Die Grundlage unserer Einheit
Wenn Menschen über Einheit reden, geht es oft um gemeinsame Interessen, gleiche Meinungen oder starke Gefühle füreinander – und doch zerbricht solche Einheit erstaunlich schnell. Die Bibel spricht von einer ganz anderen Art von Einssein, das nicht aus uns heraus entsteht, sondern in Gott selbst gegründet ist und vom Dreieinen Gott getragen wird. Wo Christen diese göttliche Grundlage übersehen und Einheit auf Meinungen, Traditionen oder Leitern aufbauen, entstehen Spaltungen und Enttäuschungen. Die Frage ist daher: Worauf gründet sich die Einheit, von der Paulus im Epheserbrief spricht, und wie kann sie heute inmitten aller Unterschiede real gelebt werden?
Ein Leib – ein Geist – eine Hoffnung: Einheit aus dem Leben Gottes
Wenn Paulus schreibt: „Ein Leib und ein Geist, wie ihr auch berufen worden seid in einer Hoffnung eurer Berufung“ (Eph. 4:4), setzt er bei der unsichtbaren Wurzel der Einheit an. Er beschreibt nicht zuerst, wie Christen miteinander umgehen sollen, sondern was sie in Christus bereits sind. Der Leib Christi ist keine Idee und keine besondere Gruppe innerhalb der Christenheit, sondern die Gesamtheit aller, die aus Gott geboren sind. Sie sind aus Völkern, Kulturen und Prägungen zusammengesetzt, aber sie teilen ein und dasselbe göttliche Leben. Dieses Leben kommt durch den einen Geist, der, wie Paulus sagt, alle Gläubigen „in einen Leib hineingetauft“ hat (vgl. 1.Kor 12:13). Darum ist der Geist nicht eine fromme Zusatzkraft, sondern die innere Essenz des Leibes. Ohne Ihn wäre alles Gemeindeleben nur Struktur, Tradition oder Aktivität – vielleicht eindrucksvoll, aber letztlich leblos.
Der Geist ist die Essenz des einen Leibes. Ohne den Geist ist der Leib leer und ohne Leben. Der Leib hier ist der Leib Christi, und die Essenz des Leibes Christi ist der Geist. Daher sind der Leib und die Essenz des Leibes eins. Es ist unmöglich, dass der Leib Christi mehr als eine Essenz hat. Die einzigartige Essenz des Leibes ist der Geist. (Witness Lee, Life-Study of Ephesians, Botschaft siebenunddreißig, S. 317)
Dieser eine Geist verbindet die Glieder des Leibes Christi tiefer, als jedes natürliche Band es könnte. Er ist die stille, aber mächtige Lebensversorgung, die in allen Gläubigen wirkt – in jedem einzelnen und zugleich zwischen ihnen. Wenn derselbe Geist in mir und im anderen lebt, ist unsere Einheit nicht davon abhängig, ob wir uns sympathisch sind oder ob wir denselben Hintergrund teilen. Sie ruht darauf, dass Gott uns in Christus zu einem Organismus verbunden hat. Damit tritt eine andere Form der Gemeinschaft in den Vordergrund: nicht das Kreisen um gemeinsame Vorlieben, sondern das gemeinsame Teilhaben an Christus. So wächst eine Einheit, die nicht zerbricht, wenn persönliche Meinungen auseinandergehen, weil ihr innerer Zusammenhalt nicht in der Übereinstimmung von Ansichten liegt, sondern im gemeinsamen Leben aus Gott. Diese Sicht entlastet und ermutigt: Einheit ist nicht etwas, das durch ständige Anstrengung festgehalten werden müsste, sondern eine göttliche Wirklichkeit, in die wir uns hineinfinden dürfen.
Zu „ein Leib und ein Geist“ fügt Paulus „eine Hoffnung eurer Berufung“ hinzu. Diese Hoffnung ist kein vages Gefühl, dass es irgendwie gut ausgehen wird, sondern konkret: Es geht um die Herrlichkeit, um die endgültige Offenbarung dessen, was Gott in uns begonnen hat. „Christus in euch, die Hoffnung der Herrlichkeit“ (Kol. 1:27) – so fasst es Paulus zusammen. Der lebengebende Geist, der jetzt in uns wohnt, ist zugleich der Geist der Herrlichkeit, der uns Schritt für Schritt umgestaltet und auf die zukünftige Verklärung vorbereitet. „Der unseren Leib der Erniedrigung umgestalten wird, dass er Seinem Leib der Herrlichkeit gleichgestaltet sei“ (Phil. 3:21). Die kommende Herrlichkeit wird darum nicht wie ein plötzlicher Fremdkörper über uns stülpt, sondern sie ist die Vollendung eines Prozesses, der heute bereits im Inneren beginnt.
Wo Christen diese Perspektive teilen, verändert sich auch ihr Blick aufeinander. Der Bruder, die Schwester, die mir vielleicht fremd ist, trägt dieselbe Hoffnung: Dass Christus in ihrem Inneren zur Reife kommt und ihre ganze Existenz durchdringt. Das relativiert das Gewicht, das wir äußeren Unterschieden beimessen, und verlagert den Schwerpunkt auf das, was Gott wirkt. Wenn wir uns selbst und die anderen vor allem als Glieder des einen Leibes sehen, in die derselbe Geist hineingesenkt wurde, und als Menschen, die auf dieselbe Herrlichkeit zuleben, beginnen menschliche Trennlinien an Kraft zu verlieren. Dann wird Einheit nicht als Forderung erlebt, die Druck macht, sondern als Geschenk, das entdeckt werden will – ein leiser, aber tragfähiger Strom, der aus dem Leben Gottes kommt und uns miteinander verbindet.
denen Gott bekannt machen wollte, was der Reichtum der Herrlichkeit dieses Geheimnisses unter den Heiden ist, welches ist: Christus in euch, die Hoffnung der Herrlichkeit, (Kol. 1:27)
der unseren Leib der Erniedrigung umgestalten wird, dass er Seinem Leib der Herrlichkeit gleichgestaltet sei, gemäß Seinem Wirken, durch das Er fähig ist, Sich auch alles zu unterwerfen. (Phil. 3:21)
Die Einheit des Leibes Christi wird erfahrbar, wo Gläubige bewusst aus dem einen Geist leben und sich durch die gemeinsame Hoffnung auf die Herrlichkeit bestimmen lassen, statt sich an natürlichen Gemeinsamkeiten oder Unterschieden festzuhalten. So wächst eine leise, aber tragfähige Gemeinschaft, die auf dem Leben Gottes ruht.
Ein Herr – ein Glaube – eine Taufe: Einheit unter der Herrschaft Christi
Nachdem Paulus von Leib, Geist und Hoffnung gesprochen hat, rückt er eine andere Seite der Einheit in den Mittelpunkt: „ein Herr, ein Glaube, eine Taufe“ (Eph. 4:5). Hier steht nicht mehr vor allem das innere Leben im Vordergrund, sondern die Stellung unter der Herrschaft Christi. Der eine Herr ist der erhöhte Jesus, von dem es heißt: „Das ganze Haus Israel wisse darum mit Gewissheit, dass Gott Ihn sowohl zum Herrn als auch zum Christus gemacht hat, diesen Jesus, den ihr gekreuzigt habt“ (Apg. 2:36). Derselbe Christus, der uns sein Leben schenkt, ist auch das Haupt, dem alle Autorität gegeben ist. Einheit im Leib Christi hat deshalb immer mit Herrschaft zu tun: Wo viele Herren sind – viele Zentren, viele letzte Autoritäten – da zerfällt der Leib. Wo Christus als der eine Herr anerkannt wird, entstehen Ordnung, Klarheit und eine gemeinsame Richtung.
In den Schriften des Johannes ist der Sohn für das Leben (1.Joh. 5:12), wohingegen in der Apostelgeschichte der Herr nach Seiner Himmelfahrt für die Autorität ist (Apg. 2:36), eine Angelegenheit, die Sein Hauptsein betrifft. Hier ist Er als das Haupt des Leibes (Eph. 1:22) der Herr. Unser Glaube an Christus steht sowohl mit dem Leben als auch mit der Autorität in Beziehung. (Witness Lee, Life-Study of Ephesians, Botschaft siebenunddreißig, S. 319)
Der „eine Glaube“ bezeichnet nicht zuerst die Intensität unseres Glaubens, sondern den gemeinsamen Inhalt – das Evangelium, in dem sich alle wahren Christen wiederfinden. Es ist der Glaube an den Sohn Gottes, in dem Leben und Autorität zusammenkommen. „Wer an den Sohn glaubt, hat ewiges Leben; wer aber dem Sohn nicht gehorcht, wird das Leben nicht sehen“ (Johannes 3:36). Glaube ist hier untrennbar mit Gehorsam verbunden: Wer Christus als den gibt, der rettet, empfängt, empfängt Ihn zugleich als den Herrn, der Anspruch erhebt. In dieser Verbindung liegt ein Schutz für die Einheit: Sie bewahrt davor, den Glauben auf ein bloß inneres Erleben zu reduzieren, in dem Christus zwar tröstet, aber nicht leitet. Wo der Glaube an Christus als Person – mit seinem Erlösungswerk, seiner Auferstehung und seiner Erhöhung – im Zentrum steht, rücken menschliche Sonderlehren und Teilwahrheiten an ihren Platz.
Zu Glaube und Herrschaft tritt die eine Taufe. Sie macht sichtbar, was der Glaube unsichtbar bewirkt: eine radikale Neuverortung. „Oder wisst ihr nicht, dass alle von uns, die in Christus Jesus hineingetauft worden sind, in Seinen Tod hineingetauft worden sind?“ (Röm. 6:3). Durch die Taufe bekennen wir, dass die alte Existenz unter der Herrschaft der Sünde und des Todes ihr Ende gefunden hat und dass wir mit Christus begraben und zu einem neuen Leben auferweckt sind. „Wir sind darum zusammen mit Ihm begraben worden durch die Taufe in Seinen Tod hinein, damit, gleichwie Christus von den Toten auferweckt wurde durch die Herrlichkeit des Vaters, so auch wir in der Neuheit des Lebens wandeln können“ (Röm. 6:4). Einheit bedeutet daher nicht nur: wir teilen dasselbe Leben, sondern auch: wir haben denselben Weg des Kreuzes, des Begräbnisses und der Auferstehung hinter uns und leben unter derselben neuen Herrschaft.
Wenn diese drei – Herr, Glaube und Taufe – zusammen gesehen werden, erhält Einheit ein konkretes Gesicht. Sie ist nicht nur eine innere Verbundenheit, sondern ein gemeinsamer Stand: Menschen, die dem gleichen Herrn gehören, denselben Glauben bekennen und denselben Bruch mit dem alten Leben anerkennen. Dort, wo Christus zwar als Retter, aber kaum als Herr gesehen wird, wo der Inhalt des Glaubens sich nach Strömungen und Vorlieben richtet und wo die Taufe zu einem rein formalen Akt verkommt, gewinnt das eigene Ich Raum, sich als Maßstab zu setzen. Daraus erwachsen viele kleine Zentren – persönliche, theologische oder kulturelle – und die Einheit wird beschädigt. Wo hingegen der eine Herr geachtet wird, der eine Glaube bewahrt bleibt und die Taufe als Eintritt in ein neues Leben unter Christus ernst genommen wird, entsteht ein Raum, in dem Er tatsächlich als Haupt wirken kann.
Wer an den Sohn glaubt, hat ewiges Leben; wer aber dem Sohn nicht gehorcht, wird das Leben nicht sehen, sondern der Zorn Gottes bleibt auf ihm. (Joh. 3:36)
Das ganze Haus Israel wisse darum mit Gewissheit, dass Gott Ihn sowohl zum Herrn als auch zum Christus gemacht hat, diesen Jesus, den ihr gekreuzigt habt. (Apg. 2:36)
Einheit unter der Herrschaft Christi wächst dort, wo der eine Herr als tatsächliches Haupt anerkannt, der gemeinsame Glaube an sein Person- und Erlösungswerk bewahrt und die Taufe als Bruch mit dem alten Leben ernst genommen wird. So entsteht ein gemeinsamer Stand, der über persönliche Vorlieben und Traditionen hinausreicht.
Ein Gott und Vater: die Quelle aller Einheit im Dreieinen Gott
Am Ende seiner Aufzählung führt Paulus alles an den eigentlichen Ursprung zurück: „ein Gott und Vater aller, der da ist über allen und durch alle und in allen“ (Eph. 4:6). Damit öffnet sich der Blick hinter alle Erscheinungen: Hinter Leib, Geist, Herr, Glaube und Taufe steht der eine Gott, der sich als Vater offenbart. Er ist der Ursprung aller Dinge und zugleich die Quelle des Lebens für den Leib Christi. In Ihm hat die Geschichte der Schöpfung begonnen, und in Ihm nimmt auch die Geschichte der Gemeinde ihren Ausgang. Der Dreieine Gott ist hier nicht ein abstraktes Dogma, sondern die lebendige Wurzel unserer Einheit: Der Vater als Ursprung und Quelle, der Sohn als der, durch den Gott handelt, und der Geist als der, in dem Gott in seinen Kindern wohnt. Einheit ist darum nicht zuerst Ergebnis gelungener Beziehungen, sondern eine Wirklichkeit, die aus dem Herzen des Vaters kommt.
Vers 6 lautet: „Ein Gott und Vater aller, der da ist über allen und durch alle und in allen.“ Gott ist der Ursprung aller Dinge, und der Vater ist die Quelle des Lebens für den Leib. In Vers 4 haben wir das Leben, in Vers 5 das Hauptsein und in Vers 6 den Ursprung bzw. die Quelle. (Witness Lee, Life-Study of Ephesians, Botschaft siebenunddreißig, S. 321)
Wenn Paulus sagt, der Vater sei „über allen und durch alle und in allen“, spannt er einen weiten Bogen. „Über allen“ bewahrt vor dem Gedanken, Einheit liege letztlich in unserer Hand. Gott bleibt der souveräne Herr, dessen Ratschluss nicht an menschlicher Schwachheit scheitert. „Durch alle“ spricht von seinem Wirken: Gott bedient sich Menschen, Gaben, Dienste – aber sie sind Kanäle, nicht Quellen. „In allen“ schließlich zeigt die innere Nähe: Der Vater ist nicht nur über seiner Gemeinde, Er wohnt durch den Geist in den Herzen seiner Kinder. Wo diese Sicht wach wird, werden menschliche Größenverhältnisse zurechtgerückt. Kein Dienst, keine Tradition, keine Gruppe kann beanspruchen, Ursprung der Einheit zu sein. Der Vater allein ist Quelle; alles andere bleibt Mittel in seiner Hand.
Diese Rückführung auf den Vater schenkt eine tiefe Gelassenheit. Vieles, was in der Christenheit geschieht, mag beeindruckend aussehen und doch keine bleibende Einheit hervorbringen, wenn es nicht aus Gott als Quelle kommt. Andere Dinge, unscheinbar und versteckt, tragen die Signatur des Vaters und haben Bestand. Das Neue Testament beschreibt, wie Gott in Christus eine neue Menschheit formt: Menschen, die nicht mehr vom alten Adam her definiert sind, sondern vom zweiten Menschen, Christus. „Denn so viele von euch in Christus hineingetauft worden sind, haben Christus angezogen“ (Gal. 3:27). In dieser neuen Wirklichkeit ist Gott nicht fern, sondern nähert sich als Vater, der seine Kinder sammelt und sie in ein gemeinsames Haus einfügt. Die Einheit dieses Hauses entspringt nicht dem guten Willen der Kinder, sondern der Treue des Vaters.
Wer lernt, die Dinge bis zu ihrem Ursprung zurückzuverfolgen, gewinnt einen klaren Blick für das, was Einheit trägt und was sie untergräbt. Parteiengeist, nationale oder kulturelle Überhöhungen und persönliche Machtansprüche leben davon, dass sie sich als letzte Bezugspunkte anbieten. Die Sicht auf den einen Gott und Vater entlarvt sie als nachgeordnete Größen. Gleichzeitig bewahrt sie vor Bitterkeit: Der Vater, der über allen ist, hat seine Gemeinde nicht preisgegeben, auch wenn ihre sichtbare Gestalt von Spaltungen gezeichnet ist. Seine Gegenwart „in allen“ ist größer als unser Versagen. In dieser Spannung – zwischen dem, was Gott als Grundlage gelegt hat, und dem, was wir daraus machen – bleibt Er der beständige Punkt, auf den sich alles zurückbeziehen lässt.
ein Gott und Vater aller, der da ist über allen und durch alle und in allen. (Eph. 4:6)
Denn so viele von euch in Christus hineingetauft worden sind, haben Christus angezogen. (Gal. 3:27)
Die Einsicht, dass ein Gott und Vater aller die Quelle unserer Einheit ist, befreit von der Illusion, Einheit selbst produzieren zu müssen, und führt zu einer nüchternen Hoffnung: Inmitten aller Brüche bleibt die von Gott gestiftete Grundlage bestehen, auf der wir in Ruhe und Vertrauen leben und dienen können.
Vater, wir danken Dir, dass Du selbst in Christus durch den Geist die Grundlage unserer Einheit bist und dass unsere Gemeinschaft nicht auf unsichere menschliche Maßstäbe, sondern auf Deine unwandelbare Treue gegründet ist. Herr Jesus, Du bist unser Herr und Haupt; wo wir uns selbst, unsere Meinungen und unsere Traditionen in den Mittelpunkt gerückt haben, begegne uns neu, ordne uns unter Deine freundliche Autorität und richte unsere Herzen auf Dich allein aus. Heiliger Geist, erfülle uns wieder mit dem Bewusstsein, dass wir ein Leib sind, eine Hoffnung haben und aus derselben Lebensquelle leben, damit allen Unterschieden zum Trotz Deine Wirklichkeit der Einheit unter uns sichtbar wird. Der Gott und Vater aller tröste, kläre und stärke uns, sodass wir in der Kraft Deines Lebens und im Licht Deiner Wahrheit geborgen bleiben und in Deiner Einheit wachsen, bis Deine Herrlichkeit vollkommen sichtbar wird. Amen.
Englische Quelle: Life-Study of Ephesians, Chapter 37