Das Wort des Lebens
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Das Gebet des Apostels

12 Min. Lesezeit

Viele Christen wünschen sich Gebetserhörungen für konkrete Lebensfragen wie Arbeit, Wohnung oder Gesundheit und übersehen dabei, worum es Gott in erster Linie geht. Im Kolosserbrief lässt uns Paulus in sein Beten hineinschauen – und wir entdecken, dass sein größtes Anliegen nicht äußere Lebensumstände sind, sondern dass Gläubige den allumfassenden Christus erkennen, erfahren und in ihm leben. Dieses Gebet öffnet einen Blick auf Gottes Herz: Er will uns nicht nur helfen, sondern sich selbst als unser Anteil schenken.

Erfüllt mit der vollen Erkenntnis von Gottes Willen in Christus

Wenn Paulus für die Kolosser bittet, sie mögen „erfüllt werden mit der Erkenntnis seines Willens in aller geistlichen Weisheit und Einsicht“ (Kol. 1:9), öffnet sich ein weiter Horizont. Er denkt nicht zuerst an die Weggabelungen unseres Lebens – Beruf, Ort, Beziehung –, sondern an den innersten Plan Gottes, an den verborgenen Faden, der durch alle Zeiten und Entscheidungen hindurchläuft. In Epheser 1 wird dieser Faden entrollt: Gott hat uns „durch Jesus Christus für Sich zur Sohnschaft vorherbestimmt, nach dem Wohlgefallen Seines Willens“ (Epheser 1:5). Sein Wille ist größer als unsere Fragen, und gerade deswegen berührt er sie auf einer tieferen Ebene: Er will nicht nur, dass wir richtige Entscheidungen treffen, sondern dass wir Christus selbst als Inhalt, Richtung und Atmosphäre unseres Lebens erkennen.

Gottes Wille bezieht sich hier auf den Willen Seines ewigen Vorsatzes, auf Seine Ökonomie in Bezug auf Christus (Eph. 1:5, 9, 11), nicht auf Seinen Willen in nebensächlichen Dingen. (Witness Lee, Life-Study of Colossians, Botschaft drei, S. 20)

So wird deutlich: Gottes Wille ist kein wechselndes Menü einzelner Anweisungen, sondern eine Person. In Christus fasst Gott „das Geheimnis Seines Willens“ zusammen, „nach Seinem Wohlgefallen, das Er Sich in Sich Selbst vorgesetzt hat“ (Epheser 1:9). Wenn Paulus von voller Erkenntnis spricht, meint er mehr als Information über Christus. Weisheit ist das innere Wahrnehmen der göttlichen Absicht, Einsicht das klare Erfassen und Deuten dessen, was der Geist uns über Christus zeigt. Aus bloßem Wissen wird Erkenntnis, wenn Christus in unserem Inneren Gestalt gewinnt und unsere Sicht auf uns selbst, auf andere und auf die Welt durchdringt. Dann beginnen wir, unsere Entscheidungen nicht isoliert zu betrachten, sondern von Christus her: Was entspricht Ihm, was gibt Ihm Raum, was lässt Ihn durchscheinen? In dieser Sichtweise entdecken wir Schritt für Schritt: Gottes Wille für heute ist, dass Christus unser Leben und unsere Person wird – und aus diesem Zentrum klären sich auch die vielen Einzelwege.

Die Schriftzeugnisse über Gottes Vorsatz wirken wie feste Haltepunkte in diesem Prozess. In Epheser 1:11 heißt es, dass wir „als Erbteil bestimmt wurden, nachdem wir vorherbestimmt worden sind nach dem Vorsatz dessen, der alles nach dem Ratschluss Seines Willens wirkt“. Das beinhaltet auch das, was uns undurchsichtig erscheint: Umwege, Brüche, unerfüllte Wünsche. Nichts davon liegt außerhalb der Hand dessen, der seinen Willen in Christus zusammenfasst. Je mehr wir innerlich von diesem Christus erfüllt werden, desto weniger sind wir ausgeliefert an das Hin und Her der Umstände. Der Wille Gottes wird dann nicht zuerst als Druck erlebt, sondern als tragender Boden: Ich bin hineingestellt in einen Willen, der größer ist als meine Möglichkeiten, aber auch größer als meine Begrenzungen.

In diesem Licht gewinnt das Gebet des Apostels eine stille Schönheit. Es drängt nicht, es treibt nicht an, es öffnet. Wer so betend in Gottes Willen hineinwächst, wird innerlich freier, nicht enger. Die Fragen des Lebens verstummen nicht, aber sie werden von einer tieferen Gewissheit umfangen: Ich bin gewollt, getragen, hineingenommen in den ewigen Vorsatz Gottes in Christus. Daraus erwächst eine leise, aber beharrliche Motivation, Christus zu suchen, Ihn zu kennen und Ihn in den alltäglichen Entscheidungen nicht aus dem Blick zu verlieren. Und es wächst die Ermutigung, auch in Unklarheit nicht verloren zu sein: Der, der seinen Willen in Christus offenbart, ist derselbe, der uns Schritt für Schritt in diesen Willen hineinführt.

Deshalb hören auch wir nicht auf, von dem Tag an, da wir es gehört haben, für euch zu beten und zu bitten, daß ihr erfüllt werdet mit der Erkenntnis seines Willens in aller geistlichen Weisheit und Einsicht, (Kol. 1:9)

indem Er uns durch Jesus Christus für Sich zur Sohnschaft vorherbestimmt hat, nach dem Wohlgefallen Seines Willens, (Eph. 1:5)

Wer sich von Paulus’ Gebet erfassen lässt, darf lernen, die eigene Lebensgeschichte nicht mehr primär als Summe von Entscheidungen zu betrachten, sondern als Weg, auf dem Gott seinen Sohn offenbart. Die Sehnsucht nach Orientierung wird so nicht unterdrückt, sondern in eine tiefere Ausrichtung verwandelt: in das Verlangen, Christus zu erkennen. Aus dieser Erkenntnis wächst eine stille Freiheit, manche Frage ruhen zu lassen, weil das Entscheidende feststeht: Gottes Wille ist kein verschlossenes Rätsel, sondern der lebendige Christus, der uns in allen Wegen begleiten und prägen will.

Würdig des Herrn wandeln: Christus leben, Frucht tragen, wachsen

Wo die Erkenntnis von Gottes Willen in Christus Wurzeln schlägt, verändert sich zwanglos der Lebenswandel. Paulus verbindet beides unmittelbar: „damit ihr des Herrn würdig wandelt zu allem Wohlgefallen, in jedem guten Werk Frucht tragend und wachsend durch die Erkenntnis Gottes“ (Kol. 1:10). Würdig des Herrn zu wandeln bedeutet hier nicht, ein vorbildlich moralischer Mensch im allgemeinen Sinn zu sein. Es meint einen Lebensstil, in dem Christus selbst Gestalt gewinnt – im Sichtbaren wie im Verborgenen. Der Maßstab ist nicht ein abstraktes Ideal, sondern eine konkrete Person: der Sohn, an dem der Vater „Wohlgefallen gefunden“ hat (Matthäus 3:17).

Wenn wir wissen, dass es Gottes Wille ist, dass wir mit Christus durchsättigt werden, Christus als unser Leben und unsere Person nehmen und Christus leben, wird unser Wandel ganz von selbst des Herrn würdig sein. Manche meinen, des Herrn würdig zu wandeln bedeute, demütig, nett und großzügig zu sein. Ein würdiger Wandel ist jedoch ein Wandel, in dem wir Christus leben. (Witness Lee, Life-Study of Colossians, Botschaft drei, S. 22)

Im Dienst und in der Verborgenheit, auf dem Berg der Verklärung wie im Alltag Galiläas – immer wieder bezeugt der Vater: „Dieser ist Mein Sohn, der Geliebte, an dem Ich Wohlgefallen gefunden habe. Hört auf Ihn!“ (Matthäus 17:5). Wenn dieser Geliebte unser Leben wird, erkennt der Vater in unserem Wandel Spuren seines Sohnes wieder. Gute Werke sind dann nicht eigene Leistungen, die Gott beeindrucken sollen, sondern Ausdrucksformen dessen, was Christus in uns wirkt. Frucht entsteht, wenn Seine Geduld unsere Ungeduld durchdringt, Seine Liebe unsere Reaktionen färbt, Seine Wahrheit unsere Worte trägt. So wird jedes Umfeld – Familie, Arbeit, Gemeinde – zu einem Feld, auf dem Christus sichtbar wird, oft leise, unspektakulär, aber wirklich.

Bemerkenswert ist, dass Paulus das Fruchttragen mit einem Wachsen „durch die Erkenntnis Gottes“ verbindet. Er denkt nicht an Aktivismus, sondern an ein Leben, das aus dem Kennen Gottes heraus wächst. Je tiefer wir den Vater in Christus erkennen, desto mehr nehmen wir an Seinem Leben zu. Christus wird dann nicht nur der Maßstab, an dem wir uns messen, sondern die Quelle, aus der wir leben. Was wir von Ihm sehen, dringt nach innen, und was nach innen dringt, sucht nach Ausdruck nach außen. Der würdige Wandel ist daher nicht zuerst Ergebnis unserer Anstrengung, sondern Frucht eines verwandelten Inneren.

Gerade darin liegt eine große Ermutigung. Ein Leben, das dem Herrn entspricht, muss nicht glänzend, erfolgreich oder frei von Brüchen sein. Es kann unscheinbar sein und zugleich zutiefst durchzogen von Christus. Wo ein Mensch in seinen Begrenzungen, in seinen Beziehungen, in seinem Dienst sich immer wieder an Christus bindet, da geschieht, was Paulus beschreibt: Christus wird gelebt. Solch ein Wandel erfreut das Herz Gottes, selbst wenn er von außen kaum wahrgenommen wird. Und er motiviert, nicht in Selbstbeobachtung stecken zu bleiben, sondern mutig kleine Schritte zu gehen – im Vertrauen, dass der Herr, den der Vater liebt, auch heute in uns und durch uns leben will.

damit ihr des Herrn würdig wandelt zu allem Wohlgefallen, in jedem guten Werk Frucht tragend und wachsend durch die Erkenntnis Gottes, (Kol. 1:10)

Und siehe, eine Stimme aus den Himmeln sagte: Dieser ist Mein Sohn, der Geliebte, an dem Ich Wohlgefallen gefunden habe. (Mt. 3:17)

Die Sicht auf den würdigen Wandel als Christus-Leben befreit von der Last, sich selbst ständig optimieren zu müssen. Stattdessen kann sich ein stilles Verlangen entfalten: dass der Vater in unserem Alltag mehr von Seinem Sohn wiedererkennt. Das verleiht auch den unscheinbaren Szenen Gewicht – einem zugewandten Wort, einem Verzicht auf Rechtbehalten, einem treuen Dienen im Verborgenen. In all dem darf die Hoffnung wachsen, dass Christus selbst derjenige ist, der in uns Frucht wirkt und unser Leben Schritt für Schritt in einen Weg verwandelt, der dem Herrn entspricht.

Danksagung für unseren Anteil an Christus: befreit, versetzt, erlöst

Nachdem Paulus für Erkenntnis und Wandel gebetet hat, mündet sein Gebet in eine starke Danksagung: Er preist den Vater, „der uns tüchtig gemacht hat zum Anteil am Erbe der Heiligen im Licht“ (Kol. 1:12). Hinter dieser Formulierung steht ein reicher Hintergrund. Wie die Kinder Israels im Alten Bund das gute Land als Erbteil empfingen, so ist uns im Neuen Bund Christus selbst als unser göttliches Erbe gegeben worden. In 1. Mose beginnt Gott, dieses Erbe in Aussicht zu stellen, als Er Abraham in das Land ruft, das Er ihm zeigen will. Über viele Umwege hinweg bleibt diese Zusage bestehen: Gott schenkt ein Land, in dem sein Volk wohnen, leben und Frucht bringen soll. Im Licht des Neuen Testaments erkennen wir: Der wahre Inhalt dieses Erbteils ist der allumfassende Christus, der alles ist, was wir brauchen.

Stattdessen dankte er dem Vater dafür, dass Er uns „tüchtig gemacht hat zu dem Anteil am Erbe der Heiligen im Licht“. Der Kolosserbrief handelt von Christus, dem Haupt des Leibes. Daher ist der Anteil der Heiligen hier der allumfassende Christus zu ihrem Genuss. (Witness Lee, Life-Study of Colossians, Botschaft drei, S. 24)

Paulus beschreibt die Größe dieses Erbes mit starken Verben: Der Vater „hat uns errettet aus der Gewalt der Finsternis und uns versetzt in das Reich des Sohnes seiner Liebe, in dem wir die Erlösung haben, die Vergebung der Sünden“ (Kol. 1:13–14). Die Macht der Finsternis ist nicht nur ein Bild für äußere Not, sondern für all das, was uns innerlich bindet, verdunkelt, von Gott trennt. Daraus hat Gott uns herausgerissen, nicht aufgrund unserer Leistung, sondern aufgrund des Werkes Christi. Und Er hat uns versetzt – in eine neue Wirklichkeit, in das Reich des Sohnes seiner Liebe. In diesem Reich ist Christus nicht nur Herr, sondern zugleich unser Anteil: In Ihm haben wir Erlösung, in Ihm Vergebung, in Ihm Zugang zu allen geistlichen Reichtümern.

Diese Tatsachen stehen, auch wenn unsere Umstände sich nicht ändern. Paulus schreibt seinen Brief nicht aus einem komfortablen Leben heraus, sondern als Gefangener. Dennoch kann er sagen: „Ich will aber, daß ihr wißt, Brüder, daß meine Umstände mehr zur Förderung des Evangeliums ausgeschlagen sind“ (Philipper 1:12). Seine Fesseln werden „in Christus im ganzen Prätorium und bei allen anderen offenbar“ (Philipper 1:13), und andere gewinnen durch seine Fesseln Mut, „das Wort Gottes ohne Furcht zu reden“ (Philipper 1:14). Äußerlich bleibt vieles eng, innerlich aber weitet sich der Raum: Der unantastbare Anteil an Christus wird gerade in der Bedrängnis kostbar.

Aus dieser Sicht versteht man, warum Danksagung einen so festen Platz im Gebet des Apostels einnimmt. Dank meint hier nicht, alles Schwere schönzureden, sondern die vollendeten Taten Gottes in Christus anzuerkennen – mitten in dem, was ungeordnet erscheint. Wer dankt, stellt sich innerlich in das Licht: in das Licht des Erbes, in das Licht der Versetzung in das Reich des Sohnes, in das Licht der vergebenen Schuld. Diese Haltung nimmt den Umständen nicht ihre Schwere, aber sie entzieht ihnen das letzte Wort. Und sie stärkt leise die Zuversicht, dass der Anteil an Christus auch in der Nacht nicht verloren gehen kann.

indem ihr dem Vater Dank sagt, der euch tüchtig gemacht hat zum Anteil am Erbe der Heiligen im Licht; der uns errettet hat aus der Gewalt der Finsternis und uns versetzt hat in das Reich des Sohnes seiner Liebe, in dem wir die Erlösung haben, die Vergebung der Sünden. (Kol. 1:12-14)

ICH will aber, daß ihr wißt, Brüder, daß meine Umstände mehr zur Förderung des Evangeliums ausgeschlagen sind, (Phil. 1:12)

Die Danksagung des Paulus lädt ein, die eigene Situation im Licht des empfangenen Erbes zu betrachten. Der Anteil an Christus ist nicht an ideale Umstände gebunden; er bleibt bestehen in Krankheit, in Unsicherheit, in unerfüllten Wünschen. Wo das Herz lernt, für das zu danken, was Gott bereits vollbracht hat – Befreiung aus der Finsternis, Versetzung in das Reich des Sohnes, Erlösung und Vergebung –, wächst eine stille Widerstandskraft gegen Resignation. Diese Dankbarkeit macht nicht laut, aber sie macht fest: Sie hält sich an Christus als dem unverlierbaren Anteil und nährt die Hoffnung, dass Er auch im Dunkeln Wege des Lichts bereitet.


Vater, wir danken Dir, dass Du uns in Christus aus der Gewalt der Finsternis herausgerissen und in das Reich des Sohnes Deiner Liebe versetzt hast. Öffne unsere Herzen neu für die Größe Deines Willens, damit wir den allumfassenden Christus als unseren Anteil erkennen, lieben und genießen. Erfülle uns mit geistlicher Weisheit und Einsicht, damit unser Leben Dir entspricht und Dein Sohn in unserem Alltag sichtbar wird. Stärke uns durch die Macht Deiner Herrlichkeit, sodass wir Prüfungen mit Ausdauer, Langmut und innerer Freude begegnen und gerade darin mehr von Christus erfahren. Lass in uns eine tiefe, dankbare Gewissheit wachsen, dass unser Erbe in Christus fest und sicher ist, heute und in Ewigkeit. Amen.

Englische Quelle: Life-Study of Colossians, Chapter 3

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