Das Wort des Lebens
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Der Allumfassende Christus (1)

12 Min. Lesezeit

Wer die Welt betrachtet, sieht sehr Unterschiedliches: die Schönheit der Schöpfung, die Zerbrochenheit der Geschichte, die Vielfalt menschlicher Kulturen. Viele fragen sich, wo Christus in all dem zu finden ist und was es konkret bedeutet, dass Er „alles in allem“ sein soll. Die Kolosser standen vor einer ähnlichen Spannung: Zwischen religiösen Traditionen, philosophischen Ideen und alltäglichen Erfahrungen drohte Christus als der eigentliche Mittelpunkt aus dem Blick zu geraten.

Christus als Bild des unsichtbaren Gottes in alter und neuer Schöpfung

Wenn Paulus schreibt, Christus sei „das Bild des unsichtbaren Gottes, der Erstgeborene aller Schöpfung“ (Kolosser 1:15), öffnet er den Blick weit über unsere gewohnten Vorstellungen hinaus. Ein Bild ist nicht bloße Illustration, sondern der sichtbare Ausdruck einer verborgenen Wirklichkeit. Gott bleibt an sich unsichtbar, jenseits unserer Sinne, nicht greifbar für die Kategorien dieses Kosmos. Und doch wollte Er sich nicht im Ungreifbaren verlieren. In Christus tritt der Unsichtbare in das Sichtbare ein, nicht nur in einem einzelnen Menschenleben, sondern in die ganze Ordnung der Schöpfung. Darum heißt es über Christus: „Denn in ihm ist alles in den Himmeln und auf der Erde geschaffen worden, das Sichtbare und das Unsichtbare… alles ist durch ihn und für ihn geschaffen“ (Kolosser 1:16). Die Welt ist nicht zufällige Bühne, sondern der Raum, in dem Gott in Seinem Sohn Gestalt annimmt und sich andeutet.

Christus ist der Erstgeborene der ganzen Schöpfung, um Gott auszudrücken. Wir haben bereits darauf hingewiesen, dass Christus das Bild Gottes ist. Gott ist unsichtbar. Doch wenn wir auf Gottes Schöpfung schauen, sehen wir, dass die Schöpfung – weit davon entfernt, böse zu sein – der Ausdruck des unsichtbaren Gottes ist. In der Schöpfung erkennen wir den Ausdruck von Gottes Macht und Wesen. (Witness Lee, Life-Study of Colossians, Botschaft vierunddreißig, S. 295)

Damit wird die materielle Wirklichkeit in ein neues Licht gestellt. Sie ist, in Gottes ursprünglicher Absicht, nicht der Gegensatz zu Geistlichem, sondern Träger einer Offenbarung. Schon der Apostel betont an anderer Stelle, dass Gottes „unsichtbare Wirklichkeit, sowohl Seine ewige Kraft als auch Seine Göttlichkeit, seit Erschaffung der Welt in dem Gemachten wahrgenommen wird“ (Römer 1:20). Berge, Meere, Jahreszeiten, auch die Ordnungen des menschlichen Lebens – sie erzählen etwas von der Kraft, der Weisheit, der Treue des Schöpfers, weil sie in Christus geschaffen sind und in Ihm ihren inneren Zusammenhang haben. Der Satz „Und Er ist vor allen Dingen, und alle Dinge werden in Ihm zusammengehalten“ (Kolosser 1:17) sagt mehr aus als nur einen theologischen Lehrsatz: Er deutet an, dass hinter der Zerstreutheit unserer Welt ein Halt, ein innerer Faden liegt – und dieser Faden ist eine Person.

Doch die Schrift bleibt nicht bei der alten Schöpfung stehen. Derselbe Christus, der als Erstgeborener aller Schöpfung an ihrem Anfang steht, ist auch „der Anfang, der Erstgeborene von den Toten“ (Kolosser 1:18). In Seinem Tod und Seiner Auferstehung beginnt etwas radikal Neues: eine neue Schöpfung, in der der Tod schon überwunden ist, eine Menschheit, die nicht mehr vom Verfall bestimmt wird, sondern vom Auferstehungsleben des Sohnes. Diese neue Schöpfung ist nicht abstrakt – sie nimmt Gestalt in der Gemeinde, dem Leib Christi. Menschen, gezeichnet von Schuld, Zerbruch und Sterblichkeit, werden in Seinen Leib hineingenommen und tragen ein Leben in sich, das über ihre eigene Geschichte hinausweist. „Denn es gefiel der ganzen Fülle, in ihm zu wohnen“ (Kolosser 1:19): In Christus wohnt die Fülle Gottes, und aus dieser Fülle heraus formt Er eine erneuerte Menschheit.

Wer sich dieser Linie öffnet, lernt, die Welt anders zu sehen. Statt die sichtbare Wirklichkeit vorschnell als minder geistlich oder gar als grundsätzlich böse abzuwerten, beginnt man zu ahnen, dass Gott gerade durch sie spricht – und zugleich, dass Er zu einer tieferen Wirklichkeit ruft, die in Christus schon begonnen hat. Himmel, Erde, Geschichte und Gemeinde werden zu einem großen Rahmen, in dem der Vater Seinen Sohn sichtbar macht. In dieser Sichtweise verliert die Schöpfung ihren stummen, manchmal bedrohlichen Charakter und wird zu einem Ort der Begegnung mit Gott. Und zugleich verliert das Neue, was Christus in unserer Mitte wirkt, den Charakter eines weltfremden Gegenentwurfs und zeigt sich als der eigentliche Sinn der Schöpfung von Anfang an. Die eigene Existenz – mit ihren Gaben, Grenzen und Aufgaben – darf dann als Teil dieses großen Ausdrucks Christi verstanden werden. Das macht still, schützt vor Verachtung des Alltäglichen und nährt eine leise, aber feste Freude darüber, dass unser Leben in denselben Christus hineingestellt ist, in dem alles geschaffen wurde und in dem alles sein Ziel findet.

der das Bild des unsichtbaren Gottes ist, der Erstgeborene aller Schöpfung, (Kol. 1:15)

Denn in ihm ist alles in den Himmeln und auf der Erde geschaffen worden, das Sichtbare und das Unsichtbare, es seien Throne oder Herrschaften oder Gewalten oder Mächte: alles ist durch ihn und für ihn geschaffen; (Kol. 1:16)

Wer Christus als Bild des unsichtbaren Gottes erkennt, beginnt, die Welt nicht länger unter dem Vorzeichen des Zufalls oder der bloßen Nützlichkeit zu sehen, sondern als sprechende Wirklichkeit, die in Ihm gegründet ist. Das entlastet von dem Druck, sich selbst einen letzten Sinn schaffen zu müssen, und öffnet dafür, im alltäglichen, materiellen Leben Spuren Seiner Gegenwart wahrzunehmen und die eigene Geschichte als Teil von Gottes großem Ausdruck in Christus zu verstehen.

Christus über Kultur – wenn religiöse und philosophische Prägungen Ihn verdecken

Die Gemeinde in Kolossä lebte an einem Kreuzungspunkt der Kulturen. Jüdische Religiosität und griechische Philosophie trafen aufeinander, verschmolzen und prägten Denken und Alltag. Diese Prägungen verschwanden nicht, als Menschen zum Glauben kamen. Sie blieben als Deutungsrahmen wirksam, oft unbemerkt. Paulus warnt deshalb vor einer „Philosophie und Lehre der Menschen, nach den Elementen der Welt und nicht nach Christus“ (vgl. Kolosser 2:8). Unter gnostischem Einfluss galt das Materielle als zweitrangig oder sogar als negativ, und damit wurde Christus praktisch aus einem Teil des Lebens hinausgedrängt. Man konnte von Ihm reden, Ihn verehren – und doch blieben große Bereiche des Denkens von anderen Maßstäben bestimmt.

Die Hauptelemente der Kultur in Kolossä zur Zeit des Paulus waren die jüdische Religion und die griechische Philosophie. Die hebräische und die griechische Kultur trafen in Kleinasien aufeinander und vermischten sich. Einige Juden und Griechen in Kolossä wurden in die Gemeinde hineingeführt. Als sie in das Gemeindeleben kamen, brachten sie ihre unterschiedlichen kulturellen Hintergründe mit. (Witness Lee, Life-Study of Colossians, Botschaft vierunddreißig, S. 293)

Dem setzt Paulus das Bekenntnis entgegen: „Denn in ihm ist alles in den Himmeln und auf der Erde geschaffen worden… alles ist durch ihn und für ihn geschaffen“ (Kolosser 1:16). Wenn alle Dinge in Christus geschaffen sind und in Ihm zusammengehalten werden, dann gibt es keinen neutralen oder geistlich irrelevanten Bereich. Nicht die Kultur, sondern Christus ist der Maßstab, an dem sich beurteilen lässt, was Leben trägt. „Und Er ist… das Haupt des Leibes, der Gemeinde“ (Kolosser 1:18): Damit wird klar, dass die Gemeinde nicht zur Ausprägung einer religiösen oder nationalen Kultur bestimmt ist, sondern dazu, den Christus sichtbar zu machen, der jede Kultur prüft, läutert und transzendiert.

Auch heute formen Herkunft, Bildung, Frömmigkeitsstil, gesellschaftliche Trends und philosophische Überzeugungen unsere Sicht auf Gott und Welt. Sie bringen vieles Wertvolle hervor, können aber, wenn sie unbefragt bleiben, den Blick auf den allumfassenden Christus verengen. Man kann in einer hochreflektierten, intellektuellen Welt leben und das Evangelium fast ausschließlich als Denksystem verstehen. Man kann aus einer stark traditionsgeprägten Umgebung kommen und Christus vor allem mit bestimmten Ritualen, Formen und Gefühlen verbinden. In beiden Fällen wird Christus leicht zum Anhängsel: Er bestätigt, was ohnehin wichtig ist, statt Herr über alles zu sein.

Die Schrift erinnert daran, dass Christus mehr ist als das religiöse Zentrum einer bestimmten Mentalität. „Da ist nicht Grieche und Jude… sondern Christus ist alles und in allen“ (Kolosser 3:11). Wo dieser Satz ernst genommen wird, relativiert sich die letzte Loyalität gegenüber jedem kulturellen Muster. Nicht, indem kulturelle Wurzeln verachtet würden, sondern indem sie ihren Ort unter Christus finden. So wird es möglich, das eigene Denken prüfen zu lassen, lieb gewordene Selbstverständlichkeiten zu hinterfragen und neu zu entdecken, wie reich Christus ist, wenn Er nicht mehr durch unsere Engführungen begrenzt wird. Darin liegt etwas Befreiendes: Die eigene Kultur, so wertvoll sie ist, muss nicht den letzten Horizont bilden. Der Horizont ist Christus selbst – größer als jede Tradition, tiefer als jede Philosophie, und fähig, auch die vertrautesten Prägungen zu heilen, zu reinigen und fruchtbar zu machen.

Denn in ihm ist alles in den Himmeln und auf der Erde geschaffen worden, das Sichtbare und das Unsichtbare, es seien Throne oder Herrschaften oder Gewalten oder Mächte: alles ist durch ihn und für ihn geschaffen; (Kol. 1:16)

und Er ist das Haupt des Leibes, der Gemeinde; Er ist der Anfang, der Erstgeborene von den Toten, damit Er Selbst in allen Dingen den ersten Platz einnehme; (Kol. 1:18)

Wer Christus bewusst über seine kulturellen, philosophischen und religiösen Prägungen stellt, gewinnt Freiheit: Freiheit, das Gute aus der eigenen Tradition anzunehmen, ohne darin gefangen zu sein, und Freiheit, in anderen Lebenswelten Christus zu erkennen, auch wenn Formen, Sprache und Ausdruck anders sind. So wird das eigene Christsein weniger eine Spiegelung der Umgebung und mehr eine wachsende Teilhabe an dem Christus, der größer ist als jede Kultur und doch jede Kultur liebevoll durchdringen will.

Christus in uns – Hoffnung der Herrlichkeit im Alltag

Der Christus, der als Bild des unsichtbaren Gottes die ganze Schöpfung umspannt und als Erstgeborener aus den Toten die neue Schöpfung eröffnet, bleibt nicht außerhalb unseres persönlichen Lebens. Paulus spricht von einem „Geheimnis“, das jetzt nicht mehr verborgen ist: „Christus in euch, die Hoffnung der Herrlichkeit“ (Kolosser 1:27). Das ist mehr als eine fromme Formel. Es bedeutet, dass derselbe Christus, in dem alles geschaffen ist, durch den Heiligen Geist Wohnung im Inneren der Glaubenden genommen hat. Der, in dem die Fülle Gottes wohnt, verbindet sich mit einem konkreten, begrenzten Menschenleben – mit seinen Fragen, Verletzungen, Hoffnungen.

Nach Vers 27 ist das Geheimnis unter den Nationen Christus in uns, die Hoffnung der Herrlichkeit. Hast du dir schon einmal bewusst gemacht, dass der Christus, der in dir ist, das Bild des unsichtbaren Gottes, die Fülle Gottes, der Erstgeborene der Schöpfung und der Erstgeborene aus den Toten ist? Ein solcher Christus ist in uns. (Witness Lee, Life-Study of Colossians, Botschaft vierunddreißig, S. 297)

Dadurch verändert sich das Verständnis von Herrlichkeit. Herrlichkeit ist nicht nur ein fernes, zukünftiges Leuchten jenseits dieser Welt, sondern eine Beziehung: Christus in uns ist die Hoffnung der Herrlichkeit. Das, was einmal vollkommen sichtbar werden wird, ist in Ihm schon gegenwärtig, wenn auch noch verhüllt. Paulus beschreibt seine eigene Aufgabe so: „den wir verkünden, indem wir jeden Menschen zurechtweisen und jeden Menschen in aller Weisheit lehren, damit wir jeden Menschen gereift in Christus darstellen“ (Kolosser 1:28). Es geht nicht um eine äußerliche Optimierung des Lebens, sondern um Wachstum in einer inneren Verbindung: dass Christus mehr und mehr Raum gewinnt, unser Denken, Fühlen und Handeln zu durchdringen.

Diese innere Wirklichkeit bewährt sich gerade im Alltag. Viele Spannungen entstehen, weil unser Inneres von anderen Maßstäben her geprägt ist: Leistungsdruck, Selbstbild, Ängste, kulturelle Erwartungen. Der allumfassende Christus bleibt dann leicht ein gedankliches Bekenntnis, ohne unser Erleben zu tragen. Wenn jedoch Situationen, Menschen, Entscheidungen in Bezug auf Ihn gesehen werden, verändert sich die Perspektive. Arbeit wird nicht nur Ort des Erfolgs oder der Überforderung, sondern Raum, in dem der in uns wohnende Christus Geduld, Wahrhaftigkeit und Treue wirkt. Beziehungen sind nicht nur Bühne für Sympathie oder Verletzung, sondern Gelegenheiten, in denen der Christus in uns liebt, vergibt und Grenzen setzt. So beginnt die Hoffnung der Herrlichkeit leise in konkrete Haltungen und Entscheidungen einzusickern.

Die Schrift beschreibt diesen Prozess als eine fortschreitende Verwandlung: „Wir alle aber, indem wir mit aufgedecktem Angesicht die Herrlichkeit des Herrn anschauen, werden verwandelt in dasselbe Bild von Herrlichkeit zu Herrlichkeit, wie vom Herrn, dem Geist“ (2. Korinther 3:18). Christus in uns ist die Quelle, das Anschauen Seiner Herrlichkeit ist der Weg, und eine wachsende Ähnlichkeit mit Ihm ist die Frucht. Das geschieht nicht spektakulär, sondern oft unscheinbar, durch viele kleine Akte des Vertrauens, durch das stille Einbeziehen des Herrn in Gedanken und Entscheidungen, durch das Ringen darum, nicht nur aus eigenen Kräften, sondern aus Seinem Leben zu leben.

denen Gott bekannt machen wollte, was der Reichtum der Herrlichkeit dieses Geheimnisses unter den Heiden ist, welches ist: Christus in euch, die Hoffnung der Herrlichkeit, (Kol. 1:27)

den wir verkünden, indem wir jeden Menschen zurechtweisen und jeden Menschen in aller Weisheit lehren, damit wir jeden Menschen gereift in Christus darstellen, (Kol. 1:28)

Wer an Christus in sich als Hoffnung der Herrlichkeit festhält, lebt nicht mehr aus der Last, alles aus eigener Kraft bewältigen zu müssen. Er darf sein inneres Erleben – Freude wie Ohnmacht, Klarheit wie Verwirrung – als Ort verstehen, an dem der in ihm wohnende Herr gegenwärtig ist und wirkt. So wächst ein Vertrauen, das den Alltag nicht verklärt, ihn aber von innen her mit einer leisen, tragfähigen Hoffnung durchzieht: Christus ist da, und Er wird das Gute, das Er begonnen hat, ans Licht bringen.


Herr Jesus Christus, Du bist das Bild des unsichtbaren Gottes, der Erstgeborene der ganzen Schöpfung und der Herr der neuen Schöpfung. Danke, dass Du nicht fern geblieben bist, sondern als Hoffnung der Herrlichkeit in uns wohnst und unser Leben mit der Fülle Gottes erfüllen willst. Wo unsere kulturellen Prägungen, unsere Philosophien und unsere eigenen Vorstellungen Dich verdunkeln, berühre unser Herz und erneuere unser Denken, damit wir Dich über alles stellen. Öffne uns die Augen, Dich in allem zu erkennen, was Du geschaffen hast, und hilf uns, die Welt und die Gemeinde von Dir her zu sehen. Stärke in uns das Vertrauen, dass Du alles in Deinen Händen hältst und uns in Deiner Gnade zum Ziel bringst. Lass Deine Herrlichkeit in unserem Alltag aufleuchten, damit unser ganzes Sein mehr und mehr Dein Ausdruck wird. Amen.

Englische Quelle: Life-Study of Colossians, Chapter 34

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