Das Wort des Lebens
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Die Zurüstung des neuen Menschen

12 Min. Lesezeit

Viele Christen sehnen sich danach, dass Gemeinde mehr ist als ein religiöses Programm – ein lebendiger Leib, in dem jeder etwas von Christus einbringt. Paulus beschreibt in Epheser, wie Christus selbst einen neuen Menschen geschaffen hat und ihn nun durch geistliches Wachstum und durch von ihm gegebene Menschen zurüstet. Die Frage ist: Wie wird dieser neue Mensch praktisch reif und funktionsfähig, sodass der Leib Christi sich in Liebe aufbauen kann?

Der neue Mensch: geschaffen und zur Reife geführt

Wenn Paulus sagt, dass Christus „in Seinem Fleisch das Gesetz der Gebote in Verordnungen außer Kraft setzte, damit Er in Sich Selbst die zwei zu einem neuen Menschen schaffe und so Frieden stifte“ (Epheser 2:15), beschreibt er keinen frommen Zustand einzelner, sondern ein schöpferisches Handeln Gottes in Christus. Am Kreuz ist ein Menschengeschlecht zu Ende geführt worden, das von Feindschaft, Trennung und religiöser Selbstbehauptung geprägt war. In der Auferstehung ist ein neuer, gemeinsamer Mensch hervorgekommen – ein von Christus geformter Mensch, in dem Juden und Heiden, religiös Geprägte und vormals Gottferne, zu einem Leib zusammengeschlossen sind. Diese Schöpfung ist vollkommen in ihrem Ursprung, so wie ein neugeborenes Kind in sich vollständig Mensch ist, auch wenn vieles noch unentwickelt bleibt. Es fehlt nichts Wesentliches, aber fast alles liegt in der Form von Anlagen, die erst geweckt und entfaltet werden müssen.

In 2:15 haben wir die Schöpfung des neuen Menschen. Wir können diese Schöpfung als die Geburt des neuen Menschen ansehen. So wie ein Kind durch Wachstum zur Vollendung gelangt, so wird auch der in Christus geschaffene neue Mensch durch Wachstum zur Vollendung gebracht. Deshalb spricht Paulus im vierten Kapitel ebenso vom neuen Menschen wie im zweiten Kapitel. (Witness Lee, Life-Study of Ephesians, Botschaft zweiundneunzig, S. 775)

Gerade darum spricht Paulus später von einem Prozess, der über die einmalige Schöpfung hinausgeht. In Epheser 4 malt er das Ziel vor Augen: „bis wir alle zur Einheit des Glaubens und der völligen Erkenntnis des Sohnes Gottes gelangen, zu einem gereiften Mann, zum Maß des Wuchses der Fülle Christi“ (Epheser 4:13). Der neue Mensch ist bereits geschaffen, doch dieser neue Mensch soll zur Reife geführt werden, in die Fülle hineinwachsen, die Christus in sich trägt. Wenn Paulus wenige Verse später mahnt, den neuen Menschen anzuziehen, „der nach Gott geschaffen ist in Gerechtigkeit und Heiligkeit der Wirklichkeit“ (Epheser 4:24), meint er nicht, dass wir uns eine zusätzliche „geistliche Schicht“ überstreifen. Er ruft die Gemeinde vielmehr dazu, in ihrem Denken, Fühlen und Handeln zu dem zu werden, was sie in Christus schon ist: ein gemeinsamer, von Gott geprägter Mensch, der von Gerechtigkeit und heiligender Wirklichkeit durchzogen ist.

Damit wird deutlich, was die Schöpfung des neuen Menschen von seiner Zurüstung unterscheidet. In der Schöpfung liegt alles bei Christus allein: Er trägt das Gesetz, bricht die Feindschaft, stiftet Frieden und ruft in Sich einen neuen Menschen ins Dasein. In der Zurüstung umgreift Christus uns hinein in dieses Werk und lässt uns Schritt für Schritt in diese neue Wirklichkeit hineinwachsen. Wie ein Kind, das laufen, sprechen und lieben lernt, wird die Gemeinde durch das Leben Christi in ihr aus der Unmündigkeit in die Mündigkeit geführt. Es geht nicht um die Pflege eines veredelten „Selbst“, sondern um die Herausbildung eines Leibes, der als ein gereifter Mensch fähig ist, Christus in dieser Welt auszudrücken. In dieser Spannung zwischen bereits vollendeter Schöpfung und noch ausstehender Reife liegt eine stille Ermutigung: Nichts muss erst von uns geschaffen werden; alles Entscheidende ist schon in Christus geschehen. Was bleibt, ist, dass der neue Mensch in uns Gestalt gewinnt und wächst, bis die Fülle Christi im Alltag, im Miteinander und in der Gemeinde sichtbar wird.

indem Er in Seinem Fleisch das Gesetz der Gebote in Verordnungen außer Kraft setzte, damit Er in Sich Selbst die zwei zu einem neuen Menschen schaffe und so Frieden stifte (Eph. 2:15)

bis wir alle zur Einheit des Glaubens und der völligen Erkenntnis des Sohnes Gottes gelangen, zu einem gereiften Mann, zum Maß des Wuchses der Fülle Christi, (Eph. 4:13)

Wer sich selbst im Licht des neuen Menschen sieht, darf aufatmen: Die Grundlage ist nicht die eigene geistliche Leistung, sondern das vollendete Werk Christi, in dem der neue Mensch bereits geschaffen ist. Zugleich bleibt die Berufung, in dieses Werk hineinzuwachsen und sich nicht mit einem kindlichen oder zersplitterten Zustand abzufinden. Im Ringen um Reife, im Aushalten von Spannungen, im mühsamen Lernen des Miteinanders wirkt derselbe Herr, der die Feindschaft abgebrochen hat. So wird die eigene Geschichte mit Christus ein Teil der Geschichte dieses neuen Menschen, den Gott durch die Zeit hindurch zur Vollreife führt.

Zurüstung durch Nahrung: Wachstum statt bloßer Lehre

Im Zentrum von Epheser 4 steht nicht die Bewunderung großer Lehrer, sondern das Wachsen eines Leibes. Paulus zeichnet das Bild einer Gemeinschaft, in der aus dem Haupt Christus heraus ein lebendiger Strom von Versorgung in alle Glieder fließt. Dieses Wachstum geschieht nicht durch immer neue Informationsschichten, sondern durch Nahrung. Darum warnt er zugleich vor einem Zustand, in dem Unreife durch Lehren, so zahlreich sie auch sind, eher vergrößert als überwunden wird: „damit wir nicht mehr kleine Kinder seien, von jedem Wind der Lehre wie von Wellen hin und her geworfen und umhergetrieben“ (Epheser 4:14). Lehren, die nicht vom Leben durchdrungen sind, werden zu Winden, die den Leib nicht aufbauen, sondern aus dem Gleichgewicht bringen.

Im Christentum lehren heute Diener, Pastoren und Prediger hauptsächlich die Menschen und bauen dadurch eine Religion auf statt den Leib. … Der Leib wird seiner Funktion nach nicht durch das Lehren von Lehren vollkommen gemacht. In Epheser 4, einem Kapitel, das von der Vervollkommnung des neuen Menschen durch das Wachstum des Lebens spricht, wird die Lehre tatsächlich herabgesetzt. Paulus sagt, dass wir, wenn wir nicht mehr unmündige Kinder sind, nicht mehr von jedem Wind der Lehre umhergetrieben werden. Was für den Aufbau des Leibes und für die funktionale Vervollkommnung des neuen Menschen nötig ist, ist das Wachstum des Lebens. Dies kommt nur durch Speisung. (Witness Lee, Life-Study of Ephesians, Botschaft zweiundneunzig, S. 777)

Demgegenüber beschreibt Paulus ein anderes Geschehen: „an der Wahrheit in Liebe festhaltend, in allen Dingen hineinwachsen in Ihn, der das Haupt ist, Christus, aus dem heraus der ganze Leib, indem er durch jedes Gelenk der reichen Versorgung und durch die Wirksamkeit in dem Maß jedes einzelnen Teils zusammengefügt und verknüpft wird, das Wachstum des Leibes bewirkt, zum Aufbau seiner selbst in Liebe“ (Epheser 4:15–16). Hier ist von Speisung die Rede, selbst wenn das Wort nicht ausdrücklich fällt: Christus als Haupt versorgt durch viele „Gelenke“, durch lebendige Beziehungen, durch Menschen, in denen Sein Wort nicht nur erklärt, sondern als Nahrung gereicht wird. So wie Jesus sagt: „Die Worte, die ich zu euch geredet habe, sind Geist und sind Leben“ (Johannes 6:63), ist die Schrift nicht in erster Linie Stoff zum Einordnen, sondern Speise, die uns innerlich nährt.

Zurüstung geschieht darum dort, wo Christus selbst als Lebensspeise weitergegeben wird. Eine Auslegung, eine Ermahnung, ein Gespräch im Alltagslärm wird zur Zurüstung, wenn darin mehr als Gedanken ausgetauscht werden: wenn der Auferstandene Raum gewinnt, zu trösten, zu korrigieren, zu stärken. Wer so speist, wird selbst zu einem Gelenk der Versorgung; wer so genährt wird, wächst ganz natürlich in seine Funktion hinein. Wo dieses stille, unspektakuläre Wachstum im Leben geschieht, verliert der „Wind der Lehre“ seine Macht. Die Gemeinde wird weniger ein Ort des Meinungswechsels und mehr ein Leib, der in Liebe aufgebaut wird. Darin liegt eine leise, aber kräftige Hoffnung: Auch wenn vieles noch unklar ist, verfehlt niemand das Ziel, der sich von Christus nähren lässt und Ihn, so wie er Ihn kennt, anderen zur Speise werden lässt.

damit wir nicht mehr kleine Kinder seien, von jedem Wind der Lehre wie von Wellen hin und her geworfen und umhergetrieben in dem Trugspiel der Menschen, in ihrer List, um den Irrtum zu einem System zu machen, (Eph. 4:14)

sondern, an der Wahrheit in Liebe festhaltend, in allen Dingen hineinwachsen in Ihn, der das Haupt ist, Christus, aus dem heraus der ganze Leib, indem er durch jedes Gelenk der reichen Versorgung und durch die Wirksamkeit in dem Maß jedes einzelnen Teils zusammengefügt und verknüpft wird, das Wachstum des Leibes bewirkt, zum Aufbau seiner selbst in Liebe. (Eph. 4:15-16)

In einer Zeit, in der Lehren und Meinungen leicht verfügbar sind, gewinnt die stille Priorität der Speisung besonderes Gewicht. Christen, die sich vom Wort als Leben nähren lassen und einander nicht Ansichten, sondern Christus reichen, tragen mehr zum Aufbau des Leibes bei, als es auf den ersten Blick scheint. So entsteht eine Atmosphäre, in der Unreife nicht verurteilt, sondern genährt wird, bis aus Kindern mündige Glieder werden. Der neue Mensch reift, wenn das Verlangen nach geistlicher Nahrung stärker ist als die Faszination für neue Gedanken – und wenn das, was gehört und verstanden wird, zur inneren Speise wird, die Kraft zum Dienen und zum Lieben schenkt.

Christus gibt Menschen als Gaben für den Aufbau des Leibes

Epheser 4 lenkt den Blick auf eine überraschende Weise: Wenn Paulus von den Gaben des aufgefahrenen Christus spricht, meint er nicht zuerst Fähigkeiten, sondern Menschen. Er greift das Wort auf: „Hinaufgestiegen in die Höhe, hat Er Gefangene gefangen geführt und den Menschen Gaben gegeben“ (Epheser 4:8). Hinter diesem Bild steht eine Bewegung: Christus steigt hinab in die Tiefe des Todes, durchbricht die Macht Satans, führt Gefangene heraus – und macht eben diese Befreiten zu Gaben für den Leib. Die Gaben sind nicht abstrakte Werkzeuge, sondern geprägte Lebensgeschichten, in denen der Sieg Christi eine besondere Gestalt angenommen hat.

In 4:8 wird uns gesagt, dass der aufgefahrene Christus den Menschen Gaben gegeben hat. Die Gaben beziehen sich hier nicht auf Fähigkeiten zum Dienst, sondern auf die begabten Personen, die in Vers 11 erwähnt werden – Apostel, Propheten, Evangelisten und Hirten und Lehrer. Nachdem Er sie durch Seinen Tod und Seine Auferstehung überwunden und sie von Satan und dem Tod errettet hat, macht Christus in Seiner Himmelfahrt errettete Sünder mit Seinem Auferstehungsleben zu solchen Gaben und gibt sie Seinem Leib zu dessen Aufbau. (Witness Lee, Life-Study of Ephesians, Botschaft zweiundneunzig, S. 778)

Paulus ist selbst ein sprechendes Beispiel. Er beschreibt seine Berufung so: „Als es aber Gott, der mich von meiner Mutter Leib an ausgesondert und durch Seine Gnade berufen hat, wohlgefiel, Seinen Sohn in mir zu offenbaren, damit ich Ihn als das Evangelium unter den Heiden verkünde“ (Galater 1:15–16). Der frühere Verfolger wird nicht nur mit einer Botschaft betraut, sondern mit einem in ihm wohnenden Christus. So wird er Teil dessen, was Epheser 4 beschreibt: „Und Er hat einige als Apostel gegeben und andere als Propheten und andere als Evangelisten und andere als Hirten und Lehrer für die Zurüstung der Heiligen zum Werk des Dienstes, zum Aufbau des Leibes Christi“ (Epheser 4:11–12). Die genannten Personen sind Werkzeuge, durch die Christus sich selbst weitergibt, indem sie richten, trösten, evangelisieren, lehren und weiden – aber immer so, dass die Heiligen nicht an ihnen hängen bleiben, sondern in ihre eigene Funktion hineinfinden.

Wo Christus Menschen zu Gaben macht, entsteht ein doppeltes Geschehen: Die Empfänger werden zugerüstet, und die Gegebenen bleiben selbst Lernende. Denn der auferstandene Herr bleibt das Haupt, von dem jede Versorgung ausgeht. Gerade deshalb werden Gaben nie dazu bestimmt, eine Gemeinde in Abhängigkeit zu halten; sie dienen der Befreiung zur Mitwirkung. In einer solchen Bewegung wächst der neue Mensch organisch: Menschen, die durch Christus aus Gefangenschaft herausgeführt wurden, helfen anderen auf dem Weg; Gnade, die empfangen wurde, wird wieder verschenkt. Der Aufbau des Leibes geschieht dann nicht von oben herab, sondern als ein gemeinsames Hineinwachsen in Christus, in dem jede Biografie, die von Seiner Gnade gezeichnet ist, zu einem Baustein im Ganzen wird – und darin liegt Trost für alle, die sich klein fühlen: Gerade das von Christus berührte, gebrochene und verwandelte Leben ist es, das Er aufgreift, um andere zuzurüsten.

application_de”: “Wer entdeckt, dass Christus Menschen selbst zu Gaben macht, sieht das eigene Leben in einem neuen Licht. Befreiungen, Umwege, Heilungen und Lernwege bleiben nicht privat, sondern werden Teil der Zurüstung des neuen Menschen. Damit wächst die Erwartung, dass der Herr nicht nur durch außergewöhnliche Diener wirkt, sondern durch viele unscheinbare Glieder, die Er zu Gelenken der Versorgung macht. So wird der Aufbau des Leibes Christi zu einer gemeinsamen Geschichte, in der Christus die Mitte bleibt und doch jeden Einzelnen auf einzigartige Weise einbezieht, damit der neue Mensch in Liebe heranreift.

Darum sagt die Schrift: „Hinaufgestiegen in die Höhe, hat Er Gefangene gefangen geführt und den Menschen Gaben gegeben.“ (Eph. 4:8)

Diese Wahrheit ermutigt dazu, vor dem Herrn still zu werden und neu zu sehen, wie Sein Leben Denken, Fühlen und Handeln von innen her prägt.


Herr Jesus Christus, danke, dass du am Kreuz den neuen Menschen geschaffen und uns in deinem Leib zusammengefügt hast. Du siehst unsere Unreife, unsere Begrenzungen und unsere Vergangenheit, und doch willst du uns mit deinem Leben füllen und zu Gaben für andere machen. Stärke uns im inneren Menschen durch deinen Geist, damit wir von dir leben, durch dich genährt werden und einander in deiner Liebe dienen. Lass in deiner Gemeinde ein Wachstum entstehen, das nicht auf äußerer Leistung, sondern auf deinem Auferstehungsleben beruht, sodass jedes Glied seinen Platz findet und dein Leib in Liebe aufgebaut wird. Vollende dein Werk an uns, bis der neue Mensch reif und vollkommen dein Wesen widerspiegelt zur Ehre des Vaters. Amen.

Englische Quelle: Life-Study of Ephesians, Chapter 92

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