Das Wort des Lebens
lebensstudium

Das göttliche Leben (1)

12 Min. Lesezeit

Viele Christen wissen, dass Gott Leben schenkt, erleben dieses Leben aber eher als Lehre als als eine lebendige, nährende Wirklichkeit. Die Schriften des Apostels Johannes öffnen eine andere Perspektive: Er beschreibt das göttliche Leben nicht nur als Wahrheit, sondern als geheimnisvolle, doch greifbare Person, mit der man Gemeinschaft hat, die man „isst“ und durch die Gott selbst sichtbar wird. Wer sich auf diese Sicht einlässt, entdeckt, dass ewiges Leben mehr ist als ein Ticket zum Himmel – es ist Gottes eigenes Leben, das uns schon jetzt erfüllt und verwandelt.

Das göttliche Leben: Person, nicht nur Prinzip

Wenn Johannes vom Leben spricht, richtet er unseren Blick nicht zuerst auf eine Eigenschaft des Glaubens, sondern auf eine lebendige Person. Am Anfang seines Evangeliums beschreibt er den Logos, das Wort, das bei Gott war und Gott war, und fügt hinzu: „In Ihm war Leben, und das Leben war das Licht der Menschen“ (Johannes 1:4). Leben ist hier nicht eine neutrale Kraft, kein kosmisches Prinzip, sondern die Selbstmitteilung Gottes in der Person des Sohnes. In ihm konzentriert sich alles, was Gott ist; sein Sein ist Leben, und dieses Leben leuchtet. Wenn Johannes dieses Wort „Leben“ aufgreift und in seinem ersten Brief vom „Wort des Lebens“ spricht, das „von Anfang an“ war und doch gehört, gesehen und betastet wurde, legt er denselben Akzent: Der ewige Sohn, durch den alle Dinge wurden, ist in eine berührbare Menschlichkeit eingetreten. Das göttliche Leben trägt ein menschliches Gesicht, eine Stimme, Hände, die man greifen konnte, Füße, die staubige Wege gingen.

32 die Auferstehung (Joh. 20:17, 27) in Seinem geistlichen Leib (1.Korinther 15:44). Zur Zeit, als Johannes schrieb, gab es eine Irrlehre, die die Fleischwerdung des Sohnes Gottes leugnete (1.Johannes 4:1–3). Daher waren so starke Ausdrücke nötig, um die feste Wirklichkeit des Herrn in Seiner berührbaren Menschlichkeit zu bezeichnen. (Witness Lee, Life-Study of 1 John, Botschaft drei, S. 32)

Damit wird klar, wie Johannes „ewiges Leben“ versteht. Es geht nicht primär um eine unendliche Verlängerung der Existenz, sondern um die Teilhabe an Gottes eigenem Leben, wie es im Sohn verkörpert ist. Darum schreibt er: „Wer an den Sohn glaubt, hat ewiges Leben“ (Johannes 3:36). Haben wir den Sohn, dann haben wir dieses Leben; ist der Sohn nicht da, fehlt uns das Leben, auch wenn unsere biologische Existenz weiterläuft. Ewiges Leben ist die Gegenwart Christi in einer Person. Es ist Ursprung, Inhalt und Ziel des Heils: Aus der Entfremdung vom Leben Gottes, von der Paulus spricht, wenn er Menschen als „dem Leben Gottes entfremdet“ beschreibt (Epheser 4:18), holt Gott uns heraus, indem er uns seinen Sohn gibt. Versöhnung durch den Tod Christi öffnet den Weg, „viel mehr in Seinem Leben gerettet zu werden“ (Römer 5:10). In Christus, unserem Leben, finden wir eine neue Mitte, aus der heraus Gott uns formt. In den verschiedenen Phasen des Weges – Bekehrung, Wachstum, Reife, Herrlichkeit – bleibt der Inhalt derselbe: Christus selbst als göttliches Leben, das trägt, klärt, korrigiert und erfüllt.

Wer sich diesem Christus anvertraut, tritt daher nicht in ein religiöses System ein, sondern in eine Beziehung zu einer göttlichen Person, die Leben ist. Das verändert die Art, wie wir über Glauben denken. Glaube heißt dann, sich dem anvertrauen, der Leben gibt; Gebet wird Gespräch mit dem, der in uns lebt; Gehorsam wird Antwort auf das Licht dieses Lebens. Je mehr wir so auf Christus bezogen leben, desto stärker erfahren wir, dass das ewige Leben schon jetzt begonnen hat – nicht in spektakulären Gefühlen, sondern in einer wachsenden Gewissheit, von Gott her zu leben. Das ermutigt, auch durch dunkle Phasen zu gehen: Wo der Sohn ist, bleibt das Leben gegenwärtig, auch wenn vieles um uns herum vergeht. Und es schenkt Zuversicht für die Zukunft, denn derselbe Christus, der uns heute trägt, wird uns einmal in die Fülle dieses Lebens vor Gott führen.

In Ihm war Leben, und das Leben war das Licht der Menschen. (Joh. 1:4)

Wer an den Sohn glaubt, hat ewiges Leben; wer aber dem Sohn nicht gehorcht, wird das Leben nicht sehen, sondern der Zorn Gottes bleibt auf ihm. (Joh. 3:36)

Zu erkennen, dass das göttliche Leben in Christus eine Person ist, bewahrt vor einem abstrakten Christentum. Es hilft, den Alltag als Weg mit einem lebendigen Herrn zu verstehen, der in uns wohnt, spricht und handelt. Wer sich immer wieder innerlich an Christus wendet, findet in ihm nicht nur Orientierung, sondern die Kraft und Wärme eines Lebens, das stärker ist als Sünde, Müdigkeit und Tod. So wächst Vertrauen: Nicht unsere Leistung, sondern seine bleibende Gegenwart ist die Grundlage, auf der unser Weg mit Gott ruht.

Essen und genießen: Christus als Lebensversorgung

Johannes zeichnet das göttliche Leben mit Bildern, die unmittelbar aus dem Bereich des Essens und Trinkens stammen. Als Jesus sich in Kapernaum als das Brot des Lebens vorstellt, sagt er: „Ich bin das Brot des Lebens; wer zu Mir kommt, wird keinesfalls hungern, und wer an Mich glaubt, wird niemals dürsten“ (Johannes 6:35). Er spricht nicht von einer einmaligen religiösen Erfahrung, sondern von einem anhaltenden Essen und Trinken. Wenn er weiter davon spricht, sein Fleisch zu essen und sein Blut zu trinken, stößt das auf Anstoß, weil es buchstäblich verstanden wird. Aber es geht um etwas Inneres: um ein Vertrauen, das Christus so empfängt, dass er zur täglichen Lebensversorgung wird. Glauben bedeutet hier, sich von ihm nähren zu lassen, ihn aufzunehmen, bis sein Leben unser Innerstes durchdringt.

25 ESSEN UND GENUSS Die Schriften des Johannes sind nicht in erster Linie zum Studium und zum Verstehen bestimmt, sondern in erster Linie für den Genuss der Kinder Gottes. Wenn du zu einem Festmahl kommst, hast du nicht die Absicht, die verschiedenen Gänge zu studieren. Ein Studium zu einer solchen Zeit würde dich vom Genuss des Essens abhalten. (Witness Lee, Life-Study of 1 John, Botschaft drei, S. 25)

Dieses Bild wird in der Offenbarung vertieft. Dem, der überwindet, verspricht der Herr: „Dem werde Ich zu essen geben vom Baum des Lebens, der im Paradies Gottes ist“ (Offb. 2:7). Damit wird das Motiv aus 1. Mose 2.wieder aufgenommen, wo der Baum des Lebens für Gottes Absicht steht, dem Menschen sich selbst als Nahrung zu geben. In einer anderen Verheißung sagt der Herr: „Dem, der überwindet, dem werde Ich von dem verborgenen Manna geben“ (Offb. 2:17). Wie in der Wüste das Manna Tag für Tag vom Himmel fiel und Israel ernährte, so gibt Christus sich seinem Volk als verborgene, innere Speise, oft unscheinbar und doch unersetzlich. Und wenn der Auferstandene an die Tür der Gemeinde klopft, geschieht dies mit der Einladung: mit ihm zu essen, Tischgemeinschaft zu haben (vgl. Offb. 3:20). Essen ist hier das Bild für eine vertraute Gemeinschaft, in der wir seine Gegenwart und seine Worte im Glauben in uns aufnehmen.

So wird das göttliche Leben nicht theoretisch, sondern erfahrbar. Es zeigt sich darin, dass das Wort Christi nicht nur verstanden, sondern „geschmeckt“ wird; dass Gebet nicht nur Pflicht bleibt, sondern zur Mahlzeit der Seele wird; dass in der Gemeinschaft mit anderen Gläubigen die Gegenwart des Herrn wie nährende Speise erlebt wird. „Der Geist ist es, der das Leben gibt, das Fleisch nützt nichts; die Worte, die Ich zu euch geredet habe, sind Geist und sind Leben“ (Johannes 6:63). Wo diese Worte uns innerlich erreichen und wir uns ihnen öffnen, geschieht dieses Essen. Daraus wächst eine stille Zuversicht: Gottes Versorgung reicht, auch in Dürrezeiten. Das ermutigt, sich nicht mit bloßem religiösem Wissen zufrieden zu geben, sondern immer neu aus der Fülle Christi zu leben, wie aus einem reich gedeckten Tisch, der gerade dann trägt, wenn die eigene Kraft zu Ende ist.

Jesus aber sprach zu ihnen: Ich bin das Brot des Lebens; wer zu Mir kommt, wird keinesfalls hungern, und wer an Mich glaubt, wird niemals dürsten. (Joh. 6:35)

Der Geist ist es, der das Leben gibt, das Fleisch nützt nichts; die Worte, die Ich zu euch geredet habe, sind Geist und sind Leben. (Joh. 6:63)

Das Bild vom Essen und Trinken lädt ein, Glauben als ständigen Empfang zu verstehen. Christus ist nicht nur der Anfang unseres Weges, sondern die tägliche Nahrung, ohne die der innere Mensch schwach wird. Wer sich im Alltag immer wieder seinem Wort öffnet, seine Gegenwart sucht und seine Zusagen im Herzen bewegt, erfährt, wie das göttliche Leben stärkt, tröstet und ausrichtet. So entsteht eine Lebenshaltung des Vertrauens: Auch wenn vieles unklar bleibt, ist der Tisch Gottes nicht leer. In dieser Gewissheit kann das Herz ruhig werden und erwarten, dass Christus selbst das gibt, was wir zum nächsten Schritt brauchen.

Aus dem Leben leben: Gottes Wesen ausdrücken

Was ein Mensch regelmäßig isst, prägt ihn – nicht nur körperlich, sondern auch in seiner inneren Haltung. Johannes überträgt dieses Bild auf unser Verhältnis zu Gott. Er beschreibt Gott als Licht und als Liebe und bezeugt: „Gott ist Licht, und in Ihm ist keine Finsternis“ und „Gott ist Liebe“ (vgl. 1. Johannes 1:5; 4:8). Wenn Christus als das göttliche Leben in uns wohnt und wir ihn im Glauben immer wieder aufnehmen, wird dieses Leben zu einem inneren Bestand unseres Seins. Die Eigenschaften Gottes – seine Liebe, sein Licht, seine Heiligkeit – übersetzen sich in unserem Alltag in konkrete menschliche Tugenden: in eine Liebe, die nicht aus uns selbst stammt, in ein klares inneres Licht über Gut und Böse, in einen neuen Hunger nach Gerechtigkeit. So erklärt der Herr von sich: „Ich bin das Licht der Welt; wer Mir nachfolgt, wird auf keinen Fall in der Finsternis wandeln, sondern wird das Licht des Lebens haben“ (Johannes 8:12). Das Licht des Lebens ist nicht nur Orientierung von außen, sondern die Ausstrahlung des Lebens, das in uns wohnt.

28 sagen, dass im Anfang das Wort war, dass das Wort bei Gott war und Gott war, dass in diesem Wort Leben war und das Leben das Licht der Menschen war. Ferner wurde nach Johannes 1:14 das Wort Fleisch und stiftshüttete unter uns, voller Gnade und Wirklichkeit, und hatte die Herrlichkeit als eines Einziggeborenen von einem Vater. In all diesen Versen finden wir eine Definition des Wortes. (Witness Lee, Life-Study of 1 John, Botschaft drei, S. 28)

Je mehr dieses Leben Raum gewinnt, desto stärker wird es zum Wort in uns, das Gott erklärt und ausdrückt. Gott spricht dann nicht nur durch geschriebene Sätze zu uns, sondern durch das, was er in unserem Inneren wirkt: durch eine sanfte Korrektur des Gewissens, durch eine gewachsene Bereitschaft zu vergeben, durch eine ungewohnte Freude am Guten. Paulus beschreibt das als ein „Herrschen im Leben“ durch Jesus Christus (Römer 5:17). Dieses Herrschen besteht nicht in äußerer Dominanz, sondern in der inneren Freiheit, von Gottes Leben her zu handeln. Wenn Christus unser Leben ist, wie es in Kolosser 3:4 heißt, dann bekommt unser Handeln, Reden und Schweigen eine neue Quelle. In dieser Bewegung entsteht echte Gemeinschaft: „Wenn wir aber im Licht wandeln, wie Er im Licht ist, haben wir Gemeinschaft miteinander“ (1. Johannes 1:7). Das göttliche Leben verbindet uns mit dem Vater und dem Sohn und zugleich untereinander, weil wir von demselben Lebensstrom geprägt werden.

So wird der Leib Christi aufgebaut, nicht durch äußere Programme, sondern durch die stille, beständige Wirkung dieses Lebens in vielen Gliedern. Wo Menschen aus dem göttlichen Leben leben, entsteht eine Gemeinde, die mehr ist als eine Organisation: eine Wohnstätte Gottes im Geist, in der seine Herrlichkeit leise sichtbar wird. Das mag oft unscheinbar bleiben – in geduldigem Tragen, in treuem Gebet, in kleinen Schritten der Versöhnung –, aber gerade dort drückt sich Gottes Wesen durch menschliche Leben aus. Das kann ermutigen, die oft unspektakuläre Alltagstreue nicht gering zu achten. Wo wir uns von Christus nähren lassen und ihm Raum geben, bringt sein Leben Frucht, die wir selbst nicht hervorbringen könnten. Und mitten in aller Begrenzung wächst die Gewissheit: Gott verwendet unser schwaches Menschsein, um sein eigenes Wesen in dieser Welt zu zeigen.

Darum sprach Jesus wieder zu ihnen und sagte: Ich bin das Licht der Welt; wer Mir nachfolgt, wird auf keinen Fall in der Finsternis wandeln, sondern wird das Licht des Lebens haben. (Joh. 8:12)

Denn wenn durch die Verfehlung des Einen der Tod durch den Einen herrschte, werden viel mehr die, welche die überströmende Fülle der Gnade und der Gabe der Gerechtigkeit empfangen, im Leben herrschen durch den Einen, Jesus Christus. (Röm. 5:17)

Aus dem göttlichen Leben zu leben bedeutet, sich von Christus im Inneren prägen zu lassen, statt aus eigener Kraft ideale Tugenden zu kopieren. Wer seine Hoffnung darauf setzt, dass Christus selbst in ihm Liebe, Licht und Standhaftigkeit wirkt, wird freier, ehrlich zu sein und dennoch nicht beim Alten stehen zu bleiben. In der Gemeinschaft der Glaubenden wird dieses Leben vervielfältigt: Wenn viele aus derselben Quelle leben, entsteht ein Raum, in dem Gottes Wesen spürbar wird. Das schenkt Mut, auch in kleinen und verborgenen Schritten treu zu sein. Denn jedes Ja zu dem Leben, das Gott gegeben hat, trägt dazu bei, dass der Leib Christi wächst und Gottes Herrlichkeit in dieser Welt Gestalt gewinnt.


Herr Jesus Christus, du bist das Wort des Lebens, das von Anfang an bei Gott war und zu uns gekommen ist. Danke, dass du dein göttliches, ewiges Leben mit uns geteilt hast und dich selbst als Brot des Lebens gibst. Vertiefe in uns das Vertrauen, dass du nicht fern und abstrakt bist, sondern gegenwärtig und erfahrbar, wie eine Mahlzeit, von der wir leben. Lass dein Leben in uns stärker werden als jede Finsternis, jede Schuld und jede eigene Kraft. Erneuere unsere Liebe, erhelle unser Inneres mit deinem Licht und forme aus deinen göttlichen Eigenschaften neue, geheiligte Tugenden in unserem Alltag. Mach uns als Gemeinde zu einem Ort, an dem dein Leben sichtbar fließt, wo Menschen deine Stimme hören und deine Gegenwart schmecken können. Bewahre uns in der Hoffnung, dass wir dich einmal ohne Schleier als Baum des Lebens in der ewigen Stadt genießen werden. Amen.

Englische Quelle: Life-Study of 1 John, Chapter 3

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