wir verwachsen sind mit der Gleichheit seines Todes, so werden wir es auch mit der seiner Auferstehung sein“ (Römer 6:3–5). Die Salbung ist die lebendige Anwendung dieser Tatsache: Der allumfassende, zusammengesetzte Geist bringt die Elemente von Kreuz und Auferstehung als innere Wirklichkeit in unser tägliches Erleben. Wo unser altes Leben sich behaupten will, legt die Salbung uns sanft unter das Urteil des Kreuzes; wo wir aus eigener Kraft erschöpfen, richtet sie uns in der Kraft der Auferstehung auf.
Als Er in die Auferstehung eintrat, wurde Er der zusammengesetzte, allumfassende, lebengebender Geist. Dieser Geist ist in Wirklichkeit Christos, der Gesalbte, der zum Leben Gebenden wird. Als wir an den Herrn Jesus glaubten, empfingen wir Ihn in uns. Der, den wir empfingen, ist der Gesalbte, der durch den Tod und die Auferstehung zum Salbenden geworden ist. Außerdem ist dieser Salbende der allumfassende innewohnende Geist. (Witness Lee, Life-Study of 1 John, Botschaft vierundzwanzig, S. 214)
Das heilige Salböl des Alten Testaments gibt dafür ein tiefes Bild. In 2. Mose 30 wird eine Salbenmischung beschrieben, bestehend aus Öl und Gewürzen, die nach Gottes genauer Anweisung bereitet ist. Sie spricht von der Gottheit (Olivenöl), der wahren Menschheit Jesu und den durchlittenen Leiden und der Herrlichkeit nach dem Kreuz. Alles, was Christus ist und durchgangen hat, ist sozusagen in dieser „Mischung“ enthalten. Wenn Johannes sagt: „Und dies ist die Verheißung, die er uns verheißen hat: das ewige Leben“ (1.Joh. 2:25), dann ist dieses ewige Leben nichts anderes als Christus selbst in uns, wirksam durch den Geist, der als Salböl alle diese Elemente in unser Inneres bringt. Paulus fasst es so: „… durch eure Bitte und den Beistand des Geistes Jesu Christi“ (Philipper 1:19). Der Geist Jesu Christi ist der zusammengesetzte, allumfassende, lebengebende Geist, der das Werk des Kreuzes und die Kraft der Auferstehung in der Gegenwart wirksam macht. Dadurch wird christliches Leben nicht durch äußere Vorschriften gesteuert, sondern durch die stille, konkrete Leitung des innewohnenden Geistes.
In der Praxis bedeutet das, dass wir nicht aus eigener Anstrengung versuchen, „ein gekreuzigtes Leben“ zu führen, sondern dass die Salbung uns in konkrete Situationen hinein lehrt, was es heißt, mit Christus gekreuzigt zu sein und in seiner Auferstehung zu leben. „Ich bin mit Christus gekreuzigt; und nicht mehr lebe ich, sondern Christus lebt in mir“ (Galater 2:20) ist dann keine fromme Parole, sondern eine erlebte Realität: In der Spannung eines Gespräches, in stillen Verletzungen, in alltäglichen Entscheidungen berührt die Salbung unser Inneres – sie macht uns innerlich still, bringt uns unter das Kreuz, um dem alten Menschen die Herrschaft zu nehmen, und führt uns zugleich in einen freien, nicht erzwungenen Gehorsam der Auferstehung hinein. So entsteht ein Leben, das von innen her geordnet ist, frei von ständiger Selbstbeobachtung und doch wach für die Regungen des Geistes.
Dieses innere Wirken bleibt nicht bei uns stehen. Wie das Salböl, das vom Haupt Aarons bis zum Saum seines Gewandes hinabfloss, so sucht die Salbung Wege, in den Leib Christi hinein zu wirken: „Siehe, wie gut und wie lieblich ist es, wenn Brüder einträchtig beieinander wohnen! Wie das köstliche Öl auf dem Haupt, das herabfließt auf den Bart, den Bart Aarons, das herabfließt auf den Saum seiner Gewänder“ (Psalm 133:1–2). Das bedeutet: Wo ein Mensch der inneren Salbung Raum gibt, werden andere von derselben Wirklichkeit berührt – nicht durch Druck, sondern durch das stille Ausströmen des Lebens. Der Alltag wird zum Ort, an dem der gekreuzigte und auferstandene Christus durch viele kleine, unscheinbare Entscheidungen hindurch Gestalt gewinnt und seinen Duft verbreitet. Darin liegt eine tiefe Ermutigung: Die Salbung überfordert nicht, sie begleitet. Sie drängt nicht, sie prägt. Wer sich von ihr führen lässt, entdeckt, dass Christus nicht nur Gegenstand des Glaubens, sondern Atmosphäre des Lebens wird – eine Realität, die Leiden nicht beschönigt, aber mitten darin die Kraft der Auferstehung aufgehen lässt und so auch anderen einen Weg in dieses Leben hinein eröffnet.
Oder wisst ihr nicht, dass wir, so viele auf Christus Jesus getauft wurden, auf seinen Tod getauft worden sind? So sind wir nun mit Ihm begraben worden durch die Taufe auf den Tod, damit, wie Christus aus den Toten auferweckt worden ist durch die Herrlichkeit des Vaters, so auch wir in Neuheit des Lebens wandeln. Denn wenn wir verwachsen sind mit der Gleichheit seines Todes, so werden wir es auch mit der seiner Auferstehung sein. (Röm. 6:3-5)
Und dies ist die Verheißung, die er uns verheißen hat: das ewige Leben. (1.Joh. 2:25)
Die Salbung des Geistes macht das Kreuz und die Auferstehung Christi im Alltag wirksam, indem sie unser altes Leben still unter das Urteil des Kreuzes stellt und uns zugleich in der Kraft der Auferstehung reagieren lässt. So entsteht ein von innen geführtes Leben, das nicht durch äußere Regeln, sondern durch die leise, beständige Tätigkeit des innewohnenden Geistes geprägt ist und dadurch selbst zu einem segensvollen Überfließen des Lebens im Leib Christi wird.
Herr Jesus Christus, du Gesalbter des Vaters, danke, dass du als lebensspendender, salbender Geist in uns wohnst und uns in alle Wahrheit über dich selbst hineinführst. Stärke in uns das innere Bewusstsein für deine feine Salbung, damit dein Licht und deine Liebe stärker sprechen als jede verwirrende Stimme der Zeit. Wo wir dich bislang nur im Kopf kannten, vertiefe unsere Gemeinschaft mit dir, sodass Kreuz und Auferstehung als lebendige Wirklichkeit in unserem Alltag erfahrbar werden und uns leise, aber wirkungsvoll umgestalten. Bewahre dein Volk vor antichristlichem Denken, das deine Person schmälert, und fülle uns neu mit der Freude darüber, dass du in uns lebst und uns nicht loslässt. Lass aus dieser verborgenen Salbung ein sichtbares Zeugnis deiner Gnade hervorgehen, das andere auf dich hinweist und deinem Namen Ehre macht. Amen.
Englische Quelle: Life-Study of 1 John, Chapter 24