Das Wort des Lebens
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Christus – unser Leben

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Viele Christen wissen, dass Jesus ihr Retter ist, aber nur wenige leben wirklich aus der tiefen Wirklichkeit, dass Christus ihr Leben ist. Zwischen geschäftigem religiösem Tun, frommen Idealen und innerer Erschöpfung entsteht die Frage: Wo ist das kraftvolle, neue Leben, das das Neue Testament verheißt? Die Antwort liegt nicht in mehr Anstrengung, sondern in dem, was Gott in Christus durch Kreuz und Auferstehung getan hat und wie Er heute als Geist in Seiner Gemeinde gegenwärtig ist.

Der verarbeitete Gott – Christus als lebengebender Geist

Wenn das Neue Testament davon spricht, dass Gott „verarbeitet“ wurde, greift es ein Geheimnis auf, das sich durch die ganze Schrift zieht: Der eine, ewige Gott bleibt nicht fern und unberührt, sondern geht durch eine Folge göttlicher Schritte hindurch, um für uns durch und durch zugänglich zu werden. In 1. Mose begegnet Er uns als der Schöpfer, der alle Dinge ins Dasein ruft. In der Fülle der Zeit wird dieser Schöpfer in Jesus Christus Mensch, nimmt unsere Menschheit und mit ihr die ganze Schöpfung an sich, geht ans Kreuz, wird begraben, steht auf und fährt in den Himmel auf. Jeder dieser Schritte „verarbeitet“ Ihn gleichsam – nicht indem Er an Göttlichkeit verliert, sondern indem Er alles durchdringt, was uns betrifft: Menschsein, Leiden, Tod, Auferstehung, Verherrlichung. So wird der ferne Gott zum Gott-mit-uns, und der Gott-mit-uns wird durch Kreuz und Auferstehung zum Gott-in-uns.

In der vergangenen Ewigkeit existierte Gott allein. Dann schuf Er in der Zeit alle Dinge. Zu einem bestimmten Zeitpunkt in der Geschichte wurde dieser schaffende Gott, der Schöpfer von allem, ein Mensch. Dieser entscheidende Schritt wird Menschwerdung genannt. Durch die Menschwerdung zog Gott den Menschen mit der ganzen Schöpfung an, denn der Mensch ist das Haupt der Schöpfung. Der Herr Jesus, Gott im Fleisch, lebte dreiunddreißigeinhalb Jahre auf der Erde. Als Er gekreuzigt wurde, wurde die ganze Schöpfung mit Ihm gekreuzigt. Das bedeutet, dass nicht nur Christus an das Kreuz ging, sondern dass der Mensch selbst, den Gott mit der gesamten Schöpfung auf Sich genommen hatte, mit Ihm an das Kreuz ging. Daher war der Tod Christi am Kreuz eine allumfassende Kreuzigung. (Witness Lee, Life-Study of Colossians, Botschaft siebenundzwanzig, S. 228)

Die Schrift fasst diese Verwandelung in einem kühnen Satz zusammen: „Dies aber sagte Er über den Geist, den jene empfangen sollten, die in Ihn hineinglauben; denn der Geist war noch nicht, weil Jesus noch nicht verherrlicht worden war“ (Joh. 7:39). Der Geist, von dem hier die Rede ist, ist nicht einfach nur die ewige Gottheit, sondern der Geist des verherrlichten Christus, der alle Stationen des Heilsweges in sich trägt. Wie das zusammengesetzte Salböl in 2. Mose 30 göttliches Öl, Gewürze und Pflanzen in sich vereint, so enthält der lebengebende Geist heute die Göttlichkeit, das wahre Menschsein, die Süßigkeit des Todes, die Kraft der Auferstehung und die Wirklichkeit der Himmelfahrt. Wenn wir von Christus als unserem Leben reden, sprechen wir deshalb nicht von einer Idee, sondern von diesem allumfassenden, lebengebenden Geist, der in den Glaubenden Wohnung genommen hat.

Darin liegt eine große Befreiung: Die Wirksamkeit des Kreuzes ist nicht etwas, das wir mühsam aktivieren müssten, sondern sie wohnt bereits in dem Geist, der in uns lebt. „Oder wisst ihr nicht, dass alle von uns, die in Christus Jesus hineingetauft worden sind, in Seinen Tod hineingetauft worden sind?“ (Röm. 6:3). Wer an Christus glaubt, ist von Gott in diesen verarbeiteten Christus hineingestellt worden; Gott rechnet ihn als mit Christus gekreuzigt, mit Ihm begraben, mit Ihm auferweckt und mit Ihm in die himmlische Sphäre versetzt. Dadurch wird das Werk des Kreuzes von einer fernen Geschichtstatsache zu einer inneren Kraft, die unser natürliches Leben durchdringt und umgestaltet, auch wenn wir selbst diese Tiefen oft kaum überschauen.

Gottes Ziel mit dieser ganzen göttlichen „Verarbeitung“ ist, dass Christus nicht nur für uns, sondern in uns Leben sei. „Und die, die Er vorherbestimmt hat, diese hat Er auch berufen; und die, die Er berufen hat, diese hat Er auch gerechtfertigt; und die, die Er gerechtfertigt hat, diese hat Er auch verherrlicht“ (Röm. 8:30). In Gottes Sicht ist der Weg von der vergangenen Ewigkeit bis zu unserer Verherrlichung ein zusammenhängender Bogen: alles vollzogen in Christus, alles zugänglich im Geist. Auch wenn wir uns im Alltag schwach, schwankend und irdisch erleben, wohnt in unserem Geist der verarbeitete Gott als lebengebender Geist. Dieses Bewusstsein lässt uns still staunen: Der, der Himmel und Erde geschaffen, das Kreuz erduldet und den Tod überwunden hat, ist derselbe, der heute unser verborgenes, aber reales Leben ist. Daraus wächst leise eine neue Zuversicht, nicht auf uns, sondern auf Ihn in uns.

Dies aber sagte Er über den Geist, den jene empfangen sollten, die in Ihn hineinglauben; denn der Geist war noch nicht, weil Jesus noch nicht verherrlicht worden war. (Joh. 7:39)

Oder wisst ihr nicht, dass alle von uns, die in Christus Jesus hineingetauft worden sind, in Seinen Tod hineingetauft worden sind? (Röm. 6:3)

Wer ahnt, wie tief Gott sich in Christus „verarbeitet“ hat, um als lebengebender Geist in uns zu wohnen, muss sich nicht länger auf die Kraft des eigenen natürlichen Lebens stützen. Inmitten von Schwachheit, Versuchung und innerer Zerrissenheit dürfen wir damit rechnen, dass der allumfassende Christus in uns gegenwärtig ist – mit dem Gewicht Seines Kreuzes und der Kraft Seiner Auferstehung. Seine Geschichte ist in den Geist hineingegangen, den wir empfangen haben; so wird unser wechselhaftes Empfinden von einer beständigen Wirklichkeit getragen: Christus selbst ist unser Leben.

Die Realität des Kreuzes – nicht Askese, sondern der Geist

Wo Christen ehrlich nach Nachfolge verlangen, taucht fast unweigerlich die Frage nach dem Kreuz auf – und mit ihr die Gefahr, in eine fromme Selbstquälerei abzugleiten. Askese will das Ich durch harte Übungen disziplinieren: weniger genießen, mehr verzichten, strenger sein mit sich selbst. Äußerlich mag das ernst wirken, innerlich bleibt jedoch oft das gleiche Selbst am Steuer, nur in religiöser Verkleidung. Das Neue Testament zeichnet einen anderen Weg. Wenn es vom Kreuz spricht, denkt es nicht zuerst an selbstgewählte Leiden, sondern an die objektive Tatsache von Christi Tod und an die lebendige Gegenwart des Geistes, der diesen Tod in sich trägt.

In unserer täglichen christlichen Erfahrung müssen wir den Unterschied kennen zwischen dem Praktizieren von Askese und dem Gehen des Weges des Kreuzes. Das Kreuz zu nehmen bedeutet gewiss nicht, uns selbst in irgendeiner Weise leiden zu lassen. Einige Heilige mögen sagen, das Kreuz zu erfahren bedeute, unseren Glauben auszuüben, um das, was Christus auf Golgatha vollbracht hat, auf unsere Situation anzuwenden. Aber selbst dies kann eine subtile Form von Askese sein. (Witness Lee, Life-Study of Colossians, Botschaft siebenundzwanzig, S. 231)

Die Wirksamkeit des Kreuzes ist darum nicht ein Feld, in dem wir uns selbst heroisch beweisen sollen, sondern ein Raum, in dem der Geist die Initiative ergreift. Wo Er freies Spiel hat, beginnt Er von innen her, das alte Ich, verborgenen Stolz, heimliche Begierden und auch religiösen Ehrgeiz dem Urteil des Kreuzes zu unterstellen. Oft geschieht das leise: in einer Überführung, einem inneren Licht, einer neuen Empfindsamkeit für das, was Christus ehrt oder entstellt. Dasselbe Wirken, das uns sterben lässt, führt uns zugleich in die Kraft der Auferstehung hinein, sodass das, was Gott verurteilt, nicht nur verurteilt bleibt, sondern im selben Christus zu einem neuen Maß an Leben verwandelt wird.

So wird eine kurze Aussage wie „Denn zu leben ist für mich Christus und zu sterben ist Gewinn“ (Phil. 1:21) zur Beschreibung eines inneren Prozesses: Das alte Zentrum, das sich ständig selbst in den Mittelpunkt rückt, verliert nach und nach seine Zugkraft; Christus wird tatsächlich der Inhalt, aus dem heraus Denken, Reden und Handeln gespeist werden. Der Weg dahin führt nicht über immer strengere asketische Vorsätze, sondern über das schlichte Offenhalten vor dem Geist: Er selbst wendet die Todeswirkung des Kreuzes an und führt zugleich in die Weite der Auferstehung. Wo Er sich durchsetzt, wird der Alltag zwar nicht bequemer, aber wahrhaftiger; nicht äußerlich heroischer, aber innerlich klarer und freier.

Gerade darin liegt Trost für alle, die an sich selbst verzweifeln: Das Kreuz Christi ist keine Hürde, an der besonders starke Christen brillieren, sondern die Kraft Gottes, die im Leben der Schwachen wirksam wird. Wenn der Geist das Kreuz auf unsere Selbstsucht, unsere Bitterkeit oder unsere religiösen Masken legt, tut Er es nicht, um uns zu zerstören, sondern um Raum für das wahre Leben Christi zu schaffen. Je mehr wir lernen, dieser inneren Bewegung zu vertrauen, desto weniger müssen wir uns über uns selbst krümmen. Dann beginnt das Kreuz, das zuvor nur ein Symbol oder ein Ideal war, die verborgene Form unseres Lebens zu werden – schmerzhaft und heilsam zugleich, und durchzogen von einer leisen Freude, dass Christus in allem gewinnt.

Denn zu leben ist für mich Christus und zu sterben ist Gewinn. (Phil. 1:21)

Weil der Geist die ganze Wirksamkeit des Kreuzes in sich trägt, muss Nachfolge nicht in einen Kampf gegen den eigenen Körper oder in religiöse Härte ausarten. Entscheidend ist, dass Christus in uns Raum gewinnt, Sein Licht senden und unsere inneren Beweggründe ans Kreuz bringen kann. Wo Er so wirkt, verliert Askese ihren Reiz, und an ihre Stelle tritt ein stilles, aber kraftvolles Sterben mit Christus, das unmittelbar in Auferstehungsleben mündet. In dieser Erfahrung wird „zu leben ist Christus“ nicht zu einer Forderung, sondern zu einer wachsenden Wirklichkeit, in der unser Alltag von innen her neu geordnet wird.

Verborgen mit Christus – ein himmlisches Leben in der Gemeinde

Kolosser 3 öffnet einen Blick in eine Wirklichkeit, die sich unserem natürlichen Empfinden entzieht: „Denn ihr seid gestorben, und euer Leben ist zusammen mit Christus in Gott verborgen“ (Kol. 3:3). In Gottes Sicht ist der Gläubige nicht nur innerlich ein wenig verändert, sondern in eine neue Sphäre versetzt worden: in Christus, in Gott, im Himmel. Christus sitzt zur Rechten Gottes und ist zugleich unser Leben; wir sind in Ihm, und Er ist in uns. Dieses Geflecht von „in Ihm“, „in Gott“ und „droben“ ist mehr als fromme Sprache – es beschreibt die neue Heimat unseres Lebens, auch wenn unsere Gefühle und Umstände oft das Gegenteil zu beweisen scheinen.

Anhand des Diagramms sehen wir, dass die Himmel mit der Gemeinde verbunden sind; daher bedeutet in den Himmeln zu leben einfach, in der Gemeinde zu leben, denn die Gemeinde und die Himmel sind eins. Aus diesem Grund sollte es in der Gemeinde keinerlei Elemente der Welt geben. Heute in der Gemeinde zu sein bedeutet, in den Himmeln zu sein, und in den Himmeln zu sein bedeutet, in der Gemeinde zu sein. (Witness Lee, Life-Study of Colossians, Botschaft siebenundzwanzig, S. 233)

Gerade weil dieses Leben „verborgen“ ist, tritt es nicht lärmend und spektakulär auf. Es drängt sich nicht in die Schlagzeilen, sucht nicht die Bühne und wird doch von Gott als kostbare Realität gesehen. Christus selbst ist heute, menschlich gesprochen, verborgen: missverstanden, verspottet, zurückgewiesen und doch vor dem Vater in Herrlichkeit. Wer mit Ihm verbunden ist, teilt dieses Schicksal. Der Alltag eines Christen kann unscheinbar, mühsam, von Missverständnissen oder sogar Leid durchzogen sein – und dennoch trägt Gott darin ein verborgenes, himmlisches Leben, das nicht aus dieser Welt stammt. Die Schrift fügt darum hinzu: „Wenn Christus, unser Leben, offenbar gemacht wird, dann werdet auch ihr zusammen mit Ihm in Herrlichkeit offenbar gemacht werden“ (Kol. 3:4). Was heute verborgen bleibt, wird einmal offen sichtbar werden, sogar an unseren Leibern.

Diese himmlische Wirklichkeit ist untrennbar mit der Gemeinde verbunden. Wo sich Menschen im Namen Jesu versammeln und im Geist leben, dort berühren sie die Sphäre „droben“. Der Hebel ist nicht Äußerlichkeit, Form oder religiöse Leistung, sondern das gemeinsame Leben aus Christus. Wenn die Schrift von der Freiheit der Herrlichkeit der Kinder Gottes spricht, ist damit nicht nur ein individuelles Glück gemeint, sondern eine gemeinsam geteilte Wirklichkeit: „in der Hoffnung, dass auch die Schöpfung selbst von der Sklaverei der Verderblichkeit befreit werden wird hinein in die Freiheit der Herrlichkeit der Kinder Gottes“ (Röm. 8:21). Diese Freiheit beginnt dort aufzuscheinen, wo das wahre Gemeindeleben die Enge des Eigenlebens und die Schwere dieser Welt durchdringt.

Deshalb ist die Gemeinde, so unscheinbar und fehlerhaft sie sich oft zeigt, der Ort, an dem das verborgene, himmlische Leben konkret Gestalt annimmt. Nicht weil die Gemeinde menschlich beeindruckend wäre, sondern weil Christus selbst ihr Leben ist. In einem schlichten Gebet, in geteiltem Schmerz, in gegenseitigem Tragen und Ermahnen blitzt etwas von jener kommenden Herrlichkeit auf, die noch verhüllt ist. Wer dieses Geheimnis ein wenig sieht, wird nicht erstaunt sein, dass Gott uns gerade jetzt in der Verborgeneit hält. Die Zeit der Offenbarung kommt; bis dahin darf unser Herz ruhiger werden: Es genügt, dass Christus unser Leben ist – verborgen in Gott, aber sicher, unzerstörbar und bestimmt, einmal in Herrlichkeit aufzubrechen.

Denn ihr seid gestorben, und euer Leben ist zusammen mit Christus in Gott verborgen. (Kol. 3:3)

Wenn Christus, unser Leben, offenbar gemacht wird, dann werdet auch ihr zusammen mit Ihm in Herrlichkeit offenbar gemacht werden. (Kol. 3:4)

Die Tatsache, dass unser Leben mit Christus in Gott verborgen ist, entlastet von dem Druck, sich selbst ständig beweisen oder sichtbar machen zu müssen. Wahrer Wert liegt nicht in äußerer Wirkung, sondern in der unsichtbaren Verbindung mit Christus und in dem schlichten, treuen Leben im Leib Christi. In der Gemeinde berühren wir etwas von der himmlischen Sphäre, noch verborgen, aber real. Diese Perspektive schenkt Mut, unscheinbare Wege zu gehen, Missverständnisse zu ertragen und dennoch innerlich aufgerichtet zu bleiben – im Vertrauen darauf, dass derselbe Christus, der jetzt unser verborgenes Leben ist, einmal unsere Herrlichkeit sein wird.


Herr Jesus Christus, Du bist nicht nur unser Retter, sondern unser wahres Leben, das mit Dir in Gott verborgen ist. Danke, dass Du als verarbeiteter Gott durch Kreuz und Auferstehung zum lebengebenden Geist geworden bist und jetzt in uns wohnst. Stärke in uns den Glauben, dass wir mit Dir gestorben, auferstanden und in die himmlische Wirklichkeit versetzt sind, auch wenn unser Alltag oft so irdisch aussieht. Richte unseren Blick weg von äußerer religiöser Leistung hin zu Dir selbst, damit die Kraft Deines Kreuzes und die Freude Deiner Auferstehung unser Inneres durchdringen. Lass unser Gemeindeleben ein stiller, aber kraftvoller Ausdruck Deiner Gegenwart im Himmel und auf Erden sein, bis Du offenbar wirst und wir mit Dir in Herrlichkeit erscheinen. Amen.

Englische Quelle: Life-Study of Colossians, Chapter 27

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