Wie Christus die Gemeinde verherrlicht
Viele Christen stellen sich vor, dass Jesus eines Tages plötzlich vom Himmel kommt und uns in einen fernen Bereich der Herrlichkeit hinaufzieht. Doch wenn wir die Schrift genauer betrachten und unsere Erfahrung ernst nehmen, merken wir: Christus ist nicht nur fern im Himmel, sondern als Herrlichkeit in uns gegenwärtig. Die Frage ist daher weniger, ob wir eines Tages „irgendwo“ in die Herrlichkeit kommen, sondern wie die Herrlichkeit Christi jetzt in uns Gestalt gewinnt und so die Gemeinde wirklich herrlich wird.
Christus – die innewohnende Hoffnung der Herrlichkeit
Wenn das Neue Testament von der Herrlichkeit der Gemeinde spricht, lenkt es den Blick nicht zuerst an den Himmel, sondern ins Innerste des Gläubigen. Paulus fasst dieses Geheimnis in den schlichten, aber unergründlichen Worten zusammen: „Christus in euch, die Hoffnung der Herrlichkeit“ (Kolosser 1:27). Herrlichkeit ist hier nicht ein äußerer Nimbus, der eines Tages von oben auf uns fällt, sondern eine Person, die bereits in uns wohnt. Der Christus, der zur Rechten Gottes erhöht ist, ist zugleich als lebengebender Geist in unseren Geist gekommen, um dort die Quelle und der Inhalt aller Herrlichkeit zu sein. So ist die Gemeinde nicht in erster Linie eine sichtbare, beeindruckende Organisation, sondern eine Gemeinschaft von Menschen, in denen Christus als inneres Leben gegenwärtig ist.
Die Hoffnung der Herrlichkeit ist nicht der Christus in den Himmeln, sondern der Christus in uns (Kol. 1:27). Wenn wir Christus nicht als unser Leben und als unsere Person nehmen, haben wir keinen Weg, die Herrlichkeit zu genießen, die in uns ist. (Witness Lee, Life-Study of Ephesians, Botschaft siebenundfünfzig, S. 484)
Der Unterschied ist entscheidend: Wenn wir Herrlichkeit nur außerhalb von uns erwarten, verfehlen wir leicht den Ort, an dem Gott bereits handelt. Dann kreisen unsere Gedanken darum, was wir für Gott tun können, welche Leistungen, Programme oder Opfer vielleicht dazu beitragen, eines Tages verherrlicht zu werden. Doch Gott hat es anders beschlossen. Er hat „Christus in euch“ gesetzt und macht Ihn selbst zur Hoffnung, zum Keim und zur Garantie zukünftiger Herrlichkeit. Römer 8:30 verbindet daher die Rechtfertigung, die wir bereits empfangen haben, unlösbar mit der Verherrlichung, die noch vor uns liegt: Was Gott begonnen hat, bringt Er zur Vollendung, weil die Herrlichkeit in ihrem Kern schon in uns wohnt.
Das Bild der Raupe, in der die Gestalt des Schmetterlings verborgen angelegt ist, hilft, dieses Geheimnis zu ahnen. Die Schönheit des Schmetterlings wird der Raupe nicht äußerlich aufgelegt, sie entfaltet sich aus dem Leben, das in ihr verborgen ist. So trägt jeder, der zu Christus gehört, in seinem inneren Menschen bereits ein anderes Leben in sich – das Leben des Sohnes Gottes. Dieses Leben ist nicht bloß eine Kraft, sondern Christus selbst, der unser Leben sein will. Kolosser 3:4 spricht davon: „Wenn Christus, unser Leben, offenbar werden wird, dann werdet auch ihr mit Ihm offenbar werden in Herrlichkeit.“ Die zukünftige Offenbarung der Herrlichkeit ist also nichts Fremdes, sondern das Aufleuchten dessen, was Er jetzt schon in uns ist.
Aus dieser Sicht wird deutlich, wie verfehlt es ist, Christsein auf äußere Korrektheit zu reduzieren. Wo das Augenmerk nur auf moralischer Verbesserung oder religiöser Pflicht liegt, bleibt Christus leicht eine ehrwürdige, aber entfernte Gestalt. Doch das Evangelium ruft uns in eine andere Wirklichkeit: Der erhöhte Herr ist in unser Inneres gekommen, um uns zu durchdringen, zu erneuern und von innen her zu verklären. Wenn Er unser Leben und unsere Person sein darf, wenn wir lernen, Ihm Raum zu geben, dann wird die in uns wohnende Herrlichkeit nicht stumm bleiben. Sie wird sich ausbreiten, sie wird Beziehungen, Entscheidungen und den Alltag durchdringen und sich schließlich sichtbar machen.
denen Gott bekannt machen wollte, was der Reichtum der Herrlichkeit dieses Geheimnisses unter den Heiden ist, welches ist: Christus in euch, die Hoffnung der Herrlichkeit, (Kol. 1:27)
Welche er aber vorherbestimmt hat, diese hat er auch berufen; und welche er berufen hat, diese hat er auch gerechtfertigt; welche er aber gerechtfertigt hat, diese hat er auch verherrlicht. (Röm. 8:30)
Die innere Gewissheit, dass Christus selbst in uns die Hoffnung der Herrlichkeit ist, löst den Druck, uns durch äußere Anstrengung zu verherrlichen, und öffnet den Raum für ein vertrauendes Leben aus Ihm: ein Weg, auf dem nicht unsere Leistung im Vordergrund steht, sondern das stille, verlässliche Wirken des inwohnenden Herrn.
Verherrlichung als inneres Ausbreiten und Durchdringen Christi
Wenn Christus die Gemeinde verherrlicht, geschieht das nicht wie ein plötzliches Herabgleiten eines Lichtmantels von außen, sondern als ein inneres Ausbreiten seines bereits gegenwärtigen Lebens. Der in uns wohnende Herr drängt nicht von außen auf uns ein, sondern entfaltet sich von innen her. Paulus betet, dass wir „gestärkt werden mit Kraft durch seinen Geist an dem inneren Menschen, dass Christus durch den Glauben in euren Herzen wohne“ (Epheser 3:16–17). Hier wird nicht nur von einer punktuellen Bekehrung gesprochen, sondern von einer sich vertiefenden Wohnstatt: Christus will in unseren Gedanken, Gefühlen und Entscheidungen tatsächlich heimisch werden.
Christus wird uns nicht verherrlichen, indem Er aus den Himmeln auf uns herabkommt, sondern indem Er aus unserem Inneren hervorkommt. (Witness Lee, Life-Study of Ephesians, Botschaft siebenundfünfzig, S. 484)
Dieses Wohnen ist ein Prozess der Durchdringung. 2. Korinther 3:18 beschreibt ihn mit den Worten: „Wir alle aber, mit aufgedecktem Angesicht die Herrlichkeit des Herrn anschauend, werden so verwandelt in dasselbe Bild von Herrlichkeit zu Herrlichkeit, wie vom Herrn, dem Geist.“ Verherrlichung zeigt sich daher zuerst in leisen Verschiebungen unserer inneren Maßstäbe. Was früher selbstverständlich war – das Vertrauen auf eigene Klugheit, die Suche nach Anerkennung, das Festhalten an Verletzungen –, verliert langsam an Gewicht, wenn Christus in uns mehr Raum gewinnt. Seine Gedanken beginnen, unsere Gedanken zu formen, seine Gesinnung beginnt, unsere Gesinnung zu durchtränken. Herrlichkeit ist dann nicht etwas, das uns überstrahlt, während wir unverändert bleiben, sondern etwas, das unser ganzes Sein zu erfassen beginnt.
Dabei verschlingt das neue Leben nicht nur das offen Sündige, sondern auch die scheinbar fromme Eigenständigkeit. Wie die Gestalt des Schmetterlings die alte Form der Raupe aufnimmt und übersteigt, so verwandelt Christus unsere Art zu lieben, zu dienen, zu leiden. Gutes, das bisher vor allem aus Pflicht oder aus dem Wunsch nach Bestätigung geschah, wird mehr und mehr von seiner Liebe her möglich. Gerechtes Handeln, das vielleicht vorher von Härte begleitet war, wird von seiner Sanftmut geprägt. So wird deutlich, dass Verherrlichung nicht in erster Linie eine Belohnung für bereits geleistete Frömmigkeit ist, sondern das Ergebnis einer inneren Durchdringung durch den Herrn, den Geist.
In dieser Sicht verliert die Frage an Schärfe, ob wir schon „genug“ verändert seien, um einmal verherrlicht zu werden. Entscheidend ist nicht ein bestimmter Grad an geistlicher Reife, den wir aus eigener Kraft erreichen müssten, sondern die Realität, dass Christus in uns lebt und sich in uns ausbreiten will. Wo Er Raum findet, wird die Gemeinde Schritt für Schritt zu dem, was Epheser 5:27 beschreibt: „…damit er die Gemeinde sich selbst verherrlicht darstelle, die nicht Flecken oder Runzel oder etwas dergleichen habe, sondern dass sie heilig und tadellos sei.“ Diese Verherrlichung ist ein Weg, nicht nur ein Endpunkt – ein Weg, auf dem Er selbst die treibende Kraft bleibt.
dass er euch gebe, nach dem Reichtum seiner Herrlichkeit mit Kraft gestärkt zu werden durch seinen Geist an dem inneren Menschen, dass der Christus durch den Glauben in euren Herzen wohne, (Eph. 3:16-17)
Wir alle aber, mit aufgedecktem Angesicht die Herrlichkeit des Herrn anschauend, werden so verwandelt in dasselbe Bild von Herrlichkeit zu Herrlichkeit, wie vom Herrn, dem Geist. (2.Kor 3:18)
Wer erkennt, dass Christus seine Gemeinde verherrlicht, indem Er sich in ihr ausbreitet und sie von innen her durchdringt, kann den eigenen Weg nicht mehr an spektakulären Momenten messen, sondern lernt, den stillen, aber beharrlichen Prozess seines Geistes zu achten, dem nichts zu klein und keine Alltagsentscheidung zu unscheinbar ist, um zum Träger seiner Herrlichkeit zu werden.
Von äußerlicher Religion zu Gottes innerer Ökonomie
Religiöses Denken stellt sich Gottes Werk oft so vor, als würde Er von außen an uns herantreten, Forderungen stellen und dann jene belohnen, die sie möglichst vollständig erfüllen. In diesem Muster liegt die Herrlichkeit vor allem am Ende eines langen, anstrengenden Weges: Wer treu genug war, wird einmal in einen Zustand äußerer Herrlichkeit versetzt. Gottes Ökonomie – sein innerer Heilsplan – folgt jedoch einer anderen Linie. Er beginnt nicht mit äußeren Formen, sondern mit einem inneren Einzug. Er bringt die Herrlichkeit in der Person seines Sohnes in uns hinein und baut von innen nach außen. Deshalb kann Paulus sagen, dass Gott „Gottes Weisheit in einem Geheimnis“ redet, „die verborgene, die Gott vorherbestimmt hat, vor den Zeitaltern, zu unserer Herrlichkeit“ (1. Korinther 2:7). Die Gemeinde ist nicht ein Projekt menschlicher Frömmigkeit, sondern das Ergebnis eines verborgenen, göttlichen Wirkens im Inneren der Glaubenden.
Später erkannte ich jedoch, dass dies ein natürliches Konzept ist, das Christus zu sehr zu etwas Objektivem macht. Gottes Ökonomie ist völlig anders als dieses natürliche Konzept und als die Religion. In Seiner Ökonomie wirkt Gott den Christus in uns hinein. (Witness Lee, Life-Study of Ephesians, Botschaft siebenundfünfzig, S. 483)
Ein Bild dafür ist die Gegenüberstellung von Tempel und Bethanien im Leben Jesu. In Jerusalem stand der Tempel mit all seinen Vorschriften, Opfern und festlichen Abläufen – das Zentrum der sichtbaren Religion. Dennoch finden wir den Herrn immer wieder in einem unscheinbaren Haus in Bethanien, bei Lazarus, Martha und Maria. Dort wurde Er aufgenommen, dort wurde Er gehört, dort wurde Ihm gedient und sein Wort bewahrt. Dort wohnte Gottes Gegenwart in einer Weise, die im religiösen Zentrum oft verdeckt war. Übertragen auf heute bedeutet das: Die Gemeinde ist nicht dazu bestimmt, ein wohlorganisiertes „Jerusalem“ der Formen zu sein, sondern ein „Bethanien“, in dem Christus selbst Raum hat, sich mitzuteilen, geliebt und genossen zu werden. Wo Er selbst die Mitte ist, wird die Gemeinde von innen her aufgebaut.
Darum verherrlicht Christus die Gemeinde nicht, indem Er sie vor allem äußerlich erfolgreich macht, sondern indem Er sie mit seiner eigenen Gegenwart füllt. 1. Petrus 2:5 beschreibt die Gläubigen als „lebendige Steine“, die „zu einem geistlichen Haus aufgebaut werden“. Der Aufbau geschieht nicht aus totem Material, sondern aus Menschen, die innerlich von Christus erfasst sind. So entsteht eine Gemeinde, die nicht nur korrekte Lehre besitzt und geordnete Strukturen hat, sondern in der der Herr selbst wohnt und aus der Er hervorstrahlt. Wenn Christus in den Herzen der Gläubigen wirklich Raum gewinnt, wenn Er durch seinen Geist die Gemeinde sättigt, dann verschwindet Schritt für Schritt die Dominanz der bloßen Form, und das Innere beginnt das Äußere zu prägen.
Diese Sicht ist herausfordernd und zugleich befreiend. Sie entlarvt die Versuchung, geistliches Leben an messbare Ergebnisse, sichtbare Größe oder äußere Dynamik zu koppeln, und erinnert daran, dass der Maßstab Gottes anders liegt. Wo auch immer eine kleine Schar den Herrn in Wahrheit liebt, auf sein Wort hört und Ihn in ihrem Inneren Raum gewinnen lässt, da wächst etwas von jener Herrlichkeit heran, die Er sich selbst darstellen will. Christus verherrlicht die Gemeinde, indem Er sie nicht sich selbst überlässt, sondern sie mit seiner Gegenwart erfüllt, bis sie zu einem Ort wird, an dem Gott wirklich zu Hause ist.
sondern wir reden Gottes Weisheit in einem Geheimnis, die verborgene, die Gott vorherbestimmt hat, vor den Zeitaltern, zu unserer Herrlichkeit. (1.Kor 2:7)
Jesus antwortete und sprach zu ihm: Wenn jemand mich liebt, wird er mein Wort halten, und mein Vater wird ihn lieben, und wir werden zu ihm kommen und Wohnung bei ihm machen. (Joh. 14:23)
Die Unterscheidung zwischen äußerlicher Religion und Gottes innerer Ökonomie befreit von der Fixierung auf Formen und sichtbare Erfolge und führt hinein in ein Vertrauen auf das verborgene, aber wirkliche Wirken Christi im Inneren der Gemeinde, durch das Er sie unaufhaltsam zu einem Ort seiner bleibenden Herrlichkeit macht.
Herr Jesus Christus, Du, der in der Herrlichkeit des Himmels bist und zugleich als Hoffnung der Herrlichkeit in uns wohnst, wir danken Dir, dass Du Deine Gemeinde nicht von außen schmückst, sondern sie von innen her mit Deinem Leben durchdringst. Öffne unsere Herzen weiter für Dein Wohnen, damit Dein Licht in unsere Dunkelheit hineinleuchtet, Deine Liebe unsere Härte überwindet und Deine Heiligkeit unsere Eigenart verschlingt. Lass Deine Gegenwart in uns so zunehmen, dass Dein Wesen unseren Charakter prägt und Deine Freude unsere Schwachheit trägt. Stärke uns im inneren Menschen, damit wir dich nicht nur kennen als Lehre, sondern erfahren als den, der in uns lebt, uns verwandelt und aus uns hervorstrahlt. Und wenn Du wiederkommst, lass Deine Gemeinde sichtbar herrlich sein – erfüllt von Dir, genährt von Dir, ausgedrückt durch Dich –, damit der Vater in ihr verherrlicht wird. Amen.
Englische Quelle: Life-Study of Ephesians, Chapter 57