Das Wort des Lebens
lebensstudium

Christus als unser Vorbild nehmen

11 Min. Lesezeit

Es ist möglich, Christen zu bewundern, ihren Dienst zu schätzen und sogar geistlich aktiv zu sein – und dennoch innerlich von Konkurrenz, Ehrsucht und verletzter Eitelkeit bestimmt zu werden. Die Gemeinde in Philippi stand genau in dieser Spannung: äußerlich mit Paulus verbunden, innerlich aber nicht überall von Christus geprägt. Paulus zeigt, dass wahre Einheit, Freude und Reife nicht aus guter Stimmung oder menschlicher Harmonie erwachsen, sondern daraus, dass Christus selbst unser Denken durchdringt und wir sein gekreuzigtes Leben in uns wirksam werden lassen.

Christus – das göttliche Vorbild in Erniedrigung und Kreuz

Christus wird in Philipper 2.nicht zuerst als moralischer Held beschrieben, dem wir staunend zusehen, sondern als der Weg, in dem Gott selbst Mensch wurde. „Lasst diesen Sinn in euch sein, der auch in Christus Jesus war“ (Phil. 2:5). Damit öffnet Paulus einen Blick in das Herz des Sohnes: Er existiert in der Gestalt Gottes, und doch klammert Er sich nicht an die sichtbare Herrlichkeit und Gleichheit mit Gott. Er legt nicht die Gottheit ab, sondern die Form, in der sie erscheint, und geht freiwillig in die verborgene Niedrigkeit eines Sklaven. So erscheint Er als der, „der die Ausstrahlung Seiner Herrlichkeit und der exakte Abdruck Seiner Substanz ist“ (Hebräer 1:3), und doch ist Er bereit, diese Strahlkraft vor den Augen der Menschen zurückzustellen. In Ihm begegnen wir einem Menschen, der Gott lebt und Gott auslebt, ohne sich selber zu schonen.

Obwohl der Herr Gott gleich war, betrachtete Er diese Gleichheit nicht als einen Schatz, an dem Er festhalten müsste. Stattdessen legte Er die Gestalt Gottes ab – nicht die Natur Gottes – und entäußerte Sich Selbst, indem Er die Gestalt eines Sklaven annahm. (Witness Lee, Life-Study of Philippians, Botschaft zehn, S. 88)

Das macht Christus zum einzigartigen Vorbild: Er ist der von Gott bestätigte Maßstab dafür, was ein „Mann Gottes“ ist – nicht jemand, der sich groß macht, sondern einer, der sich entleert, um Raum für Gottes Willen zu schaffen. Die siebenfache Erniedrigung, die Paulus nennt, mündet im Kreuz, dem äußersten Punkt der Schmach, der nach 5. Mose 21:23 mit dem Fluch verbunden ist: „Denn ein Gehenkter ist ein Fluch Gottes.“ Christus scheut diesen Weg nicht, sondern geht ihn in Gehorsam, „gehorsam bis zum Tod, und zwar zum Tod am Kreuz“ (Phil. 2:8). Gerade darin liegt die Würde seines Menschseins: Er sucht keine eigene Ehre, sondern das Wohlgefallen des Vaters.

Wer auf diesen Christus schaut, sieht nicht bloß eine moralische Leitfigur, sondern das lebendige Bild eines Lebens, das sich nicht von Rivalität, Ehrgeiz und Selbstbehauptung treiben lässt. Sein Weg entlarvt, wie tief unsere Vorstellung von Größe mit Ansehen und Durchsetzungskraft verbunden ist – und wie anders Gottes Maßstab ist. Gleichzeitig öffnet sich darin eine große Ermutigung: Das wahre Menschsein, wie Gott es meint, ist nicht unerreichbar fern, sondern in Christus sichtbar geworden. Wer Ihn als Vorbild betrachtet, wird eingeladen, die eigenen Vorstellungen von Stärke loszulassen und das stille, gehorsame, gekreuzigte Leben als göttlichen Weg der Erhöhung zu entdecken.

Lasst diesen Sinn in euch sein, der auch in Christus Jesus war, (Phil. 2:5)

und in der äußeren Erscheinung als ein Mensch befunden, erniedrigte Er Sich Selbst und wurde gehorsam bis zum Tod, und zwar zum Tod am Kreuz. (Phil. 2:8)

Christus als das göttliche Vorbild in Erniedrigung und Kreuz vor Augen zu haben, relativiert unweigerlich die lauten Maßstäbe unserer Umgebung. Wo Er sich selbst entleert, um den Willen des Vaters zu erfüllen, darf ein neues Verständnis von Größe in uns aufgehen. Es ist tröstlich zu wissen, dass Gott in Ihm bereits gezeigt hat, wie wahres Menschsein vor Ihm aussieht – ohne Ehrsucht und ohne den Zwang, sich behaupten zu müssen. Gerade wenn eigene Ambitionen oder verletzter Stolz sich melden, gewinnt die Erinnerung an diesen Weg Kraft: Der Sohn Gottes hat den niedrigsten Platz nicht gescheut, und gerade dort hat Ihn der Vater „hoch erhöht“ (Phil. 2:9). Darin liegt eine stille, aber starke Motivation, das eigene Leben zunehmend an diesem Maßstab auszurichten und zu erwarten, dass Gottes Anerkennung schwerer wiegt als jede sichtbare Anerkennung.

Der gekreuzigte Christus als inneres Leben statt äußerliche Imitation

Zwischen einem Vorbild, das man bewundert, und einem Leben, das einen innerlich prägt, liegt ein großer Unterschied. Viele hören den Ruf, Christus zu imitieren, und spüren zugleich den Druck des Scheiterns: So demütig, so gehorsam, so hingegeben zu sein, scheint unerreichbar. Paulus aber spricht in Philipper 2.von einer anderen Wirklichkeit. Der, der den Weg der Erniedrigung und des Kreuzes gegangen ist, bleibt nicht fern. Er ist der erhöhte Herr, der als Leben in den Seinen wohnt. „Denn Gott ist es, der sowohl das Wollen als auch das Vollbringen in euch wirkt für Sein Wohlgefallen“ (Phil. 2:13). Damit wird klar: Der Maßstab kommt nicht als äußerlicher Zwang auf uns zu, sondern als inneres Wirken des Dreieinen Gottes in unserem Geist.

Die Errettung in 2:12 ist in Wirklichkeit eine lebendige Person. Diese Person ist genau der Christus, den wir leben, erfahren und genießen. Ein Vorbild, das nur objektiv ist, könnte in dieser Weise nicht unsere Errettung sein. Dass die Errettung eine lebendige Person ist und dass diese Person unser Vorbild ist, zeigt, dass dieses Vorbild sowohl subjektiv als auch objektiv ist. (Witness Lee, Life-Study of Philippians, Botschaft zehn, S. 86)

Wenn Christus in uns wohnt, wird seine „gekreuzigte Lebensweise“ zur inneren Quelle. Sein Nein zur Ehrsucht, sein Loslassen von Ansehen, sein Gehorsam bis zum Kreuz sind nicht bloß historische Daten, sondern Ausdruck eines Lebens, das jetzt in uns gegenwärtig ist. Paulus ruft darum nicht zu bloßer Nachahmung auf, sondern dazu, der Bewegung Gottes in uns nicht zu widerstehen. „Daher, meine Geliebten, … bewirkt eure eigene Errettung mit Furcht und Zittern“ (Phil. 2:12) – nicht, indem wir uns aus eigener Kraft verbessern, sondern indem wir aufmerksam werden für das leise Drängen des Geistes, der uns weg von uns selbst und hin zu Christus zieht.

So wird der Weg des Kreuzes nicht zu einem moralischen Projekt, sondern zu einer Beziehungserfahrung: Christus als innewohnender Schatz wirkt in der Tiefe, wir stimmen zu und lassen zu, dass Er unsere Reaktionen, unsere Ziele, unsere Art zu reden prägt. Dadurch gewinnt das gekreuzigte Leben Gestalt im Alltag, nicht als starre Leistung, sondern als Ausdruck einer inneren Gegenwart. Gerade das nimmt den Druck und schenkt Hoffnung: Wo der Herr in uns der Handelnde ist, wird das scheinbar Unmögliche – dem eigenen Ehrgeiz zu sterben, dem anderen Raum zu geben – zu einer Frucht seines Lebens. Der ferne Maßstab verwandelt sich in eine nahbare, erfahrbare Realität, die trägt, auch wenn eigene Kräfte versagen.

Daher, meine Geliebten, so wie ihr allezeit gehorcht habt, nicht nur wie in meiner Anwesenheit, sondern noch viel mehr jetzt in meiner Abwesenheit, bewirkt eure eigene Errettung mit Furcht und Zittern; (Phil. 2:12)

denn Gott ist es, der sowohl das Wollen als auch das Vollbringen in euch wirkt für Sein Wohlgefallen. (Phil. 2:13)

Der Gedanke, dass der gekreuzigte Christus als inneres Leben in uns wohnt, öffnet einen freundlichen Horizont. Statt unter einem hohen Ideal zu stehen, das man nie erreicht, darf die Erwartung wachsen, dass Er selbst das Wollen und Vollbringen in uns wirkt. Wo das eigene Vermögen an Grenzen stößt, bleibt nicht nur die ernüchternde Einsicht, sondern auch die stille Freude: Christus ist nicht nur das Beispiel vor uns, sondern die Kraft in uns. Dieses Bewusstsein kann eine neue Gelassenheit schenken, wenn alte Muster sich melden. Es lädt ein, innerlich aufmerksamer zu werden für das zarte Wirken Gottes und zu vertrauen, dass auch kleine, unscheinbare Schritte des Gehorsams Ausdruck seines mächtigen Lebens sind, das uns nach und nach einem gekreuzigten, auferstandenen Weg angleicht.

Praktische Rettung aus Rivalität und Ehrsucht durch die Gesinnung Christi

Ob die Gesinnung Christi wirklich unser Denken prägt, zeigt sich weniger an großen Bekenntnissen als an leisen Bewegungen unseres Herzens gegenüber anderen. Paulus verknüpft die Betrachtung des Weges Christi mit sehr konkreten Fragen: „so macht meine Freude dadurch völlig, dass ihr dasselbe denkt, indem ihr dieselbe Liebe habt, in der Seele verbunden seid, das Eine denkt“ (Phil. 2:2). Rivalität, Eifersucht und stille Konkurrenz gehören zu den tief eingeübten Reflexen des alten Menschen. Wo sie ungestört bleiben, bleibt Christus unser Denken eher am Rande. Werden sie aber infrage gestellt, berührt das den Kern unserer inneren Gesinnung.

Wir können prüfen, ob wir wirklich dasselbe denken, indem wir darauf achten, ob wir dieselbe Liebe haben, in der Seele verbunden sind, frei von Rivalität und eitler Ruhmsucht sind, andere höher achten als uns selbst und die Tugenden und Vorzüge anderer wahrnehmen. An diesen Dingen wird sich immer erweisen, inwieweit wir tatsächlich von Christus eingenommen, von Christus durchdrungen und mit Christus gesättigt worden sind. (Witness Lee, Life-Study of Philippians, Botschaft zehn, S. 84)

Darum führt Paulus weiter aus: „nichts durch selbstsüchtigen Ehrgeiz oder durch eitle Ruhmsucht tut, sondern in Bescheidenheit des Sinnes einer den anderen für vorzüglicher erachtet als euch selbst“ (Phil. 2:3). Hier wird die Gesinnung Christi konkret: Wer in Ihm verwurzelt ist, muss nicht um Anerkennung kämpfen, er kann die Gaben und Tugenden anderer sehen, ohne sie zu relativieren. Dort, wo sein gekreuzigtes Leben unser Inneres formt, verliert die eigene Stellung an Gewicht, und die Freude wächst, wenn andere aufblühen. So wird seine Errettung praktisch: sie rettet aus dem engen Kreis um das eigene Ich hinaus in eine weite, Christus-zentrierte Gemeinschaft.

Diese Rettung aus Rivalität und Ehrsucht hat eine stille Schönheit. Sie zeigt sich nicht in spektakulären Gesten, sondern in der Art, wie wir über andere denken, wie wir hören, wie wir sprechen, wenn niemand zuhört. Wenn Christus unser inneres Vorbild wird, verschiebt sich der Maßstab für Erfolg: Nicht mehr der eigene Vorrang, sondern die gemeinsame Freude in Ihm wird wichtig. Das kann schmerzhaft sein, weil es das alte Bedürfnis nach Überlegenheit ans Kreuz bringt. Zugleich öffnet es einen Raum tiefer Erleichterung: Man muss nicht mehr der Erste sein, um erfüllt zu sein, denn der, der sich entäußert hat, erfüllt das Herz mit seiner Gegenwart.

In dieser Perspektive wird der Aufruf „Lasst diesen Sinn in euch sein“ (Phil. 2:5) zu einer Einladung, Christus Raum zu geben, unsere Bewertungen und Prioritäten zu durchdringen. Wo das geschieht, werden Beziehungen entlastet, Vergleiche verlieren ihre Macht, und die Wärme echter brüderlicher Liebe gewinnt an Tiefe. Die Freude Christi, von der Paulus spricht, gewinnt dann ein Gesicht: Menschen, die nicht um ihren Platz kämpfen müssen, weil sie in Ihm einen unverlierbaren Platz haben. Diese Aussicht kann motivieren, die eigenen inneren Regungen ehrlich wahrzunehmen und mit der Hoffnung zu rechnen, dass seine Gesinnung mehr und mehr unser Denken durchzieht und so praktische Rettung in unsere Gemeinschaften bringt.

so macht meine Freude dadurch völlig, dass ihr dasselbe denkt, indem ihr dieselbe Liebe habt, in der Seele verbunden seid, das Eine denkt, (Phil. 2:2)

nichts durch selbstsüchtigen Ehrgeiz oder durch eitle Ruhmsucht tut, sondern in Bescheidenheit des Sinnes einer den anderen für vorzüglicher erachtet als euch selbst, (Phil. 2:3)

Praktische Rettung aus Rivalität und Ehrsucht durch die Gesinnung Christi geschieht oft unscheinbar, aber sie verändert Atmosphäre. Wo sein Denken unser Denken durchdringt, wird der andere nicht mehr in erster Linie als Maßstab oder Konkurrenz wahrgenommen, sondern als Mitbeschenkter derselben Gnade. Das nimmt Druck aus Begegnungen und schenkt einen neuen Blick auf die Vielfalt der Gaben. Es ist ermutigend, dass Paulus diese Veränderung nicht als theoretisches Ideal beschreibt, sondern als reale Möglichkeit in Christus. Selbst wenn alte Muster hartnäckig sind, bleibt die Zusage bestehen, dass der Herr, der sich selbst erniedrigte, auch unsere Herzen formen kann, bis seine Freude – nicht unsere Selbstbehauptung – das Klima unserer Beziehungen prägt.


Herr Jesus Christus, wir danken Dir, dass Du Dich nicht an Deiner Herrlichkeit festgehalten, sondern Dich selbst entleert und den Weg des Kreuzes bis zum Äußersten gegangen bist. Du bist unser Vorbild, aber noch mehr: Du bist als gekreuzigtes und auferstandenes Leben in uns. Wir bekennen Dir jede verborgene Rivalität, jedes Streben nach eigener Ehre und alles Festhalten an unserem Recht und unserer Stellung. Wir bitten Dich, dass Deine Gesinnung unser Denken durchdringt, unser Herz weich macht und unsere Beziehungen erneuert. Lass Dein inneres Wirken stärker sein als unsere Gewohnheiten, damit wir Deine Demut und Selbsthingabe in unserem Alltag widerspiegeln. Stärke in uns die Freude, uns selbst loszulassen und Dich in der Gemeinde zu gewinnen, und erfülle Deine Versammlung mit einer Liebe, die nicht sich selbst sucht. Bewahre uns in der Gewissheit, dass Du selbst unsere Rettung bist und Dein Werk in uns vollenden wirst. Amen.

Englische Quelle: Life-Study of Philippians, Chapter 10

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