Das Wort des Lebens
lebensstudium

Ein Wort über die Schriften des Johannes (2)

12 Min. Lesezeit

Wenn wir das Johannesevangelium, die Johannesbriefe und die Offenbarung nebeneinander legen, entsteht ein einzigartiges Bild: Hier spricht ein Zeuge, der den Herrn gesehen, gehört und berührt hat – und doch ringt er um Worte für etwas, das unser Denken übersteigt. Johannes beschreibt kein frommes System, sondern eine göttliche Wirklichkeit, die Menschen innerlich verwandelt, Gemeinschaft stiftet und die Geschichte der Welt lenkt. Gerade weil sein Zeugnis so tief und zugleich so konkret ist, hilft es uns, mitten in einer Zeit voller Verwirrung und religiöser Meinungen den Sohn Gottes und das ewige Leben klar zu erkennen.

Das göttliche Leben – ein geheimnisvolles, aber erfahrbares Leben

Wenn Johannes vom göttlichen Leben spricht, berührt er eine Wirklichkeit, die sich unserem Blick entzieht und sich doch mitten in der Geschichte zeigt. Er nennt dieses Leben „das Wort des Lebens“, „das von Anfang an war“, das „wir gehört, mit unseren Augen gesehen, angeschaut und unsere Hände betastet haben“ (1.Johannes 1:1). Unsichtbares Leben wird in einem hörbaren, sichtbaren, berührbaren Menschen konkret. Im Evangelium fasst Johannes es zusammen: „Und das Wort wurde Fleisch und stiftshüttete unter uns … voller Gnade und Wirklichkeit“ (Johannes 1:14). Das Geheimnis liegt darin, dass der ewige Gott sich nicht nur in Gedanken, Lehren oder Gefühlen kundgibt, sondern in einer Person, die unter uns wohnt, spricht, weint, handelt – und in all dem dieses göttliche Leben offenbart. Das Leben bleibt göttlich, aber es versteckt sich nicht hinter einer undurchdringlichen Wolke; es kommt uns entgegen in einem menschlichen Antlitz.

In seinem Evangelium liegt der Schwerpunkt auf dem Geheimnis, dass das göttliche Leben in der Person Jesu offenbar wurde. Leben ist unsichtbar. Dennoch wurde nach dem Evangelium nach Johannes das göttliche Leben konkret, leibhaftig, in der Person Jesu offenbart. Das ist ein Geheimnis. (Witness Lee, Life-Study of 1 John, Botschaft zwei, S. 20)

Gerade darin zeigt sich, wie nah dieses Leben uns gekommen ist. Johannes denkt beim göttlichen Leben nicht zuerst an eine endlose Dauer nach dem Tod, sondern an die Gegenwart Gottes selbst, die jetzt schon in Menschen Wohnung nimmt. „Es ist der Geist, der lebendig macht; das Fleisch nützt nichts“ (Johannes 6:63), heißt es – das Leben wirkt innerlich, unsichtbar, und doch sind seine Spuren im Alltag wahrnehmbar: eine neue Empfindsamkeit für Gott, eine innere Freude, die nicht zu den Umständen passt, ein Licht über Sünde, das gleichzeitig nicht verdammt, sondern zur Umkehr zieht. Dieses Leben bleibt ein Geheimnis, weil es vom Dreieinen Gott herkommt, doch es ist nicht vage: es formt konkrete Gemeinschaft, in der „wir Gemeinschaft haben mit dem Vater und mit seinem Sohn Jesus Christus“ (1.Johannes 1:3). Menschen, die sich sonst nie gefunden hätten, werden in dieser Gemeinschaft zu Geschwistern.

Johannes scheut sich nicht, Begriffe wie Salbung, neue Geburt, göttlicher Same zu verwenden, obwohl sie sich einer rein rationalen Erklärung entziehen. Er spricht von einer inneren Lehre, die nicht von außen aufgedrückt wird, sondern in uns wirkt: „Und ihr habt die Salbung von dem Heiligen und habt alle Erkenntnis“ (1.Johannes 2:20) – eine leise, aber bestimmte Leitung des Heiligen Geistes, der uns Christus groß macht und uns vor Verirrung bewahrt. Wer aus Gott geboren ist, trägt nach Johannes etwas Unzerstörbares in sich: „Denn sein Same bleibt in ihm“ (1.Johannes 3:9). Das ist keine abstrakte Metapher, sondern eine Beschreibung der Erfahrung, dass in uns eine neue Quelle aufgebrochen ist, die uns über unsere gewohnten Grenzen hinausführt.

Weil dieses Leben geheimnisvoll und erfahrbar zugleich ist, bleibt es zugleich anbetungswürdig und tröstlich. Es entzieht sich der Kontrolle, aber nicht der Gemeinschaft. Es lässt sich nicht in Systeme einsperren, aber es ist bereit, mitten in unserem gewöhnlichen Leben Gestalt zu gewinnen. Wer sich von den Schriften des Johannes in dieses Licht führen lässt, entdeckt: Ich muss das göttliche Leben nicht durchdringen, damit es wirksam ist. Ich darf staunend anerkennen, dass der, der im Anfang beim Vater war, sich mir zugewandt hat – und dass sein Leben in mir zu wirken begonnen hat. Dieses Bewusstsein nimmt dem Glauben die Schwere und schenkt einen stillen Mut: Der, der das Leben ist, bleibt nicht fern, sondern trägt mein verborgenes Inneres, Stück für Stück, in seine Gemeinschaft hinein.

Und das Wort wurde Fleisch und stiftshüttete unter uns (und wir haben Seine Herrlichkeit angeschaut, eine Herrlichkeit als des Einziggeborenen vom Vater), voller Gnade und Wirklichkeit. (Joh. 1:14)

Was von Anfang an war, was wir gehört, was wir mit unseren Augen gesehen, was wir angeschaut und unsere Hände betastet haben, in bezug auf das Wort des Lebens, (1.Joh. 1:1)

Das göttliche Leben nach Johannes lädt zu einer Haltung ein, die Geheimnis und Erfahrung nicht gegeneinander ausspielt: Ehrfurcht vor dem, was ich nicht erklären kann, und zugleich Vertrauen in das, was Gott in Christus konkret in mir angefangen hat. Im Blick auf die unsichtbare, aber reale Gegenwart dieses Lebens wird Glauben weniger zu einem inneren Krampf und mehr zu einem ruhenden Sich-anvertrauen: Der, der Fleisch geworden ist, um unter uns zu wohnen, scheut sich auch heute nicht, im verborgenen Inneren eines schwachen Menschen Wohnung zu machen.

Die allumfassende Person Christi – wahrer Gott und wahrer Mensch

Die Schriften des Johannes sind in eine Zeit hinein gesprochen, in der über Jesus vieles behauptet wurde – manches hoch religiös, manches philosophisch anspruchsvoll, aber nicht alles wahr. Einige trennten Jesus vom Christus, andere konnten sich nicht vorstellen, dass der ewige Gott wirklich in die Zerbrechlichkeit des Fleisches hinabsteigt. Johannes antwortet nicht mit abstrakten Formeln, sondern mit einem überwältigenden Bild der Person Christi. Gleich zu Beginn seines Evangeliums setzt er den Ton: „Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und das Wort war Gott“ (Johannes 1:1). Und dieses Wort, das Gott ist, „wurde Fleisch“ (Johannes 1:14). Unendliche Gottheit und wirkliche Menschheit begegnen sich nicht in einer Idee, sondern in einer Person.

Aus dem Evangelium nach Johannes wissen wir, dass Christus in der Ewigkeit der eigentliche Gott war (Joh. 1:1) und dass Er in der Zeit ein Mensch wurde (Joh. 1:14). Seine Gottheit ist vollständig, und Seine Menschheit ist vollkommen. Daher ist Er sowohl Gott als auch Mensch (Joh. 20:28; 19:5) und besitzt sowohl Göttlichkeit als auch Menschheit. (Witness Lee, Life-Study of 1 John, Botschaft zwei, S. 16)

Diese Person ist nicht halb Gott und halb Mensch, sondern wahrer Gott und wahrer Mensch. Als der Auferstandene steht Jesus vor Thomas, mit den Malen der Nägel, und Thomas kann nur antworten: „Mein Herr und mein Gott!“ (Johannes 20:28). Vor Pilatus steht derselbe Jesus in der Schwachheit eines verachteten Menschen, mit Dornenkrone und Purpurkleid, und Pilatus ruft: „Siehe, der Mensch!“ (Johannes 19:5). In diesen beiden Ausrufen verdichtet sich, was Johannes entfaltet: Der eine, den wir im Evangelium sehen, ist zugleich der „Eingeborene vom Vater“ und der wahre Mensch, der unsere Geschichte teilt. Darum kann Paulus von ihm sagen, er sei „das Bild des unsichtbaren Gottes“ (Kolosser 1:15) und zugleich der, der „Anteil … an Blut und Fleisch“ bekam (Hebräer 2:14).

Johannes beschränkt sich jedoch nicht auf die Frage der Naturen Christi. Er zeigt, wie unlösbar der Sohn mit dem Vater verbunden ist. Jesus sagt: „Ich und der Vater sind eins“ (Johannes 10:30), und zugleich: „Ich bin nicht vom Himmel herabgekommen, um meinen eigenen Willen zu tun, sondern den Willen dessen, der mich gesandt hat“ (Johannes 6:38). Der Sohn kommt im Namen des Vaters, spricht die Worte des Vaters, tut die Werke des Vaters; wer ihn sieht, sieht den Vater (Johannes 14:9). So wird Christus nicht als isolierte Gestalt gezeigt, sondern als die lebendige Offenbarung des Vaters. In ihm wird sichtbar, wie Gott ist – nicht nur in Macht, sondern auch in Demut, Sanftmut und Hingabe.

Zugleich öffnen die Johannes-Schriften einen Blick auf Christus in Beziehung zum Geist. Der, der im Fleisch kommt, ist derselbe, der den „Geist der Wirklichkeit“ sendet (Johannes 15:26; 16:7). In der Auferstehung wird der letzte Adam „zu einem Leben gebenden Geist“ (1.Korinther 15:45), und dieser Geist wohnt in den Glaubenden, bleibt bei ihnen und wird in ihnen sein (Johannes 14:17). Damit wird Christus nicht auf die Vergangenheit beschränkt: der, der am Kreuz hing, ist heute in der Gestalt des lebengebenden Geistes gegenwärtig. Er ist zugleich der, der im Schoß des Vaters ist, und der, der im innersten Kern eines Gläubigen Wohnung macht.

Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und das Wort war Gott. (Joh. 1:1)

Thomas antwortete und sprach zu ihm: Mein Herr und mein Gott! (Joh. 20:28)

Die johanneische Darstellung Christi bewahrt davor, sich einen bequemen Christus zurechtzulegen, der entweder harmlos menschlich oder unnahbar göttlich ist. Indem sie uns den Blick auf den allumfassenden Christus öffnet, stärkt sie einen Glauben, der sowohl staunen als auch vertrauen kann: staunen über die Größe dessen, der Gott und Mensch in einer Person ist, und vertrauen, dass gerade diese Person in der Nähe unseres alltäglichen Lebens bleiben will – als der, der den Vater offenbart und im Geist in uns wohnt.

Ewiges Leben als erfahrener Dreieiner Gott

Wenn Johannes vom ewigen Leben spricht, denkt er weiter als an ein nie endendes Dasein. Er schreibt: „Wir wissen aber, daß der Sohn Gottes gekommen ist und uns Einsicht gegeben hat, damit wir den Wahrhaftigen erkennen; und wir sind in dem Wahrhaftigen, in Seinem Sohn Jesus Christus. Dieser ist der wahrhaftige Gott und das ewige Leben“ (1.Johannes 5:20). Ewiges Leben ist hier untrennbar mit einer Person verbunden: mit dem Sohn, in dem der Wahrhaftige sich schenkt. Nicht eine Verlängerung unseres jetzigen Lebens in die Unendlichkeit, sondern der Dreieine Gott selbst, wie er sich in Christus mitteilt und uns in seine eigene Wirklichkeit hineinzieht. Darum ist ewiges Leben für Johannes schon jetzt Gegenwart: Wer im Sohn ist, hat das Leben; wer den Sohn nicht hat, mag vieles religiös wissen, hat aber das Leben nicht (1.Johannes 5:11–12).

Im Buch der Offenbarung liegt der Schwerpunkt darauf, dass Christus die Lebensversorgung für Gottes Kinder zu Seiner Darstellung ist und das Zentrum der universalen Verwaltung des Dreieinen Gottes bildet. In Kapitel 2 der Offenbarung sehen wir, dass wir Christus als den Baum des Lebens in Gottes Paradies und auch als das verborgene Manna essen dürfen (V. 7, 17). Außerdem sehen wir in Offenbarung 3:20, dass wir mit Ihm ein Festmahl halten dürfen. Der Baum des Lebens, das verborgene Manna und das Festmahl mit dem Herrn zeigen alle, dass Christus unsere Lebensversorgung ist. (Witness Lee, Life-Study of 1 John, Botschaft zwei, S. 20)

Zwischen dem Anfang seines Briefes und diesem Schlussvers entfaltet Johannes, wie dieses ewige Leben erfahrbar wird. Er spricht von Gemeinschaft, die aus dem Leben geboren ist: „damit auch ihr Gemeinschaft mit uns habt; und zwar ist unsere Gemeinschaft mit dem Vater und mit Seinem Sohn Jesus Christus“ (1.Johannes 1:3). Diese Gemeinschaft ist mehr als ein gemeinsames Bekenntnis; sie ist Teilhabe an einem und demselben Leben. Er spricht von der Salbung, die lehrt – einer inneren Weisung des Geistes, die uns in die Wahrheit über den Vater, den Sohn und den Geist hineinführt (1.Johannes 2:20.27). Und er spricht von der neuen Geburt, durch die Gottes Same in uns bleibt (1.Johannes 3:9). Ewiges Leben zeigt sich dann nicht zuerst in außergewöhnlichen Erlebnissen, sondern in einer langsam wachsenden, aber realen Verwandlung: in einem neuen Hunger nach Wahrheit, in einer wachsenden Fähigkeit zu lieben, zu vergeben, Licht zu ertragen.

In der Offenbarung erweitert Johannes diese Sicht, indem er Christus als unsere Lebensversorgung malt. Der auferstandene Herr ruft: „Wer ein Ohr hat, höre, was der Geist den Gemeinden sagt. Wer überwindet, dem werde ich zu essen geben von dem Baum des Lebens, der im Paradies Gottes ist“ (Offenbarung 2:7). Kurz darauf verheißt er das verborgene Manna (Offenbarung 2:17) und lädt ein: „Siehe, ich stehe an der Tür und klopfe an; wenn jemand Meine Stimme hört und die Tür öffnet, zu dem werde ich hineingehen, und ich werde mit ihm das Mahl halten und er mit mir“ (Offenbarung 3:20). Baum des Lebens, verborgenes Manna, gemeinsames Mahl – all das sind Bilder dafür, dass Christus sich selbst als Nahrung gibt. Ewiges Leben ist nicht nur Status, sondern tägliche Speisung: Christus, der uns innerlich nährt, stärkt und aus seiner Fülle teilhaben lässt.

Aus dieser Lebensgemeinschaft erwächst eine Darstellung: Johannes sieht die Gemeinden als Leuchter, unter denen Christus inmitten wandelt (Offenbarung 1:12–13.20). Wer aus Christus lebt und von ihm gespeist wird, wird nicht automatisch spektakulär, aber er wird zu einem Ort, an dem das Licht Christi sichtbar wird. So bewahrt diese Sicht des ewigen Lebens vor Irrlehren, die entweder Christus von unserer Erfahrung lösen oder die Erfahrung vom Christus lösen. Wo ewiges Leben nur als inneres Gefühl verstanden wird, verliert der Glaube seine Mitte; wo Christus nur als Lehre außerhalb von uns bleibt, bleibt das Leben kraftlos. Johannes hält beides zusammen: der wahrhaftige Gott ist das ewige Leben, und dieses Leben wird zur erfahrbaren Wirklichkeit, indem es als Gemeinschaft, Salbung, neue Geburt und Lebensversorgung in uns Gestalt gewinnt.

Wir wissen aber, daß der Sohn Gottes gekommen ist und uns Einsicht gegeben hat, damit wir den Wahrhaftigen erkennen; und wir sind in dem Wahrhaftigen, in Seinem Sohn Jesus Christus. Dieser ist der wahrhaftige Gott und das ewige Leben. (1.Joh. 5:20)

Wer ein Ohr hat, höre, was der Geist den Gemeinden sagt. Wer überwindet, dem werde ich zu essen geben von dem Baum des Lebens, der im Paradies Gottes ist. (Offb. 2:7)

Ewiges Leben als erfahrener Dreieiner Gott zu sehen, öffnet einen weiten Horizont für den Glauben: Statt nach immer neuen geistlichen Reizen zu suchen, wächst der Wunsch, in der stillen, aber tiefen Wirklichkeit dieses Lebens zu bleiben – im Vertrauen, dass Christus selbst genügt: als der, in dem wir den Vater erkennen, als der, der im Geist in uns wohnt, und als der, der uns Tag für Tag innerlich nährt. Aus dieser Ruhe heraus wird der Umgang mit Verwirrung und Irrlehren weniger von Angst bestimmt und mehr von der Gewissheit, im Sohn den Ort gefunden zu haben, an dem das Leben wirklich ist.


Herr Jesus, führe uns im Licht Deines Wortes und schenke uns Gnade, die gezeigte Wahrheit nicht nur zu verstehen, sondern im Alltag aus Deinem Leben zu erfahren. Bewahre uns in Deiner Gegenwart, damit unser Denken, Reden und Dienen von Dir geprägt wird und Dein Name in der Gemeinde verherrlicht wird. Amen.

Englische Quelle: Life-Study of 1 John, Chapter 2

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