Die Reichtümer Christi erfahren
Viele Christen wissen, dass Christus unermesslich reich ist – als Sohn Gottes, Erlöser, Leben und Herr –, und doch bleibt vieles davon Theorie. Die Frage ist: Wie werden diese Reichtümer von etwas, das wir bewundern, zu etwas, das wir wirklich genießen und das uns von innen her verändert? Paulus öffnet in 2.Korinther ein Fenster in sein eigenes Erleben und zeigt, wie die Reichtümer Christi zu einer gelebten Wirklichkeit wurden, gerade mitten in Schwachheit, Belastungen und Alltagssituationen.
Die unerforschlichen Reichtümer Christi – mehr als Lehre, ein innerer Schatz
Wenn Paulus von dem „unerforschlichen Reichtum Christi“ spricht, denkt er nicht an ein geistliches Museum, das wir staunend betrachten, sondern an einen lebendigen Schatz, der in uns eingezogen ist. Er verbindet beides ausdrücklich: „Mir, dem Allergeringsten von allen Heiligen, ist diese Gnade gegeben worden, den Heiden den unerforschlichen Reichtum Christi als das Evangelium zu verkünden“ (Eph. 3:8), und wenige Verse später: „damit Christus durch den Glauben in euren Herzen Wohnung mache“ (Eph. 3:17). Dass derselbe Christus, dessen Reichtum sich nicht ausloten lässt, Wohnung in unserem Herzen macht, zeigt: Das Zentrum des Evangeliums ist nicht, etwas über Christus zu wissen, sondern ihn als inneren Inhalt zu beherbergen. Was wir über ihn hören und lernen, ist wie eine Landkarte; aber der Christus, der in uns Wohnung macht, ist das Land selbst, in das wir täglich tiefer hineingeführt werden sollen.
705 Einige kritisieren unsere Praxis, den Namen des Herrn Jesus anzurufen. Ihrer Meinung nach ist dies lediglich ein psychologisches Phänomen ohne geistlichen Wert. Wenn das Anrufen des Namens des Herrn einfach nur eine vorübergehende psychologische Erfahrung hervorbringt, dann könnte dieselbe Erfahrung auch dadurch erreicht werden, dass man den Namen irgendeiner anderen Person anruft. (Witness Lee, Life-Study of Ephesians, Botschaft dreiundachtzig, S. 705)
Diese Gegenwart Christi in uns ist still und zugleich kraftvoll. Paulus beschreibt uns als „irdene Gefäße“, in denen ein Schatz liegt, „damit die Vortrefflichkeit der Kraft von Gott sei und nicht aus uns“ (2.Kor 4:7). Christus mit all seinen Reichtümern ist dieser Schatz, der nach und nach das Gefäß ausfüllt. Er nimmt unsere Gedankenwelt, unsere Empfindungen, unsere Reaktionen in Beschlag, nicht durch äußeren Druck, sondern durch inneren Zufluss. Wie ein Kind wächst, ohne dass sich von einem Tag auf den anderen spektakuläre Veränderungen zeigen, so wächst Christus in uns und wir in ihm. Manchmal merken wir erst im Rückblick, dass wir in einer Situation anders reagiert haben als früher: weniger hart, weniger ängstlich, freier. Dann war nicht eine Technik, sondern der inwohnende Christus wirksam.
Ein Weg, wie diese inneren Reichtümer vom bloßen Begriff zur erlebten Wirklichkeit werden, ist schlichter, als man denkt: das anrufende Herz. Wenn Paulus in einem anderen Brief davon spricht, dass der Herr „reich ist für alle, die ihn anrufen“ (Röm. 10:12), macht er deutlich, dass der Zugang zu seinem Reichtum nicht durch besondere Leistung, sondern durch lebendigen Kontakt geschieht. Wer den Namen des Herrn Jesus mit Glauben und Aufrichtigkeit anruft, tritt in Berührung mit seiner gegenwärtigen Person, die als lebengebender Geist in uns wohnt. Es ist ein Unterschied, ob wir innerlich über Christus nachdenken oder ob wir ihn persönlich anreden und unseren Geist für ihn öffnen. Im Anrufen wird das, was wir über ihn gehört haben, mit seiner spürbaren Gegenwart verbunden; der Schatz, der objektiv in uns ist, wird subjektiv erlebbar.
Gerade dieses einfache, vielleicht unscheinbare Wenden zu ihm im Inneren lässt die Reichtümer Christi zu Nahrung und Trost, zu Licht und Kraft werden. Sein Friede erfüllt beunruhigte Gedanken, seine Sanftmut beruhigt gereizte Gefühle, seine Treue trägt durch Zeiten, in denen wir uns selbst nicht mehr trauen. So werden die unerforschlichen Reichtümer Christi Schritt für Schritt zu unserem inneren Besitz, nicht weil wir alles verstehen, sondern weil wir den verstanden haben, der in uns wohnt. In dieser Erfahrung wächst stille Zuversicht: Der Schatz in uns ist größer als jede Lage um uns. Und aus dieser Zuversicht erwacht neue Freude, ihn im Verborgenen zu genießen und im Alltag zu spiegeln.
Mir, dem Allergeringsten von allen Heiligen, ist diese Gnade gegeben worden, den Heiden den unerforschlichen Reichtum Christi als das Evangelium zu verkünden (Eph. 3:8)
damit Christus durch den Glauben in euren Herzen Wohnung mache, damit ihr, indem ihr in der Liebe verwurzelt und gegründet werdet, (Eph. 3:17)
Wenn Christus als unerforschlich reicher Schatz in uns wohnt, ist unser inneres Leben nicht mehr von Mangel bestimmt, auch wenn wir uns oft arm fühlen. In der Begegnung mit ihm – im stillen Rufen seines Namens, im ehrlichen Öffnen unseres Herzens, im Verweilen vor ihm – werden seine Reichtümer nicht nur eine Lehre, sondern eine Quelle, aus der wir schöpfen. So entsteht ein ruhiger Mut, den Tag nicht aus unseren eigenen Reserven, sondern aus seinem Überfluss zu leben, und eine leise Freude, dass selbst unscheinbare Momente zu Gelegenheiten werden, in denen der Schatz in uns ein wenig mehr Gestalt gewinnt.
Gnade, Leiden und Umwandlung – Christus nimmt Gestalt in uns an
Das zweite Korintherbrief entfaltet die Reichtümer Christi in einer Umgebung, die man auf den ersten Blick kaum mit Reichtum verbindet: Tränen, Bedrängnisse, innere Konflikte. Dort, wo menschlich gesehen Mangel herrscht, tritt die Gnade Christi hervor. Paulus schreibt: „Denn wie die Leiden des Christus überreich auf uns kommen, so ist auch durch den Christus unser Trost überreich“ (2.Kor 1:5). Überreich kommen die Leiden – aber ebenso überreich fließt der Trost. Leiden werden in diesem Licht nicht romantisiert, aber sie werden zu einem Raum, in dem die verborgene Fülle Christi sichtbar werden kann. Das, was uns äußerlich schwächt, öffnet innerlich einen Zugang zu einem Trost, den wir sonst kaum kennenlernen würden.
Epheser 3:8 spricht von dem unerforschlichen Reichtum Christi, und 3:17 davon, dass Christus in unseren Herzen Wohnung macht. Dies zeigt, dass der Christus, der in uns Wohnung macht, der Christus mit dem unerforschlichen Reichtum ist. Der unerforschliche Reichtum Christi ist zu unserem Genuss. (Witness Lee, Life-Study of Ephesians, Botschaft dreiundachtzig, S. 702)
In diesem Zusammenhang spricht Paulus von einem „Dorn im Fleisch“ und von einem Gebet, das nicht so erhört wurde, wie er es erhofft hatte. Die Antwort des Herrn ist schlicht und doch tief: „Meine Gnade ist genug für dich, denn Meine Kraft wird in Schwachheit vollkommen gemacht“ (2.Kor 12:9). Nicht die Entfernung des Dorns, sondern die genügende Gnade ist das Geschenk. Schwachheit wird nicht weggeräumt, sie wird zum Schauplatz einer anderen Kraft. Darum kann Paulus sagen: „Deshalb habe ich Wohlgefallen an Schwachheiten, … denn wenn ich schwach bin, dann bin ich stark“ (2.Kor 12:10). Was von außen aussieht wie Verlust von Stärke, wird von innen her zur Durchlässigkeit für Christus. Umwandlung geschieht, indem unsere bisherige Selbstsicherheit zerbricht und an ihre Stelle eine Beziehung tritt, in der Christus selbst unsere Standfestigkeit ist.
Die Gnade Christi zeigt sich nicht nur darin, dass sie uns in Schwachheit trägt, sondern bereits in seiner eigenen Geschichte: „Denn ihr kennt die Gnade unseres Herrn Jesus Christus, daß er, da er reich war, um euretwillen arm wurde, damit ihr durch seine Armut reich werdet“ (2.Kor 8:9). Sein Weg von Reichtum zu Armut ist der Weg, auf dem unsere Armut in Reichtum verwandelt wird. Dieser Reichtum ist zuerst nicht äußerer Erfolg oder sichtbare Stärke, sondern ein anderes inneres Wesen: mehr Bereitschaft zu geben als zu nehmen, mehr Freiheit, sich selbst zurückzustellen, mehr Fähigkeit zu lieben, wo keine Erwiderung sicher ist. Umwandlung heißt: Christus nimmt Gestalt in uns an, und sein Weg der Selbsthingabe hinterlässt Spuren in unserem Herzen.
Am Ende des Briefes fasst Paulus dieses Wirken der Gnade in einer dreifachen Segensformel zusammen: „Die Gnade des Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen“ (2.Kor 13:14). Die Liebe Gottes ist die Quelle, die Gnade Christi ihr greifbarer Ausdruck, und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes der Raum, in dem diese Gnade uns erreicht. Umwandlung ist daher nicht ein anstrengender Aufstieg, sondern ein Bleiben in dieser Gemeinschaft: Wir lernen, unsere Schwachheiten und Leiden nicht vor Gott zu verstecken, sondern in diesem Raum der Gnade auszuhalten. Dort wächst ein leiser, aber nachhaltiger Wandel – der Christus, der für uns arm wurde, wird in uns zu einer reichen, sanften, tragenden Gegenwart. Diese Erfahrung schenkt Trost in der Gegenwart und Hoffnung für den Weg, der noch vor uns liegt.
Denn wie die Leiden des Christus überreich auf uns kommen, so ist auch durch den Christus unser Trost überreich. (2.Kor 1:5)
Und Er hat zu mir gesagt: Meine Gnade ist genug für dich, denn Meine Kraft wird in Schwachheit vollkommen gemacht. Sehr gern will ich mich darum vielmehr meiner Schwachheiten rühmen, damit die Kraft Christi über mir stiftshütte. (2.Kor 12:9)
Wo die Gnade Christi unsere Schwachheiten berührt, entsteht ein anderer Blick auf das eigene Leben. Leiden, die früher nur als Hindernisse erschienen, werden zu Türen, durch die mehr von seiner Person in unser Inneres einzieht. Das nimmt der Not nicht ihren Ernst, aber es schenkt ihr einen Ort in Gottes Geschichte mit uns. Wer so lernt, mit seinen Grenzen vor Christus zu bleiben, erfährt nach und nach, dass nicht die Stärke des eigenen Willens, sondern die stille Ausdauer seiner Gnade die eigentliche Tragekraft ist – und daraus erwächst ein neuer Mut, die eigene Geschichte nicht mehr gegen, sondern mit ihm zu lesen.
Im Angesicht Christi leben – aus seinem Wesen handeln, nicht aus uns selbst
Der zweite Korintherbrief gewährt einen selten nahen Einblick in die innere Lebensweise des Apostels. Er beschreibt sich als jemanden, der nicht sich selbst ins Zentrum stellt: „Denn wir predigen nicht uns selbst, sondern Christus Jesus als Herrn, uns aber als eure Sklaven um Jesu willen“ (2.Kor 4:5). Seine Aufgabe, seine Autorität, seine Gaben – all das versteht er von der Person Christi her. Nicht er ist die Mitte, sondern der Herr, in dessen Dienst er steht. Doch Paulus bleibt nicht bei einem allgemeinen Bekenntnis stehen; er zeigt, wie konkret dieses Christus-zentrierte Leben seinen Umgang mit Menschen prägt. Wenn er über Vergebung spricht, sagt er: „Wem ihr aber irgendetwas vergebt, dem vergebe auch ich; denn auch ich habe das, was ich vergeben habe, wenn ich irgendetwas zu vergeben habe, um euretwillen in der Person Christi vergeben“ (2.Kor 2:10). Seine Vergebung entspringt nicht seinem eigenen großzügigen Wesen, sondern dem Raum der Gegenwart Christi.
706 Es ist ziemlich schwierig, das griechische Wort für Person in 2. Korinther 2:10 genau wiederzugeben. Es kann mit Angesicht oder Gegenwart wiedergegeben werden. Das Griechische bezeichnet den Bereich des Angesichts um die Augen. (Witness Lee, Life-Study of Ephesians, Botschaft dreiundachtzig, S. 706)
Das Wort, das hier mit „Person“ wiedergegeben wird, bezeichnet wörtlich das Angesicht, besonders den Bereich um die Augen. Paulus zeichnet damit ein zartes Bild: Er lebt und handelt, als ob er das Angesicht Christi vor sich hätte. Wie man in den Augen eines geliebten Menschen liest, was ihm wichtig ist und was ihm weh tut, so richtet er sich innerlich nach dem, was er im „Blick“ des Herrn wahrnimmt. In dieser Atmosphäre steht er in der Gemeinde, ermahnt, tröstet und entscheidet. Darum sagt er an anderer Stelle: „ICH selbst aber, Paulus, ermahne euch durch die Sanftmut und Milde Christi“ (2.Kor 10:1). Er greift nicht auf seine natürliche Art zurück, sondern auf eine Sanftmut und Milde, die Christus eigen ist und die er im Angesicht des Herrn kennengelernt hat. Hier werden die Reichtümer Christi ganz praktisch: seine Sanftmut ersetzt unsere Härte, seine Wahrheit ersetzt unsere Selbstrechtfertigung, seine Geduld ersetzt unsere Ungeduld.
Paulus nennt dies „die Wahrhaftigkeit Christi“ in ihm: „Die Wahrhaftigkeit Christi ist in mir, dass dieses Rühmen in Bezug auf mich in den Gegenden von Achaia nicht verhindert werden soll“ (2.Kor 11:10). Etwas Echtes von Christus ist in seinem Inneren wirksam, so dass sein Reden nicht mehr von Eigeninteressen bestimmt ist, sondern von einer inneren Ausrichtung auf den Herrn. Hier geht es nicht zuerst um äußere Regeln, sondern um ein Leben im Geist, in dem Christus unsere Person wird. „Und der Herr ist der Geist; und wo der Geist des Herrn ist, da ist Freiheit“ (2.Kor 3:17). Freiheit heißt hier nicht Beliebigkeit, sondern die Befreiung von der Notwendigkeit, sich selbst durchzusetzen. Wer im Angesicht Christi lebt, ist frei, aus einem anderen Zentrum heraus zu handeln.
Ein solches Leben hat unmittelbare Bedeutung für den Leib Christi. Wo nicht mehr das Selbst, sondern Christus die Person ist, wird die Gemeinde als Ganzes aufgebaut. Die Reichtümer Christi bleiben dann nicht im Bereich persönlicher Erbauung, sondern fließen durch Menschen, die sich innerlich unter seinen Blick stellen, zu anderen weiter. In Vergebung, die aus seiner Gegenwart kommt, in Ermahnung, die von seiner Sanftmut getragen ist, in Entscheidungen, die vor ihm geprüft wurden, wird etwas von seinem Wesen greifbar. Diese Weise zu leben ist uns nicht von Natur aus gegeben, aber sie ist möglich, weil der Christus, der unser Herr ist, zugleich der inwohnende, lebengebende Geist ist, der uns in seine Art hineinzieht.
Relevante Schriftstellen: 2.Kor 2:10, 2.Kor 4:5, 2.Kor 10:1, 2.Kor 11:10, Gal. 2:20, Joh. 6:63.
Diese Wahrheit ermutigt dazu, vor dem Herrn still zu werden und neu zu sehen, wie Sein Leben Denken, Fühlen und Handeln von innen her prägt.
Herr Jesus Christus, danke, dass du mit unerforschlichem Reichtum erfüllt bist und als Schatz in unseren Herzen Wohnung machst. Du siehst unsere Schwachheiten, Dornen und inneren Kämpfe und verwandelst sie in Räume, in denen deine Gnade und deine Kraft sichtbar werden. Vertiefe in uns das Bewusstsein deiner Gegenwart, damit wir immer mehr im Licht deines Angesichts leben und aus deinem Wesen der Wahrheit, Sanftmut und Liebe heraus handeln. Lass die Gemeinschaft des Heiligen Geistes uns täglich in die Liebe des Vaters und in die Gnade deines Lebens hineinziehen, bis dein Leben in uns Gestalt gewinnt und durch uns andere erreicht. Stärke alle, die sich leer oder überfordert fühlen, durch deine gegenwärtige Gnade und erfülle sie neu mit Hoffnung und innerem Trost. Dir sei Ehre für alles, was du in uns begonnen hast und treu vollenden wirst. Amen.
Englische Quelle: Life-Study of Ephesians, Chapter 83