Das Wort des Lebens
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Christus im Gegensatz zur Kultur für den Neuen Menschen

11 Min. Lesezeit

Wir alle bringen unsere kulturellen Prägungen mit in den Glauben – Erziehung, Frömmigkeitsstil, Leistungsdenken, vielleicht auch philosophische oder religiöse Traditionen. Vieles daran wirkt respektabel oder sogar besonders fromm, und doch kann gerade das Feine und Hochstehende unserer Kultur uns unmerklich von der lebendigen Erfahrung Christi abziehen. Der Kolosserbrief legt eine verborgene Wurzel vieler Spannungen im Gemeindeleben frei und führt uns zugleich zu einem Christus, der größer ist als jede religiöse Form und jede kulturelle Identität.

Christus als Mittelpunkt statt frommer Kultur

Wer den Kolosserbrief aufmerksam liest, merkt, wie nüchtern Paulus die religiöse und philosophische Welt seiner Zeit betrachtet. Er beschäftigt sich nicht zunächst mit tröstenden Gefühlen oder moralischen Verbesserungen, sondern mit einer Person: Christus als dem Geheimnis Gottes. In Kolosser 2:2 heißt es, dass die Gläubigen zur „völligen Erkenntnis des Geheimnisses Gottes, Christus“ geführt werden sollen. Trost, Einheit, Gewissheit – all das ist Frucht, nicht Zentrum. Das Zentrum ist Christus selbst, der Brennpunkt des göttlichen Vorsatzes. Gerade deshalb geht Paulus so entschieden gegen alles vor, was sich fromm anfühlt und doch die Aufmerksamkeit von dieser Mitte wegzieht.

Der Brennpunkt des Kolosserbriefes ist nicht der Trost der Herzen, sondern Christus als das Geheimnis Gottes. Selbst 2:2, wo von getrösteten Herzen die Rede ist, macht dies deutlich: „damit ihre Herzen getröstet werden, vereinigt in Liebe und zu allem Reichtum der vollen Gewissheit des Verständnisses, zur vollen Erkenntnis des Geheimnisses Gottes, Christus“. Das Ergebnis des Getröstetwerdens unserer Herzen ist, dass wir die volle Erkenntnis Christi als des Geheimnisses Gottes haben. Daher ist der Brennpunkt nicht das getröstete Herz, sondern Christus als das Geheimnis Gottes. (Witness Lee, Life-Study of Colossians, Botschaft dreiunddreißig, S. 282)

Hinter den Themen, die Paulus anspricht – Demut, Engelverehrung, Askese, spekulative Einsichten – steht ein Geflecht aus Kultur. Jüdische Frömmigkeit, griechische Philosophie, römisches Denken waren nicht einfach Sündenregister, sondern hochentwickelte Systeme von Tugenden, Idealen und religiösen Leistungen. Genau darin liegt ihre Macht: Sie definieren, was als „geistlich“, „vernünftig“ oder „tief“ gilt. Kultur wirkt wie ein unsichtbares Betriebssystem: Es steuert unsere Reaktionen, nährt unausgesprochene Vergleiche, formt Maßstäbe, nach denen wir uns und andere einordnen. So kann sogar eine beeindruckende Demut zu einem subtilen Werkzeug der Selbstkontrolle und des Urteils über andere werden.

Paulus entlarvt diese verborgene Dynamik, wenn er warnt: „Lasst euch um den Kampfpreis von niemandem bringen, der seinen eigenen Willen tut in Demut und Anbetung der Engel … ohne Ursache aufgeblasen von dem Sinn seines Fleisches“ (Kol. 2:18). Fromme Kultur kann uns „des Preises berauben“, ohne dass wir es bemerken. Man fühlt sich streng, diszipliniert, tief – und doch entfernt man sich von der Einfachheit, Christus selbst zu genießen. Engel, Visionen, strenge Regeln, tiefe Einsichten – all das kann zur Bühne werden, auf der das Ich religiös auftritt. Was nach Hingabe aussieht, kann in Wahrheit eine raffinierte Form des Eigenlebens sein, das sich seiner kulturellen Muster bedient.

Dem stellt der Kolosserbrief eine andere Wirklichkeit gegenüber: Christus als das Bild des unsichtbaren Gottes, als die Fülle Gottes, als derjenige, in dem „alle Schätze der Weisheit und Erkenntnis verborgen sind“ (vgl. Kolosser 1:15, 19; 2:3). Gottes Weg, Kultur – auch fromme Kultur – zu entmachten, besteht nicht zuerst im Zerschlagen aller äußeren Formen, sondern im Offenbaren einer größeren Herrlichkeit. Gegenüber der Fülle Christi werden selbst edle Tugenden relativ: Sie sind nicht mehr Maßstab, sondern bestenfalls Ausdruck dessen, was Christus in uns wirkt. Wo dieser Christus im Herzen Raum gewinnt, beginnt das unsichtbare Betriebssystem der Kultur seine selbstverständliche Autorität zu verlieren.

damit ihre Herzen getröstet werden und sie in Liebe und zu allem Reichtum der völligen Gewissheit des Verständnisses miteinander verknüpft werden, zur völligen Erkenntnis des Geheimnisses Gottes, Christus, (Kol. 2:2)

Laßt euch um den Kampfpreis von niemandem bringen, der seinen eigenen Willen tut in Demut und Anbetung der Engel, der auf Dinge eingeht, die er (in Visionen) gesehen hat, ohne Ursache aufgeblasen von dem Sinn seines Fleisches, (Kol. 2:18)

Wenn Christus als Geheimnis Gottes zur Mitte unseres Denkens wird, verliert die Kultur – auch die fromme – ihre unbemerkte Herrschaft. In dieser Verschiebung vom System zur Person beginnt echte Freiheit: Wir sind nicht länger Gefangene dessen, was „man“ so macht, sondern dürfen Schritt für Schritt aus der Fülle dessen leben, in dem alle Schätze verborgen sind. Das schenkt Ruhe, weil der Maßstab nicht mehr unsere kulturelle Perfektion ist, sondern die Treue dessen, der in uns wohnt.

Christus, unser Leben und der eine neue Mensch

Nachdem Paulus den überragenden Christus vorgestellt hat, zieht er eine überraschend innere Konsequenz: Dieser Christus ist nicht nur Herr und Vorbild, er ist unser Leben. Kolosser 3:4 sagt: „Wenn Christus, unser Leben, offenbar gemacht wird, dann werdet auch ihr zusammen mit Ihm in Herrlichkeit offenbar gemacht werden.“ Leben ist mehr als Verhalten; es ist Quelle, Antrieb, spontane Regung. So wie unser natürliches Leben bedingt, wie wir fühlen, denken und handeln, soll Christus als göttlich-menschliches Leben zur tiefsten Wirklichkeit unseres Seins werden. Christsein ist dann nicht vorrangig Nachahmung, sondern Teilhabe an einer anderen Lebensquelle.

Der Kolosserbrief offenbart, dass Christus in Gottes Ökonomie alles ist. Christus ist das Teil der Heiligen, das Bild des unsichtbaren Gottes, der Erstgeborene der Schöpfung, das Geheimnis der Ökonomie Gottes, der Erstgeborene aus den Toten, die Fülle Gottes, das Geheimnis Gottes, derjenige, in dem alle Schätze der Weisheit und der Erkenntnis verborgen sind, und der Körper aller Schatten. Letztlich ist dieser hervorragende, allumfassende Christus der einzigartige Bestandteil des neuen Menschen. Außerdem ist, wie Paulus in 3:4 sagt, dieser Christus unser Leben. (Witness Lee, Life-Study of Colossians, Botschaft dreiunddreißig, S. 285)

Dieser Christus ist zugleich der einzigartige Bestandteil des einen neuen Menschen. In Kolosser 3:10 beschreibt Paulus, dass wir „den neuen Menschen angezogen habt, der zur völligen Erkenntnis nach dem Bild dessen erneuert wird, der ihn geschaffen hat“. Es geht nicht um ein fromm überarbeitetes altes Selbst, sondern um ein von Gott erschaffenes Menschsein, dessen innerer Inhalt Christus ist. Dieses Bild wird in Kolosser 3:11 konkret: „wo es nicht geben kann Grieche und Jude, Beschneidung und Unbeschnittenheit, Barbar, Skythe, Sklave, Freier, sondern Christus ist alles und in allen.“ Kultur, Religion, Bildung, soziale Stellung – all das tritt als identitätsstiftende Kraft in den Hintergrund, weil eine neue, gemeinsame Identität über uns gelegt ist.

Epheser 2:15 beschreibt, wie tief diese Neubildung reicht: Christus hat am Kreuz „in seinem Fleisch die Feindschaft abgetan, das Gesetz der Gebote in Satzungen …, um die zwei in sich selbst zu einem neuen Menschen zu schaffen, Frieden stiftend“. Die trennenden Satzungen wurden nicht um der Harmonie willen relativiert, sondern um einer neuen Menschheit willen beendet. In Christus werden sehr unterschiedliche Menschen nicht nur versöhnt, sondern aus demselben „Baustoff“ geformt: Der Christus, der unser Leben ist, bildet zugleich die Substanz dieses neuen Menschen. Wo diese Realität Raum bekommt, hören wir auf, uns primär als Produkte einer bestimmten Nation, Tradition oder Milieus zu verstehen.

Das hat unmittelbare Folgen für das Gemeindeleben. Wenn Christus unser Leben ist, kann keine Frömmigkeitstradition, keine theologische Schule, kein kultureller Stil mehr definieren, wer wir im Kern sind. Solche Prägungen verschwinden nicht, aber sie verlieren das Recht, über Gemeinschaft zu entscheiden. In der Praxis bedeutet das: Nicht Bildung, Geschmack oder liturgische Vorliebe geben den Ton an, sondern der Anteil Christi in uns. Wo er „alles und in allen“ ist, beginnt eine Einheit, die nicht durch Gleichförmigkeit, sondern durch eine gemeinsame innerliche Person getragen wird.

Wenn Christus, unser Leben, offenbar gemacht wird, dann werdet auch ihr zusammen mit Ihm in Herrlichkeit offenbar gemacht werden. (Kol. 3:4)

und den neuen Menschen angezogen habt, der zur völligen Erkenntnis nach dem Bild dessen erneuert wird, der ihn geschaffen hat, (Kol. 3:10)

Christus als unser Leben und als Inhalt des neuen Menschen zu erkennen, entzieht vielen stillen Trennungen die Grundlage. Es wird leichter, sich selbst und andere nicht mehr zuerst durch die Brille von Kultur, Geschmack oder Frömmigkeitsstil zu sehen, sondern durch die Brille dessen, der in allen wohnt. Das schenkt Hoffnung für Beziehungen, die menschlich schwierig sind, und macht Mut, dass echte Einheit nicht auf unserer Übereinstimmung ruht, sondern auf der Realität eines Christus, der alles und in allen ist.

Friede, Wort und Gebet: Wie Christus unsere Kultur überwindet

Die Überlegenheit Christi gegenüber jeder Kultur bleibt im Kolosserbrief nicht theoretisch. Paulus führt sie in unser Inneres hinein, wenn er schreibt: „Und lasst den Frieden Christi Schiedsrichter sein in euren Herzen, zu dem ihr auch berufen worden seid in einem Leib; und seid dankbar“ (Kol. 3:15). Das Bild des Schiedsrichters ist eindringlich. In einem Spiel endet der Streit, wenn der Pfiff ertönt; so will der Friede Christi in unserem Innern wirken. Er bringt unsere kulturgeprägten Empfindlichkeiten, unsere eingefleischten Meinungen, unsere frommen „Ismen“ zur Ruhe. Nicht indem er alles nivelliert, sondern indem er eine andere Autorität einführt: die Gegenwart Christi in unserem Herzen.

In 3:15 und 16 fordert Paulus uns auf, den Frieden Christi in unseren Herzen schiedsrichterlich walten zu lassen und das Wort Christi reichlich in uns wohnen zu lassen. Wenn wir den Frieden Christi in unseren Herzen schiedsrichterlich walten lassen, wird dieser Frieden alle Streitigkeiten unter uns schlichten. So wie in einem Spiel oder Wettkampf ein Schiedsrichter nötig ist, um Streitigkeiten zu entscheiden, so brauchten auch die Kolosser einen Schiedsrichter, einen Schlichter, um alle unterschiedlichen Meinungen zur Ruhe zu bringen. (Witness Lee, Life-Study of Colossians, Botschaft dreiunddreißig, S. 286)

Wenn der Friede Christi so regiert, verlieren religiöse Vorlieben ihren absoluten Anspruch. Debatten über Stilfragen, über richtige Formen und Traditionen werden nicht notwendigerweise weniger, aber sie bekommen ein anderes Gewicht. Der Frieden fragt leise: Dient diese Meinung wirklich der Wirklichkeit, dass wir „in einem Leib“ berufen sind, oder verteidigen wir nur unser Terrain? Indem dieser innere Schiedsrichter spricht, entsteht Raum für Dankbarkeit. „Seid dankbar“ ist am Ende von Kolosser 3:15 nicht eine fromme Zugabe, sondern ein Hinweis darauf, dass dankbares Erkennen der Gnade Gottes viele sekundäre Konflikte entmachtet.

Untrennbar damit verbunden steht der nächste Satz: „Lasst das Wort Christi reichlich in euch wohnen in aller Weisheit“ (Kol. 3:16). Der Christus, dessen Friede regiert, will auch mit seinem Wort in uns wohnen – nicht gelegentlich, sondern reichlich. Dieses Wort ist mehr als Information; es ist, verbunden mit dem Geist, eine gegenwärtige Ansprache. Es heißt in Johannes 6:63: „Die Worte, die ich zu euch geredet habe, sind Geist und sind Leben.“ Wo das Wort Christi reichlich wohnt, entsteht eine innere Atmosphäre, die stärker ist als unsere eingeübten Denkmuster.

Damit dieses Wohnen des Wortes Christi nicht Theorie bleibt, lenkt Paulus den Blick auf ein Leben des Gebets. „Seid beharrlich im Gebet und wacht darin mit Danksagung“ (Kol. 4:2), heißt es. Beharrliches Gebet ist nicht in erster Linie eine Folge von Disziplin, sondern Ausdruck dieser inneren Wirklichkeit: Der Friede Christi richtet, das Wort Christi spricht – und das Herz antwortet im Gespräch mit Gott. In diesem Austausch werden kulturelle Reflexe sichtbar. Man merkt, wie sehr bestimmte Reaktionen, Ängste oder Verurteilungen nicht aus Christus, sondern aus gewohnten Mustern kommen. Gerade im Gebet, wo wir uns vor Gott nicht verstellen können, treten solche Prägungen ans Licht.

Und lasst den Frieden Christi Schiedsrichter sein in euren Herzen, zu dem ihr auch berufen worden seid in einem Leib; und seid dankbar. (Kol. 3:15)

Lasst das Wort Christi reichlich in euch wohnen in aller Weisheit, indem ihr einander lehrt und zurechtweist mit Psalmen und Lobliedern und geistlichen Liedern und indem ihr Gott mit Gnade in euren Herzen singt. (Kol. 3:16)

Wo der Friede Christi als Schiedsrichter wirkt, das Wort Christi reichlich wohnt und das Gebet nicht versiegt, wird Christus im Alltag erfahrbar stärker als unsere Prägungen. Das eröffnet die Aussicht, dass selbst tiefsitzende kulturelle Muster nicht das letzte Wort behalten. Schritt für Schritt kann ein inneres Klima wachsen, in dem wir nicht mehr von Meinungen getrieben sind, sondern von der stillen, tragenden Gegenwart dessen, der unser Leben, unser Friede und unser Gesprächspartner ist.


Herr Jesus Christus, du bist größer als jede Kultur, als jede Tradition und als alle Meinungen in unserem Herzen. Danke, dass du am Kreuz alles überwunden hast, was uns voneinander trennt, und dass du unser Leben, unser Friede und unser innerer Richter sein willst. Lehre uns, in deinem Frieden zu bleiben, damit unsere verborgenen Maßstäbe verstummen und deine Gegenwart den Raum unseres Herzens erfüllt. Lass dein Wort reichlich in uns wohnen und So präge du unser Denken, unser Miteinander und unser ganzes Leben, damit in uns und unter uns sichtbar wird, dass Christus alles und in allen ist. Amen.

Englische Quelle: Life-Study of Colossians, Chapter 33

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