Die Vortrefflichkeit der Erkenntnis Christi
Manche Christen können sehr genau erklären, was im Gesetz des Mose steht, welche Regeln eine Gemeinde prägen sollten oder welche geistlichen Leistungen sie vorzuweisen haben – aber wenn sie von Christus selbst reden sollen, bleiben ihre Worte erstaunlich arm. Paulus kannte beide Welten aus eigener Erfahrung: ein Leben voller religiöser Erfolge unter dem Gesetz und ein Leben „in Christus“, in dem er nach und nach erkannte, dass alle seine bisherigen Vorteile im Vergleich zur Erkenntnis Jesu nur noch wie Abfall waren. Diese innere Wende berührt auch uns: Wie viel ist uns die Erkenntnis Christi wirklich wert, und woran merkt man, dass Er für uns unvergleichlich geworden ist?
Der Gegensatz zwischen Gesetz und Christus
Wenn Paulus auf seine Vergangenheit zurückblickt, zeichnet er zunächst das Bild einer beeindruckenden religiösen Laufbahn. Er nennt sich „beschnitten am achten Tag, vom Geschlecht Israel, vom Stamm Benjamin, Hebräer von Hebräern; dem Gesetz nach ein Pharisäer“ (Philipper 3:5). Unter der Führung des Gesetzes, zu dem bereits in 1. Mose die Grundlinien gelegt sind, hatte er einen geschärften Sinn für Gottes Gebote, für Reinheit und Eifer. Es ist nichts Oberflächliches an dieser Biographie: Sie ist erfüllt von Disziplin, von Gehorsam, von sorgfältiger Gesetzesfrömmigkeit. Doch gerade dieser Mann schreibt wenige Zeilen später: „Doch welche Dinge auch immer mir Gewinn waren, diese habe ich um Christi willen als Verlust angesehen“ (Philipper 3:7). Der Kontrast könnte kaum stärker ausfallen: Was einst glänzte, steht nun im Schatten einer größeren Wirklichkeit.
Als Paulus 3:5–8 schrieb, hatte er ganz gewiss den Gegensatz zwischen dem Gesetz und Christus vor Augen. Paulus hatte sowohl mit Christus als auch mit dem Gesetz große Erfahrung. Durch diese Erfahrung gelangte er zu voller Erkenntnis sowohl von Christus als auch vom Gesetz. Das Gesetz und Christus sind zwei Hauptfaktoren im Aufbau der Bibel. In gewissem Sinn ist das Alte Testament im Wesentlichen mit dem Gesetz als grundlegendem Faktor verfasst; man kann es als ein Buch des Gesetzes ansehen. Das Neue Testament hingegen ist mit Christus als dem grundlegenden und bestimmenden Faktor verfasst. (Witness Lee, Life-Study of Philippians, Botschaft neunzehn, S. 158)
Der Wendepunkt in diesem Leben war kein neues System, sondern eine Begegnung mit einer Person. Auf dem Weg nach Damaskus stürzt der eifrige Gesetzestreue zu Boden und hört eine Stimme: „Saul, Saul, warum verfolgst du mich?“ (Apostelgeschichte 9:4). In dieser Frage offenbart sich mehr als eine Korrektur seines Verhaltens: Der Verfolgte identifiziert sich mit den Verfolgten, der himmlische Christus mit seiner irdischen Gemeinde. Die Wirklichkeit Gottes steht plötzlich nicht mehr als Gesetzestext vor Paulus, sondern als lebendiger Herr. Später erkennt er: „der Mensch [wird] nicht aus Werken des Gesetzes gerechtfertigt … denn aus den Werken des Gesetzes wird kein Fleisch gerechtfertigt werden“ (Galater 2:16). Das Gesetz bleibt heilig und gut, doch seine Aufgabe ist vorbereitend; es weist hin, es überführt, es begrenzt – aber es rettet nicht.
Damit treten zwei Grundkräfte in der Geschichte Gottes mit den Menschen deutlich hervor: das Gesetz und Christus. Das Alte Testament kann in einem gewissen Sinn als Buch des Gesetzes gelesen werden, in dem Gottes Wille in Geboten und Ordnungen konturiert wird. Das Neue Testament hingegen entfaltet Christus als den grundlegenden und bestimmenden Faktor: der Sohn, in dem Gott sich selbst gibt, nicht nur als Forderung, sondern als Leben, als Gerechtigkeit und Frieden. Paulus kennt die innere Logik beider Ordnungen aus eigener Erfahrung. Seine Worte in Philipper 3.tragen die Schwere eines Mannes, der den Preis der Gesetzesgerechtigkeit bezahlt hat und nun entdeckt, dass alles, was er aufgebaut hat, im Licht Christi keinen Bestand als eigentliche Sicherheit mehr hat.
Wenn Paulus seine religiösen Vorzüge als Verlust und sogar als Abfall bezeichnet, richtet sich das nicht gegen das Gesetz als solches, sondern gegen das Vertrauen auf eigene Leistung. Das Gesetz kann definieren, aber es kann nicht beleben; es kann verurteilen, aber nicht erneuern. Christus dagegen ist der Mittelpunkt des neuen Bundes, der „lebendige Herr“ (vgl. Hebräer 7:25), der das Gesetz erfüllt und zugleich übersteigt, indem er selbst zur Gerechtigkeit für den Glaubenden wird. So steht auf der einen Seite die mühsam errungene eigene Gerechtigkeit, auf der anderen Seite der allumfassende Christus, in dem wahre Gerechtigkeit, bleibender Frieden und echte Gemeinschaft mit Gott zu Hause sind. Wer beginnt, diesen Christus zu erkennen, erlebt, wie vertraute Sicherheiten verblassen. Diese Erfahrung ist nicht bitter, sondern befreiend: Was aufgegeben wird, verliert seine Macht, weil etwas Größeres gewonnen wird.
Beschnitten am achten Tag, vom Geschlecht Israel, vom Stamm Benjamin, Hebräer von Hebräern; dem Gesetz nach ein Pharisäer; (Phil. 3:5-8)
Doch welche Dinge auch immer mir Gewinn waren, diese habe ich um Christi willen als Verlust angesehen. (Phil. 3:7)
Wo die Vortrefflichkeit der Erkenntnis Christi aufgeht, verwandelt sich der scharfe Gegensatz zwischen Gesetz und Christus in eine stille, aber tiefgreifende Umkehrung der Werte. Eigene religiöse Vorzüge verlieren ihre Funktion als Schutzwall, und Christus wird zur eigentlichen Sicherheit. Das entlastet, nimmt den Druck permanenter Selbstrechtfertigung und öffnet Raum für eine Beziehung, in der der Gehorsam nicht mehr aus Angst vor dem Gesetz, sondern aus Liebe zu dem lebendigen Herrn wächst. So kann das, was einst Gewinn schien, ohne Bitterkeit abgelegt werden, weil im Licht Christi sichtbar wird, dass wirklich nichts verloren ist, wenn in Ihm alles gefunden wird.
Die Vortrefflichkeit der Erkenntnis Christi
In der Mitte von Philipper 3.fällt ein Ausdruck ins Gewicht, der leicht überlesen wird: Paulus spricht von der „Vortrefflichkeit der Erkenntnis Christi Jesu, meines Herrn“ (Philipper 3:8). Er hebt nicht einfach die Vortrefflichkeit Christi hervor, sondern die Vortrefflichkeit der Erkenntnis Christi. Christus ist in sich vollkommen herrlich, aber diese Herrlichkeit bleibt für den Menschen wirkungslos, solange sie ihn nicht innerlich erreicht. Paulus hatte Christus lange nicht gekannt, obwohl er die Schriften kannte. Erst als Gott es sich „wohlgefiel, Seinen Sohn in mir zu offenbaren“ (Galater 1:16), wurde aus theologischer Information eine persönliche Erkenntnis. Die Distanz zwischen einem richtigen Konzept und einem ergriffenen Herzen ist groß – und genau diese Kluft wird in der Erkenntnis Christi überbrückt.
Es ist wichtig zu sehen, dass Paulus in 3:8 nicht von der Vortrefflichkeit Christi spricht, sondern von der Vortrefflichkeit der Erkenntnis Christi. Viele Leser des Philipperbriefes beziehen das Wort „Vortrefflichkeit“ nicht auf die Erkenntnis Christi, sondern auf Christus selbst. Paulus spricht jedoch ausdrücklich und eindeutig von der Vortrefflichkeit der Erkenntnis Christi. Paulus’ Erkenntnis Christi war vortrefflich. Wegen der Vortrefflichkeit dieser Erkenntnis war er bereit, den Verlust aller Dinge auf sich zu nehmen. (Witness Lee, Life-Study of Philippians, Botschaft neunzehn, S. 159)
Wenn Paulus von Erkenntnis spricht, meint er mehr als die Summe richtiger Aussagen über Jesus. Es geht um ein Erkanntwerden und Ergreifen, das seine Person, seine Maßstäbe, seine Liebe in das Innerste durchdringen lässt. Darum fügt er hinzu: „meines Herrn“. Die Erkenntnis Christi trägt für ihn einen persönlichen Klang, sie ist durchzogen von Zuneigung und Vertrauen. Im Licht dieser Erkenntnis ändern sich die Wertverhältnisse: „Ich sehe auch alle Dinge als Verlust an … und sehe sie als Abfall an, damit ich Christus gewinne“ (Philipper 3:8). Die Worte sind drastisch, aber sie entspringen keinem Zynismus gegenüber der Welt, sondern einer Überfülle. Wer den größeren Schatz entdeckt, muss den kleineren nicht verfluchen, aber er kann ihn ohne Bedauern zurücklassen.
Diese Erkenntnis ist nicht statisch. Sie wächst, sie vertieft sich, sie weitet den inneren Horizont. Der Geist Gottes nimmt das Wort, die Wege Gottes im Alltag, die Erfahrungen von Trost und Korrektur und macht darin die Person Christi sichtbar. Die Schrift wird so nicht zu einem trockenen Gesetzesbuch, sondern zu einem Raum der Begegnung. Es heißt: „Die Schrift … verkündigte dem Abraham die gute Botschaft voraus: ‚In dir werden gesegnet werden alle Nationen‘“ (Galater 3:8). In solchen Verheißungen, in Geschichten und Geboten zeichnet sich Christus als Mitte und Ziel ab. Wo diese Spur erkannt wird, wachsen Ehrfurcht und Staunen, und die Vortrefflichkeit der Erkenntnis Christi gewinnt Konturen jenseits bloßer Begriffe.
Mit dieser wachsenden Erkenntnis verändert sich auch die Art, wie Verlust erlebt wird. Was Paulus „Verlust aller Dinge“ nennt, ist nicht zuerst eine heroische Leistung, sondern eine Folge veränderter Wahrnehmung. Der Blick ist von Christus her geprägt; was einst unverzichtbar schien, verliert seinen absoluten Anspruch. Das schließt auch religiöse Sicherheiten, geistliche Leistungen und gewohnte Bilder von Erfolg mit ein. Die Vortrefflichkeit der Erkenntnis Christi stellt alles unter ein neues Licht, das streng und zugleich überaus tröstlich ist: Streng, weil falsche Sicherheiten entlarvt werden; tröstlich, weil an ihre Stelle eine Person tritt, deren Treue nicht schwankt. In dieser Spannung wird der Glaube reifer, die Liebe schlichter, die Hoffnung stabiler.
Doch noch mehr, ich sehe auch alle Dinge als Verlust an wegen der Vortrefflichkeit der Erkenntnis Christi Jesu, meines Herrn; um Seinetwillen habe ich den Verlust aller Dinge erlitten und sehe sie als Abfall an, damit ich Christus gewinne (Phil. 3:8)
Als es aber Gott, der mich von meiner Mutter Leib an ausgesondert und durch Seine Gnade berufen hat, wohlgefiel, (Gal. 1:15-16)
Die Vortrefflichkeit der Erkenntnis Christi verwandelt den Blick auf Gewinn und Verlust, ohne das Leben zu verachten. Je mehr die Person Jesu in ihrer Schönheit, Macht und Treue erkannt wird, desto freier kann anderes losgelassen werden, das zuvor unverzichtbar schien. Das schafft inneren Raum, um nicht von äußeren Maßstäben, sondern von der Beziehung zu „Christus Jesus, meinem Herrn“ bestimmt zu sein. In dieser wachsenden Erkenntnis liegt eine tiefe Ermutigung: Der eigentliche Reichtum des Glaubens ist nicht das, was gehalten wird, sondern der, der uns hält.
Der allumfassende Christus und unsere erneuerte Sicht
Wenn Paulus in seinen Briefen an Galater, Epheser, Philipper und Kolosser von Christus spricht, öffnet sich ein Horizont, der weit über das persönliche Heil hinausreicht. Christus ist nicht nur der, der Sünden vergibt, sondern der, in dem die ganze Schöpfung ihren Ursprung, ihren Zusammenhalt und ihr Ziel hat. So beschreibt er in Kolosser 1.Christus als den, „in dem alles geschaffen ist … das Sichtbare und das Unsichtbare … alle Dinge sind durch ihn und zu ihm hin geschaffen“ (Kolosser 1:16). Und er fügt hinzu, dass „alle Dinge in ihm bestehen“ (Kolosser 1:17). Der, der am Kreuz gestorben ist, ist derselbe, in dem die Galaxien gehalten werden. Die Erkenntnis Christi nimmt damit kosmische Dimensionen an, ohne die persönliche Nähe zu verlieren.
In den vier Büchern, die das Herz der göttlichen Offenbarung bilden – Galater, Epheser, Philipper und Kolosser –, zieht Paulus den Schleier weg, um uns zu zeigen, wer Christus ist und was Christus ist. Christus ist allumfassend und allausgedehnt, die Wirklichkeit jeder positiven Sache im Universum. Er ist die Wirklichkeit von Gott, Mensch, Ewigkeit, Licht und Leben. Uns fehlen schlicht die Worte, um auszusprechen, wer und was Christus ist. (Witness Lee, Life-Study of Philippians, Botschaft neunzehn, S. 161)
Diese Weite wird weiter vertieft, wenn Paulus zeigt, dass Christus die Wirklichkeit aller göttlichen Ordnungen ist. Feste, Sabbate und Speisegebote bezeichnet er als „Schatten der zukünftigen Dinge; der Körper aber ist Christus“ (Kolosser 2:17). Alle Bilder, Rituale und Ordnungen laufen auf ihn zu wie Linien auf einen Mittelpunkt. Das nimmt nichts von der Weisheit dieser Ordnungen, aber es entzieht ihnen die Selbständigkeit. Im gleichen Zug zeichnet Paulus Christus als den, der im einen neuen Menschen „alles und in allen“ ist (Kolosser 3:11). Hier verbindet sich das Kosmische mit dem Gemeindealltag: Der, in dem alle Dinge bestehen, wohnt durch den Geist in einer Gemeinschaft, die aus sehr unterschiedlichen Menschen besteht.
Wenn dieser allumfassende Christus erkannt wird, verändert sich der Blick auf uns selbst. Identität wird nicht mehr in erster Linie aus Herkunft, Kultur, geistlicher Laufbahn oder Begabung gewonnen, sondern aus der Beziehung zu dem, der das Zentrum aller Dinge ist. Paulus kann deshalb schreiben, dass im neuen Menschen nicht mehr Grieche oder Jude, Beschnittener oder Unbeschnittener, Barbar, Skythe, Sklave, Freier die entscheidenden Kategorien sind (vgl. Kolosser 3:11). Diese Ordnungen verschwinden nicht aus der Welt, aber sie verlieren ihre absolute Bedeutung. Die Erkenntnis Christi löst alte Identitätsanker, ohne den Menschen in die Leere zu stürzen, weil an ihre Stelle der Halt in Ihm tritt.
Auch der Blick auf die Welt wird erneuert. Wenn Christus die Wirklichkeit jeder positiven Sache ist, dann ist alles Echte, Gute, Wahre letztlich von ihm her und auf ihn hin ausgerichtet. Diese Sicht verwässert nicht den Unterschied zwischen Schöpfer und Schöpfung; sie bewahrt vor einem pantheistischen Verschmelzen, indem sie Christus als den erhöhten Herrn festhält. Zugleich entsteht eine feine Sensibilität für die Spuren seiner Gegenwart in einer gebrochenen Welt: in jedem Strahl von Gerechtigkeit, in jeder Regung von Barmherzigkeit, in jeder aufleuchtenden Hoffnung. Die Schöpfung wird nicht göttlich, aber sie wird durchsichtig auf ihren Ursprung und ihr Ziel.
Denn in ihm ist alles geschaffen worden, was in den Himmeln und was auf der Erde ist, das Sichtbare und das Unsichtbare, es seien Throne oder Herrschaften oder Fürstentümer oder Gewalten: alles ist durch ihn und zu ihm hin geschaffen; und er ist vor allem, und alles besteht in ihm. (Kol. 1:16-17)
die ein Schatten der zukünftigen Dinge sind, der Körper selbst aber ist der Christus. (Kol. 2:17)
Die Erkenntnis des allumfassenden Christus nimmt der eigenen Herkunft, den kulturellen Prägungen und den persönlichen Leistungen den Rang letzter Bestimmungsfaktoren, ohne sie zu verleugnen. Wer sich in Ihm verankert weiß, kann das eigene Leben und die Welt mit einem freieren Blick wahrnehmen: dankbar für alles Gute, nüchtern angesichts des Bösen, hoffnungsvoll, weil über allem einer steht, in dem alle Dinge bestehen. Diese Sicht ermutigt, die Spannungen des Alltags nicht zu verdrängen, sondern sie in den größeren Zusammenhang eines Christus zu stellen, der größer ist als unser Herz und weiter als unsere Vorstellung.
Herr Jesus, führe uns im Licht Deines Wortes und schenke uns Gnade, die gezeigte Wahrheit nicht nur zu verstehen, sondern im Alltag aus Deinem Leben zu erfahren. Bewahre uns in Deiner Gegenwart, damit unser Denken, Reden und Dienen von Dir geprägt wird und Dein Name in der Gemeinde verherrlicht wird. Amen.
Englische Quelle: Life-Study of Philippians, Chapter 19