Das Wort des Lebens
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Christus in Gottes Ökonomie erfahren

11 Min. Lesezeit

Viele Christen sehnen sich nach einer lebendigen Beziehung zu Jesus, erleben ihren Glauben aber dennoch oft trocken, formal oder von unterschiedlichen Gemeindetraditionen bestimmt. Zwischen lehrmäßigen Meinungen, unterschiedlichen Gemeindestilen und persönlichen Erwartungen geht leicht der eigentliche Mittelpunkt verloren: Christus selbst, der als Herr der Gemeinde in uns wohnt und an uns arbeitet. Die biblische Linie zeigt, dass Gott eine herrliche Gemeinde gewinnen möchte, nicht durch unsere Formen und Methoden, sondern dadurch, dass Christus uns von innen her durchdringt, verwandelt und zum Ausdruck kommt.

Christus wirkt sich in uns hinein – Gottes einfache Ökonomie

Wenn die Schrift von Gottes Ökonomie spricht, zeichnet sie kein kompliziertes System, sondern einen einfachen, zugleich unergründlich tiefen Weg: Der Dreieine Gott wirkt Christus in Menschen hinein. Nicht nur etwas von Christus, nicht bloß Lehren über ihn oder ein Vorbild vor uns, sondern Christus selbst als Leben in uns. Paulus beschreibt Christus als den, der seine Gemeinde heiligt, reinigt, nährt und pflegt, „um sie sich selbst verherrlicht darzustellen“ (vgl. Eph. 5). Dieses Ziel verschiebt er nicht ans Ende der Zeit; seit Pfingsten arbeitet der verherrlichte Christus ununterbrochen daran, sein eigenes Element in das Wesen derer einzubauen, die an ihn glauben. So erklärt sich, warum das Neue Testament zugleich realistisch von unserer Schwachheit und doch kühne Worte über die Herrlichkeit der Gemeinde sprechen kann: Zwischen Kreuz und Wiederkunft liegt ein beständiges inneres Wirken Christi.

Seit dem Tag, an dem wir zum ersten Mal den Namen des Herrn Jesus angerufen und Ihn in uns aufgenommen haben, sucht Er nach Gelegenheiten, Sich Selbst in unser Wesen hineinzuwirken. Je mehr Sein Element in uns hineingewirkt wird, desto mehr werden wir mit Ihm Selbst durchdrungen und desto mehr werden wir geheiligt, gereinigt, genährt und umsorgt. Die letztendliche Vollendung dieses Prozesses wird die Darstellung der Gemeinde vor Ihm Selbst in Herrlichkeit sein. (Witness Lee, Life-Study of Ephesians, Botschaft sechzig, S. 505)

Dieses Wirken hat seinen Ort in unserem tiefsten Inneren. „Wenn aber Christus in euch ist, ist zwar der Leib der Sünde wegen tot, der Geist aber ist Leben der Gerechtigkeit wegen“ (Röm. 8:10). Der Christus, der in den Himmeln zur Rechten Gottes ist (Röm. 8:34), wohnt zugleich in den Gläubigen, und zwar als lebensspendender Geist in ihrem menschlichen Geist. Dort berührt er nicht zuerst unser Verhalten, sondern unser Wesen. Wie ein Stahlstab, der in das Feuer gelegt wird, nicht durch Erklärungen, sondern durch Hitze selbst rotglühend wird, so werden wir nicht durch bloße Belehrung, sondern durch die Nähe Christi selbst von der Herrlichkeit Gottes durchdrungen. Lehre zeigt uns das Feuer, aber nur das Feuer verwandelt.

Wird sein Element in uns hineingearbeitet, entsteht nach und nach etwas, was kein Mensch planen kann: die Gemeinde als Ausdruck seiner Fülle. Sie ist nicht die Summe religiöser Aktivitäten, sondern die Frucht unzähliger innerer Berührungen mit ihm. Jede still angenommene Überführung, jedes leise Ja zu seinem inneren Drängen, jede Stunde, in der sein Wort uns wirklich erreicht, lässt ein wenig mehr Christus in unser Denken, Fühlen und Wollen hineinsickern. Aus vielen solchen unscheinbaren Vorgängen wächst ein gemeinschaftlicher Ausdruck: ein Volk, in dem nicht mehr nur menschliche Regungen sichtbar sind, sondern Züge des Sohnes Gottes – seine Heiligkeit, seine Sanftmut, seine Standhaftigkeit, seine Freude.

Darum ist Gottes Ökonomie zugleich tröstlich und herausfordernd. Tröstlich, weil sie nicht auf unserer Organisationskraft ruht, sondern auf seiner treuen, stillen Arbeit in uns. Herausfordernd, weil sie uns von der Oberfläche in die Tiefe ruft: weg von einem Glauben, der sich mit korrekten Ansichten begnügt, hin zu einem Leben, in dem Christus tatsächlich lebt. Von Anfang an, seit „dem Tag, an dem wir zum ersten Mal den Namen des Herrn Jesus angerufen und ihn in uns aufgenommen haben“, sucht er Gelegenheiten, sich selbst in unser Wesen hineinzuwirken. Wer sich dieser Bewegung nicht widersetzt, wird entdecken, dass Gottes Ökonomie erstaunlich praktisch ist: Mitten im Alltag, mitten in unseren Begrenzungen wächst eine stille Herrlichkeit heran, die einmal offenbar werden wird, wenn er „die Gemeinde vor sich selbst in Herrlichkeit“ darstellt. Schon jetzt darf die Hoffnung auf diesen Tag das Heute erhellen.

Wenn aber Christus in euch ist, ist zwar der Leib der Sünde wegen tot, der Geist aber ist Leben der Gerechtigkeit wegen. (Röm. 8:10)

Wer ist er, der verdammt? Christus Jesus ist es, der gestorben und vielmehr der auferweckt worden ist, der auch zur Rechten Gottes ist, der auch fürbittend für uns eintritt. (Röm. 8:34)

Gottes einfache Ökonomie entlastet und richtet zugleich aus: Sie entlastet, weil nicht wir für die Produktion geistlicher Herrlichkeit zuständig sind, sondern Christus, der in uns wohnt; sie richtet aus, weil unser Teil darin besteht, seinem Wirken nicht auszuweichen, sondern ihm im Verborgenen Raum zu geben. Wer so auf das innere Wirken des Herrn achtet, wird nüchtern gegenüber eigenen Konzepten, aber voller Erwartung gegenüber dem, was Christus in ihm und in der Gemeinde hervorbringt. Jede alltägliche Situation kann zur Gelegenheit werden, in der derselbe Christus, der im Himmel verherrlicht ist, ein Stück tiefer in uns hineingreift und uns seinem Bild angleicht.

Mit unverhülltem Angesicht Christus anschauen – befreit von religiösen Schleiern

Die Bibel kennt nicht nur den offenen Blick zum Herrn, sondern auch das verhüllte Angesicht. Als Mose vom Berg herabstieg, nachdem er mit Gott geredet hatte, „strahlte“ die Haut seines Gesichtes, und das Volk fürchtete sich, zu ihm heranzutreten; deshalb „legte er eine Decke auf sein Gesicht“ (2. Mose 34:30.33). Die Herrlichkeit Gottes hatte sich ihm förmlich eingeprägt, und doch bekam Israel nur einen gedämpften, verdeckten Eindruck davon. Paulus greift dieses Bild auf und spricht von einem Schleier, der auf Herzen liegt, solange sie bei Buchstaben, Formen und Überlieferungen stehenbleiben. Erst „wenn es sich zum Herrn wendet, wird die Decke weggenommen“ (vgl. 2. Kor. 3). Es geht nicht um eine andere Information, sondern um eine andere Ausrichtung des Herzens.

Heute ist die Bibel für mich nicht in erster Linie ein Buch der Lehren, sondern ein Buch, das die Person des lebendigen Christus offenbart. Wenn ich das Wort lese, öffne ich mich dem Herrn, und sofort erfahre ich Sein Brennen in mir. (Witness Lee, Life-Study of Ephesians, Botschaft sechzig, S. 506)

Wir begegnen demselben Muster, wenn wir die Schrift vorwiegend als Lehrbuch behandeln. „Ihr erforscht die Schriften, weil ihr meint, ewiges Leben in ihnen zu haben; und gerade jene sind es, die über mich Zeugnis ablegen“ (Johannes 5:39). Die Juden zur Zeit Jesu kannten den Text außerordentlich gut, und doch war gerade diese Art, die Schrift zu halten, wie ein Schleier vor ihrem Angesicht. Sie suchten in den Worten ein System des Lebens, verpassten aber die Person, auf die jedes Wort hinweist. Heute können Lehren, Traditionen und gewohnte „Ordnungen“ ähnliches bewirken: Wir wissen, wie etwas „richtig“ zu laufen hat, und gerade in dieser Sicherheit wird unser inneres Gesicht gebunden. Formen, Frömmigkeitsstile, besondere Betonungen können dann mehr Aufmerksamkeit erhalten als der lebendige Christus selbst.

Wenn aber das Herz sich dem Herrn zuwendet, geschieht etwas anderes: Das Wort wird nicht kleiner, aber durchsichtiger. Es wird zum Fenster, nicht zur Wand. Wer so liest, erfährt, was ein Diener Gottes formuliert hat: Die Bibel ist nicht in erster Linie ein Buch der Lehren, sondern ein Buch, das die Person des lebendigen Christus offenbart. Sooft das Herz sich nicht an der Form, sondern am Herrn festmacht, beginnt sein Brennen in uns. Manchmal ist es eine leise Erwärmung, manchmal ein deutliches Feuer der Überführung oder der Freude. In beiden Fällen handelt es sich weniger um eine intellektuelle Einsicht als um eine Begegnung, bei der die Herrlichkeit des Herrn unser Inneres berührt.

Paulus beschreibt diesen Vorgang mit den Worten, dass wir „mit unverhülltem Angesicht die Herrlichkeit des Herrn anschauen“ und so „in dasselbe Bild verwandelt werden von Herrlichkeit zu Herrlichkeit“ (vgl. 2. Kor. 3:18). Verwandlung ist hier nicht das Resultat einer langen Liste von Korrekturen, sondern die stille Folge des Anschauens: Was wir beständig vor Augen haben, prägt uns. Ein Herz, das an religiösen Schleiern hängt, wird am Ende den Schleier widerspiegeln – Enge, Verteidigungsbereitschaft, Vergleich. Ein Herz, das vor Christus unverhüllt steht, wird auf Dauer etwas von seiner Weite, seiner Klarheit und seiner Zartheit tragen. Das Bewusstsein, dass es solche Schleier gibt, ist kein Grund zur Entmutigung, sondern eine Einladung zur Hoffnung: Der Herr selbst ist es, der die Decke wegnimmt und uns fähig macht, ihn frischer, freier und unmittelbarer zu sehen.

Und Aaron und alle Söhne Israel sahen Mose an, und siehe, die Haut seines Gesichtes strahlte; und sie fürchteten sich, zu ihm heranzutreten. (2.Mose 34:30)

Als nun Mose aufgehört hatte, mit ihnen zu reden, legte er eine Decke auf sein Gesicht. (2.Mose 34:33)

Die Befreiung von religiösen Schleiern geschieht nicht durch Aggression gegen Formen, sondern durch Zuwendung zur Person Christi. Wer die Schrift als Zeugnis über den lebendigen Herrn liest und ihm innerlich Raum gibt, erlebt, dass starre Vorstellungen ihre Selbstverständlichkeit verlieren und die Gegenwart Christi heller in den Vordergrund rückt. Mit jedem solchen Lichtstrahl wird das Angesicht freier und die Nachfolge weniger von Pflicht, mehr von Anziehung getragen – von Herrlichkeit zu Herrlichkeit.

Christus genießen statt Formen betonen – Gemeinde aus seiner Fülle

Wer den Fluss der Kirchengeschichte betrachtet, erkennt, wie oft Christen an äußeren Formen auseinandergeraten sind: an der Art des Gottesdienstes, an Kleidungsvorschriften, an Fragen von Liturgie, Musik oder Gabenpraxis. Die neutestamentische Sicht der Gemeinde setzt an einem anderen Punkt an. Die Gemeinde ist Leib Christi, Wohnstätte Gottes im Geist, Ausdruck dessen, was die Gläubigen gemeinsam von Christus aufgenommen haben. Ihr innerer Zusammenhalt entsteht nicht dadurch, dass alle dieselben Formen praktizieren, sondern dadurch, dass alle denselben Christus genießen. So wie verschiedene Esswerkzeuge nur Hilfsmittel bleiben, während die Speise selbst nährt, sind unsere Methoden zweitrangig gegenüber dem, was wir geistlich „essen“.

Lasst uns alle Verordnungen beiseitelassen und zur lebendigen Person Christi zurückkehren. In Botschaft um Botschaft haben wir nur ein Verlangen: auf euren Bedarf nach dem lebendigen Christus hinzuweisen. Ihr müsst von Ihm geheiligt, gereinigt, genährt und umsorgt werden. (Witness Lee, Life-Study of Ephesians, Botschaft sechzig, S. 508)

Gerade in den Sendschreiben der Offenbarung zeigt sich diese Perspektive eindrücklich. Christus sagt: „Siehe, ich stehe vor der Tür und klopfe an; wenn jemand meine Stimme hört und die Tür öffnet, dann werde ich zu ihm hineinkommen und das Mahl mit ihm halten und er mit mir“ (Offb. 3:20). Das Bild ist nicht das einer strengen Inspektion, sondern einer Mahlgemeinschaft. Er sucht nicht zuerst Korrektur äußerer Ordnung, sondern Zugang zu Herzen, in denen er sich selbst schenken kann. Während wir auf sein Kommen aus dem Himmel warten, will er uns schon jetzt innerlich sättigen, trösten, reinigen und prägen. Wo er auf diese Weise erfahren wird, verlieren Formen ihren absoluten Anspruch: Sie können hilfreich sein, aber sie definieren weder unsere Identität noch unsere Einheit.

Das Genießen des indwohnenden Christus wirkt still gegen die Kräfte der Spaltung. Wer aus ihm lebt, lernt, das Wesentliche vom Nebensächlichen zu unterscheiden. Persönliche Vorlieben in Fragen der Praxis werden relativiert, wenn die Gegenwart des Herrn real und kostbar ist. Ein Herz, das in ihm zur Ruhe kommt, muss sich nicht mehr an Ordnungen festklammern, um Sicherheit zu empfinden. Stattdessen wächst ein inneres Einverständnis mit dem, was Christus in anderen wirkt, selbst wenn die äußeren Ausdrucksformen sich unterscheiden. Die Gemeinde wird dann nicht durch ein System zusammengehalten, sondern durch denselben Herrn, der in allen Gläubigen wohnt und sie in sich zu einem Leib verbindet.

In dieser Sicht wird der Ruf, „alle Verordnungen beiseitezulassen und zur lebendigen Person Christi zurückzukehren“, nicht antikirchlich, sondern zutiefst gemeindebauend. Wo der Genuss Christi im Mittelpunkt steht, kommt es zu einer heilsamen Verschiebung: von „Was ist der richtige Stil?“ zu „Wer ist in unserer Mitte?“. Dort, wo Christus persönlich genossen wird, werden Menschen geheiligt, gereinigt, genährt und umsorgt – nicht von einem Programm, sondern von ihm. Und aus vielen solcher persönlichen Begegnungen entsteht ein gemeinsamer Klang: eine Gemeinde, die weniger durch ihre eigenen Besonderheiten auffällt als durch die Gegenwart des Herrn, den sie verkörpert.

Siehe, Ich stehe vor der Tür und klopfe an; wenn jemand Meine Stimme hört und die Tür öffnet, dann werde Ich zu ihm hineinkommen und das Mahl mit ihm halten und er mit Mir. (Offb. 3:20)

Das Herz auf den genießbaren, indwohnenden Christus auszurichten, bewahrt davor, das Christsein an Stilfragen festzumachen. Wer in ihm Nahrung, Trost und Korrektur findet, kann Formen dankbar gebrauchen, ohne sie absolut zu setzen, und anderen Spielraum lassen, ohne die Einheit zu verlieren. So wird der Alltag zum Ort stiller Mahlgemeinschaft mit dem Herrn, und unser Blick auf die Gemeinde wird weit: Wir erwarten weniger von Strukturen, dafür umso mehr von dem Christus, der anklopft, hineinkommt und uns aus seiner Fülle nährt.


Herr Jesus, führe uns im Licht Deines Wortes und schenke uns Gnade, die gezeigte Wahrheit nicht nur zu verstehen, sondern im Alltag aus Deinem Leben zu erfahren. Bewahre uns in Deiner Gegenwart, damit unser Denken, Reden und Dienen von Dir geprägt wird und Dein Name in der Gemeinde verherrlicht wird. Amen.

Englische Quelle: Life-Study of Ephesians, Chapter 60

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