Unser Heil ausarbeiten
Viele Christen wissen, dass sie gerettet sind – aber was bedeutet es, wenn Paulus schreibt, dass wir unsere Errettung „ausarbeiten“ sollen? Zwischen der einmaligen Bekehrung und dem Tag, an dem wir bei Christus in Herrlichkeit sein werden, liegt ein Weg, auf dem Gott selbst in uns wirkt. Auf diesem Weg lernen wir, seine innere Wirkung ernst zu nehmen, auf seine Stimme zu achten und inmitten einer verdrehten Welt als Kinder des Lichts zu leben.
Die Errettung mit dem höchsten Standard
Gottes Errettung setzt viel tiefer an, als unser Schuldgefühl vermuten lässt. Paulus erinnert die Epheser daran, dass wir „in den Verfehlungen tot waren“, und fügt dann hinzu, dass Gott uns „zusammen mit Christus lebendig gemacht“ hat (Epheser 2:5). Errettung bedeutet also nicht zuerst, dass unser religiöses Leben aufgebessert wird, sondern dass Tote lebendig werden. Wir werden aus dem Bereich der Sünde, des Gerichts und der Gottferne herausgenommen und in eine völlig neue Lebenssphäre versetzt. Wenn Paulus sagt, Gott habe uns „zusammen mit Ihm auferweckt und uns zusammen mit Ihm niedergesetzt im Himmlischen in Christus Jesus“ (Epheser 2:6), beschreibt er eine Stellung, die menschliche Maßstäbe sprengt: Gott sieht den Glaubenden bereits mit Christus in der Himmelswelt verbunden, hineingenommen in die Nähe und Herrschaft des erhöhten Sohnes.
Wir haben eine Errettung empfangen, die Gott Selbst ist. Jetzt wirkt in uns eben dieser Gott, der in unserer Erfahrung als unsere subjektive Errettung wirklich ist. Er ist nicht untätig, passiv oder träge. Sein Wirken in uns ist Sein kraftvolles In-uns-Wirken. (Witness Lee, Life-Study of Philippians, Botschaft zwölf, S. 103)
Dieses Heilswerk ist reine Gnade. „Denn durch Gnade seid ihr gerettet worden, durch den Glauben, und dies nicht aus euch; Gottes Gabe ist es“ (Epheser 2:8). Gerade die Unverdienbarkeit öffnet den Blick für den Reichtum dessen, was geschenkt ist. Errettung ist nicht nur ein Erlass der Schuld, sondern die Gabe Gottes Selbst. Der Dreieine Gott nimmt uns in Sein eigenes Leben hinein; als Kinder Gottes werden wir, wie Petrus sagt, „Teilhaber der göttlichen Natur“ (2. Petrus 1:4). Damit zeichnet sich ab, wohin Gottes Weg mit uns führt: zur Mitverherrlichung mit Christus, zur vollen Gemeinschaft mit Ihm in Seiner Herrlichkeit. In diesem Licht gewinnt unser Alltag eine leise, aber tiefe Würde. Wer sich von Gott so hoch erhoben weiß, darf seine Begrenztheit und Schwachheit ehrlich sehen, ohne daran zu verzweifeln. Die überragende Errettung, die uns in Christus geschenkt ist, wird zur stillen Zuversicht: Gott wird nicht auf halbem Weg stehen bleiben, sondern das begonnene Werk bis zur Herrlichkeit vollenden.
auch uns, als wir in den Verfehlungen tot waren, zusammen mit Christus lebendig gemacht (durch Gnade seid ihr gerettet worden) (Eph. 2:5)
und hat uns zusammen mit Ihm auferweckt und uns zusammen mit Ihm niedergesetzt im Himmlischen in Christus Jesus, (Eph. 2:6)
Wo immer das Gefühl aufkommt, Gottes Heil sei nur ein dünner Mantel über einem unveränderten Inneren, erinnert die Schrift daran, dass Gott uns mit Christus lebendig gemacht, auferweckt und in die Himmelswelt versetzt hat. In diesem Bewusstsein kann selbst ein unscheinbarer Tag unter dem Eindruck stehen, dass eine königliche Berufung über unserem Leben liegt: Wir sind nicht nur Begnadigte am Rand, sondern Kinder, die der Vater in Seine Nähe gezogen hat. Aus dieser Gewissheit wächst stille Dankbarkeit und ein neuer Mut, Gottes Gedanken über unserem Leben höher zu achten als unsere wechselnden Empfindungen.
Unsere Errettung ausarbeiten in heiliger Ehrfurcht
Wenn Paulus die Gemeinde in Philippi ermahnt: „bewirkt eure eigene Errettung mit Furcht und Zittern“ (Phil. 2:12), nimmt er nichts von der Gewissheit der Gnade zurück, die er an anderer Stelle so klar bezeugt. Was Gott geschenkt hat, soll nicht verwahrt, sondern entfaltet werden. Errettung auszuarbeiten bedeutet, das empfangene Heil in unserem konkreten Lebensvollzug zur Wirkung kommen zu lassen, bis es sein von Gott bestimmtes Ziel erreicht. Es ist derselbe Abschnitt, in dem Paulus Christus als den beschreibt, der sich selbst erniedrigte und „gehorsam wurde bis zum Tod, ja, zum Tod am Kreuz“ (Phil. 2:8). In Jesus wird sichtbar, was es heißt, dass das Heil einen Weg geht: vom inneren Wollen des Vaters bis zur äußersten Konsequenz der Hingabe.
Unsere eigene Errettung auszuarbeiten bedeutet, sie auszuführen, sie zu ihrem endgültigen Abschluss zu bringen. Wir haben die Errettung Gottes empfangen, deren Höhepunkt es ist, von Gott in Herrlichkeit erhöht zu werden, wie der Herr Jesus es wurde (V. 9). Wir müssen diese Errettung ausführen und sie durch unseren beständigen und absoluten Gehorsam mit Furcht und Zittern zu ihrem endgültigen Abschluss bringen. Wir haben diese Errettung durch Glauben empfangen; jetzt müssen wir sie durch Gehorsam ausführen. (Witness Lee, Life-Study of Philippians, Botschaft zwölf, S. 101)
„Furcht und Zittern“ zeichnen dabei keine neurotische Angst vor einem launischen Gott, sondern eine heilige Ehrfurcht und eine nüchterne Selbstwahrnehmung. Furcht meint das Staunen des Herzens vor der Größe und Heiligkeit Gottes; Zittern die Einsicht, dass wir aus uns selbst heraus nicht tragen, was uns anvertraut ist. Darum legt Paulus Wert auf beständigen Gehorsam, nicht nur „in meiner Anwesenheit, sondern noch viel mehr jetzt in meiner Abwesenheit“ (Phil. 2:12). Errettung wird ausgearbeitet, wo das innere Wirken Gottes nicht vom eigenen Trotz übertönt wird, sondern im Denken, Fühlen und Handeln Raum gewinnt. So wächst ein Leben, das nicht von religiöser Leistungsbereitschaft, sondern von gehorsamer Verfügbarkeit geprägt ist – leise, aber beständig, getragen von der Überzeugung, dass Gottes Weg mit uns Ziel und Gewicht hat.
Wer so über seine Errettung nachdenkt, wird sich weder in der Passivität der billigen Gnade noch im Druck eigener Vollkommenheitsansprüche verlieren. Die heilige Ehrfurcht vor Gott bewahrt davor, leichte Wege zu suchen, und das Zittern vor der eigenen Schwachheit schützt vor Selbstüberschätzung. In dieser Spannung darf das Herz zur Ruhe kommen: Die Errettung ist geschenkt, aber sie ist zu kostbar, um ungelebt zu bleiben. Jeder kleine Schritt des Gehorsams, jedes stille Ja zu Gottes Weg ist Teil davon, dass das große Heil, das uns in Christus zuteil wurde, Gestalt gewinnt. Darin liegt eine stille Ermutigung: Kein ehrlicher Gehorsam ist vergeblich; Gott verwebt ihn in die Vollendung dessen, was Er selbst begonnen hat.
Daher, meine Geliebten, so wie ihr allezeit gehorcht habt, nicht nur wie in meiner Anwesenheit, sondern noch viel mehr jetzt in meiner Abwesenheit, bewirkt eure eigene Errettung mit Furcht und Zittern; (Phil. 2:12)
und in der Gestalt eines Menschen erfunden, erniedrigte Er Sich Selbst, indem Er gehorsam wurde bis zum Tod, ja, zum Tod am Kreuz. (Phil. 2:8)
Die Aufforderung, das eigene Heil mit Furcht und Zittern auszuarbeiten, will nicht lähmen, sondern wach machen: Gott nimmt uns ernst, wenn Er uns Sein Heil anvertraut, und Er nimmt unsere kleinen, unscheinbaren Schritte des Gehorsams ernst. Wo diese Ehrfurcht Raum gewinnt, relativieren sich sowohl der Stolz auf geistliche Erfolge als auch der Mutlosigkeit vor vermeintlichem Versagen. Das Herz darf lernen, in der Nähe eines großen und zugleich gnädigen Gottes zu leben, der unsere Errettung nicht nur begonnen hat, sondern sie durch unseren Gehorsam hindurch zu ihrem Ziel führt.
Der Dreieine Gott wirkt in uns und lässt uns leuchten
Auf die ernste Aufforderung zum Gehorsam folgt in demselben Atemzug die tröstliche Begründung: „Denn Gott ist es, der sowohl das Wollen als auch das Vollbringen in euch wirkt für Sein Wohlgefallen“ (Phil. 2:13). Der, der gebietet, ist derselbe, der inwendig befähigt. Es ist der Dreieine Gott, der als lebengebender Geist im Inneren der Glaubenden Wohnung genommen hat. Paulus kann sagen, dass Christus in ihm redet und unter den Gläubigen nicht schwach, sondern mächtig ist (vgl. 2. Korinther 13:3), und er ruft dazu auf, sich zu prüfen, „daß Jesus Christus in euch ist“ (2. Korinther 13:5). Das Heil, das uns objektiv in Christus geschenkt wurde, wird so zu einer inneren Wirklichkeit, die unser Wollen aufweckt und unser Tun trägt.
In Vers 13 fährt Paulus fort: „Denn Gott ist es, der in euch wirkt sowohl das Wollen als auch das Wirken nach Seinem Wohlgefallen.“ Das Wort „denn“ am Anfang dieses Verses gibt den Grund dafür an, dass wir immer gehorchen müssen: weil Gott in uns wirkt. In der Ökonomie Gottes haben wir den Herrn Jesus als unser Vorbild (V. 6–11), als den Maßstab unserer Errettung (V. 12), und wir haben auch Gott, der in uns sowohl das Wollen als auch das Wirken wirkt, um unsere Errettung auszuführen und sie zu ihrem endgültigen Abschluss zu bringen. (Witness Lee, Life-Study of Philippians, Botschaft zwölf, S. 101)
Dieses Wirken bleibt nicht auf den inneren Bereich beschränkt. Der Geist dessen, der Jesus von den Toten auferweckt hat, „wird … auch euren sterblichen Leibern Leben geben“ (Römer 8:11). Was Gott in unserem Geist beginnt, greift auf unsere Gedanken, unsere Entscheidungen und sogar auf die Art und Weise über, wie wir unseren Körper in dieser Welt gebrauchen. So wächst aus dem verborgenen Leben in Gott ein sichtbares Zeugnis. Paulus beschreibt die Kinder Gottes als „ohne Tadel und unverdorben … inmitten einer verkehrten und verdrehten Generation, unter der ihr wie Lichtkörper in der Welt scheint“ (Phil. 2:15). Sie leuchten nicht aus sich selbst, sondern wie Himmelskörper, die das Licht einer anderen Quelle widerspiegeln. Dies zeigt sich darin, dass sie „das Wort des Lebens darreichen“ (Phil. 2:16), also nicht ihre eigene Brillanz ausstellen, sondern die lebensspendende Botschaft Christi weitergeben.
In dieser Perspektive verliert das Bild einer dunkler werdenden Welt seine lähmende Macht. Je dichter die Nacht, desto sichtbarer werden die Lichter, die Gott entzündet. Wo der innere Ruf Gottes zum Wollen und Vollbringen angenommen wird, beginnt ein Mensch zu leuchten, oft unspektakulär, aber beständig: in der Art zu reden, in der Weise zu reagieren, im stillen Ausharren. Dass Gott selbst der Wirkende ist, nimmt den Druck, sich aus eigener Kraft zu verändern, und weckt die Hoffnung, dass selbst brüchige Menschen zu Trägern seines Lichts werden können. So wird das Ausarbeiten der Errettung zu einem Weg, auf dem Gottes Wohlgefallen aufleuchtet – in Herzen, die Ihm Raum geben, und in Biographien, die mehr und mehr Spuren seines Lichts tragen.
denn Gott ist es, der sowohl das Wollen als auch das Vollbringen in euch wirkt für Sein Wohlgefallen. (Phil. 2:13)
damit ihr ohne Tadel und unverdorben seid, Kinder Gottes ohne einen Makel inmitten einer verkehrten und verdrehten Generation, unter der ihr wie Lichtkörper in der Welt scheint, (Phil. 2:15)
Die Zusage, dass Gott in uns das Wollen und Vollbringen wirkt, schenkt eine doppelte Ermutigung: Niemand bleibt auf seine eigenen Ressourcen zurückgeworfen, und niemand ist zu schwach, um nicht doch zum Lichtträger werden zu können. Wo wir den inneren Anstoß Gottes nicht vorschnell übergehen, sondern ernst nehmen, beginnt ein leises, aber reales Leuchten inmitten einer verdrehten Generation. Das Bewusstsein, dass ein göttliches Wohlgefallen über diesem unscheinbaren Gehorsam liegt, kann selbst müde Herzen neu beleben und ihnen die Gewissheit geben, dass ihr Tun im Licht der Ewigkeit nicht vergeblich ist.
Herr Jesus Christus, du hast mich aus reiner Gnade gerettet und in eine Errettung hineingestellt, die weit über alles hinausgeht, was ich begreifen kann. Danke, dass du als der lebengebende Geist in mir wohnst und in mir wirkst, das Wollen und das Vollbringen nach dem Wohlgefallen des Vaters. Stärke in mir eine heilige Ehrfurcht vor dir, damit ich deinem inneren Wirken Raum gebe und nicht auf meine eigene Kraft vertraue. Lass dein Licht in meinem Alltag aufleuchten und dein Wort des Lebens durch mein Leben zu anderen Menschen gelangen. Richte mein Herz immer wieder neu auf das Ziel aus, mit dir in Herrlichkeit vereint zu sein, und erfülle mich mit der Hoffnung deiner vollkommenen Errettung. In deinem Namen, Herr Jesus. Amen.
Englische Quelle: Life-Study of Philippians, Chapter 12