Gottes Verlangen nach einer herrlichen Gemeinde
Viele Gläubige wünschen sich eine besonders geistliche oder siegreiche Gemeinde und übersehen dabei, dass Gottes Herz viel weiter geht: Er sehnt sich nach einem Volk, durch das seine eigene Herrlichkeit mitten in einer dunklen Welt sichtbar wird. Nicht besondere Leistungen, Gaben oder Erfolge stehen im Mittelpunkt, sondern Christus selbst, der seine Gemeinde heiligt, reinigt, nährt und zärtlich umsorgt, bis sie von innen her leuchtet.
Gottes Ziel: eine Gemeinde voller Herrlichkeit, nicht nur voller Spiritualität
Wenn die Schrift von einer herrlichen Gemeinde spricht, lenkt sie den Blick auf etwas anderes als das, was wir gewöhnlich mit „geistlich“ oder „siegreich“ verbinden. Geistlichkeit kann man oft an Frömmigkeit, Disziplin oder besonderen Erfahrungen festmachen, Sieg an überwundenen Sünden und Durchbrüchen im Glaubensleben. Herrlichkeit aber ist die Selbstmitteilung Gottes, sein eigenes Wesen, das sichtbar wird. Als die Stiftshütte vollendet war, heißt es: „Da bedeckte die Wolke das Zelt der Begegnung, und die Herrlichkeit des HERRN erfüllte die Wohnung“ (2. Mose 40:34). Später geschah Ähnliches beim Tempel Salomos. Nicht Fleiß, nicht Opferbereitschaft, nicht geordnete Strukturen erfüllten das Haus, sondern die Gegenwart des lebendigen Gottes selbst. So denkt Gott auch über die Gemeinde: Sie soll nicht zuerst durch Aktivität oder Ordnung auffallen, sondern durch die erfahrbare Gegenwart dessen, der in ihrer Mitte wohnt.
Streng genommen sucht Gott weder eine geistliche Gemeinde noch eine himmlische Gemeinde, ja nicht einmal eine siegreiche Gemeinde. Er möchte eine Gemeinde der Herrlichkeit. Herrlichkeit ist der Ausdruck Gottes und etwas völlig anderes als menschliche Moral und menschliches Verhalten. Als Gott die Stiftshütte und den Tempel erfüllte, wurden beide mit Herrlichkeit erfüllt, mit der eigentlichen Offenbarung Gottes selbst. Die Gemeinde sollte durch Herrlichkeit gekennzeichnet sein – durch nichts anderes, nicht einmal durch Geistlichkeit. (Witness Lee, Life-Study of Ephesians, Botschaft neunundfünfzig, S. 499)
Das unterscheidet eine herrliche Gemeinde von einer bloß geistlichen oder siegreichen Gemeinde. Engel sind in jeder Hinsicht geistlicher, himmlischer und mächtiger als wir, und doch beschreibt die Bibel sie nicht als Träger der göttlichen Herrlichkeit in dem Sinn, wie sie von der Gemeinde spricht. Gott entschied sich, den Menschen zu schaffen „in unserm Bild, uns ähnlich“ (1. Mose 1:26), um sich in einem korporativen Menschen auszudrücken. Dieser Mensch soll nicht nur gehorsam, sondern durchdrungen sein von seinem Schöpfer. Wenn Paulus die Gemeinde als den Leib Christi beschreibt, „die Fülle dessen, der alles in allen erfüllt“ (Epheser 1:23), wird deutlich: Gottes Ziel ist nicht ein „frommer Verein“, sondern ein Organismus, in dem Christus sich ausbreitet. Die Ekklesia ist berufen, ein Raum zu sein, in dem man Gott schmeckt, spürt und erkennt – in Gesprächen, im gemeinsamen Gebet, in der Art, wie Konflikte getragen und Beziehungen geformt werden.
Darum ist Herrlichkeit mehr als ein gehobenes moralisches Niveau. Sie ist das Leuchten Gottes im ganz gewöhnlichen Gemeindeleben. Wenn Christus seine Gemeinde „heiligt, nachdem er sie gereinigt hat durch das Wasserbad im Wort, damit er die Gemeinde sich selbst verherrlicht darstelle, die nicht Flecken oder Runzeln […] habe“ (Epheser 5:26–27), dann zielt seine Arbeit nicht darauf, uns nur untadelig zu machen, sondern seine eigene Herrlichkeit in ihr hervortreten zu lassen. Ein äußerlich makelloses Gemeindeleben ohne diesen inneren Ausdruck Gottes kann kalt und hart sein; eine herrliche Gemeinde dagegen trägt in all ihrer Unvollkommenheit den Duft der Gegenwart Christi. So entsteht inmitten aller Schwachheit ein stiller Mut: Gott ist daran, sein Haus mit seiner Herrlichkeit zu füllen, und jede noch so unscheinbare Ortsgemeinde ist in dieses große Ziel einbezogen.
Da bedeckte die Wolke das Zelt der Begegnung, und die Herrlichkeit des HERRN erfüllte die Wohnung. (2. Mose 40:34)
Und Gott sprach: Lasst uns Menschen machen in unserm Bild, uns ähnlich; die sollen herrschen über die Fische im Meer und über die Vögel des Himmels und über das Vieh und über die ganze Erde und über alles Gewürm, das auf der Erde kriecht. (1. Mose 1:26)
Die Sicht auf Gottes Ziel verändert, wie Gemeinde wahrgenommen wird. Nicht die Frage, wie beeindruckend, organisiert oder erfolgreich sie wirkt, steht dann im Vordergrund, sondern ob in ihr etwas von Gott selbst erfahrbar ist. Wo dieses Verlangen Gottes erkannt wird, gewinnt auch das unscheinbare Miteinander Gewicht: Ein ehrliches Wort, ein getragenes Gebet, eine ausgestreckte Hand in der Not werden zu Orten, an denen die Herrlichkeit Gottes aufscheint. So wächst leise der Wunsch, dass unser Zusammensein weniger Spiegel unserer Fähigkeiten und mehr Wohnung seiner Gegenwart ist.
Christus in uns: die Quelle der göttlichen Herrlichkeit
Herrlichkeit lässt sich nicht herstellen. Sie ist nicht das Ergebnis geistlicher Technik, konsequenter Askese oder gut eingeübter „Siegesstrategien“. Die Schrift führt sie auf eine einzige Quelle zurück: Christus in uns. Paulus spricht vom „Evangelium der Herrlichkeit des Christus“ und erklärt, Gott habe in unsere Herzen hineingesprochen, „damit der Lichtglanz der Erkenntnis der Herrlichkeit Gottes im Angesicht Jesu Christi“ aufleuchte (2. Korinther 4:4, 6). Damit ist kein äußerer Lichterschein gemeint, sondern das innere Aufgehen eines Lichts, in dem wir erkennen, wer Gott in Christus ist. Herrlichkeit ist die Ausstrahlung dieser erkannten Gegenwart. Wo Christus als Person real wird, beginnt sein Licht, die Dunkelheit des Herzens zu durchdringen, alte Selbstbilder zu zerbrechen und verborgene Motive ans Licht zu bringen.
Gottes Ökonomie besteht nicht darin, über Dinge wie unser Temperament den Sieg zu erringen. Es geht darum, Christus als unser Leben und als unsere Person zu nehmen und Ihn in uns leben zu lassen. Das Ergebnis ist der Ausdruck Gottes als Herrlichkeit. In uns selbst mögen wir siegreich sein, aber um herrlich zu sein, brauchen wir Christus als unser Leben und unsere Person. (Witness Lee, Life-Study of Ephesians, Botschaft neunundfünfzig, S. 500)
Dieser Prozess ist mehr als charakterliche Besserung. Paulus beschreibt ihn als Umwandlung: „Wir alle aber, indem wir mit unverhülltem Angesicht die Herrlichkeit des Herrn anschauen wie in einem Spiegel, werden verwandelt in dasselbe Bild von Herrlichkeit zu Herrlichkeit, nämlich vom Herrn, dem Geist“ (2. Korinther 3:18). Das Anschauen der Herrlichkeit des Herrn bedeutet, ihm ohne Maske zu begegnen und sein Angesicht über uns leuchten zu lassen. In dieser Begegnung arbeitet der Geist nicht äußerlich, indem er uns nur neue Regeln vorlegt, sondern innerlich, indem er unser Sein metabolisch verändert – so wie ein lebendiger Organismus durch Nahrung verwandelt wird. Christus wird unser Leben und unsere Person; er nimmt Stück für Stück den Platz ein, an dem früher unser Temperament, unser Ehrgeiz oder unsere Angst regierten.
Auf diese Weise wird die Herrlichkeit Gottes in der Gemeinde erfahrbar: nicht primär in außergewöhnlichen Momenten, sondern im stillen, anhaltenden Wirken Christi in seinen Gliedern. Wo sein Licht im Verborgenen wirkt, werden Reaktionen sanfter, Worte wahrhaftiger, Entscheidungen freier von Selbstschutz. Diese Veränderungen tragen den Geschmack der Herrlichkeit, weil sie nicht aus eigener Anstrengung stammen, sondern aus dem Leben eines anderen in uns. So wird die Gemeinde ein Raum, in dem man spürt: Hier ist mehr am Werk als menschliche Harmonie. Christus selbst, der Herr der Herrlichkeit (Jakobus 2:1), prägt das Klima. Das schenkt gerade in Schwachheit und Unreife Hoffnung: Herrlichkeit ist nicht das Ziel weniger Starker, sondern die Frucht eines Christus, der bereit ist, sein Leben in vielen schwachen Gefäßen leuchten zu lassen.
bei denen der Gott dieser Weltzeit den Sinn der Ungläubigen verblendet hat, damit ihnen nicht ausstrahle der Lichtglanz des Evangeliums von der Herrlichkeit des Christus, welcher das Bild Gottes ist. (2. Korinther 4:4)
Denn Gott, der gesagt hat: Aus Finsternis wird Licht hervorleuchten!, er ist es, der in unseren Herzen aufgeleuchtet ist, zum Lichtglanz der Erkenntnis der Herrlichkeit Gottes im Angesicht Jesu Christi. (2. Korinther 4:6)
Wo Christus als Leben und Person aufgenommen wird, bekommt auch das unscheinbare tägliche Innerliche Bedeutung: der Umgang mit ärgerlichen Gedanken, das Ringen um ein ehrliches Wort, das stille Gebet mitten im Alltag. In solchen Momenten öffnet sich das Herz ein Stück weiter für sein Licht, und die Gemeinde gewinnt an Herrlichkeit, ohne dass dies spektakulär sichtbar wäre. Die Aussicht, von „Herrlichkeit zu Herrlichkeit“ verwandelt zu werden, lädt ein, den Blick immer wieder auf das Angesicht Jesu Christi zu richten und zu vertrauen, dass sein Licht stärker ist als jede innere Finsternis.
Der eine neue Mensch: gemeinsam Gottes Herrlichkeit widerspiegeln
Gottes Herrlichkeit ist nicht dazu bestimmt, in einzelnen „geistlichen Persönlichkeiten“ aufzugehen, sondern in einem gemeinsamen Leib aufzuleuchten. Als Gott den Menschen schuf, sprach er nicht nur über das Individuum, sondern über einen kollektiven Träger seines Bildes: „Lasst uns Menschen machen in unserm Bild, uns ähnlich; die sollen herrschen“ (1. Mose 1:26). Dieser Auftrag wird im Neuen Testament aufgegriffen, wenn Paulus von einem „neuen Menschen“ spricht, den Christus geschaffen hat, indem er Juden und Nationen in sich vereinte (Epheser 2:15). Dieser eine neue Mensch ist mehr als die Summe vieler Gläubiger; er ist ein von Christus durchdrungener, korporativer Mensch, in dem Christus „alles und in allen“ ist (Kolosser 3:11). In ihm findet Gottes Vorsatz seine Form: Er will eine Menschheit, in der seine Herrlichkeit sich vielfältig widerspiegelt.
Die herrliche Gemeinde ist der korporative Mensch. Das bedeutet, dass jeder Teil dieses korporativen Menschen herrlich ist. Bist du in praktischer Weise ein Teil dieses herrlichen Menschen? Mit anderen Worten: Wirst du mit Herrlichkeit erfüllt? (Witness Lee, Life-Study of Ephesians, Botschaft neunundfünfzig, S. 502)
Darum ist die herrliche Gemeinde untrennbar mit dem gemeinsamen Leben der Gläubigen verbunden. Eine Person kann Gottes Herrlichkeit bezeugen, doch das volle Spektrum seines Wesens wird in der Vielfalt eines Leibes sichtbar. In einer Gemeinde, in der Christus Raum gewinnt, verbindet er Unterschiedliche, überbrückt Trennungen und heilt alte Feindschaften. Die Liebe, von der Jesus spricht – „Daran wird jedermann erkennen, dass ihr meine Jünger seid, wenn ihr Liebe untereinander habt“ (Johannes 13:35) – ist Ausdruck dieser Herrlichkeit. Sie zeigt, dass eine andere Realität am Werk ist als bloße Sympathie. Wenn Christus seine Gemeinde „nährt und pflegt“ (Epheser 5:29), geschieht das immer am ganzen Leib. Seine heilende, formende Zuwendung gilt nicht isolierten Einzelnen, sondern einem Organismus, der gemeinsam ohne Flecken und Runzeln vor ihm stehen soll.
In diesem Licht bekommt das Miteinander der Gläubigen eine große Würde. Unterschiede, Reibungen und Schwächen verlieren nicht ihr Gewicht, aber sie sind eingebettet in Gottes Werk an einem korporativen Menschen. Wo Christus mehr Raum erhält, rückt das eigene Profil etwas in den Hintergrund, und die Frage wird wichtiger, was durch den Leib sichtbar wird. Eine kurze Vergebung, ein geteiltes Leid, ein gemeinsam getragenes Anliegen werden zu Spiegeln seiner Herrlichkeit. So wächst die Sehnsucht, dass nicht einzelne „starke“ Glaubende, sondern die ganze Gemeinde das Angesicht Christi widerspiegelt. Die Verheißung, dass Gottes Herrlichkeit seine Gemeinde erfüllen wird, trägt dann durch manche Mühe: Der eine neue Mensch ist keine ferne Theorie, sondern Gottes Weg, sich hier und jetzt auf der Erde zu zeigen.
Und Gott sprach: Lasst uns Menschen machen in unserm Bild, uns ähnlich; die sollen herrschen über die Fische im Meer und über die Vögel des Himmels und über das Vieh und über die ganze Erde und über alles Gewürm, das auf der Erde kriecht. (1. Mose 1:26)
indem er in seinem Fleisch die Feindschaft, das Gesetz der Gebote in Satzungen, beseitigt hat, um die zwei in sich selbst zu einem neuen Menschen zu schaffen und Frieden zu stiften. (Epheser 2:15)
Die Einsicht, dass Gottes Herrlichkeit an einen gemeinsamen, korporativen Menschen gebunden ist, relativiert sowohl den Stolz auf persönliche Stärke als auch die Entmutigung wegen eigener Schwäche. Niemand trägt die Herrlichkeit allein; sie wird sichtbar, wo Christus in der Mitte eines vielfältigen Leibes Gestalt gewinnt. Das verleiht auch unscheinbaren Beziehungen und kleinen Ausdrucksformen der Liebe ein bleibendes Gewicht: In ihnen spiegelt sich etwas von dem, was Gott seit 1. Mose 1.gesucht hat – eine Menschheit, in der sein Bild erkannt und seine Herrlichkeit wahrgenommen wird.
Herr Jesus Christus, danke, dass du nicht nur unsere Schuld getragen hast, sondern in uns lebst, um uns mit deiner Herrlichkeit zu erfüllen. Öffne unsere Augen für das Verlangen des Vaters nach einer herrlichen Gemeinde und nimm Schleier, religiöse Vorstellungen und falsche Maßstäbe von unseren Herzen. Lass dein Licht tiefer in uns hineinscheinen, alles Dunkle verschlingen und uns von innen her umgestalten, damit dein Angesicht in unserem persönlichen Leben und in der ganzen Gemeinde erkennbar wird. Stärke uns als einen neuen Menschen, in dem du alles bist und alles erfüllst, damit die Welt etwas von der Schönheit deiner Gegenwart sehen kann. Dir sei die Ehre in der Gemeinde und in Christus Jesus von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.
Englische Quelle: Life-Study of Ephesians, Chapter 59