Das Wort des Lebens
lebensstudium

Christus leben durch den Geist

10 Min. Lesezeit

Viele Christen wissen, dass sie durch den Glauben an Jesus gerettet sind – aber wozu eigentlich? Geht es nur darum, einmal bei Gott zu sein, oder gibt es schon jetzt ein Ziel für unser Leben mit Christus? Die Schrift malt ein anderes Bild: Christus selbst ist unser Leben, und der dreieine Gott ist uns so nahegekommen, dass er wie Atem in uns wohnen und durch uns leben will.

Christus ist mehr als unser Ziel – Er ist unser Leben

Christus als Ziel zu kennen, ist ein großer Anfang, aber das Neue Testament führt tiefer: Christus will nicht nur vor uns stehen, sondern in uns leben. Der ewige Logos, von dem es heißt: „Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und das Wort war Gott“ (Johannes 1:1), ist nicht Mensch geworden, nur damit wir eine veredelte Lebensführung einüben, sondern damit ein vollkommen neues Leben in uns Wohnung nimmt. In seinem ganzen Weg – vom Fleisch gewordenen Wort über das Lamm Gottes bis hin zum Weinstock – zeichnet das Johannesevangelium ein Ziel: Christus will sich uns als Leben mitteilen. Wenn Paulus sagt: „Denn zu leben ist für mich Christus und zu sterben ist Gewinn“ (Philipper 1:21), dann beschreibt er keine besondere geistliche Elite, sondern die Bestimmung jedes Christen. Das Evangelium ruft uns nicht nur zu einer neuen Gesinnung, sondern in eine neue Existenzweise hinein: Christus als unser eigenes Leben.

Schließlich erkannte ich, dass das Ziel des Christseins darin besteht, Christus zu leben. Außerdem ist auch die von Gott in Seiner Ökonomie für uns bestimmte Bestimmung, dass wir Christus leben. Christus ist unser Weg, unser Ziel, unsere Bestimmung und unsere Destination. (Witness Lee, Life-Study of Philippians, Botschaft vierunddreißig, S. 299)

Damit verschiebt sich der Schwerpunkt unseres Glaubensverständnisses. Es geht nicht zuerst darum, für Christus zu leisten, sondern aus Christus zu leben. So wie der Sohn im ununterbrochenen Austausch mit dem Vater lebt – „weil Ich lebe, sollt auch ihr leben“ (Johannes 14:19) – so sind auch wir eingeladen, in einer stillen, aber realen inneren Einheit mit Ihm zu stehen. Christus zu leben heißt dann: seine Gedanken, sein Empfinden und seine Kraft werden zur inneren Quelle unserer Entscheidungen und Reaktionen. Manchmal geschieht dies sehr unspektakulär: eine sanftere Antwort, ein aufrichtigeres Wort, ein verborgenes Verzichten – und doch ist es Christus, der sich durch unseren begrenzten Alltag ausdrückt.

Wer so auf Christus blickt, findet einen Befreier, nicht einen strengen Auftraggeber. Wo wir uns daran gewöhnen, Ihn nicht nur als Helfer anzurufen, sondern Ihn als unser eigenes Leben zu betrachten, verliert der Druck, uns selbst beweisen zu müssen, nach und nach seine Macht. Die Frage wird dann nicht mehr: „Was kann ich alles für Ihn tun?“, sondern: „Wo darf Er heute durch mich leben?“ Darin liegt eine leise, aber tiefe Ermutigung: Der Weg, den Gott für uns bestimmt hat, hängt nicht von unserer Stärke ab, sondern von der Treue dessen, der in uns wohnt. Wer sich dieser Wahrheit immer wieder stellt, entdeckt Schritt für Schritt, dass sein Alltag – mit all seiner Unvollkommenheit – zum Schauplatz der Gegenwart Christi werden kann.

Denn zu leben ist für mich Christus und zu sterben ist Gewinn. (Phil. 1:21)

Noch eine kleine Weile und die Welt schaut Mich nicht mehr an, ihr aber schaut Mich an; weil Ich lebe, sollt auch ihr leben. (Joh. 14:19)

In dieser Sichtweise beginnt Christus den Raum in unserem Inneren einzunehmen, den bisher unsere eigenen Pläne und Maßstäbe besetzten. Es bleibt nicht bei einem theoretischen Bekenntnis, dass Er unser Leben sei; vielmehr wächst eine stille Zuversicht: Egal wie wechselhaft die Umstände sind, die eigentliche Konstante meines Daseins ist der in mir lebende Christus. Diese Gewissheit trägt auch durch Tage der Schwachheit, weil sie nicht auf dem baut, was wir für Ihn aufbringen, sondern auf dem, was Er in uns ist und bleibt.

Der heilige Atem – Christus als lebengebender Geist in uns

Dass Christus unser Leben wird, bleibt kein abstrakter Gedanke; es vollzieht sich durch den Geist. In der Auferstehung ist Christus, wie es heißt, „zu einem Leben gebenden Geist“ geworden (1. Korinther 15:45), nicht um sich von uns zu entfernen, sondern um uns bis in die Tiefe unseres inneren Menschen zu erreichen. Als der Auferstandene trat Er in die Mitte der Jünger, und es heißt: „Und als Er dies gesagt hatte, hauchte Er in sie hinein und sagte zu ihnen: Empfangt den Heiligen Geist“ (Johannes 20:22). Der Ausdruck des Hauches macht deutlich, wie innig und lebensnotwendig diese Gabe ist: Der Geist kommt nicht wie ein äußerer Schub, sondern wie ein heiliger Atem, der unser ganzes inneres Sein durchdringen will. So verbindet sich der Christus, der als Lamm unsere Schuld getragen hat und als Weinstock die Quelle des Lebens ist, als unsichtbarer, aber wirklicher Atem mit unserem Geist.

Nachdem der Herr Jesus in die Auferstehung eingegangen war, kam Er zu Seinen Jüngern. In Johannes 20:22 heißt es: „Und als Er dies gesagt hatte, hauchte Er in sie hinein und sagte zu ihnen: Empfangt den Heiligen Geist.“ Das griechische Wort für Geist, pneuma, bedeutet auch Hauch. Das zeigt, dass der Herr Jesus den Jüngern sagte, sie sollten den heiligen Hauch empfangen. (Witness Lee, Life-Study of Philippians, Botschaft vierunddreißig, S. 300)

Dieses Einswerden beschreibt der Herr selbst, wenn Er sagt: „An jenem Tag werdet ihr erkennen, dass Ich in Meinem Vater bin und ihr in Mir und Ich in euch“ (Johannes 14:20). Es ist eine zarte, aber kraftvolle gegenseitige Wohnstatt: Christus im Vater, wir in Christus, Christus in uns. Das verändert die Art, wie wir die Gegenwart des Herrn verstehen. Nicht mehr nur „oben im Himmel“ zu suchen, sondern als den, der sich in unserem erneuerten Geist aufhält. „Und der Herr ist der Geist; und wo der Geist des Herrn ist, da ist Freiheit“ (2. Korinther 3:17). Wo wir dieser Wirklichkeit Raum geben, beginnt eine stille Befreiung von inneren Bindungen, von starren Bildern über Gott und uns selbst. Christsein schrumpft dann nicht auf das Bemühen, ein Vorbild nachzuahmen, sondern weitet sich zu einem gelebten Einssein mit dem, der in uns wirkt.

Aus dieser Perspektive gewinnen auch unsere unscheinbaren inneren Regungen Gewicht. Ein Aufleuchten von Trost mitten in Sorgen, eine unerwartete Klarheit in einer Entscheidung, ein leiser Widerspruch gegen Bitterkeit – all das kann Ausdruck des heiligen Atems sein, der in uns wirkt. Es ist tröstlich zu wissen: Dieses Werk geschieht nicht aus der Distanz. Der Leben gebende Geist ist uns so nahe wie unser eigener Atem, und doch unendlich heiliger und reicher. Wer sich daran erinnert, wenn die eigene Kraft versagt, findet Grund, innerlich neu aufzublicken. Denn die Geschichte Gottes mit uns ist nicht an ihr Ende gekommen; sie setzt sich dort fort, wo Christus – unsichtbar, aber real – sein Leben in uns atmen darf.

Und als Er dies gesagt hatte, hauchte Er in sie hinein und sagte zu ihnen: Empfangt den Heiligen Geist. (Joh. 20:22)

Und der Herr ist der Geist; und wo der Geist des Herrn ist, da ist Freiheit. (2.Kor 3:17)

Wo der heilige Atem Raum in uns findet, bleibt unser inneres Leben nicht starr, sondern wird beweglich für Gottes Wirken. Das Wissen, dass Christus als Leben gebender Geist in uns wohnt, nimmt dem Alltag nicht seine Schwere, aber es nimmt ihm die endgültige Bestimmungsgewalt: Keine Situation ist so geschlossen, dass der Geist nicht hineinwirken könnte. In dieser Gewissheit wächst eine stille Freiheit – die Freiheit, nicht mehr von sich selbst alles erwarten zu müssen, sondern den in uns wohnenden Christus das Entscheidende tun zu lassen.

Gebetsatmung – Christus leben im Alltag

Wenn der Geist Christi wie heiliger Atem in uns wohnt, stellt sich die Frage, wie dieses Leben seine Gestalt in unserem Alltag gewinnt. Die Schrift zieht hier ein stilles, aber sprechendes Bild: geistliches Atmen. So unentbehrlich der körperliche Atem für unser biologisches Leben ist, so unentbehrlich ist das Wirken des lebengebenden Geistes für unser inneres Leben. Darum stehen die knappen Worte „betet unaufhörlich“ (1. Thessalonicher 5:17) nicht als Überforderung im Raum, sondern als Einladung, Gebet nicht eng zu definieren. Wenn Gebet Atmen wird, ist es nicht mehr auf besondere Zeiten beschränkt, sondern durchzieht wie ein leiser Rhythmus den Tag. Oft hat dieses Gebet keine ausgearbeiteten Sätze. Es kann ein einfaches „Herr Jesus“ sein, ein inneres Sich-Ausstrecken, ein stilles Anlehnen an Seine Nähe.

In 1. Thessalonicher 5:17 fordert Paulus uns auf, ohne Unterlass zu beten. … Diese Aufforderung, ohne Unterlass zu beten, macht deutlich, dass unaufhörliches Gebet wie Atmen ist. Aber wie kann unser Gebet zu unserem geistlichen Atmen werden? Wie können wir das Gebet in Atmen verwandeln? Der Weg dazu ist, den Namen des Herrn anzurufen. (Witness Lee, Life-Study of Philippians, Botschaft vierunddreißig, S. 302)

In solchen Augenblicken geschieht mehr, als wir bewusst wahrnehmen. Wo unser Inneres sich im Gebet öffnet, fließt der heilige Atem neu in unsere Gedanken, Gefühle und Reaktionen hinein. Der Herr selbst hat gesagt: „Der Geist ist es, der das Leben gibt, das Fleisch nützt nichts; die Worte, die Ich zu euch geredet habe, sind Geist und sind Leben“ (Johannes 6:63). Wenn unser Alltag von seinen Worten berührt wird, werden Situationen, die uns sonst in Bitterkeit, Ärger oder Resignation ziehen würden, zu stillen Begegnungsorten mit Christus. Vielleicht bleibt der äußere Konflikt bestehen, aber innerlich tritt jemand anderes in den Vordergrund: der in uns lebende Herr, dessen Sanftmut stärker ist als unser Zorn und dessen Frieden tiefer reicht als unsere Unruhe.

So bekommt das Wort „Wenn wir durch den Geist leben, lasst uns auch durch den Geist wandeln“ (Galater 5:25) einen ganz praktischen Klang. Es beschreibt kein erhöhtes Sonderprogramm für besonders Engagierte, sondern den Weg, auf dem das bereits empfangene Leben Christi unsere Schritte prägt. Unaufhörliches Beten ist dann nicht ein zusätzlicher Anspruch, sondern die einfache Weise, wie dieses Leben „Luft holen“ darf. Wer lernt, innerlich immer wieder zu diesem Atem zurückzukehren – mitten in Routine, Druck oder Müdigkeit –, entdeckt, dass Christus im Verborgenen mehr trägt, als nach außen sichtbar ist. Darin liegt ein leiser Trost: Auch wenn unsere Gebete bruchstückhaft sind, ist der, den wir anrufen, ganz. Und Er ist es, der aus vielen unscheinbaren Atemzügen ein geprägtes, von Ihm durchtränktes Leben formt.

betet unaufhörlich, (1.Thess. 5:17)

Wenn wir durch den Geist leben, lasst uns auch durch den Geist wandeln. (Gal. 5:25)

Wenn Gebet zu einem Atmen des Herzens wird, verliert es den Charakter eines Pflichtprogramms und gewinnt die Qualität einer ständigen Beziehung. Die kleinen, oft unsicheren Rufe nach Christus sind dann nicht Zeichen von Schwachheit, sondern Ausdruck eines Lebens, das seine Quelle kennt. In dieser Haltung wird jeder Tag – mit seinen Höhen und Tiefen – zu einem Raum, in dem der lebengebende Geist uns durchdringen und Christus Gestalt gewinnen lassen kann. Das macht Mut, den nächsten Schritt nicht aus eigener Anspannung, sondern aus diesem stillen, beständigen Atem heraus zu tun.


Herr Jesus, führe uns im Licht Deines Wortes und schenke uns Gnade, die gezeigte Wahrheit nicht nur zu verstehen, sondern im Alltag aus Deinem Leben zu erfahren. Bewahre uns in Deiner Gegenwart, damit unser Denken, Reden und Dienen von Dir geprägt wird und Dein Name in der Gemeinde verherrlicht wird. Amen.

Englische Quelle: Life-Study of Philippians, Chapter 34

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