Das Wort des Lebens
lebensstudium

Christus gewinnen, indem wir Ihn verfolgen

12 Min. Lesezeit

Viele Christen können genau sagen, wann sie sich bekehrt haben – aber weit weniger können sagen, wie sie heute konkret Christus gewinnen. Paulus beschreibt sein Leben nicht als ruhiges Ankommen, sondern als angespanntes Unterwegssein: Er weiß sich von Christus ergriffen und jagt doch weiter nach vorne. Zwischen der sicheren Rettung und der noch nicht vollendeten Reife spannt sich ein Weg, auf dem wir Christus tiefer erkennen, erfahren und genießen. Diese Spannung – gerettet und doch nicht fertig, ergriffen und doch noch suchend – prägt das Leben aller, die mehr wollen als nur „irgendwie im Himmel ankommen“ und die von Paulus lernen möchten, wie man Christus verfolgt, um Ihn zu gewinnen.

Von Christus ergriffen – und doch noch unterwegs

Paulus steht in Philipper 3.wie ein lebendiges Zeugnis dafür, dass man in Christus zugleich angekommen und unterwegs sein kann. Er weiß sich unumstößlich von Christus ergriffen: Auf der Straße nach Damaskus hat der auferstandene Herr ihn gepackt, umgewendet und in Seinen Dienst gestellt. Seit diesem Moment gehört Paulus Christus, nicht mehr sich selbst. Dennoch schreibt er: „Nicht dass ich es schon erlangt hätte oder schon vollendet wäre, ich jage aber nach, ob ich wohl das ergreifen kann, wozu ich auch von Christus Jesus ergriffen worden bin“ (Phil. 3:12). Er kennt die Sicherheit der Errettung, aber er verwechselt sie nicht mit Vollendung. Was am Kreuz und in der Wiedergeburt einmalig geschah, ist abgeschlossen; was in seinem Innern an Wachstum im Leben geschieht, ist im Gange, tastend, reifend, weiterführend.

In Vers 12 heißt es: „Nicht dass ich es schon erlangt habe oder schon vollendet bin; ich jage aber danach, ob ich es auch ergreifen möge, weil ich auch von Christus Jesus ergriffen worden bin.“ Das griechische Wort, das mit vollendet wiedergegeben wird, bedeutet auch vollendet oder im Leben gereift. Paulus meint hier, dass er noch im Wachstum war, denn er sah sich nicht als jemanden an, der die Reife bereits erreicht hatte. Wenn Paulus sagen musste, dass er es noch nicht erlangt hatte oder noch nicht vollendet war, obwohl er so viel Wachstum im Leben und so viel Erfahrung von Christus hatte, wie viel mehr sollten dann wir eine solche Haltung uns selbst gegenüber haben! (Witness Lee, Life-Study of Philippians, Botschaft dreiundzwanzig, S. 195)

Gerade dieser nüchterne Realismus bewahrt vor geistlicher Selbstzufriedenheit. Paulus hatte Christus erkannt, hatte Gemeinden gegründet, litt für das Evangelium und kannte die Kraft der Auferstehung – und dennoch sagt er von sich, dass er es noch nicht ergriffen habe. Damit wird deutlich, wie er Reife versteht: nicht als Fehlerlosigkeit, sondern als Tiefe der Durchdringung mit Christus. „Doch noch mehr, ich sehe auch alle Dinge als Verlust an wegen der Vortrefflichkeit der Erkenntnis Christi Jesu, meines Herrn; um Seinetwillen habe ich den Verlust aller Dinge erlitten und sehe sie als Abfall an, damit ich Christus gewinne“ (Phil. 3:8). Das Maß unseres Wachstums zeigt sich daran, wie viel Raum Christus in unseren Gedanken, Entscheidungen, Beziehungen und Reaktionen wirklich hat. So entsteht eine stille Spannung: Ich bin geborgen, und doch nicht fertig. Wer sich in dieser Spannung wiederfindet, darf getrost sein: Christus lässt nicht los, was Er ergriffen hat, und eben deshalb zieht Er weiter in die Tiefe. In dieser Zuversicht wird das Leben mit Ihm zu einem Weg, auf dem Gewissheit und Sehnsucht einander die Hand reichen.

Nicht dass ich es schon erlangt hätte oder schon vollendet wäre, ich jage aber nach, ob ich wohl das ergreifen kann, wozu ich auch von Christus Jesus ergriffen worden bin. (Phil. 3:12)

Doch noch mehr, ich sehe auch alle Dinge als Verlust an wegen der Vortrefflichkeit der Erkenntnis Christi Jesu, meines Herrn; um Seinetwillen habe ich den Verlust aller Dinge erlitten und sehe sie als Abfall an, damit ich Christus gewinne (Phil. 3:8)

Das Bewusstsein, von Christus ergriffen zu sein und dennoch noch unterwegs zu sein, öffnet den Blick für ein Leben, das weder in Angst noch in Trägheit gefangen ist. Wer sich von der überströmenden Gnade Gottes getragen weiß, wie Paulus bezeugt: „Zuverlässig ist das Wort und aller Annahme wert, dass Christus Jesus in die Welt gekommen ist, um die Sünder zu retten, von denen ich der Erste bin. Aber deswegen ist mir Barmherzigkeit erwiesen worden, damit Jesus Christus an mir, dem Ersten, Seine ganze Langmut erweise“ (1. Timotheus 1:15–16), kann ehrlich zugeben, noch nicht am Ziel zu sein, ohne an seiner Heilsgewissheit zu rütteln. Diese Ehrlichkeit wird nicht zur Last, sondern zum Raum, in dem Christus weiterwachsen möchte. So wird jeder Tag ein neuer Abschnitt in derselben Geschichte: Der Herr hält fest, was Er gewonnen hat, und gerade darin lädt Er ein, Ihn tiefer zu gewinnen.

Christus verfolgen: vergessen, ausstrecken, laufen

Wenn Paulus sein Leben mit Christus zusammenfasst, verdichtet er alles in einer einzigen Bewegung. Er schreibt: „Brüder, ich schätze mich selbst nicht so ein, es ergriffen zu haben; eins aber tue ich: Indem ich die Dinge vergesse, die hinter mir liegen, und mich ausstrecke nach den Dingen, die vor mir liegen, jage ich auf das Ziel zu für den Siegespreis, zu dem Gott mich in Christus Jesus aufwärts berufen hat“ (Phil. 3:13–14). Das ist keine hektische Aktivität, sondern die gespannte, konzentrierte Kraft eines Läufers, der die Ziellinie vor Augen hat. Vergangenheit bleibt nicht bestimmend – weder seine religiösen Erfolge im Judentum noch seine bisherigen geistlichen Erfahrungen. Sie sind real, aber sie bilden nicht den Maßstab, an dem er stehenbleibt. Denn Christus, den er jagt, ist kein kleiner Kreis, der sich rasch ausschöpfen ließe, sondern ein unerschöpflich reiches Land, das immer neu erforscht und in Besitz genommen werden will.

In den Versen 13 und 14 fährt Paulus fort: „Brüder, ich denke von mir selbst nicht, es ergriffen zu haben; eines aber: was dahinten ist, vergesse ich, und nach dem, was vorn ist, strecke ich mich aus und jage auf das Ziel zu, hin zu dem Kampfpreis der hohen Berufung Gottes in Christus Jesus.“ Obwohl Paulus Christus in außerordentlicher Weise erfahren und gewonnen hatte, war er nicht der Meinung, dass er Ihn völlig erfahren oder Ihn bis zum Äußersten gewonnen hatte. Deshalb schritt er weiterhin auf das Ziel zu – das Gewinnen Christi in vollstem Maß. (Witness Lee, Life-Study of Philippians, Botschaft dreiundzwanzig, S. 197)

So wird die Bewegung des ‚Verfolgungslaufs‘ dreifach: vergessen, ausstrecken, laufen. Vergessen heißt hier nicht verdrängen, sondern die Bindekraft des Gestern lösen. Ausstrecken meint das innere und äußere Öffnen für den Christus, der noch vor ihm liegt – wie der Läufer, der mit dem ganzen Körper nach dem Zielband greift. Laufen schließlich ist das beharrliche, zielorientierte Vorwärtsgehen, getragen von der Gewissheit, dass Christus selbst das Ziel ist. Darum kann Paulus auch von der „Heraus-Auferstehung“ sprechen, auf die er hinleben möchte (vgl. Phil. 3:11), und von der „Auferstehung des Lebens“, die Jesus in Johannes 5:29 verheißt. Nicht alle Gläubigen werden im Blick auf Lohn und Herrschaft im Tausendjährigen Königreich dieselbe Stellung einnehmen; es gibt ein Mehr an Christusgenuss für die, die Ihn hier treu verfolgen. In dieser Perspektive verliert das Christsein den Charakter des Stillstands. Es wird zu einem Lauf, in dem jeder Schritt – hell oder dunkel, leicht oder mühsam – unter ein und dasselbe Ziel gestellt ist: Christus heute ein wenig mehr zu gewinnen als gestern.

In diesem Licht bekommt auch die Alltagserfahrung eine neue Färbung. Die Grenzen, an denen man sich reibt, die Enttäuschungen, die einem die Vergangenheit vor Augen führen, verlieren ihre letzte Deutungshoheit. Sie sind nicht der Ort, an dem alles stehenbleibt, sondern die Strecke, auf der der Lauf weitergeht. So kann das Herz ruhig und zugleich gespannt sein: ruhend in der Gnade, die alles begonnen hat, und gespannt auf den Christus, der noch reichlich vor uns liegt. Der Ruf „ich jage auf das Ziel zu“ ist dann kein moralischer Druck, sondern eine Einladung, in der inneren Bewegung zu bleiben, die Paulus getragen hat – im Vertrauen darauf, dass der, der uns von oben berufen hat, uns auch an das Ziel bringen wird.

Brüder, ich schätze mich selbst nicht so ein, es ergriffen zu haben; eins aber tue ich: Indem ich die Dinge vergesse, die hinter mir liegen, und mich ausstrecke nach den Dingen, die vor mir liegen, (Phil. 3:13)

jage ich auf das Ziel zu für den Siegespreis, zu dem Gott mich in Christus Jesus aufwärts berufen hat. (Phil. 3:14)

Wer das Bild des Läufers im Herzen trägt, sieht sein Leben nicht mehr nur als Abfolge von Ereignissen, sondern als Weg auf Christus hin. Das Vergangene verliert seinen Anspruch, das Eigentliche zu definieren; es bekommt seinen Platz hinter uns. Der Blick wird frei für den Christus, der vor uns liegt und dessen Fülle noch entdeckt werden möchte. „Und ob ich wohl zur Heraus-Auferstehung von den Toten hingelangen könnte“ (Phil. 3:11) – dieser Satz gibt dem Glaubenslauf eine leise, aber starke Ausrichtung: Es geht um mehr als darum, irgendwie anzukommen; es geht darum, Christus so zu verfolgen, dass Sein Leben in uns zur Entfaltung kommt. In dieser Hoffnung darf selbst der mühsame Abschnitt des Weges zu einem Teil des Laufes werden, in dem Christus sich neu schenkt.

Die hohe himmlische Berufung: Christus als das wahre gute Land

Wenn Paulus von der „hohen Berufung Gottes in Christus Jesus“ spricht (Phil. 3:14), lässt er einen weiten Horizont aufscheinen. Das Wort meint eine Berufung „von oben her“, aus dem Himmel. Diese himmlische Berufung steht in einer langen Linie, die im Alten Testament begonnen hat. Die Kinder Israels wurden aus Ägypten herausgeführt, um in ein konkretes Land hineinzukommen – das gute Land Kanaan. Dort sollten sie nicht nur wohnen, sondern es durchziehen, bebauen, verteidigen und genießen. Dieses Land war mehr als politische Heimat; es war Zeichen und Vorgeschmack der Treue Gottes. In 5. Mose 8 wird es als Land beschrieben, „in das du kommen wirst, um es in Besitz zu nehmen“, reich an Wasser, Früchten und Erz. Was Israel äußerlich verheißen war, wird im Neuen Bund innerlich: „Das gute Land, das Land Kanaan, ist ein Sinnbild auf den allumfassenden Christus, auf den Christus, der alles und in allen ist und der alles für uns ist.“

Das Ziel, dem wir nachjagen, ist der volle Genuss Christi, und der Kampfpreis ist der zusätzliche Genuss Christi. Ich glaube, dass dieser zusätzliche Anteil des Genusses Christi im Tausendjährigen Königreich sein wird. Im Tausendjährigen Königreich werden die Überwinder Christus in außergewöhnlicher Weise genießen. (Witness Lee, Life-Study of Philippians, Botschaft dreiundzwanzig, S. 200)

So gewinnt die hohe Berufung Gestalt: Gott ruft aus der Höhe, damit Christus unser wahres gutes Land werde. Wie Israel nicht damit fertig war, die Grenze Kanaans zu überschreiten, so ist für die Gemeinde nicht alles getan, wenn Menschen zum Glauben kommen. Es beginnt der Weg, Christus zu bewohnen: Ihn als Versorgung und Ruhe, als Stärke und Freude zu erfahren. Paulus bringt dies auf den Punkt, wenn er sagt: „jage ich auf das Ziel zu für den Siegespreis, zu dem Gott mich in Christus Jesus aufwärts berufen hat“ (Phil. 3:14). Das Ziel ist der volle Genuss Christi; der Siegespreis ist ein zusätzlicher Anteil dieses Genusses, den die Schrift mit der besonderen Belohnung der Überwinder und ihrem Anteil am Tausendjährigen Königreich verbindet. Zugleich bleibt die Berufung in der Gegenwart: „Unser Bürgertum aber ist in den Himmeln, von woher wir auch den Herrn Jesus Christus als Retter erwarten, der unseren Leib der Niedrigkeit umgestalten wird“ (Phil. 3:20–21). Wer so zu Christus berufen ist, sieht sein Leben nicht mehr primär unter irdischen Vorzeichen. Die eigentlichen „Grenzen“ liegen nicht auf der Landkarte, sondern im Innern: Wie weit darf Christus unser Denken, Fühlen und Handeln einnehmen? Diese Frage ist keine Bedrohung, sondern der Ruf eines Gottes, der Sein gutes Land nicht zurückhält, sondern in reicher Fülle schenken möchte.

Gerade darin liegt Trost und Ansporn. Die Wege, die uns klein und begrenzt vorkommen, sind in der Perspektive des Himmels Strecken in diesem Land Christus. Jeder Schritt des Vertrauens, jede verborgene Treue, jede stille Umkehr ist wie ein weiteres Stück Boden, das in Besitz genommen wird. Die hohe Berufung wird dann nicht zu einer abgehobenen Idee, sondern zu der leisen Gewissheit, dass unser Leben an eine größere Geschichte angeschlossen ist. Gott ruft von oben – nicht um Distanz zu schaffen, sondern um in uns die Sehnsucht nach dem guten Land zu wecken, das Christus selbst ist. Diese Sehnsucht trägt durch schwere Zeiten und bewahrt davor, sich zu früh mit wenig zufrieden zu geben. So entsteht ein stiller Mut, weiterzugehen, bis der Tag kommt, an dem der, der uns berufen hat, uns in die volle Weite Seines Landes führt.

jage ich auf das Ziel zu für den Siegespreis, zu dem Gott mich in Christus Jesus aufwärts berufen hat. (Phil. 3:14)

Unser Bürgertum aber ist in den Himmeln, von woher wir auch den Herrn Jesus Christus als Retter erwarten, der unseren Leib der Niedrigkeit umgestalten wird zur Gleichförmigkeit mit seinem Leib der Herrlichkeit, nach der wirksamen Kraft, mit der er sich auch alle Dinge zu unterwerfen vermag. (Phil. 3:20-21)

Die himmlische Berufung Gottes gibt dem Alltag eine neue Mitte. Was auf den ersten Blick unscheinbar oder mühselig scheint, steht im Dienst eines Weges, auf dem Christus als das gute Land mehr Gestalt gewinnt. „Die Kinder Israels“ mussten lernen, im Land zu leben und aus seinen Ressourcen zu schöpfen; ähnlich lernt die Gemeinde, Christus nicht nur als Eintritt, sondern als Lebensraum zu kennen. So wird aus dem Glaubensleben kein mühsames Erfüllen äußerer Erwartungen, sondern ein Hineinwachsen in den Reichtum dessen, der unser Land, unsere Heimat, unser Erbteil ist. In dieser Perspektive wird die hohe Berufung zu einer zarten, aber starken Ermutigung: Gott ruft von oben, und Sein Ruf trägt nach vorn.


Herr Jesus Christus, danke, dass Du mich ergriffen hast, nicht nur um mich zu retten, sondern damit ich Dich selbst gewinne. Du kennst meine Vergangenheit, meine Erfolge und meine Enttäuschungen – hilf mir, mich nicht an ihnen festzuhalten, sondern mein Herz neu auf Dich auszurichten. Stärke in mir das Verlangen, Dich zu verfolgen, Dir nachzugehen und mich nach dem auszustrecken, was vor mir liegt: die tiefere Erkenntnis Deiner Person und den reicheren Genuss Deiner Gegenwart. Lass mich Deine hohe, himmlische Berufung nicht aus den Augen verlieren und bewahre mich vor einem zufriedenen Stillstand. Fülle meinen Blick mit Dir als meinem wahren guten Land und lass mein Leben ein Lauf sein, der auf Dich als Ziel und Belohnung ausgerichtet bleibt, bis ich Dich von Angesicht zu Angesicht sehe. In Deiner Gnade und Kraft vertraue ich Dir meinen Weg an. Amen.

Englische Quelle: Life-Study of Philippians, Chapter 23

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