Heiligen, Reinigen, Nähren und Pflegen (1)
Viele Christen würden sofort zustimmen, dass Jesus für unsere Sünden gestorben und in den Himmel aufgefahren ist – und doch erleben sie Ihn im Alltag kaum als lebendige Person. Statt innerer Begegnung mit dem Herrn bleiben oft nur Lehren, Programme und fromme Gewohnheiten übrig. Die Botschaft des Epheserbriefes öffnet uns jedoch einen anderen Blick: Gottes Plan ist kein Religionssystem, sondern Christus selbst, der als lebengebender Geist in unseren Geist gekommen ist, um unser inneres Wesen zu durchdringen, zu erneuern und zart zu pflegen.
Christus – keine Religion, sondern unser innerer Person-Mittelpunkt
Religiöses Christsein bewegt sich häufig auf der Ebene von Formen, Überzeugungen und Gewohnheiten. Man kennt biblische Wahrheiten, besucht Versammlungen, achtet auf ein bestimmtes Verhalten – und doch bleibt das Innere erstaunlich unberührt. Der Kern von Gottes Plan ist jedoch nicht ein verfeinertes System, sondern eine lebendige Mitte: der Christus als Person. Paulus fasst das bündig zusammen, wenn er schreibt: „Christus in euch, die Hoffnung der Herrlichkeit“ (Kolosser 1:27). Nicht ein Ideal, nicht eine Lehre, sondern eine Person, die in uns wohnt, ist die Hoffnung jedes echten Wandels. Die Schrift selbst will uns gerade in diese Begegnung hineinführen. Sie ist nicht dazu gegeben, dass wir sie als heiliges Objekt bewundern, sondern dass wir durch sie den Herrn erkennen, der sich in ihr offenbart.
Gottes Ökonomie ist keine Religion, sondern eine wunderbare, unbegrenzte, unermessliche, unerforschliche und allumfassende Person – Christus Jesus selbst. Christus ist die Verkörperung Gottes und der Inhalt der Gemeinde. Dieser Christus soll unser Leben und unsere Person sein. (Witness Lee, Life-Study of Ephesians, Botschaft sechsundfünfzig, S. 475)
Darum liegt der Unterschied zwischen Religion und Leben mit Christus nicht zuerst im äußeren Rahmen, sondern in der inneren Mitte. Wer gelernt hat zu sagen: „Herr Jesus, sei Du meine Person“, öffnet einen Raum, in dem Er selbst handeln kann. Der Christus, der als der lebengebende Geist nach Seinem Tod und Seiner Auferstehung in unserem Geist wohnt (vgl. Römer 8:10), beginnt dann zu reden, zu leiten und zu teilen – nicht in spektakulären Eingebungen, sondern im stillen, beständigen Reden des inneren Zeugnisses. Sein Ziel ist nicht, uns nur korrekt zu machen, sondern uns durchdringen zu dürfen mit Seiner Gesinnung, Seinem Denken, Seinem Empfinden. So wird unser Inneres nicht religiös poliert, sondern tatsächlich umgestaltet. Je mehr Er zum Person-Mittelpunkt wird, desto weniger müssen wir uns anstrengen, „christlich“ zu wirken; wir tragen Christus, und mit Ihm kommt eine neue Freiheit, eine neue Wärme und eine leise, aber tiefe Freude, in der das Christsein nicht Last, sondern Ausdruck einer gelebten Gemeinschaft ist.
Wer Christus auf diese Weise als inneren Person-Mittelpunkt erfährt, entdeckt, dass das Gemeindeleben ebenfalls eine neue Farbe erhält. Wo Er die Mitte ist, wird Gemeinschaft nicht von Programmen, sondern von Seiner Gegenwart getragen. „Denn wo zwei oder drei versammelt sind in meinem Namen, da bin ich mitten unter ihnen“ (Matthäus 18:20), heißt es. Sein „Mitten unter ihnen“ korrespondiert mit Seinem „in euch“ – und daraus entsteht eine Atmosphäre, die weder produziert noch kontrolliert werden kann. Sie ist Frucht Seines inneren Wirkens. Der Weg aus einem blassen, religiösen Christentum führt daher nicht über mehr Aktivität, sondern über eine tiefere Person-Beziehung zu Ihm. Darin liegt Trost: Selbst wenn äußere Umstände unvollkommen bleiben, kann das innere Zentrum leuchten. Christus in uns ist größer als jede Form, und wer Ihm Raum gibt, wird nach und nach erfahren, wie Er das eigene Leben sammelt, ordnet und mit einer leisen, aber tragfähigen Herrlichkeit füllt.
Ihnen wollte Gott kundtun, was der Reichtum der Herrlichkeit dieses Geheimnisses unter den Nationen ist: Christus in euch, die Hoffnung der Herrlichkeit. (Kolosser 1:27)
Wenn aber Christus in euch ist, so ist der Leib zwar tot um der Sünde willen, der Geist aber ist Leben um der Gerechtigkeit willen. (Römer 8:10)
Es ist eine stille, aber weitreichende Wende, wenn Christus nicht mehr nur Gegenstand unseres Glaubens, sondern die innewohnende Person unseres Herzens wird. Inmitten aller religiösen Stimmen und Erwartungen darf das einfache, ehrliche Wort vor Ihm Raum gewinnen: „Herr Jesus, sei Du meine Person.“ Aus dieser unscheinbaren Bitte erwächst ein Weg, auf dem Er Schritt für Schritt das Zentrum verschiebt – weg von Leistung, Pflichtgefühl und Selbstbeobachtung, hin zu Seiner Gegenwart, Seiner Stimme, Seinem inneren Wirken. So wird das Christsein nicht enger, sondern weiter; nicht schwerer, sondern echter. Und in der Tiefe wächst die Gewissheit: Der, der in uns lebt, trägt unser Leben besser, als wir es je könnten.
Heiligen und Reinigen – Christus durchdringt und erneuert unser Wesen
Wenn die Schrift von Heiligung spricht, steht nicht zuerst ein äußerliches Absondern im Vordergrund, sondern eine Veränderung im Innersten. Heilig werden heißt nicht, sich mühsam von allem Weltlichen fernzuhalten, sondern von Gottes Wesen berührt und durchdrungen zu werden. Der Hebräerbrief verbindet Heiligung eng mit der Gegenwart des Herrn: „Denn sowohl der, welcher heiligt, als auch die, welche geheiligt werden, sind alle von einem“ (Hebräer 2:11). Heiligung entspringt nicht unserer Anstrengung, sondern der Berührung mit dem, der heiligt. Ein Bild hilft, das greifbar zu machen: Klarer, farbloser Mensch – wie Wasser in einem Glas. Kommt echter Tee hinzu, nimmt das Wasser Stück für Stück Farbe, Geschmack und Duft an. Es bleibt Wasser und wird doch etwas Neues: Tee-Wasser. So bleibt der Mensch Mensch, und doch beginnt Christus, als neues Element, seine „Farbe“, seinen „Geschmack“, sein inneres Klima zu bestimmen.
In der Heiligung wird etwas, das zuvor natürlich war, nach und nach seiner Natur nach heilig. Wenn wir daher subjektiv geheiligt werden, werden wir unserer inneren Wesensart nach heilig. Dieser Aspekt der Heiligung lässt sich gut mit dem Vorgang des Teemachens veranschaulichen. Wenn Tee in eine Tasse Wasser gegeben wird, wird das Wasser „tee-ifiziert“. Während das Wasser „tee-ifiziert“ wird, wird es zu Tee-Wasser. Wir können uns mit der Tasse Wasser vergleichen und Christus mit dem Tee. (Witness Lee, Life-Study of Ephesians, Botschaft sechsundfünfzig, S. 476)
Diese innere Durchdringung ist kein einmaliger Akt, sondern ein Prozess, in dem Christus als lebengebender Geist in uns wirkt. Paulus beschreibt es als ein Umgestaltetwerden „in dasselbe Bild von Herrlichkeit zu Herrlichkeit, wie vom Herrn, dem Geist“ (2. Korinther 3:18). Heiligung bedeutet in diesem Sinn: Christus „setzt sich ab“ in unserem Wesen. Was früher spontan aus der natürlichen Reaktion kam, wird allmählich von Seiner Geduld, Seinem Erbarmen, Seiner Wahrheit geprägt. Der innere Geschmack verschiebt sich: Dinge, mit denen man sich früher wohl fühlte, werden fremd, und anderes, was einst gleichgültig war, wird kostbar. Das ist nicht moralischer Perfektionismus, sondern eine stille, aber reale Umgestaltung, weil ein anderer in uns Gestalt gewinnt.
Parallel dazu geschieht Reinigung. Christus nimmt nicht nur Platz in uns, Er wirkt wie ein lebendiges Wasser, das das Alte abträgt. Paulus spricht von der Gemeinde, die Christus sich selbst verherrlicht darstellt, „indem er sie reinigt durch die Waschung des Wassers im Wort“ (Epheser 5:26). Dieses Wasser ist mehr als Bild: Es weist auf den Geist hin, der durch das augenblickliche Wort Gottes – das rhema – in uns fließt. Wenn der Herr in einer bestimmten Situation ein Verswort, einen inneren Eindruck, ein leises „Nein“ oder „Ja“ lebendig macht, beginnt dieses Wort zu waschen. Es deckt nicht nur über Fehlhaltungen auf, sondern führt neues Leben zu. Während neues Leben zugeführt wird, werden alte Muster, verhärtete Empfindungen und unklare Motive abgebaut und wie von einem Strom hinweggetragen.
Diese Reinigung ist darum nicht kalt oder beschämend, sondern letztlich erfrischend. In 1. Johannes 1:7 heißt es: „Wenn wir aber im Licht wandeln, wie er im Licht ist, so haben wir Gemeinschaft miteinander, und das Blut Jesu, seines Sohnes, reinigt uns von aller Sünde.“ Licht und Blut, Wort und Geist, Heiligung und Reinigung greifen ineinander. Der Herr bringt etwas ans Licht und gibt zugleich das, was reinigt. So wird unsere innere Geschichte nicht verdrängt, sondern erlöst. Je mehr wir Seinem inneren Waschungswerk Raum lassen, desto einfacher und klarer wird unser Inneres. Manches, was uns jahrzehntelang geprägt hat, verliert an Macht, weil ein anderer Strom stärker fließt. In dieser sanften, beständigen Heiligung und Reinigung wird unser Wesen erneuert, und wir werden Schritt für Schritt auf denjenigen vorbereitet, dessen Gegenwart heilig, aber zugleich tief freundlich ist.
Denn sowohl der, welcher heiligt, als auch die, welche geheiligt werden, sind alle von einem; um welcher Ursache willen er sich nicht schämt, sie Brüder zu nennen. (Hebräer 2:11)
Wir alle aber, indem wir mit aufgedecktem Angesicht die Herrlichkeit des Herrn anschauen wie in einem Spiegel, werden verwandelt in dasselbe Bild von Herrlichkeit zu Herrlichkeit, wie vom Herrn, dem Geist. (2. Korinther 3:18)
Heiligung und Reinigung verlieren ihre Härte, wenn sie nicht mehr als Forderungen, sondern als Beziehung verstanden werden. Christus heiligt und reinigt, indem Er kommt, bleibt und wirkt. Wer sich innerlich nicht mehr auf das eigene „Besserwerden“, sondern auf Sein Wohnen und Wirken ausrichtet, wird staunen, wie Er in kleinen, unscheinbaren Schritten Haltung, Geschmack und Blickwinkel erneuert. Das gibt Mut, den eigenen Zustand nicht zu beschönigen und doch nicht zu verzweifeln: Dort, wo Sein Wort lebendig und Sein Geist spürbar wird, fließt Wasser, das tragen, lösen und neu beleben kann.
Nähren und Pflegen – Christus verwandelt uns durch Sein zärtliches Leben
Nahrung ist etwas zutiefst Intimes: Was wir essen, wird zu uns. So beschreibt die Schrift die Beziehung zu Christus nicht nur mit Bildern wie Hirte und Schaf, sondern auch mit Essen und Trinken. Der Herr selbst sagt: „Ich bin das Brot des Lebens; wer zu mir kommt, wird nicht hungern, und wer an mich glaubt, wird niemals dürsten“ (Johannes 6:35). Nähren heißt: Er gibt sich selbst als Lebensbrot in uns hinein. Darum kann Bibellesen oder das Besuchen von Gottesdiensten trocken bleiben, wenn die Berührung mit Ihm als Person fehlt. Doch sobald wir innerlich auf Ihn ausgerichtet sind und Ihn als unsere Person nehmen, wird dasselbe Wort, dieselbe Versammlung zu einem Ort der Versorgung. Es ist, als ob bekannte Verse plötzlich Geschmack, Saft und Wärme bekommen, weil der, von dem sie sprechen, sich in ihnen mitteilt.
Nähren heißt speisen. Viele von uns haben früher sogenannte christliche Gottesdienste besucht oder die Bibel gelesen, ohne dabei irgendeine Nahrung zu empfangen. Wenn wir jedoch Christus als unsere Person nehmen, werden wir erfahren, wie Er uns nährt. Wir werden fortwährend das Empfinden Seiner inneren Nahrung haben. Von Christus genährt zu werden bedeutet, mit Seinen Reichtümern versorgt zu werden. (Witness Lee, Life-Study of Ephesians, Botschaft sechsundfünfzig, S. 479)
Diese innere Nahrung hat konkrete Wirkung. In Phasen der Erschöpfung, der inneren Leere oder der Entmutigung kann ein leises, aber wirkliches Empfinden entstehen: „Ich bin gestärkt, ohne dass sich äußerlich etwas geändert hat.“ Das ist die Erfahrung, dass uns „die Gnade genügt“, wie es in 2. Korinther 12:9 heißt: „Und er hat zu mir gesagt: Meine Gnade genügt dir, denn meine Kraft wird in Schwachheit vollbracht.“ Christus nährt, indem Er mit Seinen Reichtümern in unsere Armut kommt: Seine Treue in unsere Unsicherheit, Seine Geduld in unsere Ungeduld, Sein Frieden in unsere Unruhe. Was wir so „essen“, wird langsam Bestandteil unseres inneren Seins. So geschieht Umwandlung nicht über Druck, sondern über fortwährende, stille Versorgung.
Neben dem Nähren spricht die Schrift von einem zärtlichen Pflegen. Paulus gebraucht für die Liebe Christi zur Gemeinde das Bild eines Mannes, der seinen eigenen Leib nährt und pflegt, und sagt von Christus: „Denn niemand hat jemals sein eigenes Fleisch gehasst, sondern er nährt und pflegt es, wie auch der Christus die Gemeinde“ (Epheser 5:29). Pflegen meint: wärmen, beruhigen, trösten, weich machen. Viele Herzen sind hart geworden – aus Enttäuschung, aus Schutz, aus Müdigkeit. Christus begegnet dieser Härte nicht mit Vorwürfen, sondern mit Nähe. Wie eine Mutter ihr Kind an sich drückt, so nimmt Er innere Kälte ernst und legt sie in Seine Wärme. Manchmal geschieht das in einem Gebet, manchmal in einem Lied, manchmal in der stillen Gegenwart, in der Tränen plötzlich fließen dürfen.
Diese zärtliche Pflege hat eine überraschende Frucht: Menschen, die innerlich verhärtet oder zynisch waren, werden wieder berührbar. Beziehungen, die nur funktional waren, bekommen Tiefe. Auch das Gemeindeleben verändert sich, wenn Christus so nährt und pflegt. Wo Er die Atmosphäre prägt, wird Gemeinschaft weniger schroff, weniger fordernd, dafür durchlässiger und wärmer. Er schafft Räume, in denen Schwäche nicht verdrängt, sondern getragen werden darf. So wächst eine Kultur, in der nicht unsere Stärke, sondern Seine Fürsorge sichtbar wird. Und gerade darin wird etwas von Ihm selbst widergespiegelt, der nicht nur heiligt und reinigt, sondern auch zärtlich begleitet.
Jesus aber sprach zu ihnen: Ich bin das Brot des Lebens; wer zu mir kommt, wird nicht hungern, und wer an mich glaubt, wird niemals dürsten. (Johannes 6:35)
Und er hat zu mir gesagt: Meine Gnade genügt dir, denn meine Kraft wird in Schwachheit vollbracht. Sehr gern will ich mich nun vielmehr meiner Schwachheiten rühmen, damit die Kraft des Christus über mir wohne. (2. Korinther 12:9)
Die nährende und pflegende Liebe Christi macht das Christsein menschlich und zugleich tief. Sie nimmt weder unsere Schwäche noch unsere Geschichte leicht, aber sie bleibt auch dort zugewandt, wo wir uns selbst kaum noch ertragen. In Seiner Nähe darf die Seele lernen, nicht mehr aus eigener Spannung, sondern aus empfangener Versorgung zu leben. Das befreit von innerem Druck und öffnet einen Weg, auf dem sogar schwere Zeiten zu Orten werden können, an denen Sein Brot, Sein Wasser und Seine zärtliche Hand umso deutlicher spürbar sind. So wächst in der Stille eine Zuversicht, die nicht laut ist, aber trägt: Er, der uns heiligt und reinigt, wird uns auch weiter nähren und pflegen, bis wir Ihm in Seiner Herrlichkeit entsprechen.
Herr Jesus Christus, danke, dass Du nicht fern und abstrakt geblieben bist, sondern als lebengebender Geist in unser Inneres gekommen bist. Du kennst unsere Härte, unsere Gewohnheiten und unsere innere Müdigkeit, und dennoch willst Du uns heiligen, reinigen, nähren und zart umgeben mit Deiner Liebe. Bitte durchdringe unser Denken, Fühlen und Wollen mit Deinem eigenen Wesen und spüle alles hinweg, was uns alt, stumpf und müde macht. Lass Dein lebendiges Wort in uns fließen wie frisches Wasser und uns Tag für Tag mit Deinen Reichtümern nähren, bis unser ganzes Leben Deinen Duft trägt. Wo unsere Herzen kalt geworden sind, wärme sie neu durch Deine Gegenwart und fülle uns mit der Zuversicht, dass Du Dein gutes Werk in uns vollenden wirst. In Dir ist Zukunft, Hoffnung und echte Erneuerung – darauf wollen wir uns still verlassen. Amen.
Englische Quelle: Life-Study of Ephesians, Chapter 56