Das Wort des Lebens
lebensstudium

Überfließen, um zu sprechen

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Manche Gottesdienste gleichen eher einer Bibliothek als einem Fest: vorne reden wenige, die meisten bleiben still. Dabei offenbart die Bibel Gott als den sprechenden Gott, der sich mitteilt und sein Volk durch sein Wort schafft und erhält. Wer Ihm gehört, ist nicht für ein stummes, innerliches Christsein bestimmt, sondern dafür, mit einem vollen Herzen von Christus zu reden – im Alltag wie in der Gemeinde. Wenn unser Inneres überläuft, bleibt es nicht beim Schweigen.

Gefüllt im Geist – warum Überfluss zum Sprechen führt

Gefüllt zu sein im Geist ist mehr als ein kurzer innerer Eindruck oder ein frommes Hochgefühl. Paulus stellt in Epheser 5 das Bild einer inneren Durchtränkung vor Augen: „Und werdet nicht betrunken mit Wein, in dem Zügellosigkeit ist, sondern werdet im Geist erfüllt, indem Ihr zueinander sprecht in Psalmen und Lobliedern und geistlichen Liedern und dem Herrn mit euren Herzen singt und musiziert“ (Eph. 5:18-19). So wie Wein einen Menschen ganz unter seinen Einfluss bringen kann, so möchte der Geist Christi unser Denken, Empfinden und Wollen durchdringen. Der Vergleich zeigt zugleich den Unterschied: nicht Verlust der Kontrolle, sondern ein klares, freudiges Bewusstsein vor Gott, das gerade dadurch erkennbar wird, dass der Mund nicht schweigt. Wo der Geist füllt, bleibt der Glaube nicht verschlossen im Inneren, sondern drängt nach Ausdruck – nicht als Pflichtprogramm, sondern als Überfluss.

In 5:18 fordert Paulus uns auf, „im Geist erfüllt zu werden“. Als Glieder des Leibes Christi müssen wir in unserem Geist erfüllt werden bis zur ganzen Fülle Gottes. Wenn wir im Geist erfüllt sind, wird das, womit wir erfüllt sind, aus unserem Inneren überfließen. Vers 19 bezieht sich auf dieses Überfließen: „indem ihr zueinander redet in Psalmen und Lobliedern und geistlichen Liedern, singend und spielend mit eurem Herzen dem Herrn“. Wir überfließen nicht, indem wir nachsinnen oder still in den Zusammenkünften der Gemeinde sitzen. Im Gegenteil, wir überfließen, indem wir zueinander reden. Wenn wir im Geist erfüllt sind bis zur ganzen Fülle Gottes, werden wir ganz spontan miteinander über Christus reden. Reden ist daher der Weg, überzufließen. (Witness Lee, Life-Study of Ephesians, Botschaft vierundachtzig, S. 710)

Die Kinder Israels im guten Land sind ein stilles Bild dafür. Sie sollten den Boden bearbeiten, die Früchte einsammeln und sie zu den Festen vor Gott bringen. Ihr Fest war nicht eine losgelöste Veranstaltung, sondern der konzentrierte Ausdruck des alltäglichen Lebens im Land. Übertragen auf das Leben mit Christus bedeutet das: Wer im Alltag auf Christus „arbeitet“ – Ihm vertraut, Ihn in Schwachheit anruft, in Entscheidungen nach Ihm fragt –, sammelt innerlich Frucht. Wenn diese Frucht sich sammelt, wird das Zusammenkommen der Gemeinde nicht zur Zuschauerveranstaltung, sondern zu einem Fest des geteilten Christus. „Laßt uns vor sein Angesicht treten mit Dank! Laßt uns mit Psalmen ihm zujauchzen!“ (Ps. 95:2) – dieses Rufen bekommt Gewicht, wenn es aus einem Herzen kommt, das in den stillen Stunden der Woche mit Christus gelebt hat.

Ist unser Inneres dagegen leer oder von anderem besetzt, fühlen sich Zusammenkünfte leicht anstrengend oder fremd an. Dann bleiben uns die Worte weg, wir hören nur zu, was andere sagen, und ahnen gleichzeitig, dass mehr möglich wäre. Die gute Nachricht dieses Wortes ist: Gott erwartet keinen künstlichen religiösen Redestrom, sondern er schenkt den Inhalt selbst, indem Er uns im Geist füllt. Wo ein Mensch beginnt, die kleine, unspektakuläre Gemeinschaft mit dem Herrn im Alltag ernst zu nehmen, setzt ein stiller Prozess ein: das Herz wird weicher, Dankbarkeit regt sich, ein Vers gewinnt Farbe, eine Gebetserhörung bleibt im Gedächtnis. Mit der Zeit wird es fast unmöglich, über Christus zu schweigen. Aus einem gedrückten Pflichterfüllen wird ein überfließendes Zeugnis. Das macht Mut, das Thema nicht beim eigenen Mangel stehenzulassen, sondern den Blick auf den lebendigen Herrn zu richten, der sein Volk gerne so füllt, dass ihre Lippen Ihn von Herzen preisen und miteinander von Ihm sprechen.

Und werdet nicht betrunken mit Wein, in dem Zügellosigkeit ist, sondern werdet im Geist erfüllt, indem Ihr zueinander sprecht in Psalmen und Lobliedern und geistlichen Liedern und dem Herrn mit euren Herzen singt und musiziert, (Eph. 5:18-19)

Laßt uns vor sein Angesicht treten mit Dank! / Laßt uns mit Psalmen ihm zujauchzen! / (Ps. 95:2)

Überfluss im Reden über Christus ist kein Charakterzug der Mutigen, sondern die Frucht eines gefüllten inneren Lebens; je mehr Christus im Verborgenen Raum gewinnt, desto natürlicher und freier werden Mund und Herz, Ihn im Alltag und in der Gemeinde zu bekennen.

Prophetisch reden – für den Herrn und von Ihm sprechen

Das Wort „weissagen“ trägt für viele den Klang von besonderen Personen und spektakulären Vorhersagen. Die Bibel zeichnet ein anderes, weiteres Bild. Wenn Paulus schreibt: „STREBT nach der Liebe; eifert aber nach den geistlichen (Gaben), besonders aber, daß ihr weissagt“ (1. Kor. 14:1), dann denkt er nicht zuerst an Kalenderdaten kommender Ereignisse, sondern an ein Reden, in dem Gott selbst hörbar wird. Im Alten Testament sprachen die Propheten überwiegend in die Gegenwart hinein: sie legten das Herz Gottes offen, trösteten, warnten, führten zurück in den Bund. Vorhersage gehörte dazu, war aber nicht der Schwerpunkt. So wird „prophetisch reden“ zu einem Begriff für Worte, die Gottes Sichtweise, Trost und Anspruch in eine konkrete Situation hineintragen.

In 1. Korinther 14:1 sagt Paulus: „Jaget der Liebe nach; doch eifert um die geistlichen Gaben, vielmehr aber, dass ihr weissaget“ (gr.). Die meisten Menschen verstehen Weissagung lediglich als Voraussage zukünftiger Ereignisse. Nach diesem Verständnis sagt jemand die Zukunft voraus und schließt sein Reden mit den Worten: „So spricht der Herr.“ … Voraussage ist jedoch nicht die Hauptbedeutung von Weissagung in der Bibel, besonders nicht im Neuen Testament. In der Bibel hat Weissagen drei Bedeutungen. Erstens bedeutet es, für jemanden zu reden, im Auftrag einer anderen Person zu sprechen. … Zweitens bedeutet Weissagen, etwas hervor‑ bzw. herauszusprechen, zu verkündigen. … Drittens bedeutet Weissagen, vorherzusagen, zu prophezeien. Daher sind die drei Bedeutungen von Weissagen: für jemanden zu reden, etwas herauszusagen und vorherzusagen. Die Bedeutung des Vorhersagens ist jedoch nicht die Hauptbedeutung. (Witness Lee, Life-Study of Ephesians, Botschaft vierundachtzig, S. 712)

Im Neuen Testament wird dieses Reden erstaunlich nah an das gewöhnliche Gemeindeleben herangeholt. Paulus erklärt, dass derjenige, der weissagt, Menschen „Aufbau, Ermahnung und Tröstung“ bringt, und fügt hinzu: „Denn ihr könnt alle einer nach dem anderen weissagen, damit alle lernen und alle ermutigt werden“ (1. Kor. 14:31). Prophetisches Reden ist damit nicht der exklusive Dienst einiger weniger, sondern eine Möglichkeit, in die jeder Gläubige hineingezogen wird. Immer wenn ein Mensch – innerlich berührt von Christus – ausspricht, wer Er ist, was Er getan hat und wie Er jetzt wirkt, geschieht etwas Prophetisches. Es kann der einfache Satz sein: „Der Herr hat mich in dieser Woche in meiner Angst getragen“, oder die klare Verkündigung des Evangeliums einem Suchenden gegenüber: In solchen Worten tritt der Christus hervor, der im Herzen wohnt.

Darum ist dieses Reden niemals Bühne für Selbstdarstellung. Der Maßstab liegt nicht in rhetorischer Begabung, sondern darin, ob Christus zum Inhalt wird. Wo ein Herz sich dem Herrn öffnet und sein Reden empfänglich hört, wird der Mund zum Werkzeug, durch das Seine Gegenwart für andere greifbar wird. Die Gemeinde wird so zu einem Raum, in dem Gott sich durch viele Stimmen äußert, nicht nur durch eine. Das entlastet und ermutigt zugleich: es braucht keine besondere Aura, um prophetisch zu reden, sondern ein einfaches, ehrliches Leben mit Christus. Wer das vor Augen hat, kann seine eigenen, unscheinbaren Worte neu sehen: In Gottes Hand können sie mehr sein, als sie klingen – Träger seines Lichts, seiner Ermutigung und seiner Führung inmitten einer hörenden Gemeinde.

STREBT nach der Liebe; eifert aber nach den geistlichen (Gaben), besonders aber, daß ihr weissagt. (1.Kor 14:1)

Denn ihr könnt alle einer nach dem anderen weissagen, damit alle lernen und alle ermutigt werden. (1.Kor 14:31)

Prophetisch zu reden heißt im Alltag und in den Zusammenkünften, Gottes Herz und Christi Wirklichkeit mit einfachen, wahrhaftigen Worten auszudrücken; je mehr Christus unser Inneres beschäftigt, desto mehr können auch ganz schlichte Sätze zu einem Bau und Trost für andere werden.

Ein sprechendes Gemeindeleben – Christus teilen und die Gemeinde bauen

Wo die Bibel vom Leib Christi spricht, denkt sie an ein organisches, sprechendes Ganzes. In einem Körper gibt es keine passiven Glieder; jedes trägt etwas bei, und vieles geschieht durch miteinander verbundene Signale. Ähnlich beschreibt Paulus die Gemeinde in Korinth: „Denn ihr könnt alle einer nach dem anderen weissagen, damit alle lernen und alle ermutigt werden. Und die Geister der Propheten ordnen sich den Propheten unter“ (1. Kor. 14:31-32). Kein chaotisches Durcheinander, aber auch keine Ein-Personen-Veranstaltung, sondern eine geordnete Vielfalt von Stimmen, in denen Christus sich mitteilt. Wenn Gläubige aus ihrem inneren Umgang mit dem Herrn heraus sprechen – mit Dank, mit Fragen, mit erlebten Hilfen –, wird die Zusammenkunft zum Ort gegenseitigen Lernens und Trostes.

Wir müssen besonders in den Zusammenkünften der Gemeinde reden. In 1. Korinther 14:23 und 24 sagt Paulus, dass, wenn wir alle weissagen, wenn die ganze Gemeinde an einem Ort zusammenkommt, der Unkundige von allen überführt und von allen beurteilt wird. In Vers 25 fährt er fort: „und so werden die verborgenen Dinge seines Herzens offenbar, und so wird er auf sein Angesicht fallen und Gott anbeten und verkündigen, dass Gott wirklich unter euch ist“ (gr.). (Witness Lee, Life-Study of Ephesians, Botschaft vierundachtzig, S. 714)

Paulus spannt diesen Horizont weit: Er sieht vor sich, wie sogar Außenstehende, die in eine solche sprechende Gemeinde hinein geraten, innerlich getroffen werden. Er schildert, wie ein Unkundiger „von allen überführt, er wird von allen erforscht“ (1. Kor. 14:24) und schließlich bekennen muss, „dass Gott wirklich unter euch ist“ (vgl. 1. Kor. 14:25). Nicht einzelne charismatische Persönlichkeiten bewirken dies, sondern das Zusammenklingen vieler Stimmen, die von Christus erfüllt sind. Hinter diesem Bild steht die verborgene Seite: ein Alltag, in dem Menschen mit Christus leben, Vertrauen lernen, auch durch Wüstenzeiten gehen. Aus dieser verborgenen Geschichte wird das öffentliche Reden genährt. So entsteht ein Gemeindeleben, das nicht von Programmen lebt, sondern von dem Christus, den die Glieder tatsächlich kennen und miteinander teilen.

Ein solches Miteinander ist weder Lautstärke noch Dauereuphorie. Die Psalmen zeigen die Spannweite: „Jauchzt dem HERRN, alle Welt! / Seid fröhlich und jauchzt und spielt!“ (Ps. 98:4), aber auch Klage, Bitte und stilles Hoffen. Im sprechenden Gemeindeleben finden all diese Töne ihren Platz, solange Christus die Mitte bleibt. Manche bringen ein Lied, andere ein Wort der Ermutigung, wieder andere ein stilles Zeugnis aus schwerer Zeit. In allem wird sichtbar: Der Herr ist gegenwärtig, Er führt, tröstet, korrigiert und stärkt. Das macht Mut, selbst in kleinen Beiträgen mehr zu sehen als eine formale Beteiligung. In Gottes Händen werden sie zu Bausteinen, durch die der Leib Christi aufgebaut wird und die Gegenwart des lebendigen Herrn mitten in einer oftmals lauten Welt erfahrbar bleibt.

Wenn aber alle weissagen und ein Ungläubiger oder ein Unkundiger kommt herein, so wird er von allen überführt, er wird von allen erforscht; (1.Kor 14:24)

Jauchzt dem HERRN, alle Welt! / Seid fröhlich und jauchzt und spielt! / (Ps. 98:4)

Ein sprechendes Gemeindeleben wächst dort, wo viele aus ihrem wirklichen Umgang mit Christus etwas einbringen; so wird die Versammlung vom Konsumraum zur lebendigen Begegnung mit dem Herrn, in der Glaubende gestärkt und Suchende von Gottes Gegenwart getroffen werden.


Herr Jesus Christus, danke, dass Du der sprechende Gott bist, der sich uns mitteilt und unsere leeren Herzen mit Deiner Fülle erfüllt. Lehre uns, im Alltag aus Dir zu leben, auf Deine leise Führung in unserem Inneren zu achten und so von Deinem Reichtum durchdrungen zu werden. Wo wir still geworden sind aus Furcht, Gewohnheit oder Mutlosigkeit, berühre Du unser Herz neu und schenke uns eine frische Freude an Dir, die von selbst in Lob, Dank und Zeugnis übergeht. Lass unsere Zusammenkünfte Orte sein, an denen Deine Gegenwart durch viele klare, liebevolle und tröstende Worte über Dich spürbar wird. Stärke Deinen Leib, dass wir Dich als unser Leben, unsere Person und unser Alles erkennen und aus diesem überfließenden Leben heraus reden. Dir sei die Ehre in der Gemeinde, heute und bis in Ewigkeit. Amen.

Englische Quelle: Life-Study of Ephesians, Chapter 84

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