Das Wort des Lebens
lebensstudium

Die Gaben, die die Heiligen zurüsten

11 Min. Lesezeit

Manche Christen sehen nur eine kleine Gruppe von „Berufenen“, wenn sie an Dienst in der Gemeinde denken, und übersehen dabei, was Gott mit allen Seinen Kindern vorhat. Epheser 4 zeichnet ein anderes Bild: Der auferstandene und erhöhte Christus selbst hat Menschen als Gaben gewonnen, sie aus der Gefangenschaft der Sünde herausgeführt und sie Seinem Leib geschenkt. Wer versteht, wie Christus diese Gaben gibt und wozu sie dienen, erkennt plötzlich seine eigene Bedeutung im Leib und sieht den Aufbau der Gemeinde mit ganz neuen Augen.

Gnade nach dem Maß der Gabe

Wenn Paulus schreibt: „Jedem Einzelnen von uns aber ist die Gnade gegeben worden nach dem Maß der Gabe Christi“ (Epheser 4:7), öffnet er einen Blick in das innere Funktionsprinzip des Leibes Christi. Die Einheit des Leibes ruht auf gemeinsamen Grundlagen: ein Leib, ein Geist, eine Hoffnung, ein Herr, ein Glaube, eine Taufe, ein Gott und Vater. In dieser Tiefe sind alle Glieder gleich reich beschenkt. Doch dieselbe Gnade, die uns in dieser einen Wirklichkeit verbindet, gestaltet sich in den Gliedern verschieden aus. Sie ist nicht nur unverdiente Gunst, sondern das ausströmende göttliche Leben, das Gaben hervorbringt und sie fortwährend trägt. Wie das Blut im menschlichen Körper allen Gliedern dasselbe Leben bringt und sich doch dem Maß und der Aufgabe jedes Gliedes anpasst, so teilt Christus seine Gnade entsprechend dem Maß zu, in dem Er jemanden als Gabe für den Leib bestimmt hat.

Epheser 4:7 sagt: „Jedem Einzelnen von uns aber ist die Gnade gegeben worden nach dem Maß der Gabe Christi.“ In Bezug auf den Leib Christi sind alle grundlegenden Elemente eins. Davon ist in den Versen 4 bis 6 die Rede: Wir haben einen Leib, einen Geist, eine Hoffnung, einen Herrn, einen Glauben, eine Taufe und einen Gott und Vater. Obwohl die grundlegenden Elemente des Leibes eins sind, sind die Gaben, das heißt die Funktionen, zahlreich und verschieden. Das Wort „aber“ am Anfang von Vers 7 hebt diesen Gegensatz zwischen der Einheit des Leibes und der Vielfalt der Gaben bzw. Funktionen hervor. (Witness Lee, Life-Study of Ephesians, Botschaft achtunddreißig, S. 324)

Gnade nach Maß bedeutet darum nicht Abstufung der Liebe Gottes, sondern Zuordnung der Versorgung zu einer bestimmten Funktion. In Römer 12 steht stärker im Vordergrund, dass die Gnade die Gabe überhaupt erst hervorbringt – der Gnadengabe entspricht der Platz im Leib. In Epheser 4 wird sichtbar, dass diese Gnade zugleich das Leben ist, das jede Gabe ständig ernährt und befähigt, ihrem Maß gemäß zu dienen. Niemand muss etwas darstellen, was ihm nicht gegeben ist, und niemand wird auf ein Maß reduziert, das unter dem liegt, was Christus zugemessen hat. So entsteht eine Vielfalt, die die Einheit nicht bedroht, sondern reich macht. Im Licht dessen gewinnt auch das unscheinbarste Glied Würde: es steht unter derselben Gnade, nur in einer anderen Form. Diese Sicht bewahrt vor Neid und Minderwertigkeit ebenso wie vor Überheblichkeit und lädt dazu ein, dankbar das eigene Maß zu bejahen, weil darin die Weisheit und Milde Christi verborgen liegt.

Die Schrift bezeugt diese Verbindung von Einheit und Vielfalt immer wieder. Paulus erinnert die Korinther: „Es sind aber Verschiedenheiten von Gnadengaben, aber derselbe Geist; und es sind Verschiedenheiten von Diensten, und derselbe Herr; und es sind Verschiedenheiten von Wirkungen, aber derselbe Gott, der alles in allen wirkt“ (1. Korinther 12:4–6). Derselbe Geist, derselbe Herr, derselbe Gott – und doch viele Gnadengaben, Dienste und Wirkungen. Die Gnade ist eins in ihrer Quelle, aber vielfältig in ihrem Ausdruck. Wo diese Perspektive das Denken prägt, werden auch Unterschiede in Prägung, Gabe und Ausdrucksfähigkeit nicht mehr als Störung empfunden, sondern als Teil eines göttlichen Mosaiks, in dem Christus auf viele Arten sichtbar wird.

Wer so auf sich und die anderen schaut, beginnt die Gemeinde nicht mehr als Bühne der Starken, sondern als lebendigen Organismus zu verstehen, in dem jedes Maß von Gnade seinen unverzichtbaren Platz hat. Die Frage verschiebt sich von „Warum bin ich nicht wie der andere?“ zu „Was hat Christus mir anvertraut, und wie will seine Gnade darin Gestalt gewinnen?“. Die Gnade, die nach Maß gegeben ist, drängt nicht zur Selbstdarstellung, sondern zu einem stillen, aber entschiedenen Einbringen in den Aufbau des Leibes. Darin liegt eine tiefe Ermutigung: Christus verlangt nichts, was er nicht selbst durch sein Leben in uns wirkt. Wo sein Maß angenommen wird, kann eine Freiheit aufgehen, die den Leib nicht verarmt, sondern ihn reich macht an Ausdrucksformen seiner Fülle.

Es sind aber Verschiedenheiten von Gnadengaben, aber derselbe Geist; und es sind Verschiedenheiten von Diensten, und derselbe Herr; und es sind Verschiedenheiten von Wirkungen, aber derselbe Gott, der alles in allen wirkt. (1.Kor 12:4–6)

Im Bewusstsein, dass Christus die Gnade nach dem Maß der Gabe teilt, wächst eine stille Freiheit, das eigene Maß in Dankbarkeit anzunehmen und einzubringen, ohne sich mit anderen zu vergleichen; so wird die Vielfalt der Gaben nicht mehr als Konkurrenz erlebt, sondern als Reichtum, in dem der eine Herr sich in vielen Formen ausdrückt.

Christus erobert und schenkt Menschen als Gaben

Der Weg Christi von der Herrlichkeit in die Erniedrigung und wieder in die Höhe ist nicht nur eine Bewegung zwischen zwei Orten, sondern ein Siegeszug, in dem Menschen verwandelt werden. Psalm 68 zeichnet im Bild der Bundeslade den Zug Gottes vom Sinai nach Zion nach, und Epheser 4 greift dieses Bild auf, wenn es von Christus heißt, dass er „hinaufgestiegen ist zur Höhe, Gefangene weggeführt hat und den Menschen Gaben gegeben hat“. Die Lade, die im Lager Israels voranging, war ein Vorbild auf Christus, der in seiner Menschwerdung herabkam, ein vollkommenes menschliches Leben führte, am Kreuz starb, in den Hades hinabstieg und in der Auferstehung und Himmelfahrt erhöht wurde. Auf diesem Weg hat Er nicht nur Mächte entwaffnet, sondern Gefangene mit sich genommen: Menschen, die zuvor unter der Herrschaft der Sünde, des Todes und Satans standen, wurden in seinem Triumphzug zu Befreiten.

„Die Gefangenschaft“ in Vers 8 bezieht sich auf die erlösten Heiligen, die von Satan gefangen genommen worden waren, bevor sie durch Christi Tod und Auferstehung gerettet wurden. In Seiner Himmelfahrt führte Christus sie gefangen; das heißt, Er rettete sie aus der Gefangenschaft Satans und nahm sie zu Sich. Dies macht deutlich, dass Er Satan besiegt und überwunden hat, der sie durch Sünde und Tod gefangen genommen hatte. (Witness Lee, Life-Study of Ephesians, Botschaft achtunddreißig, S. 325)

Diese Befreiten werden in der Schrift als Gefangenschaft bezeichnet, die Christus gefangen geführt hat. Ihre Gefangenschaft besteht nicht mehr in der Knechtschaft der Finsternis, sondern in der Zugehörigkeit zu Christus. In seiner Himmelfahrt präsentiert Er sie gleichsam als Trophäen des Sieges vor dem Vater. Der Vater nimmt diese Erlösten an und gibt sie dem Sohn als Gaben zurück, sodass aus Gefangenen Gaben werden: Apostel, Propheten, Evangelisten, Hirten und Lehrer. Sie sind nicht in erster Linie durch besondere Begabungen ausgezeichnet, sondern dadurch, dass sie vom Auferstehungsleben Christi ergriffen wurden. In ihnen wird sichtbar, dass der Sieg Christi nicht abstrakt ist, sondern Biographien umformt: was vorher zerbrochen, gebunden, verloren war, wird in seinen Händen zu Werkzeugen des Trostes, der Verkündigung und der Leitung für den Leib.

Dass Christus „Gefangene weggeführt“ hat, ist nur möglich, weil der Weg durch den Tod hindurchging. In der Pfingstpredigt greift Petrus die Verheißung auf: „denn du wirst meine Seele nicht im Hades zurücklassen, noch zugeben, daß dein Frommer Verwesung sehe“ (Apostelgeschichte 2:27). Christus ist in die tiefste Konsequenz der Sünde hinabgestiegen, ohne von ihr festgehalten zu werden. Gerade dadurch konnte Er alle, die in der Furcht des Todes gebunden waren, befreien und in seine Freiheit hineinnehmen. Die, die Er so ergreift, bleiben gezeichnet von seiner Gnade; ihre Vergangenheit wird nicht ausgelöscht, sondern verwandelt – vom Ort der Scham zum Ort des Zeugnisses, dass seine Macht stärker ist als jede Bindung.

Diese Sicht nimmt den Druck, aus eigener Kraft „brauchbar“ werden zu müssen. Gaben für den Leib Christi entstehen nicht aus Selbstoptimierung, sondern aus der Tatsache, dass der erhöhte Herr Menschen in seinen Triumphzug hineinzieht und sie dem Vater darstellt. Auch die scheinbar schwächsten Glieder sind in dieser Perspektive nicht Restposten, sondern sorgfältig erwählte Trophäen seiner Gnade. Wer sich selbst vor allem als ehemals Gefangenen sieht, der nun von Christus gehalten wird, kann mit größerer Milde auf andere schauen, die noch ringen. Der Blick auf den Sieger, der Gefangene zu Gaben macht, weitet das Herz: kein Lebensweg ist zu verworren, als dass er nicht in diesen Zug aufgenommen werden könnte, und kein Glied ist zu schwach, als dass es nicht in der Hand des Herrn zum Segen für den Leib würde.

denn du wirst meine Seele nicht im Hades zurücklassen, noch zugeben, daß dein Frommer Verwesung sehe. (Apg. 2:27)

Darin, dass Christus aus Gefangenen der Sünde Gaben für seinen Leib macht, liegt eine tiefe Beruhigung: die eigentliche Qualifikation für den Dienst ist nicht Stärke, sondern Erlöstsein, und so darf jede begrenzte Biographie in seinem Triumphzug einen neuen Sinn finden – als lebendiges Zeugnis seiner überwindenden Gnade.

Zurüstung der Heiligen und Aufbau des Leibes

Wenn Epheser 4 beschreibt, dass Christus Apostel, Propheten, Evangelisten, Hirten und Lehrer gibt, liegt der Akzent nicht auf ihrer besonderen Stellung, sondern auf ihrer Aufgabe: „zur Vollendung der Heiligen für das Werk des Dienstes, für den Aufbau des Leibes Christi“. Die Gaben sollen nicht anstelle der Gemeinde handeln, sondern die Heiligen so zurüsten, dass die ganze Gemeinde am Dienst teilhat. Das „Werk des Dienstes“ ist im Kern eines: Christus zu dienen, indem sein Leben ausgeteilt wird – in der Verkündigung der frohen Botschaft, in seelsorgerlicher Begleitung, in der Auslegung der Schrift, in unscheinbarer Fürsorge. Wo die Gaben in dieser Weise wirken, werden die Heiligen nicht Zuschauer eines professionellen Dienstes, sondern selbst Träger des Dienstes.

In Vers 12 sehen wir den Grund dafür, dass Christus die Gaben gegeben hat: „Zur Vollendung der Heiligen für das Werk des Dienstes, für den Aufbau des Leibes Christi.“ Das griechische Wort, das in diesem Vers mit „zur“ wiedergegeben wird, ist gewichtig und bedeutsam. Es zeigt, dass Christus Apostel, Propheten, Evangelisten und Hirten und Lehrer gegeben hat mit dem Ziel, die Heiligen zu vollenden. (Witness Lee, Life-Study of Ephesians, Botschaft achtunddreißig, S. 326)

Die Zurüstung der Heiligen zielt auf Wachstum, nicht nur auf Aktivität. Paulus beschreibt drei Richtungen dieses Wachstums: Einheit im Glauben und in der vollen Erkenntnis des Sohnes Gottes, Reife zu einem erwachsenen Menschen und das Erreichen des Maßes der vollen Größe Christi. Einheit entsteht hier nicht durch äußeren Gleichklang, sondern durch eine wachsende gemeinsame Erkenntnis dessen, wer der Sohn Gottes ist. Reife zeigt sich darin, dass die Gemeinde nicht mehr hin- und hergeworfen wird von wechselnden Lehren und Stimmungen, sondern innerlich gefestigt ist. Das Maß der Fülle Christi schließlich bedeutet, dass der Leib Ihn immer mehr in seinem ganzen Reichtum widerspiegelt – nicht nur einzelne Aspekte, sondern seine Person als Ganzes. Die von Christus gegebenen Gaben dienen diesem Prozess, indem sie lehren, ermahnen, trösten und ermutigen, bis die Heiligen selbst fähig werden, einander zu dienen.

Die Schrift verbindet diese Zurüstung mit einem konkreten Auftrag: „Dies gebiete und lehre!“ (1. Timotheus 4:11), heißt es an Timotheus gerichtet. Gebot und Lehre gehören zusammen: die gesunde Lehre ruft in eine bestimmte Lebensweise, und der gelebte Gehorsam macht die Lehre glaubwürdig. So bewahren die Gaben den Leib davor, in bloßer Aktivität zu verflachen oder sich in Theorie zu verlieren. Sie richten die Aufmerksamkeit immer neu auf Christus selbst, der der Inhalt jeder Verkündigung und jeder Zurüstung ist. Wo Er im Mittelpunkt steht, entsteht Raum, in dem die Heiligen nicht in Abhängigkeit von Menschen, sondern in der Freiheit der Kinder Gottes wachsen.

Die Vision einer Gemeinde, in der die Heiligen zugerüstet sind und gemeinsam dienen, ist anspruchsvoll und zugleich tröstlich. Sie widerspricht der Gewohnheit, Aufgaben an einige wenige zu delegieren, und löst gleichzeitig den Druck, alles aus eigener Kraft leisten zu müssen. Gaben sind von Christus gegebene Menschen, die anderen helfen, ihren Platz und ihre Stimme im Leib zu finden. Wo dieses Miteinander entsteht, schrumpft die Kluft zwischen sogenannten „Geistlichen“ und „Laien“, und es wächst das Bewusstsein, dass alle aus derselben Gnade leben und alle zum Aufbau beitragen. In dieser Bewegung wird der Leib Christi zu einem Raum, in dem jeder Schritt des Wachstums – ob sichtbar oder verborgen – Teil des großen Zieles ist, dass Christus in seiner Fülle unter den Menschen erkennbar wird.

Dies gebiete und lehre! (1.Tim. 4:11)

Die Einsicht, dass Christus Gaben gibt, um die Heiligen zuzurüsten, lädt ein, Gemeinde nicht als Ort fertiger Angebote zu betrachten, sondern als lebendigen Organismus, in dem jeder wachsende Schritt – geleitet und genährt durch die von Christus geschenkt Gaben – zum Aufbau des Leibes beiträgt und Christus in seiner Fülle sichtbarer werden lässt.


Herr Jesus, führe uns im Licht Deines Wortes und schenke uns Gnade, die gezeigte Wahrheit nicht nur zu verstehen, sondern im Alltag aus Deinem Leben zu erfahren. Bewahre uns in Deiner Gegenwart, damit unser Denken, Reden und Dienen von Dir geprägt wird und Dein Name in der Gemeinde verherrlicht wird. Amen.

Englische Quelle: Life-Study of Ephesians, Chapter 38

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