Das korporative Leben des neuen Menschen
Viele Christinnen und Christen sehnen sich nach einem kraftvollen Gemeindeleben, erleben ihren Alltag aber oft erstaunlich normal: Arbeit, Einkaufen, soziale Kontakte – und dazwischen irgendwie noch Glauben. Epheser 4 macht deutlich, dass Gott etwas weit Größeres im Sinn hat: Er formt nicht nur einzelne fromme Menschen, sondern einen neuen, gemeinsamen Menschen, dessen tägliches Leben sichtbar anders ist als das gewohnte Miteinander dieser Welt.
Wachstum und Funktion aus der Erfahrung Christi
Wenn Paulus in Epheser 4 vom neuen Menschen spricht, denkt er nicht an eine Idee, sondern an ein wachsendes, atmendes Leben, das aus der Gegenwart Christi in seinem Leib hervorgeht. Er verbindet dieses Wachstum direkt mit der Erfahrung des gekreuzigten, auferstandenen und aufgefahrenen Christus, der heute im Geist herabkommt, um in uns Wohnung zu nehmen. Der neue Mensch wächst, wo Christus nicht nur Thema unseres Denkens bleibt, sondern sich gleichsam in unser Inneres „einarbeitet“, bis Er unser Herz durchdringt und unser Denken, Fühlen und Wollen prägt. Darum heißt es: „… und den neuen Menschen anzieht, der nach Gott geschaffen ist in Gerechtigkeit und Heiligkeit der Wirklichkeit“ (Eph. 4:24). Diese Schöpfung „nach Gott“ ist mehr als moralische Verbesserung; sie ist das Eingießen einer neuen Wirklichkeit in unsere innerste Person.
Damit der neue Mensch wachsen kann, müssen wir Christus als den Gekreuzigten, Auferstandenen, Aufgefahrenen und Herabkommenden erfahren. Das bedeutet, dass der allumfassende Christus in uns hineingewirkt werden muss, um unser Alles zu sein. Dann wird der organisch vollkommene neue Mensch auch in seiner Funktion vollkommen werden. (Witness Lee, Life-Study of Ephesians, Botschaft dreiundneunzig, S. 783)
Wo Christus so unser Inneres erfüllt, beginnt unser täglicher Wandel sich zu verändern. Gewohnheiten, die früher selbstverständlich waren, verlieren ihre Selbstverständlichkeit; unser Gewissen wird empfindsamer, unsere Motive werden geläutert. Die Gerechtigkeit, von der Paulus spricht, ist kein kaltes Gesetzesmaß, sondern die praktische Geradheit eines Herzens, das sich von Christus leiten lässt. Die Heiligkeit ist nicht weltflüchtige Strenge, sondern die durchdringende Andersartigkeit Gottes, die unser Reden, unsere Entscheidungen und unsere Beziehungen durchzieht. In dieser inneren Wirklichkeit werden wir genährt, getröstet und zugleich verwandelt; wir werden zu Gliedern, die nicht nur passiv dazugehören, sondern im Leib funktional passend dienen.
So wird deutlich, warum der eigentliche Aufbau der Gemeinde nicht an einigen wenigen Begabten hängt. Die „Begabten“ sind von Christus gegeben, um auszurüsten, nicht um zu ersetzen (vgl. Eph. 4:11). Das eigentliche Wachstum geschieht, wenn viele Glieder, jedes in seinem Maß, aus dem erfahrenen Christus heraus dienen. Was wir von Ihm kennen, können wir einander reichen: Trost, den wir empfingen, wird zu Trost für andere; Ermahnung, die uns zurechtgebracht hat, wird zu einem klärenden Wort im rechten Moment; Licht, das uns geöffnet wurde, wird behutsam weitergegeben. So wird der Leib wie ein lebender Organismus aufgebaut, nicht durch Organisation, sondern durch den Strom des Lebens, der von Glied zu Glied fließt.
In diesem Licht bekommt das Gemeindeleben eine große Würde, aber auch eine große Einfachheit. Es geht nicht zuerst um ausgefeilte Lehren oder beeindruckende Aktivitäten, sondern darum, dass Christus in uns Raum gewinnt. Wo Er das Innere sättigt, wird auch der äußere Ausdruck folgen. Selbst unscheinbare Dienste – ein stilles Gebet, ein aufmerksames Zuhören, ein schlichtes Wort – werden zu Bausteinen in der Hand des Herrn. Das ermutigt, klein anfangende Erfahrungen mit Christus nicht gering zu achten. Jeder Schritt, in dem Er tiefer in uns hineinkommt, macht den neuen Menschen ein wenig sichtbarer. Und jedes Mal, wenn wir einander etwas von diesem Christus weitergeben, wird unser gemeinsames Leben ein wenig mehr zu dem, was Gott von Ewigkeit her im Sinn hatte.
und den neuen Menschen anzieht, der nach Gott geschaffen ist in Gerechtigkeit und Heiligkeit der Wirklichkeit. (Eph. 4:24)
Und Er hat einige als Apostel gegeben und andere als Propheten und andere als Evangelisten und andere als Hirten und Lehrer (Eph. 4:11)
Die Perspektive, dass der neue Mensch durch die immer tiefere Einwohnung Christi wächst, entlastet von dem Druck, in eigener Kraft die Gemeinde „machen“ zu müssen, und lädt ein, das eigene innere Leben mit dem Herrn als verborgene Wurzel des sichtbaren Gemeindelebens ernst zu nehmen; in der Treue zu kleinen Erfahrungen mit Christus liegt eine stille, aber reale Kraft zum Aufbau des Leibes.
Die alte Gemeinschaft ablegen, die neue Menschheit anziehen
Wenn Paulus vom „alten Menschen“ spricht, denkt er nicht nur an eine innere Neigung zur Sünde, sondern an ein ganzes Geflecht von Gewohnheiten, Beziehungen und Denkweisen, das unseren früheren Lebenswandel geprägt hat. Dieser alte Mensch ist eingebettet in eine bestimmte Art von Gemeinschaft: in Milieus, in denen man sich über dieselben Dinge freut, dieselben Ziele hochhält und dieselben Kompromisse eingeht. „Ich sage darum Folgendes und bezeuge im Herrn, dass ihr nicht mehr so wandelt, wie die Heiden auch wandeln, in der Nichtigkeit ihres Verstandes“ (Eph. 4:17). Der „heitnische“ Wandel ist hier nicht nur grobe Unmoral, sondern das Leben aus einem verengten Horizont, in dem Gott praktisch nicht vorkommt, auch wenn religiöse Sprache gelegentlich verwendet wird.
Den alten Menschen ausziehen bedeutet nicht nur, die alte Natur abzulegen, sondern auch die alte Lebensweise, die frühere Art zu leben. Unsere alte Lebensweise war nicht völlig individualistisch, denn sie umfasste unser gesellschaftliches Leben, unser Leben in der Gemeinschaft. Kein Mensch kann völlig individualistisch sein; die menschliche Natur ist ihrem Wesen nach sozial. (Witness Lee, Life-Study of Ephesians, Botschaft dreiundneunzig, S. 785)
Zu diesem alten Gemeinschaftsleben gehören nicht nur offen sündige Formen, sondern auch kultivierte, gesellschaftlich anerkannte Muster: ein Konsumstil, der Menschen nach Leistung und Status sortiert; eine Freizeitkultur, in der Oberflächlichkeit das Miteinander bestimmt; nationale oder sprachliche Cliquen, die das Eigene überbetonen und das Fremde misstrauisch betrachten. All das kann im Untergrund auch in die Gemeinde hineinwirken, wenn sich Gruppen fast ausschließlich um gemeinsame Herkunft, Mentalität oder Bildungsstand bilden. Dann spiegelt das Miteinander in der Gemeinde mehr die alte Welt als die neue Menschheit wider. Paulus beschreibt die Wurzel dieses Zustands als „entfremdet… dem Leben Gottes“ und „wegen der Verhärtung ihres Herzens“ (Eph. 4:18) – eine innere Distanz, die sich in bestimmten Formen von Gemeinschaft konkretisiert.
Demgegenüber ist der neue Mensch eine neue Menschheit in Christus, eine gemeinschaftliche Lebensform, die sich gerade in den alltäglichen Beziehungen zeigt. „Deshalb legt die Lüge ab und ‚redet Wahrheit, ein jeder mit seinem Nächsten‘, denn wir sind untereinander Glieder“ (Eph. 4:25). Die Einladung, den neuen Menschen „anzuziehen“, meint darum mehr als eine verborgene Herzenshaltung; sie meint das bewusste Hineintreten in ein neues Miteinander, in dem Christus die verbindende Mitte ist. Wo Er unser gemeinsamer Mittelpunkt wird, verlieren andere Identitätsmarker ihre absolute Bedeutung. Herkunft, Bildung, Temperament und Vorlieben bleiben real, aber sie definieren nicht mehr, wer zu wem gehört. Die Gemeinde wird zu einem Ort, an dem eine andere Art Menschsein tastbar wird.
Dieses Anziehen des neuen Menschen geschieht, indem unser Inneres erneuert wird und wir zugleich konkrete Formen des alten Gemeinschaftslebens hinter uns lassen. „… dass ihr im Blick auf euren früheren Lebenswandel den alten Menschen ablegt, der nach den Begierden des Betrugs verdorben wird, und dass ihr im Geist eures Verstandes erneuert werdet“ (Eph. 4:22–23). Je mehr der Geist Christi unser Denken durchdringt, desto durchsichtiger werden Strukturen und Bindungen, die uns zuvor selbstverständlich erschienen. Das kann schmerzlich sein, wenn liebgewonnene Muster sich als hinderlich für das Leben Gottes erweisen. Zugleich eröffnet es eine neue Freiheit: die Freiheit, in einer Gemeinschaft zu leben, in der Christus das Band der Einheit ist und in der Unterschiedlichkeit nicht trennt, sondern durch Ihn fruchtbar wird. In dieser neuen Menschheit werden kleine Schritte der Abkehr vom alten Stil zu Bausteinen für einen Raum, in dem Gottes Zukunft schon jetzt anklingen darf.
Ich sage darum Folgendes und bezeuge im Herrn, dass ihr nicht mehr so wandelt, wie die Heiden auch wandeln, in der Nichtigkeit ihres Verstandes, (Eph. 4:17)
die in ihrem Verständnis verfinstert sind, weil sie dem Leben Gottes entfremdet sind, wegen der Unwissenheit, die in ihnen ist, wegen der Verhärtung ihres Herzens; (Eph. 4:18)
Die Einsicht, dass der alte Mensch auch in vertrauten sozialen Mustern weiterleben kann und der neue Mensch sich gerade in einem anderen, durch Christus bestimmten Miteinander zeigt, hilft, das eigene Umfeld nüchterner zu sehen und macht Mut, sich Schritt für Schritt in jene Formen von Gemeinschaft hineinzubegeben, in denen der Raum für Gottes Leben größer wird als die Macht des Gewohnten.
Die Wahrheit in Jesus: der Maßstab des gemeinsamen Lebens
Mit der Formulierung „die Wirklichkeit in Jesus“ (Eph. 4:21) öffnet Paulus einen tiefen Blick auf den Maßstab des gemeinsamen Lebens. Es geht ihm nicht um eine abstrakte Wahrheit, sondern um die konkrete Lebensgestalt Jesu, wie sie in den Evangelien sichtbar wird: ein Leben, das in jeder Situation aus der Gemeinschaft mit dem Vater lebt, in dem Gerechtigkeit und Barmherzigkeit einander nicht ausschließen, und in dem Heiligkeit nicht als Distanz, sondern als durchdringende Liebe erfahrbar wird. „Ihr aber habt Christus nicht so gelernt“ (Eph. 4:20) – diese Worte markieren einen Bruch mit Lebensformen, in denen Härte, Selbstbehauptung oder Hidden Agendas dominieren, auch wenn der Name Jesu dabei im Mund geführt wird. Die Wahrheit in Jesus ist ein gelebter Maßstab: Sie zeigt, wie ein Mensch unter Menschen lebt, wenn Gott sein inneres Zentrum ist.
Das Gemeindeleben ist keine Frage von Recht und Unrecht, sondern eine Frage des lebendigen Christus. … Du magst in jeder Hinsicht recht haben, aber du erfährst Christus nicht als dein Leben und als deine Person. … Das Gemeindeleben steht über dem Maßstab von Recht und Unrecht; es ist ein Leben, das Christus gemäß ist. (Witness Lee, Life-Study of Ephesians, Botschaft dreiundneunzig, S. 788)
Von hier aus wird verständlich, warum das Leben des neuen Menschen über der Frage von „erlaubt“ und „verboten“ steht. Paulus verbindet den neuen Menschen mit genau dieser Wirklichkeit in Jesus: „… und den neuen Menschen anzieht, der nach Gott geschaffen ist in Gerechtigkeit und Heiligkeit der Wirklichkeit“ (Eph. 4:24). Gemeindeleben, das diesem Maßstab entspricht, fragt nicht zuerst: Wer hat recht? Wer setzt sich durch? Sondern: Wo kommt Christus als Person und als Leben zum Ausdruck? Man kann formal korrekt, vielleicht sogar strebsam sein und dennoch am eigentlichen Ziel vorbeileben, wenn der lebendige Christus nicht der innere Inhalt bleibt. Die Wahrheit in Jesus stellt nicht nur Verhalten in Frage, sondern die Person, aus der heraus gehandelt wird.
Paulus wird an dieser Stelle sehr konkret. Er spricht von Lüge und Wahrheit, von Zorn, Diebstahl, Worten, die zerstören oder aufbauen, von Bitterkeit und Vergebung. „Lasst kein faules Wort aus eurem Mund hervorgehen, sondern nur das, was gut ist für den Aufbau, wo es notwendig ist, damit es denen, die es hören, Gnade gebe“ (Eph. 4:29). Hier zeigt sich die Wahrheit in Jesus in der alltäglichen Kommunikation der Gemeinde. Worte können atmosphärisch eine ganze Versammlung prägen – sie können misstrauisch, spaltend, zynisch sein oder tragen, heilen und Raum für Gnade schaffen. Wer in diesem Sinne „Wahrheit redet“, macht nicht einfach alles ungeschminkt öffentlich, sondern spricht so, dass Christus, der wahrhaftig und zugleich sanftmütig ist, durchscheint.
Entscheidend ist dabei die Beziehung zum Heiligen Geist. „Und betrübt nicht den Heiligen Geist Gottes, in dem ihr auf den Tag der Erlösung hin versiegelt worden seid“ (Eph. 4:30). Die Wahrheit in Jesus ist untrennbar mit diesem innerlich wirkenden Geist verbunden, der uns aufmerksamer macht für feine Regungen in unserem Inneren: ein Unfrieden beim gedanklichen Rechtbehalten, ein leises Widerstreben, wenn ein scharfes Wort auf der Zunge liegt, ein innerer Zug zur Versöhnung, obwohl das eigene Recht betont werden könnte. Wo dieser Geist Raum bekommt, tritt der lebendige Christus als die eigentliche Person des neuen Menschen hervor – nicht spektakulär, aber erfahrbar in einem Miteinander, das heller, wahrhaftiger und barmherziger ist, als wir es aus uns selbst kennen.
Ihr aber habt Christus nicht so gelernt, wenn ihr Ihn wirklich gehört habt und in Ihm gelehrt worden seid, so wie die Wirklichkeit in Jesus ist, (Eph. 4:20-21)
Lasst kein faules Wort aus eurem Mund hervorgehen, sondern nur das, was gut ist für den Aufbau, wo es notwendig ist, damit es denen, die es hören, Gnade gebe. Und betrübt nicht den Heiligen Geist Gottes, in dem ihr auf den Tag der Erlösung hin versiegelt worden seid. (Eph. 4:29-30)
Die Einsicht, dass die „Wahrheit in Jesus“ der eigentliche Maßstab des gemeinsamen Lebens ist, lenkt den Blick weg von bloßer Regelorientierung und hin zu der Frage, wie Christus selbst in konkreten Situationen handeln würde, und eröffnet so einen Weg, auf dem der Heilige Geist unser Miteinander schrittweise in ein helleres, wahrhaftigeres und zugleich barmherzigeres Gemeindeleben verwandeln kann.
Herr Jesus Christus, wir danken Dir, dass Du nicht nur einzelne Menschen erneuerst, sondern eine ganz neue Menschheit in Dir schaffst. Du siehst, wie sehr unser Denken und unser Miteinander noch von alten Mustern geprägt sind, und wir bringen Dir bewusst unseren Alltag und unser Gemeindeleben. Sättige unsere Herzen neu mit Dir selbst, erneuere den Geist unseres Sinnes und mach uns empfindsam für das Wirken Deines Heiligen Geistes. Lass Dein Leben in uns so wachsen, dass Dein Charakter, Deine Liebe und Deine Wahrheit in unserem gemeinsamen Leben sichtbar werden. Schenke uns, dass unsere Gemeinden zu einem hellen Zeugnis des einen neuen Menschen werden, durch den Du verherrlicht wirst und Deine Wiederkunft vorbereitet wird. Amen.
Englische Quelle: Life-Study of Ephesians, Chapter 93