In Christus gewurzelt, um mit dem Wachstum Gottes zu wachsen
Viele Christen spüren, dass sie nach Jahren des Glaubens zwar viel wissen, aber innerlich kaum gewachsen sind. Die Bibel beschreibt unser geistliches Leben jedoch nicht wie ein Schulprogramm, das wir absolvieren, sondern wie ein Baum, der in fruchtbare Erde gepflanzt ist und still, aber kraftvoll wächst. Wer versteht, was es bedeutet, in Christus eingepflanzt und in Ihm verwurzelt zu sein, entdeckt einen anderen Weg: statt religiösem Aktivismus ein Leben aus der unsichtbaren, aber realen Zunahme Gottes in uns.
In Christus eingepflanzt – das neue Leben durch Einpfropfung
Wenn das Neue Testament von unserer Errettung spricht, bleibt es nicht bei Bildern aus dem Gerichtssaal stehen. Es greift in die Welt der Gärten und Weinberge hinüber. Paulus beschreibt unsere Verbindung mit Christus als Einpfropfung: ein fremder Zweig wird in einen edlen Stamm hineingesetzt, damit er an dessen Leben teilhat. In Römer 6 spricht er davon, dass wir mit Christus „zusammengewachsen“ sind in der Gleichheit seines Todes und nun in der Kraft seiner Auferstehung leben. Das ist mehr als eine fromme Metapher. Es meint eine wirkliche, innere Verbindung: Der Heilige Geist macht das Leben Christi selbst in uns wirksam, so dass zwischen Ihm und uns etwas Organisches, Verwachsenes entsteht, das nicht mehr sauber auseinanderzuhalten ist. Wo Gott in Christus eine „Öffnung“ geschaffen hat – durch Kreuz und Auferstehung –, hat er uns eingefügt, nicht als Dekoration, sondern als lebendigen Teil dieses Baumes.
Weil wir in Christus eingepfropft worden sind, sind wir in Ihn hineingekommen. Unser Eintritt in Christus steht in Beziehung zum Leben und zum Wachstum des Lebens. Wir treten nicht in Christus ein, so wie wir in ein Zimmer hineingehen. In ein Zimmer hineinzugehen hat nichts mit Leben oder Wachstum zu tun. In Christus einzutreten hingegen schließt den Prozess des Wachstums ein. In Römer 6:5 sagt Paulus, dass „wir mit Ihm zusammengewachsen sind in der Gleichheit Seines Todes“. Jetzt wachsen wir mit Christus in der Gleichheit Seiner Auferstehung. (Witness Lee, Life-Study of Colossians, Botschaft vierundvierzig, S. 389)
Wer so in Christus eingepfropft ist, steht nicht mehr auf eigenem Wurzelwerk. Der „Saft“, der uns nährt, kommt aus Ihm. Seine Geduld wird nach und nach zu unserer Geduld, seine Sanftmut zu unserem Umgangston, seine Klarheit zu unserer inneren Ausrichtung. Es ist auffallend, dass Kolosser 2:7 genau diese Perspektive aufnimmt: „nachdem ihr in Ihm verwurzelt worden seid und in Ihm aufgebaut und in dem Glauben gefestigt werdet, so wie ihr gelehrt worden seid, überströmend in Danksagung.“ Verwurzelt sein heißt hier: Unser verborgenes Leben, das keiner sieht, ist in Christus hineingesenkt. Der sichtbare Aufbau und die Festigung im Glauben folgen aus dieser unsichtbaren Verankerung. Geistliches Wachstum beginnt deshalb nicht mit einem Katalog neuer Verpflichtungen, sondern mit einem nüchternen Anerkennen: Mein altes, unabhängiges Leben ist am Kreuz verurteilt worden, und Gott hat mich in Christus hineingenommen, um aus Seinem Leben zu leben.
Wer so denkt, holt sich Entlastung und zugleich eine stille, tiefe Motivation ins Herz. Entlastung, weil Wachstum nicht mehr von der Leistungsfähigkeit eines alten Menschen abhängt, der sich zusammenreißen muss, sondern von der Treue des Baumes, in den wir eingepfropft wurden. Motivation, weil dieses Leben in Christus kein starres Schicksal, sondern eine lebendige Beziehung ist: Die Verwachsung mit Ihm lädt ein, sich immer wieder innerlich an Ihn zu lehnen, auf Ihn zu hören, Sein Leben freizusetzen. Solange der Zweig im Stamm bleibt, ist Zukunft in ihm – und so lange wir in Christus bleiben, ist Zukunft Gottes in unserem Leben verborgen, die nach und nach sichtbar werden will.
Denn wenn wir mit Ihm einsgemacht worden sind in der Gleichheit Seines Todes, so werden wir es gewisslich auch in der Gleichheit Seiner Auferstehung sein. (Röm. 6:5)
nachdem ihr in Ihm verwurzelt worden seid und in Ihm aufgebaut und in dem Glauben gefestigt werdet, so wie ihr gelehrt worden seid, überströmend in Danksagung. (Kol. 2:7)
In der Einpfropfung in Christus liegt ein stiller, aber gewaltiger Trost: Unser geistliches Vorankommen hängt nicht zuerst an unserer inneren Stärke, sondern daran, dass wir in einen vollkommen treuen Herrn hineingesetzt wurden. Wo diese Wahrheit im Herzen Raum gewinnt, löst sich der Druck, uns selbst geistlich „herstellen“ zu müssen, und es wächst der einfache, fruchtbare Wunsch, dem Leben Christi in uns nicht im Weg zu stehen, sondern Ihm Raum zu geben.
Verwurzelt im lebendigen guten Land – wachsen heißt in Christus wandeln
Die Schrift zeichnet ein weites, tiefes Bild, wenn sie Christus als das gute Land zeigt. Den Kindern Israels wurde in 1. Mose ein Land verheißen, das Milch und Honig fließen lässt, ein Raum, in dem sie wohnen, arbeiten, ernten und Gott dienen sollten. Dieses Land ist mehr als geographischer Besitz; es ist eine Lebensgrundlage. Auf das Neue Testament hin betrachtet, wird klar: Christus selbst ist unser gutes Land, der Boden, in den wir gestellt sind und aus dem wir leben. Darum verbindet der Kolosserbrief das Gewurzeltsein mit dem Wandel: „Darum, wie ihr den Christus, Jesus, den Herrn, empfangen habt, so wandelt in Ihm,“ (Kol. 2:6). Wer in einem Land verwurzelt ist, kann nicht anders, als auf diesem Land zu gehen. Unsere Schritte im Alltag sind dazu gedacht, Schritte „in Christus“ zu sein – nicht daneben, nicht außer Ihm.
Die Antwort ist, dass das Land, in das wir eingewurzelt sind, ein lebendiges Land ist. Da wir in ein lebendiges, sich bewegendes Land eingewurzelt worden sind, leben und bewegen wir uns in Ihm. Daher sind es in Wirklichkeit nicht wir, die gehen, sondern das Land bewegt sich. Gepriesen sei der Herr, dass wir in Christus eingewurzelt sind, der das lebendige Land ist! Weil das Land sich bewegt, können auch wir uns bewegen. (Witness Lee, Life-Study of Colossians, Botschaft vierundvierzig, S. 391)
Dieses Land ist kein starrer Untergrund, auf dem wir uns unabhängig bewegen. Es ist lebendig und beweglich. Was das bedeutet, ahnen wir, wenn wir auf die Formulierung in Kolosser 2:7 achten: Verwurzelt sein und wandeln gehören zusammen. Die Wurzeln reichen in Christus hinein, und während Er sich in Seinen Wegen mit uns bewegt, „wandeln“ wir, indem wir im Glauben mitgehen. In Wahrheit ist es, wie der Hebräerbrief für unser ganzes Leben formuliert: „Denn in Ihm leben, weben und sind wir“ – ein Gedanke, den das Neue Testament immer wieder aufnimmt. Unser inneres Wachstum geschieht, während unsere verborgenen Wurzeln beständig aus Christus absorbieren, was Er ist: Trost in der Trauer, Weisheit in Entscheidungen, Demut in Anerkennung von Grenzen, Liebe dort, wo Abwehr naheliegt. Während diese unsichtbare Aufnahme geschieht, geschieht die Zunahme Gottes in uns.
Epheser 4 beschreibt dieselbe Realität im Blick auf den ganzen Leib: „sondern, an der Wahrheit in Liebe festhaltend, in allen Dingen hineinwachsen in Ihn, der das Haupt ist, Christus,“ (Eph. 4:15). Hineinwachsen in Ihn ist nichts anderes, als tiefer in diesem guten Land einzudringen, mehr von seinen Reichtümern wahrzunehmen und zu nutzen. Wer so lebt, betrachtet seinen Alltag nicht als neutrale Bühne, auf der er versucht, christliche Prinzipien anzuwenden, sondern als Feld mitten in Christus. Arbeit, Familie, Gemeinde, Erholung – alles spielt sich „auf diesem Land“ ab. Der Herr ist anwesend, führt, korrigiert, stärkt. In diesem Blick wächst die innere Ruhe: Wachstum ist dann nicht ein Projekt, das wir stemmen müssen, sondern eine Folge davon, dass wir an dem Ort bleiben, an den Gott uns gestellt hat – in Christus, dem lebendigen guten Land.
Diese Sicht schenkt eine leise, aber tragfähige Ermutigung. Wo wir uns im Chaos der Aufgaben oder in der Dürre der Gefühle wiederfinden, erinnert uns das Bild vom guten Land: Du stehst nicht im Leeren, du stehst in Christus. Seine Reichtümer sind nicht launisch, sie sind verlässlich da. Das Herz darf lernen, weniger auf die sichtbare Oberfläche zu starren und mehr dem verborgenen Prozess zu vertrauen: Während die Wurzel in Ihm bleibt, wird Er selbst zur Nahrung unseres inneren Menschen, und mit der Zeit wird diese unsichtbare Versorgung unübersehbar in unserem Wandel.
Darum, wie ihr den Christus, Jesus, den Herrn, empfangen habt, so wandelt in Ihm, (Kol. 2:6)
nachdem ihr in Ihm verwurzelt worden seid und in Ihm aufgebaut und in dem Glauben gefestigt werdet, so wie ihr gelehrt worden seid, überströmend in Danksagung. (Kol. 2:7)
Wer Christus als das lebendige gute Land erkennt, in das er verwurzelt wurde, empfindet den Alltag weniger als Schlachtfeld, das allein zu bewältigen ist, sondern mehr als Feld, das von der Gegenwart des Herrn durchdrungen ist. Daraus erwächst eine stille Bereitschaft, die Schritte des Tages nicht mehr getrennt von Ihm zu sehen, sondern als Mitgehen mit einem Herrn, der trägt, nährt und führt – und gerade dadurch nimmt Gott in unserem Inneren zu.
Mit dem Wachstum Gottes im Leib Christi wachsen
Wenn das Neue Testament vom Wachstum im Leben spricht, denkt es nie nur an Einzelne, die innerlich reifer werden. Gott zielt auf einen Leib, der mit der Zunahme Gottes wächst. Kolosser 2:19 entfaltet dieses Geheimnis: Der ganze Leib wächst „aus dem heraus“, der das Haupt ist, indem er aus Ihm reichlich versorgt und miteinander verknüpft wird. Wachstum ist hier kein individuelles Veredelungsprogramm, durch das ein grober Mensch feiner wird, sondern das Hinzukommen Gottes selbst. Wo der Herr als Haupt festgehalten wird, verlieren andere Maßstäbe – kulturelle Erwartungen, fromme Traditionen, persönliche Vorlieben – ihre Stellung als verdeckte Leitinstanzen. Christus selbst tritt an ihre Stelle und füllt nach und nach die Räume aus, in denen bisher anderes dominierte.
Wachstum bedeutet nicht, verfeinert statt grob zu werden. Im Leben zu wachsen heißt, mit dem Wachstum Gottes zu wachsen. Es bedeutet, mit der Zunahme Gottes zu wachsen. Wahres Wachstum ist die Zunahme Gottes, das Hinzufügen von Gott. (Witness Lee, Life-Study of Colossians, Botschaft vierundvierzig, S. 392)
Diese Zunahme Gottes bleibt nicht abstrakt. Sie wird im Miteinander erfahrbar. Epheser 4:16 beschreibt, wie aus Christus heraus „der ganze Leib, indem er durch jedes Gelenk der reichen Versorgung und durch die Wirksamkeit in dem Maß jedes einzelnen Teils zusammengefügt und verknüpft wird, das Wachstum des Leibes bewirkt, zum Aufbau seiner selbst in Liebe.“ Wenn Gott in uns zunimmt, verändern sich Beziehungen: Konflikte werden nicht mehr primär entlang von Rechthaberei ausgetragen, sondern unter dem Einfluss einer wachsenden Sanftmut; Unterschiede werden nicht automatisch zu Trennlinien, weil die Liebe Christi stärker ins Gewicht fällt als Sympathie oder Antipathie. Der Leib wächst dort mit dem Wachstum Gottes, wo Christus in den Herzen realer wird als jede menschliche Kultur und jede persönliche Befindlichkeit.
Paulus fasst das Ziel dieser Bewegung in Kolosser 1:28 so zusammen, dass er jeden Menschen „gereift in Christus“ darstellen möchte. Und Epheser 4:13 zeichnet die Perspektive weit auf: „bis wir alle zur Einheit des Glaubens und der völligen Erkenntnis des Sohnes Gottes gelangen, zu einem gereiften Mann, zum Maß des Wuchses der Fülle Christi,“ – ein Leib, ein „gereifter Mann“, der die Fülle Christi widerspiegelt. Reife heißt in diesem Licht: mehr Christus im Denken, mehr Christus im Reden, mehr Christus im Umgang mit Schwäche – der eigenen wie der der anderen. Wo Gott zunimmt, wird der Ton milder, ohne an Klarheit zu verlieren, und die Bereitschaft, sich füreinander hinzugeben, wird größer.
In dieser Sicht liegt eine sanfte, aber kraftvolle Ermutigung. Niemand trägt die Last, den Leib Christi aus eigener Energie aufbauen zu müssen. Die Aufgabe des Herzens besteht darin, am Haupt festzuhalten, sich von Ihm versorgen zu lassen und sich in die Verknüpfung mit anderen Gliedern hineinnehmen zu lassen. Dort, wo Christus auf diese Weise Raum gewinnt, wächst der Leib mit dem Wachstum Gottes – leise, oft unspektakulär, aber mit einer Beständigkeit, die nicht aus uns stammt. Und gerade dieses unspektakuläre, doch reale Mehr an Gottes Gegenwart mitten im alltäglichen Gemeindeleben ist ein Vorgeschmack auf den Tag, an dem die Fülle Christi ohne Bruch in Seinem Leib sichtbar sein wird.
und nicht am Haupt festhält, aus dem heraus der ganze Leib, der durch die Gelenke und Sehnen reichlich versorgt und miteinander verknüpft wird, mit dem Wachstum Gottes wächst. (Kol. 2:19)
aus dem heraus der ganze Leib, indem er durch jedes Gelenk der reichen Versorgung und durch die Wirksamkeit in dem Maß jedes einzelnen Teils zusammengefügt und verknüpft wird, das Wachstum des Leibes bewirkt, zum Aufbau seiner selbst in Liebe. (Eph. 4:16)
Die Zunahme Gottes im Leib Christi macht deutlich, dass echte geistliche Entwicklung nie ein solistisches Projekt ist. Wo Christus als Haupt geschätzt wird und seine Versorgung durch viele kleine, unscheinbare Dienste fließt, wächst eine Gemeinschaft heran, in der Gott selbst mehr Raum gewinnt. Das darf die Herzen trösten, die ihre eigene Unzulänglichkeit schmerzlich kennen: Gott baut nicht auf Vollkommenheit, sondern setzt Sein Wachstum genau dort fort, wo Menschen sich Ihm und einander öffnen.
Herr Jesus, führe uns im Licht Deines Wortes und schenke uns Gnade, die gezeigte Wahrheit nicht nur zu verstehen, sondern im Alltag aus Deinem Leben zu erfahren. Bewahre uns in Deiner Gegenwart, damit unser Denken, Reden und Dienen von Dir geprägt wird und Dein Name in der Gemeinde verherrlicht wird. Amen.
Englische Quelle: Life-Study of Colossians, Chapter 44