Wachstum im Leben und seine Ergebnisse (3)
Wer Jesus kennenlernt, begegnet ihm oft zuerst als dem Retter, der Schuld vergibt und neues Leben schenkt. Doch das Neue Testament zeichnet ein tieferes Bild: Christus ist nicht nur Same des Lebens, sondern auch der Stein für Gottes Bau – erwählt, verworfen, erhöht. An diesem Stein entscheidet sich, ob unser Glaube heranreift und tragfähig wird oder ob wir an Gottes Weg mit Christus Anstoß nehmen.
Christus, der von Gott erwählte und erhöhte Eckstein
Wenn Petrus von Christus als dem lebendigen Stein spricht, entfaltet er eine verborgene Geschichte Gottes mit seinem Sohn. Er schaut zurück in die vergangene Ewigkeit, in der der Dreieine Gott seinen Ratschluss fasste, und sieht, dass Christus schon damals als Eckstein des ganzen Baues auserwählt war. Was vor den Augen der Menschen unscheinbar blieb, trat in der Auferstehung und Himmelfahrt Jesu hervor: Der verworfene Jesus von Nazareth ist von Gott selbst bestätigt und erhöht worden. So heißt es: „Indem ihr zu Ihm kommt, zu einem lebendigen Stein, von Menschen zwar verworfen, bei Gott aber auserwählt und kostbar“ (1.Petr. 2:4). In der Auferweckung aus den Toten und in der Erhöhung zur Rechten Gottes hat der Vater öffentlich gemacht, wen Er schon immer im Herzen trug. Der Eckstein des ewigen Hauses Gottes ist gelegt – nicht in einer menschlichen Idee, sondern in einer geschichtlichen Tat Gottes.
Für uns ist Christus als Leben der Same; für das Bauwerk Gottes ist Er der Stein. Nachdem wir Ihn als den Samen des Lebens empfangen haben, müssen wir wachsen, damit wir Ihn als den in uns lebenden Stein erfahren. Dann wird Er uns zu lebendigen Steinen machen, die mit Seiner Steinnatur umgewandelt sind, sodass wir zusammen mit anderen als ein geistliches Haus auf Ihm gebaut werden, der zugleich Fundament und Eckstein ist. (Witness Lee, Life-Study of 1 Peter, Botschaft siebzehn, S. 143)
Dieser Eckstein liegt nicht im irdischen Jerusalem, das schwankt und vergeht, sondern im himmlischen Zion. Der Hebräerbrief beschreibt: „Doch ihr seid hinzugetreten zum Berg Zion und zur Stadt des lebendigen Gottes, dem himmlischen Jerusalem, und zu Zehntausenden von Engeln, zur universalen Versammlung“ (Hebr. 12:22). Wer zu Christus kommt, tritt in diese Wirklichkeit hinein. Er wird nicht nur innerlich getröstet, sondern in eine andere Ordnung versetzt: in den Bereich, in dem Gottes Wahl, Gottes Wertmaßstäbe und Gottes Ehre gelten. Christus ist dort der von Gott erhobene, unerschütterliche Eckstein – zuverlässig, tragfähig, würdig, dass man ihm den Bau des eigenen Lebens anvertraut. Weil Er von Gott in eine Stellung höchster Ehre gesetzt wurde, darf der Glaube kühn sein. „Wer an ihn glaubt, wird nicht zuschanden werden“ (1.Petr. 2:6) – auch dann nicht, wenn Christus in den Augen der Menschen gering, umstritten oder veraltet erscheint.
Dieses Bild vom Stein ergänzt das Bild vom Samen. Petrus erinnert daran, dass wir „nicht aus verderblichem Samen wiedergeboren worden“ sind, „sondern aus unverderblichem, durch das lebendige und bleibende Wort Gottes“ (1.Petr. 1:23). Christus ist in uns als Same des Lebens, unsichtbar, verborgen, zart. Derselbe Christus ist aber zugleich der Stein, der objektiv vor Gott liegt, fest und unbeweglich, der Maßstab und die Grundlage für alles, was Gott baut. In unserem Wachstum im Leben geschieht nun etwas Stilles und doch Tiefgreifendes: Der in uns wohnende Christus, der Same, prägt unsere Struktur um, bis wir selbst „als lebendige Steine als ein geistliches Haus zu einer heiligen Priesterschaft aufgebaut“ werden (1.Petr. 2:5). Das Leben, das wir empfangen haben, führt uns unweigerlich in den Bau, und der Bau ruht unerschütterlich auf dem Eckstein, den Gott erwählt hat.
Für den Glauben bedeutet das eine stille Befreiung: Wir müssen uns nicht länger selbst tragen. Nicht unsere Gefühle, unsere Leistung oder unsere religiöse Stärke sind das Fundament. Der Eckstein ist außerhalb von uns gelegt, in der Herrlichkeit des himmlischen Zion, und doch verbindet Er uns mit sich, indem Er in unserem Geist wohnt. In der Spannung zwischen äußerer Erhöhung und innerem Wohnen lernt der Glaube, sich zu entspannen: Die Last, alles zusammenzuhalten, ruht auf Ihm. Und wo wir uns auf Ihn stützen, wächst in uns eine Ruhe, die nicht aus unserer Stabilität kommt, sondern aus seiner Beständigkeit. In dieser Ruhe kann unser Leben reifen: Wir werden empfänglicher für Gottes Bauweise, formbarer in seiner Hand und mutiger, unser Vertrauen wirklich auf den Eckstein zu setzen, den Er erwählt und erhöht hat.
Indem ihr zu Ihm kommt, zu einem lebendigen Stein, von Menschen zwar verworfen, bei Gott aber auserwählt und kostbar, (1.Petr. 2:4)
Denn es ist in der Schrift enthalten: «Siehe, ich lege in Zion einen auserwählten, kostbaren Eckstein; und wer an ihn glaubt, wird nicht zuschanden werden.» (1.Petr. 2:6)
Wer Christus als den von Gott erwählten und erhöhten Eckstein erkennt, findet eine andere Art von Sicherheit: nicht die Sicherheit eines kontrollierbaren Lebens, sondern die Verlässlichkeit eines Herrn, der bereits im himmlischen Zion steht und doch im eigenen Inneren Wohnung genommen hat. Aus dieser doppelten Gewissheit wächst ein Glaube, der nicht von Meinungen oder Stimmungen abhängt, sondern von der Wahl und Ehre Gottes, die auf Christus ruhen.
Der verworfene Stein – kostbar für Glaubende, Anstoß für Ungläubige
Vor Gott ist Christus der kostbarste Stein, und doch stößt Er auf der Erde auf die tiefste Verwerfung. Petrus verdichtet diese Spannung in einem Satz: „Euch nun, die ihr glaubt, (bedeutet er) die Kostbarkeit; für die Ungläubigen aber (gilt): «Der Stein, den die Bauleute verworfen haben, dieser ist zum Eckstein geworden»“ (1.Petr. 2:7). Dieselbe Person, derselbe Christus, derselbe Weg Gottes – aber zwei völlig unterschiedliche Wahrnehmungen. Für die Glaubenden wird Er zur Quelle ihres Wertes, zur verborgenen Würde ihres Lebens. In Ihm finden sie Halt, Richtung und Identität, weil der Vater Ihm die Ehrenstellung gegeben hat, die niemand relativieren kann. Für die Ungläubigen, die ihre eigene Bauplanung verfolgen, ist dieser Stein störend: Er passt nicht in ihre Entwürfe, widerspricht ihrem Verständnis von Macht, Ruhm und Erfolg.
So sei euch allen und dem ganzen Volk Israel kundgetan, dass in dem Namen Jesu Christi, des Nazareners, den ihr gekreuzigt habt, den Gott aus den Toten auferweckt hat, durch Ihn dieser Mann gesund vor euch steht. Dieser ist der Stein, der von euch Bauleuten verworfen wurde und zum Haupt der Ecke geworden ist. Und in keinem anderen ist das Heil; denn es ist auch kein anderer Name unter dem Himmel den Menschen gegeben, in dem wir errettet werden müssen. (Witness Lee, Life-Study of 1 Peter, Botschaft siebzehn, S. 145)
Jesus selbst hat dieses Geheimnis im Gleichnis von den Weingärtnern entfaltet. Er spricht von den religiösen Führern seiner Zeit, die den Sohn aus dem Weinberg hinauswerfen und töten. Dann stellt Er ihnen die Frage: „Habt ihr nie in den Schriften gelesen: ‚Der Stein, den die Bauleute verworfen haben, dieser ist zum Haupt der Ecke geworden. Von dem Herrn her ist dies geschehen und es ist wunderbar in unseren Augen‘?“ (Matt. 21:42). Gerade diejenigen, die sich als Bauleiter des Volkes Gottes verstanden, als Hüter der Tradition und Ordnung, haben den wahren Eckstein verworfen. Ihre Verwerfung war nicht nur ein historisches Ereignis, sie legt eine Linie frei, die sich bis heute fortsetzt: Überall dort, wo man an Christus Anstoß nimmt, weil Er zu radikal, zu demütig, zu absolut oder zu gnädig erscheint, tritt dieselbe innere Haltung zutage.
Für den Glaubenden ist diese Spannung schmerzhaft und tröstlich zugleich. Schmerzhaft, weil man spürt, wie wenig der Herr, der einem selbst so kostbar geworden ist, in der Öffentlichkeit geachtet wird. Tröstlich, weil Gott gerade diese Verwerfung benutzt, um die Kostbarkeit Christi tiefer in das Herz einzugraben. In der Atmosphäre der Ablehnung leuchtet die Gnade heller; inmitten der Missachtung baut Gott sein Haus mit denen, die sich von Ihm in die Form lebendiger Steine bringen lassen. So wird Christus zum Stein mit zwei Seiten: Ehre und Verwerfung, Herrlichkeit und Anstoß, Rettung und Gericht. „Und in keinem anderen ist das Heil; denn es ist auch kein anderer Name unter dem Himmel den Menschen gegeben, in dem wir errettet werden müssen“ – so bezeugt Petrus Christus vor dem Volk Israel (Apg. 4:12). Der Name, an dem sich viele stoßen, ist der einzige Ort der Rettung.
Gerade in dieser Zweifachheit wächst der Glaube. Er lernt, sich an Gottes Sicht von Christus festzumachen, nicht an den wechselnden Mehrheiten. Er entdeckt, dass die Kostbarkeit Jesu nicht darin liegt, dass alle Ihn anerkennen, sondern darin, dass Gott Ihn erhöht hat. Wo diese Entdeckung das Herz erreicht, löst sich die Angst, in der Minderheit zu sein. Die innere Achse verschiebt sich: Nicht die Zustimmung der Umgebung, sondern die Bestätigung des Vaters wird zur heimlichen Freude. So reift eine stille, aber beständige Treue zu Christus, die nicht aggressiv auftreten muss, aber auch nicht schweigend innerlich von Ihm abrückt. Inmitten der Verwerfung bleibt ein leiser, aber fester Satz wahr: Für die Glaubenden ist Er die Kostbarkeit – heute, im Verborgenen, und einmal sichtbar, wenn Gott seinen Eckstein vor aller Welt verherrlicht.
Euch nun, die ihr glaubt, (bedeutet er) die Kostbarkeit; für die Ungläubigen aber (gilt): «Der Stein, den die Bauleute verworfen haben, dieser ist zum Eckstein geworden», (1.Petr. 2:7)
Jesus sagte zu ihnen: Habt ihr nie in den Schriften gelesen: „Der Stein, den die Bauleute verworfen haben, dieser ist zum Haupt der Ecke geworden. Von dem Herrn her ist dies geschehen und es ist wunderbar in unseren Augen“? (Matt. 21:42)
Wer Christus als den kostbaren, aber von vielen verworfenen Eckstein erkennt, entdeckt einen neuen Maßstab für Wert und Ehre: Nicht das laute Echo menschlicher Anerkennung entscheidet, sondern die stille Wahl Gottes. Aus dieser Einsicht erwächst ein Glaube, der mit der Verwerfung rechnet, sich von ihr nicht entmutigen lässt und im Innersten umso inniger an dem festhält, den Gott zum Haupt der Ecke gemacht hat.
Stolpern am Wort oder Wachsen auf dem Eckstein
Zwischen Wachstum auf dem Eckstein und Stolpern am Wort verläuft keine neutrale Zone. Petrus beschreibt Menschen, „die nicht gehorsam sind, [und] stoßen sie sich an dem Wort, wozu sie auch gesetzt worden sind“ (1.Petr. 2:8). Das Wort, an dem sie sich stoßen, ist nicht nur die tröstliche Botschaft von der Vergebung, sondern die scharfe, klare Aussage Gottes über seinen Sohn: Derselbe Christus, der Retter und Grundstein des Hauses Gottes ist, ist auch ein Stein des Anstoßes und ein Fels des Ärgernisses. Wer diese Seite des Evangeliums nicht annehmen will, beginnt innerlich gegen Gott zu argumentieren, weicht aus, relativiert, verschiebt – und gerät damit in einen Zustand des Ungehorsams. Unglaube bleibt nicht statisch; er ist ein aktiver Widerstand gegen Gottes Weg mit Christus.
Als der Stein wirkt Christus sowohl in positiver als auch in negativer Weise. Für uns ist Er in positiver Hinsicht der Eckstein, für die ungläubigen Juden aber ein Stolperstein und ein Fels des Anstoßes. (Witness Lee, Life-Study of 1 Peter, Botschaft siebzehn, S. 147)
Jesus knüpft an das Bild des Steines an, wenn Er sagt: „Und wer auf diesen Stein fällt, wird zerschmettert werden; aber auf wen er fallen wird, den wird er zermalmen“ (Matt. 21:44). Auf den Stein zu fallen, meint, an Christus zu scheitern – an seinem Anspruch, an seiner Gnade, an seiner Herrschaft. Der Mensch erfährt, dass seine eigenen Vorstellungen von Gerechtigkeit, Frömmigkeit oder Freiheit nicht tragen; etwas in ihm bricht. Doch in diesem Zerbrechen liegt zugleich eine verborgene Gnade: Wer sich von Christus zerschlagen erfährt, ist nicht verloren, sondern steht an der Schwelle zur wirklichen Umkehr. Anders ist es, wenn der Stein fällt. Daniel sah in einem Gesicht, wie „ein Stein losbrach, (und zwar) nicht durch Hände, und das Bild an seinen Füßen aus Eisen und Ton traf und sie zermalmte“ (Dan. 2:34). Wo Christus als Richter handelt, zerschlägt Er die Systeme, die sich gegen Ihn verhärten. Dann ist der Anstoß nicht mehr heilsam, sondern endgültig.
Im Alltag zeigt sich, ob wir bauen oder stolpern, an unseren Reaktionen auf das Wort. Wenn Gottes Wort über Christus uns widerspricht, unsere Wege in Frage stellt, unsere Sicherheiten erschüttert, steht der Eckstein unmittelbar vor uns. Weichen wir aus, indem wir das Unbequeme ausblenden, uns innerlich rechtfertigen oder das Wort auf andere anwenden, geraten wir in jenes leise, aber reale Stolpern, von dem Petrus spricht. Nehmen wir das Wort an, auch wenn es uns innerlich „zerschmettert“, wachsen wir gerade dadurch auf dem Eckstein. Dann wird der Schmerz des Zerbruchs zum Werkzeug der Umgestaltung, und aus dem Widerstand wird eine neue Formbarkeit in der Hand des Baumeisters.
Wachstum im Leben bis zur Reife bedeutet daher nicht, immer mehr eigene Stärke zu zeigen, sondern immer weicher auf das Wort zu reagieren, das von Christus ausgeht. Mit der Zeit entsteht eine Haltung, in der man beim Hören von Schriftzeugnis nicht zuerst fragt, ob es ins eigene Konzept passt, sondern ob der Herr darin seine Stimme erhebt. Wo diese Haltung reift, verliert der Stein seinen Charakter als ständig drohendes Hindernis und gewinnt Gestalt als tragendes Fundament. Das Leben auf dem Eckstein ist nicht spannungsfrei, aber es ist getragen: Selbst dort, wo das Wort weh tut, ahnt das Herz, dass dieser Schmerz die Hand eines treuen Baumeisters trägt, der aus brüchigem Material lebendige Steine formt. In dieser Ahnung kann es mutig werden, sich nicht vor dem Zerbrechen zu fürchten, sondern in der Hand Christi festen Boden zu finden.
und: «ein Stein des Anstoßes und ein Fels des Ärgernisses». Da sie nicht gehorsam sind, stoßen sie sich an dem Wort, wozu sie auch gesetzt worden sind. (1.Petr. 2:8)
Und wer auf diesen Stein fällt, wird zerschmettert werden; aber auf wen er fallen wird, den wird er zermalmen. (Matt. 21:44)
Wer lernt, sich nicht vor dem Anstoß des Wortes zu verschließen, sondern darin die Hand des Baumeisters zu erkennen, erlebt, wie das Stolpern sich in Wachstum verwandelt. An der Grenze zwischen Widerstand und Gehorsam entscheidet sich, ob Christus für uns ein Stein bleibt, an dem wir uns reiben, oder ob Er mehr und mehr zum Eckstein wird, auf dem unser Leben ruhig und tragfähig aufgebaut ist.
Herr Jesus Christus, Du lebendiger, von Gott erwählter und erhöhter Eckstein, wir beten Dich an und danken Dir, dass Du trotz der Verwerfung durch Menschen von Deinem Vater in Ehre eingesetzt worden bist. Stärke in uns den Glauben an Dein Wort, damit wir nicht an Dir und an Deinem Weg stolpern, sondern auf Dich als festem Fundament ruhen. Wo unser Herz vor Deinem strengen Wort zurückschreckt, begegne uns mit Deiner Gnade, nimm die Wurzeln des Unglaubens weg und erfülle uns mit Vertrauen auf Deine Treue. Bewahre uns davor, in Ungehorsam und Rebellion zu geraten, und lass uns stattdessen in der Zuversicht leben, dass niemand beschämt wird, der auf Dich setzt. Amen.
Englische Quelle: Life-Study of 1 Peter, Chapter 17