Das Wort des Lebens
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Die Erfahrung des Todes Christi im Gegensatz zum Asketismus

10 Min. Lesezeit

Viele Christen spüren, dass ihr Glaube mehr sein muss als ein Katalog von Regeln: Was darf ich essen, anfassen, genießen – und was nicht? Historisch haben sich immer wieder asketische Strömungen in die Christenheit eingeschlichen, die Strenge mit Spiritualität verwechseln. Doch das Neue Testament entfaltet eine andere Wirklichkeit: Gott hat uns nicht einen religiösen Lebensstil geschenkt, sondern eine Person – Christus – und einen Weg – das Kreuz. Wer diese Linie versteht, lernt, das eigene Christenleben nicht über äußerliche Vorschriften, sondern über die innere Erfahrung von Christi Tod und Auferstehung zu sehen.

Eine Person – Christus als Zentrum statt religiöser Ersatzformen

Gott begegnet der Verwirrung unserer Zeit nicht mit einem neuen System, sondern mit einer Person. Sein Heilsplan ist nicht ein Baukasten aus Methoden, Regeln und Erfahrungen, sondern der allumfassende Christus selbst. In Ihm ist Gott Mensch geworden, in Ihm verdichtet sich die Wirklichkeit jedes positiven Dinges, das Gott geschaffen hat. Darum ist alles, was neben Christus tritt, um unsere geistliche Identität zu tragen – sei es Philosophie, mystische Sondererfahrung oder strenge Religiosität – im Grunde ein Rückschritt. Es mag beeindruckend aussehen, aber es ersetzt die einfache, tiefe Beziehung zu dieser lebendigen Person. Wenn im Kolosserbrief von „Elementen der Welt“ die Rede ist, geht es genau um solche kindlichen, äußerlichen Prinzipien, die das Herz von der Fülle Christi abziehen. Hier heißt es: „Wenn ihr zusammen mit Christus gestorben seid, los von den Elementen der Welt, warum lasst ihr euch da Verordnungen auferlegen, als würdet ihr noch in der Welt leben“ (Kol. 2:20). Wer sieht, wer Christus ist, beginnt zu spüren, wie klein und eng alle religiösen Ersatzformen dagegen sind.

In Seiner Ökonomie gibt Gott uns eine Person und einen Weg. Die eine Person ist der hervorragende, allumfassende Christus, und der eine Weg ist das Kreuz. Als der Allumfassende ist Christus alles für uns. Er ist Gott, Mensch und die Wirklichkeit jeder positiven Sache im Universum. Gott hat uns diese wunderbare Person gegeben, damit sie unsere Errettung ist. (Witness Lee, Life-Study of Colossians, Botschaft sechsundzwanzig, S. 220)

Christus ist nicht nur eine Hilfe auf unserem Weg, Er ist selbst der Brennpunkt des ganzen Universums und unser zugeloster Anteil. In Ihm ist Gott uns nahegekommen, in Ihm ist Vergebung, Gerechtigkeit und ein neues Leben, das aus der Gemeinschaft mit Ihm fließt. Wenn dieses innere Sehen aufleuchtet, verliert das Bedürfnis, sich über besondere Praktiken, Ernährungsweisen oder asketische Leistungen zu definieren, seine Faszination. Die Frage verschiebt sich: nicht mehr „Was unterscheidet mich von den anderen?“, sondern „Wer ist mir Christus in dieser Situation?“. So wird das Leben schlicht und zugleich reich. Anstatt uns in religiösen Formen zu verlieren, gewinnen wir eine stille Freiheit, in der Christus selbst unser Ruhm, unsere Sicherheit und unsere Freude wird. Das entlastet nicht nur unser Gewissen, sondern macht das Herz weit: Schritt für Schritt lernen wir, in Familie, Beruf und Gemeindeleben aus der Gegenwart dieser einen Person zu leben, statt uns an religiösen Schablonen abzuarbeiten.

Wenn ihr zusammen mit Christus gestorben seid, los von den Elementen der Welt, warum lasst ihr euch da Verordnungen auferlegen, als würdet ihr noch in der Welt leben: (Kol. 2:20)

Die Entdeckung, dass Gott uns nicht viele Dinge, sondern eine Person geschenkt hat, wirkt wie eine sanfte Entflechtung: vieles, woran man sich mühsam festhielt, verliert seine absolute Bedeutung. Wo Christus als der allumfassende Mittelpunkt innerlich klar vor Augen steht, darf das eigene geistliche Leben einfacher, ehrlicher und zugleich tiefer werden. Die Seele muss sich nicht mehr durch Leistung auszeichnen; sie darf zur Ruhe kommen bei dem, der selbst unsere Gerechtigkeit, unsere Weisheit und unsere Heiligung ist. In diesem Licht werden religiöse Ersatzformen durchsichtig. Man merkt: Sie tragen nicht wirklich, wenn es ernst wird. Der lebendige Christus aber bleibt – in Versuchung, in Schuld, in Freude. Darin liegt eine leise, aber kraftvolle Ermutigung: Der Weg in die Fülle führt nicht hinauf auf die Stufen besonderer Strenge, sondern hin zu der Person, die Gott in unsere Nähe gestellt hat. Wer sich an Ihn hält, bleibt nicht arm, auch wenn manches Äußere wegfällt; im Gegenteil, er beginnt, den Reichtum zu kosten, der in dieser einen Person verborgen ist.

Ein Weg – das Kreuz statt Asketismus

Askese setzt beim Körper an: Einschränkungen, Verbote, strenge Handhabung des Leibes sollen das Innere reinigen und den Menschen geistlich machen. Paulus fasst diese Denkweise in die Worte: „Berühre nicht, koste nicht, betaste nicht!“ (Kol. 2:21). Er ordnet sie den „Elementen der Welt“ zu, also Prinzipien, die aus einer gefallenen, äußerlich denkenden Religiosität stammen. Sie arbeiten mit Druck, Kontrolle und sichtbarer Strenge. Der Herr Jesus weist in einer einfachen, aber entlarvenden Bemerkung in eine andere Richtung: „Begreift ihr noch nicht, daß alles, was in den Mund eingeht, in den Bauch geht und in den Abort ausgeworfen wird?“ (Matt. 15:17). Essen und Trinken, äußere Berührungen mit der Welt, sind vergängliche Dinge; die eigentliche Frage liegt tiefer, im Herzen, in unserer inneren Beziehung zu Gott.

Etwa in der Mitte von Kapitel 2 beginnt Paulus uns zu zeigen, dass das Kreuz Gottes einzigartiger Weg ist. Gottes Weg ist nicht Askese. Es bedeutet nicht, dass wir uns selbst demütigen, uns erniedrigen oder uns streng behandeln. Der eine Weg ist der Weg des Kreuzes. Durch das Kreuz hat Gott mit allen negativen Dingen im Universum abgerechnet. Und auch heute noch regiert Gott alles durch das Kreuz. (Witness Lee, Life-Study of Colossians, Botschaft sechsundzwanzig, S. 221)

Demgegenüber ist der Weg Gottes der Weg des Kreuzes. Er beginnt nicht mit unserem Entschluss zur Selbstquälerei, sondern mit dem vollbrachten Werk Christi. Am Kreuz hat Er die Sünde getragen, die Anklageschrift ausgelöscht und die Mächte der Finsternis entwaffnet. Zugleich sind wir mit Ihm gekreuzigt worden und aus der Herrschaft der elementaren Prinzipien herausgenommen. Gottes Weg, mit unserem Fleisch, unserer Selbstsucht und unseren inneren Bindungen umzugehen, läuft deshalb nicht über immer feinere Verordnungen, sondern über die Einbeziehung dieser einen Tatsache: Mit Christus gestorben, mit Christus begraben, mit Christus zu einem neuen Leben auferweckt. In diesem Licht wird Askese enttarnt: Sie sieht ernst aus, berührt aber das Zentrum nicht. Das Kreuz dagegen geht an die Wurzel, weil Gott selbst in der Kraft des Todes und der Auferstehung Christi in uns wirkt. Darin steckt eine große Ermutigung: Wir müssen uns nicht mit selbstgewählter Strenge retten, wir dürfen uns dem Weg öffnen, den Gott schon bereitet hat – auch wenn dieser Weg uns durch das Sterben alter Sicherheiten führt.

Wer den Unterschied zwischen Askese und Kreuz erkennt, wird innerlich freier im Umgang mit sich selbst. Es entsteht kein Zwang mehr, sich durch besondere Härte zu beweisen; zugleich wird die Leichtfertigkeit gegenüber dem eigenen Fleisch nicht beschönigt. Stattdessen wächst ein stilles Vertrauen: Gott hat in Christus einen Weg gebahnt, auf dem mein altes Leben nicht geschont und mein neues Leben zugleich geschont und genährt wird. In schwierigen Situationen muss dann nicht zuerst eine neue Regel her; vielmehr darf der Blick auf den Gekreuzigten und Auferstandenen gehen, der schon mit allen negativen Dingen abgerechnet hat. In dieser Beziehung zum Kreuz verliert religiöse Selbstquälerei ihren Glanz, und es entsteht Raum für eine gehorsame, aber nicht verkrampfte Nachfolge. Das motiviert, auch versteckte Bereiche des Lebens nicht mit eigener Härte, sondern im Licht des Kreuzes anzusehen – im Vertrauen, dass Gottes Weg tiefer, gerechter und zugleich barmherziger ist, als wir es uns selbst gegenüber je sein könnten.

Relevante Schriftstellen: Kol. 2:20-23, Kol. 2:14-15, Gal. 2:20, 1.Kor. 6:13, Matt. 15:17.

Diese Wahrheit ermutigt dazu, vor dem Herrn still zu werden und neu zu sehen, wie Sein Leben Denken, Fühlen und Handeln von innen her prägt.

Berühre nicht, koste nicht, betaste nicht!. (Kol. 2:21)

Durch das Kreuz gehen – praktisches Leben aus Tod und Auferstehung

Die Botschaft des Kreuzes bleibt nicht im Bereich der Lehre, sie will unseren Alltag durchziehen. Der Kolosserbrief spricht nicht nur davon, dass Christus gestorben ist, sondern dass wir mit Ihm gestorben sind: „Wenn ihr zusammen mit Christus gestorben seid, los von den Elementen der Welt, warum lasst ihr euch da Verordnungen auferlegen, als würdet ihr noch in der Welt leben“ (Kol. 2:20). Dieses Mitgestorbensein ist mehr als eine dogmatische Aussage; es ist eine neue Lebenswirklichkeit. Unser Weg durch die Zeit gleicht einer langen Straße mit unzähligen Kreuzungen. An jeder inneren Kreuzung – einer verletzenden Bemerkung, einem Missverständnis in der Ehe, einem Konflikt im Dienst – zeigt sich, ob wir in den alten Mustern reagieren oder diese Situation „durch das Kreuz gehen lassen“. Das bedeutet nicht, die eigenen Gefühle zu unterdrücken, sondern sie im Licht des gekreuzigten und auferstandenen Herrn zu sehen und Ihm recht zu geben.

In 2:20 weist Paulus darauf hin, dass wir mit Christus den Elementen der Welt gestorben sind. Diese Elemente schließen jüdische Beobachtungen, heidnische Satzungen und Philosophie ein. Sie schließen auch Mystizismus und Askese ein. Mit Christus sind wir diesen Elementen der Welt gestorben. Als Christus gekreuzigt wurde, wurden wir ebenfalls gekreuzigt. In Seiner Kreuzigung wurden wir von den Grundelementen der Welt befreit. (Witness Lee, Life-Study of Colossians, Botschaft sechsundzwanzig, S. 223)

Wo ein Mensch es wagt, sein Recht, seinen Stolz oder seine Bitterkeit ans Kreuz zu bringen, geschieht etwas, das keine Askese leisten kann: das Alte stirbt wirklich ab, und etwas von der Auferstehungswirklichkeit Christi tritt an seine Stelle. Ärger verliert seine zwingende Kraft, das Bedürfnis zu siegen oder recht zu behalten wird leiser. Stattdessen wächst eine Sanftmut, die nicht aus Charakterstärke kommt, sondern aus einem gemeinsam erlebten Sterben und Auferstehen mit Christus. In Beziehungen, in denen mehrere so leben, entsteht eine Einheit, die nicht auf Gleichmacherei beruht, sondern auf einem geteilten Weg unter dem Kreuz. Man kann sich widersprechen und doch verbunden bleiben, man kann verletzt werden und trotzdem den anderen nicht fallenlassen. So wird das Kreuz vom Symbol zum gelebten Weg, und das Gemeindeleben gewinnt eine Qualität von Frieden und Tiefe, die sich nicht organisieren lässt.

Die Erfahrung des Todes und der Auferstehung Christi im Alltag ist kein spektakuläres Ereignis, sondern eine stille, wiederholte Bewegung: immer wieder durch das Kreuz hindurch in ein neues Maß von Leben, Freiheit und Liebe. Das bewahrt davor, in Resignation zu versinken, wenn die eigenen Schwächen sichtbar werden, und es schützt ebenso vor dem Stolz, wenn etwas gelingt. Jeder Tag, jede Beziehung, jede Spannung kann so zur verborgenen Begegnung mit dem gekreuzigten und auferstandenen Herrn werden. Wer diesen Weg kennt, schaut anders auf die eigenen Begrenzungen und auf die Brüche im Miteinander. Sie sind nicht mehr nur Bedrohung, sondern auch Einladung, Gottes Kraft in Schwachheit zu erfahren. In dieser Perspektive erhält selbst das unscheinbare Ringen um Geduld, Vergebung und Klarheit einen hohen Wert: Es wird zu einem Ort, an dem die Geschichte des Kreuzes weitergeschrieben wird – nicht mit Tinte, sondern in Herzen und Beziehungen.

Wenn ihr zusammen mit Christus gestorben seid, los von den Elementen der Welt, warum lasst ihr euch da Verordnungen auferlegen, als würdet ihr noch in der Welt leben: (Kol. 2:20)

Die praktische Erfahrung des Kreuzes macht das geistliche Leben weniger spektakulär, aber glaubwürdiger. Anstatt auf große Durchbrüche zu warten, wächst das Vertrauen, dass der Herr gerade in den kleinen, schmerzhaften Kreuzungen des Alltags gegenwärtig ist. Es wird möglich, Konflikte nicht nur zu ertragen oder zu gewinnen, sondern sie zu Orten der Verwandlung werden zu lassen. So erhält auch das Gemeindeleben einen anderen Klang: weniger von der Erwartung, dass alle gleich denken und empfinden, mehr von der Bereitschaft, gemeinsam unter dem Kreuz zu stehen und Raum für Gottes Auferstehungsleben zu geben. Das ermutigt, die eigenen Beziehungen nicht vorschnell aufzugeben und sich von Rückschlägen nicht entmutigen zu lassen. Wo Christus und sein Kreuz das unsichtbare Zentrum bleiben, ist jeder neue Tag auch eine neue Gelegenheit, etwas von der Sanftmut, Treue und Liebe des Auferstandenen in konkreten Situationen aufleuchten zu sehen.


Herr Jesus, führe uns im Licht Deines Wortes und schenke uns Gnade, die gezeigte Wahrheit nicht nur zu verstehen, sondern im Alltag aus Deinem Leben zu erfahren. Bewahre uns in Deiner Gegenwart, damit unser Denken, Reden und Dienen von Dir geprägt wird und Dein Name in der Gemeinde verherrlicht wird. Amen.

Englische Quelle: Life-Study of Colossians, Chapter 26

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