Das Wort des Lebens
lebensstudium

Den alten Menschen ausgezogen und den neuen Menschen angezogen haben

11 Min. Lesezeit

Viele Christen spüren einen tiefen Abstand zwischen dem, was sie aus den Evangelien über das Leben Jesu lesen, und dem, was sie im Alltag tatsächlich leben. Sollen wir einfach versuchen, Jesus nachzuahmen und an seinem Vorbild scheitern, oder gibt es einen tieferen Weg, wie sein Leben in unserem Leben Gestalt gewinnt? Der Epheserbrief verbindet unsere Taufe, das Ablegen des alten Menschen und das Anziehen des neuen Menschen mit der Frage, wie wir Christus wirklich „lernen“ und in der Wahrheit leben, die in Jesus sichtbar wurde.

Christus lernen: im göttlichen Lebens‑Formmodell statt bloßer Nachahmung

Wenn die Schrift davon spricht, dass wir Christus lernen, führt sie uns nicht in einen moralischen Trainingsraum, sondern in ein lebenserfülltes Geheimnis. Die vier Evangelien sind keine lose Aneinanderreihung frommer Episoden, sondern die Offenbarung eines menschlichen Lebens, das von Gott selbst geformt und durchdrungen ist. In diesem Leben wird sichtbar, was Wahrheit ist: nicht ein abstraktes System, sondern das Leuchten des göttlichen Lichts in Gesprächen, Begegnungen, in Müdigkeit und Freude, in Tränen und im stillen Gebet. Von Jesus heißt es, Er sei „der Abglanz Seiner Herrlichkeit und der Abdruck Seines Wesens“ (Hebräer 1:3); in Ihm wird Gott, der Licht ist, greifbar. Christus ist das Formmodell, in das der Glaubende hineingestellt wird – nicht ein Idealbild an der Wand, sondern eine lebendige „Form“, in der sich unser menschliches Leben neu gestaltet.

In den dreiunddreißig und einem halben Jahren, die der Herr Jesus auf der Erde war, bildete Er die Form, das Muster, dem alle, die an Ihn glauben, gleichgestaltet sein sollen. Nach dem Bericht der vier Evangelien war das Leben des Herrn Jesus ein Leben der Wahrheit. Wahrheit ist das Scheinen des Lichts. Licht ist die Quelle, und Wahrheit ist sein Ausdruck. Wie es in Hebräer 1:3 heißt, ist der Herr Jesus der Abglanz von Gottes Herrlichkeit. Das bedeutet, dass Er das Scheinen Gottes ist, der Licht ist. (Witness Lee, Life-Study of Ephesians, Botschaft siebenundvierzig, S. 401)

Dieses Hineingestelltsein geschieht nicht durch Selbstverbesserung, sondern durch Gottes eigenes Handeln. Wo ein Mensch Buße tut, an Christus glaubt und sich taufen lässt, verbindet Gott ihn mit Christus und Christus mit ihm. Paulus fasst diesen innersten Kern des christlichen Lebens in die Worte: „Denn zu leben ist für mich Christus und zu sterben ist Gewinn“ (Philipper 1:21). Christus zu lernen heißt daher: aus einer neuen Quelle leben. Der lebendig machende Geist wohnt im Gläubigen und prägt, Schritt für Schritt, Denken, Fühlen und Wollen. Nicht das krampfhafte Kopieren Jesu steht im Vordergrund, sondern ein stilles, beharrliches Hinwenden zu Ihm: Ihn lieben, Ihn im Wort betrachten, Ihn im Gebet berühren. So wird Sein Bild in uns Gestalt gewinnen, nicht als Maskerade, sondern als Ausdruck der Realität, die in uns Wohnung genommen hat. In diesem Licht wird Nachfolge entlastet: Wir stehen nicht unter der Last, einen unerreichbaren Helden zu imitieren, sondern wir dürfen lernen, uns einem in uns wohnenden Herrn anzuvertrauen, der sein eigenes Leben in uns zur Entfaltung bringt.

Wer so Christus lernt, wird entdecken, dass sich Alltägliches verwandelt. Die Art, wie gesprochen wird, wie Konflikte getragen, wie verborgene Gedanken vor Gott gehalten werden, beginnt, einen anderen Ton anzunehmen. Es ist nicht auf den ersten Blick spektakulär, und doch ist es ein tiefer Wandel: das alte, selbstbezogene Zentrum wird Stück um Stück abgelöst durch die stille Mitte Christus. Daraus erwächst Ermutigung: Die Frage ist weniger, wie stark wir imitieren können, sondern wie offen wir bleiben für den, der in uns leben will. In dieser Offenheit liegt eine große Freiheit – und die leise Gewissheit, dass Gott selbst daran interessiert ist, in unserem konkreten Menschsein sichtbar zu werden.

Denn zu leben ist für mich Christus und zu sterben ist Gewinn. (Phil. 1:21)

Aus der Einsicht, dass Christus unser inneres Lebens‑Formmodell ist, erwächst ein ruhiger Mut, den Alltag nicht mehr als Bühne eigener Leistungsversuche zu sehen, sondern als Raum, in dem ein anderer leben darf. Christus zu lernen bedeutet dann, immer wieder innerlich zu Ihm hinzutreten, Ihn als die Quelle des Denkens und Handelns anzuerkennen und zu erwarten, dass Er sich inmitten unserer Begrenztheit ausdrückt. So wird Nachfolge weniger zur Anstrengung, einen Maßstab zu erfüllen, und mehr zu einem vertrauensvollen Mitgehen mit dem, der in uns wirkt und uns Schritt für Schritt seinem Bild ähnlicher macht.

Den alten Menschen ausgezogen: eine vollbrachte Tatsache im Licht der Taufe

Wenn das Neue Testament vom alten Menschen spricht, meint es nicht nur schlechte Gewohnheiten, sondern unsere ganze in Adam verwurzelte, von der Sünde gezeichnete Person. Dieser alte Mensch denkt „in der Nichtigkeit seines Sinnes“, er ist innerlich von Begierden getrieben, die uns von Gott wegziehen und uns zugleich an das Vergängliche binden. Gottes Antwort darauf ist kein kosmetischer Eingriff, sondern ein radikaler Schnitt: In Seinen Augen wurde dieser alte Mensch mit Christus gekreuzigt. Paulus schreibt: „da wir dies wissen, dass unser alter Mensch mit Ihm zusammen gekreuzigt worden ist, damit der Leib der Sünde außer Kraft gesetzt werde, damit wir nicht mehr der Sünde als Sklaven dienen“ (Römer 6:6). Das Kreuz ist nicht nur ein äußeres Ereignis der Geschichte, sondern ein einmaliges Gericht über unsere alte Existenzweise.

Die Verse 22 und 24 zeigen uns, was wir gelehrt worden sind: dass wir den alten Menschen ausziehen und den neuen Menschen anziehen. Das wurde uns gelehrt, als wir in die Form hineingebracht wurden, das heißt, als wir getauft wurden. In der Taufe wurde uns gezeigt, dass unser alter Mensch gekreuzigt worden ist und dass er durch die Taufe begraben werden soll. Außerdem wurde uns gelehrt, dass wir, wenn wir aus dem Wasser herauskommen, in den neuen Menschen hinein auferweckt werden. So wurde uns durch die Taufe gelehrt, dass wir den alten Menschen ausziehen und den neuen Menschen anziehen. (Witness Lee, Life-Study of Ephesians, Botschaft siebenundvierzig, S. 403)

Die Taufe ist das Bild, in dem Gott uns diese Tatsache vor Augen malt. Wenn ein Mensch im Wasser untergeht, wird ihm veranschaulicht: Der alte Mensch ist mit Christus begraben worden; im Herauskommen aus dem Wasser zeigt Gott: Es beginnt ein neues Leben in der Auferstehung Christi. Darum kann Paulus sagen, wir seien „zusammen mit Ihm begraben worden durch die Taufe in Seinen Tod hinein, damit, gleichwie Christus von den Toten auferweckt wurde durch die Herrlichkeit des Vaters, so auch wir in der Neuheit des Lebens wandeln können“ (Römer 6:4). Epheser 4 spricht vor diesem Hintergrund nicht: Ihr sollt euch anstrengen, den alten Menschen auszuziehen, sondern: Ihr seid gelehrt worden, dass ihr ihn ausgezogen habt. Gottes Wirklichkeit geht unserem Empfinden voraus; Er erklärt den alten Menschen für beendet und führt uns hinein in die Neuheit des Lebens.

Gerade hier liegt eine stille Befreiung: Der alte Mensch soll nicht mühsam verbessert, poliert oder religiös überformt werden. Er ist in Gottes Urteil Vergangenheit. Wenn diese Sicht unser Herz erreicht, verliert der Druck an Kraft, uns selbst heilen zu müssen. Stattdessen darf der Blick auf Christus gerichtet bleiben, in dessen Tod unsere alte Geschichte bereits abgeschlossen worden ist. Die Spannungen, die wir dennoch erleben – alte Muster, die sich melden, alte Begierden, die wieder aufstehen –, widersprechen dieser Tatsache nicht, sondern legen offen, wo unser Denken noch erneuert werden will. In allem bleibt die Grundlage: Vor Gott ist der alte Mensch nicht mehr die bestimmende Größe. Das schenkt Ruhe und die Zuversicht, dass der Weg in ein neues Leben nicht auf unseren schwankenden Entschlüssen ruht, sondern auf einer bereits vollbrachten Tat Gottes.

da wir dies wissen, dass unser alter Mensch mit Ihm zusammen gekreuzigt worden ist, damit der Leib der Sünde außer Kraft gesetzt werde, damit wir nicht mehr der Sünde als Sklaven dienen; (Röm. 6:6)

Wir sind darum zusammen mit Ihm begraben worden durch die Taufe in Seinen Tod hinein, damit, gleichwie Christus von den Toten auferweckt wurde durch die Herrlichkeit des Vaters, so auch wir in der Neuheit des Lebens wandeln können. (Röm. 6:4)

Wer erkennt, dass der alte Mensch am Kreuz bereits gerichtet und in der Taufe symbolisch begraben wurde, kann innerlich aufatmen. Christenleben wird dann nicht primär zum Kampf um Selbstoptimierung, sondern zum Wachsen in einer von Gott geschaffenen Tatsache: Das Alte ist vor Ihm vergangen. In dieser Gewissheit dürfen Schuldgefühle und verbissene Anstrengung an Boden verlieren, und es kann ein neuer Lebenswandel heranreifen, der nicht mehr von der inneren Leere und den Begierden des alten Menschen, sondern von der Wirklichkeit des mit Christus verbundenen Lebens geprägt ist.

Den neuen Menschen angezogen: erneuert im Geist des Sinnes für ein gemeinsames Leben in Christus

Zwischen die Aussage, dass der alte Mensch ausgezogen und der neue angezogen ist, stellt Paulus eine überraschende Mitte: das Erneuertwerden „im Geist eures Sinnes“. Damit ist keine bloße Veränderung von Meinungen gemeint, sondern ein tiefer Vorgang: Unser wiedergeborener Geist ist mit dem innewohnenden Geist Gottes verbunden; von dort her beginnt eine stille Durchdringung unseres Denkens, unserer inneren Haltung, unserer Wertungen. „Und lasst euch nicht nach diesem Zeitalter formen, sondern lasst euch umwandeln durch die Erneuerung des Verstandes, damit ihr prüfen könnt, was der Wille Gottes ist: das, was gut und wohlgefällig und vollkommen ist“ (Römer 12:2). Der Geist Gottes bleibt nicht an den Randbereichen unseres Lebens stehen, sondern breitet sich aus – bis hinein in die Art, wie wir Situationen deuten und Entscheidungen gewichten.

Zwischen das Wort über das Ausziehen des alten Menschen und das Anziehen des neuen Menschen schiebt Paulus den Gedanken, im Geist unseres Sinnes erneuert zu werden (V. 23). Auf der Grundlage der vollbrachten Tatsachen des Ausziehens des alten Menschen und des Anziehens des neuen Menschen sagt uns Vers 23, dass wir im Geist unseres Sinnes erneuert werden sollen. Erneuert zu werden ist für unsere Umwandlung zum Bild Christi (Röm. 12:2; 2.Kor. 3:18). Der Geist hier ist der wiedergeborene Geist der Gläubigen, der mit dem innewohnenden Geist Gottes vermengt ist. Ein solcher vermengter Geist breitet sich in unseren Sinn aus und wird so zum Geist unseres Sinnes. (Witness Lee, Life-Study of Ephesians, Botschaft siebenundvierzig, S. 405)

Der neue Mensch, von dem Paulus spricht, ist dabei mehr als eine erneuerte Einzelperson. Er ist eine gemeinsame Person: die Gemeinde als Leib Christi, eine neue Menschheit, in der Christus selbst das Innere ist. Von diesem neuen Menschen heißt es, wir hätten ihn „angezogen“, „der zur völligen Erkenntnis nach dem Bild dessen erneuert wird, der ihn geschaffen hat, wo es nicht geben kann Grieche und Jude, Beschneidung und Unbeschnittenheit, Barbar, Skythe, Sklave, Freier, sondern Christus ist alles und in allen“ (Kolosser 3:10–11). Im neuen Menschen verlieren Herkunft, soziale Stellung und kulturelle Prägung ihre trennende Macht; was bleibt, ist Christus als das eine Leben. Er ist die Form, nach der der neue Mensch geschaffen ist: „in wahrhaftiger Gerechtigkeit und Heiligkeit“, wie Epheser 4 sagt – Gerechtigkeit im aufrechten Umgang mit Gott und Menschen, Heiligkeit als ein Leben, das Gott gehört und von Seiner Natur durchdrungen ist.

Wo diese Wirklichkeit Raum gewinnt, wird der neue Mensch sichtbar: in Beziehungen, die nicht mehr von Konkurrenz und Misstrauen geprägt sind, sondern von Versöhnung; in einem Lebenswandel, der nicht nur das Rechte tut, sondern es in einem Tonfall tut, der Gottes Herz widerspiegelt; in einem Gemeindeleben, in dem nicht Meinungen und Persönlichkeiten dominieren, sondern Christus als Haupt erfahren wird. Dabei bleibt vieles bruchstückhaft, und doch ist schon jetzt wahr: In Christus ist uns ein neues Menschsein geschenkt. Darin liegt eine tiefe Ermutigung. Die Frage ist nicht, ob wir aus eigener Kraft eine bessere Version unserer alten Person hervorbringen können, sondern ob wir dem Geist, der in uns wohnt, erlauben, unser Denken, Fühlen und Handeln zu durchdringen. In dieser zugewandten Haltung wächst eine stille Gewissheit: Der neue Mensch ist nicht nur ein theologischer Begriff, sondern Gottes gegenwärtiges Werk in einer Gemeinschaft, in der Christus alles und in allen ist.

und den neuen Menschen angezogen habt, der zur völligen Erkenntnis nach dem Bild dessen erneuert wird, der ihn geschaffen hat, (Kol. 3:10)

wo es nicht geben kann Grieche und Jude, Beschneidung und Unbeschnittenheit, Barbar, Skythe, Sklave, Freier, sondern Christus ist alles und in allen. (Kol. 3:11)

Die Einsicht, dass der neue Mensch zugleich Geschenk und gemeinschaftliche Wirklichkeit ist, lenkt den Blick weg von isolierter Frömmigkeit hin zu einem miteinander geteilten Leben in Christus. Je mehr der Geist Gottes unseren Sinn erneuert, desto mehr relativieren sich Unterschiede und Verletzungen, und Christus gewinnt an Gestalt unter uns. Daraus erwächst ein hoffnungsvoller Realismus: Das Neue ist bereits da, auch wenn es noch nicht voll entfaltet ist. In dieser Spannung von Gabe und Wachstum kann Vertrauen wachsen, dass Gott sein Werk im neuen Menschen nicht abbrechen, sondern vollenden wird.


Herr Jesus, führe uns im Licht Deines Wortes und schenke uns Gnade, die gezeigte Wahrheit nicht nur zu verstehen, sondern im Alltag aus Deinem Leben zu erfahren. Bewahre uns in Deiner Gegenwart, damit unser Denken, Reden und Dienen von Dir geprägt wird und Dein Name in der Gemeinde verherrlicht wird. Amen.

Englische Quelle: Life-Study of Ephesians, Chapter 47

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