Die überreiche Versorgung mit dem Geist Jesu Christi zum Großmachen Christi
Manchmal erleben Gläubige, wie binnen Minuten aus einem liebevollen Wort ein scharfer Ton wird, aus innerer Freude bedrückende Scham – besonders im engsten Umfeld von Familie, Arbeit oder Gemeinde. Paulus kannte diesen Kampf aus einer Situation heraus, die äußerlich völlig hoffnungslos wirkte: gefesselt, eingeschränkt und missverstanden. Dennoch war er überzeugt, dass gerade seine schwierigen Umstände zu einer besonderen Errettung führen würden, durch die Christus in seinem Leben nicht kleiner, sondern größer erscheinen sollte. Die Frage ist, was hinter dieser Erfahrung steht und wie sie mit der überreichen Versorgung durch den Geist Jesu Christi zusammenhängt.
Tägliche Errettung statt beschämender Niederlage
Wenn Paulus in Philipper 1 von Errettung spricht, meint er mehr als den einmaligen Übergang aus dem Gericht Gottes in die Gnade. Er blickt aus der Enge seiner Fesselung auf eine Errettung, die mitten in den Spannungen geschieht, in denen er steht. Er sagt: „denn ich weiß, dass mir dies zur Errettung dienen wird durch euer Flehen und die überströmende Versorgung mit dem Geist Jesu Christi, nach meiner sehnsüchtigen Erwartung und Hoffnung, dass ich in nichts zuschanden werde, sondern dass mit allem Freimut wie allezeit, so auch jetzt Christus in meinem Leib groß gemacht werden wird, sei es durch Leben oder durch Tod“ (Philipper 1:19–20). Errettung bedeutet hier, dass seine Umstände nicht das letzte Wort über ihn haben, nicht seine Stimmung, nicht die Einschätzung seiner Gegner, sondern der Christus, der in ihm lebt. Niederlage wäre, wenn die Ketten sein Inneres bestimmen, wenn Bitterkeit sich in seiner Stimme niederschlägt und Resignation in seinem Gesicht zu lesen ist. Errettung heißt: dieselben Ketten werden zu einem Rahmen, in dem Christus Raum gewinnt, sichtbar, hörbar, spürbar.
Paulus wusste, dass seine Situation für ihn in eine besondere Art von Errettung münden würde – in eine tägliche, persönliche und augenblickliche Errettung. Wie Paulus haben auch wir die ewige Errettung empfangen. Doch zusätzlich zu dieser Errettung brauchen wir eine tägliche Errettung, eine Errettung, die wir in jedem Augenblick erfahren können. … Die Errettung, von der Paulus in 1:19 spricht, ist nicht die ewige Errettung; es ist nicht die Errettung vor Gottes Gericht oder vor der Hölle. Im Gegenteil, es ist eine tägliche, fortwährende Errettung, eine Errettung, die in jedem Augenblick angewandt werden kann. Indem er eine solche Errettung erfuhr, erwartete Paulus, dass er – ganz gleich, wie die Umstände, die Umgebung oder das Leiden sein mochten – nicht beschämt werden würde. Stattdessen würde Christus in ihm groß gemacht werden. (Witness Lee, Life-Study of Philippians, Botschaft dreiunddreißig, S. 288)
Diese Errettung ist fortwährend, weil die Anlässe zur Beschämung fortwährend sind. Es braucht keinen Kerker, damit wir innerlich einsinken. Ein einziges scharfes Wort, eine unerwartete Nachricht, eine lange schwelende Spannung reicht aus, und schon ziehen sich unsere Gedanken zusammen: Selbstmitleid, Ärger, Rechtfertigungsstrategien. In solchen Momenten trennt sich unser Herz leicht von der Gegenwart des Herrn; wir reagieren aus alten Mustern, und Christus wird klein in unserer Wahrnehmung. Doch gerade hier setzt die tägliche Errettung an. Sie ist nicht spektakulär, sondern leise und entschieden: ein inneres Hinwenden zu Christus mitten im Gespräch, ein stilles Rufen zu Ihm, während das Unverständnis im Raum steht. Dann zeigt sich, dass Er nicht nur im Glaubensbekenntnis, sondern in unserem Gesicht, unseren Gesten, unseren Antworten gegenwärtig ist.
Wer diese Errettung kennt, beginnt seine Tage anders zu sehen. Enttäuschungen werden nicht romantisiert, aber sie verlieren ihren absoluten Anspruch auf unser Inneres. Angriffe, Missverständnisse, innere Dürre – all das bleibt real, doch es steht nicht mehr allein im Mittelpunkt. Über allem steht die Hoffnung des Apostels: „dass ich in nichts zuschanden werde“. Das ist die stille Würde, die aus der Gemeinschaft mit Christus kommt: nicht die perfekte Reaktion, sondern ein Herz, das sich immer wieder retten lässt, bevor Bitterkeit Wurzeln schlägt. In dieser Haltung wird Christus großgemacht, oft unscheinbar, doch für aufmerksame Augen erkennbar. Jede Situation, in der wir uns nicht von unseren Gefühlen wegtreiben lassen, sondern bei Ihm bleiben, wird zu einem kleinen Zeugnis dafür, dass Er stärker ist als das, was an uns zieht. So wächst eine stille, belastbare Freude, die nicht aus uns stammt, sondern aus der täglichen, augenblicklichen Errettung durch den in uns lebenden Herrn.
denn ich weiß, dass mir dies zur Errettung dienen wird durch euer Flehen und die überströmende Versorgung mit dem Geist Jesu Christi, (Phil. 1:19)
nach meiner sehnsüchtigen Erwartung und Hoffnung, dass ich in nichts zuschanden werde, sondern dass mit allem Freimut wie allezeit, so auch jetzt Christus in meinem Leib groß gemacht werden wird, sei es durch Leben oder durch Tod. (Phil. 1:20)
Diese sichtbare, alltägliche Errettung nimmt uns die Illusion, wir müssten unser Leben aus eigener Kraft im Griff haben. Sie führt uns an den Punkt, an dem wir mitten im Druck innerlich nicht mehr nach eigenen Reserven greifen, sondern uns dem Christus in uns zuwenden. Wo Er unser Inneres ausfüllt, verliert Beschämung ihre Macht, und derselbe Alltag, der uns niederschlagen könnte, wird zum Raum, in dem Seine Größe leise, aber deutlich aufscheint.
Der bountiful Spirit: der zusammengesetzte Geist Jesu Christi
Die überreiche Versorgung, auf die Paulus sich stützt, kommt nicht aus einem unpersönlichen Kraftfeld, sondern aus dem Geist einer konkreten Person: des Jesus Christus, der Mensch geworden ist, gelitten hat, gestorben ist und auferstanden ist. Wenn er schreibt: „denn ich weiß, dass mir dies zur Errettung dienen wird … durch die überströmende Versorgung mit dem Geist Jesu Christi“ (Philipper 1:19), dann fasst er in diesem Namen die ganze Geschichte des Herrn zusammen. Der Geist Jesu Christi trägt in sich die Gottheit des ewigen Sohnes, die Menschlichkeit des demütigen Jesus, die Wirksamkeit seines Todes und die Kraft seiner Auferstehung. Dieser Geist weiß, was es heißt, missverstanden, angeklagt und verlassen zu sein; er kennt den Weg durch den Tod hindurch in ein neues, unzerstörbares Leben.
Nach der Kreuzigung und Auferstehung Christi wird dieser Geist der Geist Jesu Christi genannt, der Geist dessen, der Mensch geworden war, am Kreuz gestorben ist und sich jetzt in der Auferstehung befindet. Der Geist Jesu Christi ist nicht für die Schöpfung oder die Menschwerdung, sondern für unsere Erfahrung der Kreuzigung und der Auferstehung Christi. Nach 1:19 ist der Geist Jesu Christi der überreiche Geist. (Witness Lee, Life-Study of Philippians, Botschaft dreiunddreißig, S. 292)
2. Mose 30 öffnet hierfür ein tiefes Bild. Dort spricht Gott zu Mose: „Du nun, nimm dir Balsamöle bester (Art) … und 500 (Schekel) Zimtblüten, nach dem Schekel des Heiligtums, dazu ein Hin Olivenöl, und mache daraus ein Öl der heiligen Salbung, eine Mischung von Gewürzsalbe, ein Werk des Salbenmischers; es soll ein Öl für die heilige Salbung sein“ (2. Mose 30:23–25). Das Olivenöl steht für den Geist Gottes, wie er schon in 1. Mose 1:2 über den Wassern schwebt. Die Gewürze – Myrrhe mit ihrer Bitterkeit, Zimt mit seiner Wärme, Kalmus mit seiner Lebenskraft, Kassia mit ihrer Wirksamkeit – weisen auf den Tod und die Auferstehung Christi hin, mit all ihrer Süße, ihrer reinigenden Kraft und ihrer Wirksamkeit gegenüber dem, was zerstört. So entsteht ein zusammengesetztes Salböl: nicht bloß Öl, nicht bloß Gewürze, sondern eine untrennbare Mischung. Es ist ein Bild auf den zusammengesetzten, allumfassenden, lebengebenden Geist, wie er nach Kreuz und Auferstehung in der Schrift „Geist Jesu Christi“ heißt.
Dieser Geist ist nicht nur theologisch reich, sondern erfahrbar überreich. Er bringt die Wirkung des Kreuzes in unsere Reaktionen hinein, wenn alte Verletzungen wieder berührt werden. Er bringt die Kraft der Auferstehung in unsere Müdigkeit hinein, wenn wir glauben, nichts mehr geben zu können. Manchmal zeigt sich seine Salbung darin, dass harte Worte nicht die letzte Spur in unserem Herzen hinterlassen; ein anderes Mal darin, dass wir im Angesicht von Ungerechtigkeit nicht verbittern, sondern still und klar bleiben. So wie im heiligen Salböl nicht ein Bestandteil dominieren darf, sondern die Mischung die Kraft ausmacht, so wirkt der Geist Jesu Christi nicht nur tröstend oder nur korrigierend, sondern zugleich dämpfend und belebend, demütigend und ermutigend. In Konflikten und Spannungen, die uns eigentlich überfordern, wird gerade diese Mischung spürbar: das Kreuz, das unser Ego bändigt, und die Auferstehung, die neue Sanftmut und Freude hervorbringt.
Wer diesen Geist als „bountiful Spirit“ kennenlernt, beginnt, seine eigene Armut anders zu sehen. Mangel an Geduld, manche Härte im Ton, innere Verletzlichkeit – das alles ist nicht mehr der Ort endgültiger Verurteilung, sondern der Raum, in den hinein der zusammengesetzte Geist wirken will. Der Blick geht weg von der Frage, was wir aus uns heraus leisten können, hin zu der Gewissheit, dass der, der alles durch Tod und Auferstehung hindurchgetragen hat, jetzt in uns wohnt und sich mitteilen will. In dieser Perspektive verlieren selbst lange vertraute Schwächen etwas von ihrem Schrecken; sie werden zu Punkten, an denen die überreiche Versorgung des Geistes Jesu Christi sichtbar und spürbar werden kann.
denn ich weiß, dass mir dies zur Errettung dienen wird durch euer Flehen und die überströmende Versorgung mit dem Geist Jesu Christi, (Phil. 1:19)
und mache daraus ein Öl der heiligen Salbung, eine Mischung von Gewürzsalbe, ein Werk des Salbenmischers; es soll ein Öl für die heilige Salbung sein. (2.Mose 30:25)
Wo der Geist Jesu Christi als die lebendige Mischung von Gottheit, Menschheit, Kreuz und Auferstehung unsere inneren Räume erfüllt, wird unser Alltag entlastet. Wir müssen nicht mehr aus eigener Kraft heilig, geduldig oder freudig sein, sondern lernen, uns auf die stille, aber wirksame Salbung zu verlassen, die in uns wohnt. So werden selbst schwierige Begegnungen zu Gelegenheiten, in denen nicht unsere angestrengte Moral, sondern der reiche Christus in seinem Geist den Ton angibt und seine eigene Schönheit durch unser Menschsein hindurch sichtbar macht.
Die Versorgung des Geistes in der Gemeinschaft des Leibes
Die überreiche Versorgung des Geistes Jesu Christi erreicht Paulus nicht im luftleeren Raum. Er verbindet sie ausdrücklich mit den Bitten der Heiligen: „denn ich weiß, dass mir dies zur Errettung dienen wird durch euer Flehen und die überströmende Versorgung mit dem Geist Jesu Christi“ (Philipper 1:19). Äußerlich sitzt er isoliert im Gefängnis, innerlich weiß er sich eingewoben in das Flehen der Gemeinde. Die Gebete der Geschwister sind für ihn nicht nur moralische Unterstützung, sondern ein Kanal, durch den die Versorgung des Geistes konkret zu ihm fließt. So wird sichtbar, dass die bountiful supply des Geistes keine Privaterfahrung eines besonders geistlichen Einzelnen ist, sondern eine Bewegung im Leib Christi.
Beachte, was Paulus in Vers 19 sagt: „Denn ich weiß, dass mir dies zur Errettung ausschlagen wird durch euer Flehen und die überreiche Versorgung des Geistes Jesu Christi.“ … Wenn wir die Verse 7 und 19 zusammennehmen, sehen wir, dass der Ausdruck „euer Flehen“ die Versorgung des Leibes anzeigt. Äußerlich war Paulus im Gefängnis; in Wirklichkeit war er im Leib. Die Gefangenschaft isolierte ihn nicht vom Leib und schnitt ihn nicht von der Versorgung des Leibes ab. (Witness Lee, Life-Study of Philippians, Botschaft dreiunddreißig, S. 290)
Psalm 133 zeichnet dafür ein tiefes Bild: Das Salböl, das auf Aarons Haupt gegossen wird, fließt über den Bart bis zum Saum seines Gewandes. Die Salbung liegt am Haupt, doch sie kommt bei den Gliedern an, weil sie miteinander verbunden sind. Übertragen bedeutet das: Die Fülle des zusammengesetzten Geistes ist an Christus als dem Haupt gebunden, aber sie erreicht uns gerade darin, dass wir als Glieder miteinander verbunden bleiben. „So sollst du diese (Dinge) heiligen, und sie sollen hochheilig sein: alles, was sie berührt, ist geheiligt“ (2. Mose 30:29), heißt es im Zusammenhang des Salböls. Was in der Gegenwart Gottes steht, wird durch Berührung mit dem Gesalbten geheiligt. Wo Menschen sich vor Gott versammeln, wo sie gemeinsam auf seinen Namen ausgerichtet sind, wo sie im Gebet einander tragen, dort fließt die Salbung – oft unspektakulär, aber spürbar.
Deshalb ist es so folgenschwer, wenn ein Herz sich innerlich vom Gemeindeleben ablöst. Nicht weil Gott seine Gnade entzieht, sondern weil die von Gott gewählte Weise der Versorgung missachtet wird. Wer in sich hinein zurückweicht, seine Kämpfe verschließt oder sich dauerhaft aus der gemeinsamen Anbetung und dem Dienst zurückzieht, erlebt die Fülle des Geistes oft nur noch leise und bruchstückhaft. Umgekehrt geschieht es immer wieder, dass eine schwere Situation durch das versteckte Gebet anderer Gläubiger eine unerklärliche Wendung nimmt: Nicht unbedingt die Umstände ändern sich, aber Mut, Klarheit und Trost kehren zurück. Dann wird erfahrbar, dass die Salbung des Geistes eine Bewegung im Leib ist – sie wandert gleichsam durch das Gebet, durch das gemeinsame Rufen zum Herrn, durch das geteilte Wort.
Wo ein Mensch sich als lebendiger Stein an Gottes „Zelt der Begegnung“ gebunden weiß, als Priester, der nicht allein, sondern mit anderen vor Gott steht, dort wird die Versorgung des Geistes Jesu Christi zu einer erfahrbaren Realität. In schlichten Gebetszeiten, in kurzen Gesprächen nach einer Zusammenkunft, im gemeinsamen Tragen einer Last geschieht, was kein Programm leisten kann: dass Christus großgemacht wird, während der einzelne innerlich gerettet wird. Der Blick löst sich von der eigenen Not und findet hinein in die größere Wirklichkeit des Leibes. In dieser Wirklichkeit wird der Alltag weicher, selbst unter harter Belastung, und die Hoffnung wächst, dass kein Glied vergessen ist, weil das Haupt selbst seine Salbung über den ganzen Leib ausgießt.
denn ich weiß, dass mir dies zur Errettung dienen wird durch euer Flehen und die überströmende Versorgung mit dem Geist Jesu Christi, (Phil. 1:19)
So sollst du diese (Dinge) heiligen, und sie sollen hochheilig sein: alles, was sie berührt, ist geheiligt. (2.Mose 30:29)
Die Versorgung des Geistes in der Gemeinschaft des Leibes holt uns aus der Enge eines nur privaten Glaubens heraus. Sie macht deutlich, dass Christus nicht nur in mir, sondern unter uns großgemacht werden will. Wer sich diesem Miteinander nicht verschließt, sondern seine Schwachheit in die betende Gemeinschaft hineinträgt, erlebt, wie die Last nicht einfach verschwindet, aber leichter wird, weil sie geteilt ist. In diesem geteilten Tragen erweist sich die überreiche Versorgung des Geistes Jesu Christi als lebendige, tröstende und stärkende Wirklichkeit, in der Christus Schritt für Schritt sichtbarer wird.
Herr Jesus Christus, danke für die überreiche Versorgung durch deinen Geist, der alle Wirkungen deines Todes und deiner Auferstehung in sich trägt. Du siehst jede verborgene Spannung, jede Entmutigung und jede Situation, in der wir uns klein, schuldig oder beschämt fühlen. Lass gerade diese Umstände zu Räumen werden, in denen deine Gnade uns innerlich trägt und dein Leben sichtbar wird. Salbe unser Herz neu mit der Süße deines Kreuzes und mit der Kraft deiner Auferstehung, damit Bitterkeit, Selbstmitleid und Resignation weichen und dein Friede, deine Freude und deine Sanftmut unser Angesicht prägen. Stärke uns in der Gemeinschaft deines Leibes und öffne uns für den Trost, die Gebete und die Unterstützung der Geschwister, damit dein Geist reichlich unter uns fließen kann. So lass uns erfahren, dass wir nicht in der Niederlage enden, sondern dass du in unserem Alltag großgemacht wirst – in Worten und Schweigen, in Leiden und in Freude. Dir sei alle Ehre, jetzt und in Ewigkeit. Amen.
Englische Quelle: Life-Study of Philippians, Chapter 33