Gestärkt werden in den inneren Menschen, damit Christus durch den Glauben in unseren Herzen Wohnung mache
Manche Christen kennen viele Wahrheiten über die Gemeinde, fühlen sich innerlich aber schwach, abgelenkt und weit weg von der Kraft, die das Neue Testament beschreibt. Paulus verbindet in Epheser 3.genau diese Spannung: Die große Offenbarung über Christus und die Gemeinde braucht ein ebenso großes inneres Werk Gottes in uns. Sein Gebet öffnet den Blick dafür, wie der Vater selbst uns in unserem innersten Wesen stärkt, damit Christus nicht nur in uns wohnt, sondern wirklich zuhause ist und unser ganzes Inneres prägt.
Gottes ewiger Vorsatz und das Gebet des Apostels
Wenn Paulus in Epheser 3.seine Knie beugt, geschieht das nicht aus frommer Gewohnheit, sondern aus innerer Notwendigkeit. In den vorangehenden Kapiteln ist ihm vor Augen geführt worden, was Gott von Ewigkeit her im Sinn hat: Gott will sich selbst in Christus in Menschen hineingeben, damit sie die Ausweitung und der Ausdruck Christi werden. Dieser ewige Vorsatz ist groß, umfassend, kosmisch – und zugleich gefährdet, im Bereich der Lehre stehenzubleiben. Paulus spürt, wie leicht wir über Christus und die Gemeinde reden können, ohne innerlich von dieser Wirklichkeit erfasst zu sein. Darum führt ihn die Offenbarung nicht zuerst zu Programmen oder Strategien, sondern in die Stille vor dem Vater. Das Gebet wird zum Ort, an dem die gesehenen Wahrheiten in unser Wesen hinabsteigen sollen.
Wir haben gesehen, dass Paulus sich in diesem Kapitel als ein Vorbild für jemanden darstellt, der die Ökonomie Gottes gesehen hat. Paulus empfing die Offenbarung, dass die Ökonomie Gottes darin besteht, dass Gott Sich Selbst in Seine Auserwählten austeilt, um sie zur Ausweitung, zur Vergrößerung Christi zu machen, der die Verkörperung Gottes ist, damit Gott in Fülle ausgedrückt wird. (Witness Lee, Life-Study of Ephesians, Botschaft zweiunddreißig, S. 278)
Bemerkenswert ist, wie Paulus Gott anspricht: als den Vater, „der Ursprung jeder Familie im Himmel und auf Erden“ ist. In Jesaja 63:16 heißt es: „Du, HERR, bist unser Vater, unser Erlöser von alters her, (das ist) dein Name.“ Damit macht die Schrift deutlich, dass Gott nicht nur Schöpfer, sondern Quelle, Rahmen und Sinn aller Beziehungen ist. Vor diesem Vater steht Paulus als einer, der weiß: Die Glaubenden bilden eine Familie, in der dieselbe Herrlichkeit widerstrahlen soll, die von Gott ausgeht. Dass Apostel und Propheten dabei eine führende Rolle einnehmen, bedeutet nicht, dass sie einer anderen Klasse von Christen angehören. Sie stehen exemplarisch für das, wozu alle Heiligen berufen sind: Offenbarung empfangen und für Gott sprechen. Hiob 1:6 beschreibt, wie „die Söhne Gottes“ sich vor dem HERRN einfinden – ein Bild für eine Familie, die in Gottes Gegenwart zusammenkommt. Wer wie Paulus im Geist sieht, was Christus und die Gemeinde in Gottes Plan bedeuten, wird selbst zu einem solchen Sohn oder einer solchen Tochter, in deren Leben Gottes Wort Gestalt gewinnt und von deren innerem Erleben andere getragen werden. Gerade hier liegt ein leiser Trost: Die Größe von Gottes Vorsatz überfordert nicht, sie ruft in eine tiefere Beziehung. Es ist der Vater, der ruft; und er ist derselbe, der fähig ist, das, was er zeigt, in uns zu vollbringen.
Denn du bist unser Vater. Denn Abraham weiß nichts von uns, und Israel kennt uns nicht. Du, HERR, bist unser Vater, unser Erlöser von alters her, (das ist) dein Name. (Jes. 63:16)
Und es geschah eines Tages, da kamen die Söhne Gottes, um sich vor dem HERRN einzufinden. Und auch der Satan kam in ihrer Mitte. (Hiob 1:6)
Paulus’ gebogenes Knie vor dem Vater lädt dazu ein, die eigene Sicht auf Gemeinde neu zu überdenken: Nicht als Projekt, das organisiert werden muss, sondern als Ausdruck eines ewigen Vorsatzes, der im Stillwerden vor Gott in uns Wurzeln schlägt. Wo das Herz von der Offenbarung über Christus und seine Gemeinde ergriffen wird, wächst eine innere Freiheit, nicht nur zu empfangen, sondern auch für Gott zu sprechen und anderen Leben zu vermitteln. Inmitten von Verunsicherung darüber, was Gemeinde sein soll, liegt in dieser inneren Bewegung – vom Sehen zum Beten, vom Verstehen zum Erfahren – eine stille Ermutigung: Der Vater, der den Vorsatz gefasst hat, sorgt auch dafür, dass seine Kinder in diesen Vorsatz hineingezogen werden. Kein aufrichtiger Blick zu ihm bleibt ohne Antwort.
Gestärkt werden in den inneren Menschen
Das Gebet des Paulus in Epheser 3.gewinnt sein Profil in einem bestimmten Wunsch: „dass Er euch gebe, nach dem Reichtum seiner Herrlichkeit, mit Kraft gestärkt zu werden durch seinen Geist in den inneren Menschen“. Die Herrlichkeit Gottes ist sein sichtbar gewordener Ausdruck; ihre Reichtümer zeigen sich in all den Facetten, in denen Gott sich offenbart – in der Schöpfung, in der Geschichte Israels, vor allem aber in Christus. Wenn Paulus sagt, dass unsere Stärkung nach diesem Maßstab geschieht, meint er nicht ein bisschen zusätzliche Energie für schwierige Tage. Der Maßstab ist dieselbe Kraft, die Christus aus den Toten heraus und über alle Mächte erhoben hat (vgl. Epheser 1). Was dort in Christus geschah, soll in einer entsprechenden Weise in unserem Inneren wirksam werden: Auferstehungskraft inmitten von Schwachheit, Standhaftigkeit mitten in Zerbrechlichkeit.
In Vers 16 finden wir das Anliegen von Paulus’ Gebet: „Dass Er euch gebe, nach dem Reichtum Seiner Herrlichkeit, mit Kraft gestärkt zu werden durch Seinen Geist in den inneren Menschen.“ Im Unterschied zu dem Gebet in Kapitel 1, das ein Gebet um Offenbarung ist, ist dies ein Gebet um Erfahrung. In Kapitel 1 besteht die Not darin, dass wir die Dinge sehen, die den Leib Christi betreffen, dass wir sehen, wie der Leib ins Dasein kommt und wie er gebildet wird. Aber es genügt nicht, lediglich die Offenbarung zu sehen; wir brauchen auch die Erfahrung dessen, was wir sehen. (Witness Lee, Life-Study of Ephesians, Botschaft zweiunddreißig, S. 280)
Der Ort dieser Wirkung ist der „innere Mensch“. Johannes 3:6 beschreibt die Unterscheidung so: „Was aus dem Fleisch geboren ist, ist Fleisch, und was aus dem Geist geboren ist, ist Geist.“ Damit öffnet sich der Blick für eine doppelte Wirklichkeit in uns. Äußerlich erleben wir unseren seelischen Bereich – Gedanken, Gefühle, Wille – mit all seiner Unruhe. Innerlich, in der Tiefe, ist durch die Wiedergeburt ein anderer Bereich lebendig geworden: der von Gott erneuerte Geist, in dem der Heilige Geist wohnt. Römer 8:16 formuliert es so: „Der Geist Selbst bezeugt zusammen mit unserem Geist, dass wir Kinder Gottes sind.“ Dennoch merken wir, wie schnell wir im Alltag in der Oberfläche der Seele bleiben; gerade im Gebet entgleiten die Gedanken, die Gefühle schwanken, der Wille ermüdet. Wenn Paulus um Stärkung in den inneren Menschen bittet, geht es darum, dass der Heilige Geist unser ganzes Sein immer wieder in diesen tiefen Bereich zurückholt, in dem Gottes Leben wohnt.
Je stärker diese innere Kräftigung geschieht, desto mehr gewinnt unser Denken, Empfinden und Entscheiden eine neue Ausrichtung. Es entsteht keine starre Selbstdisziplin, sondern ein feines Mitbewegtsein mit dem, was im inneren Menschen geschieht. Römer 8:11 verbindet diese Wirklichkeit mit einer Verheißung: „Und wenn der Geist dessen, der Jesus von den Toten auferweckt hat, in euch wohnt, so wird Er, der Christus von den Toten auferweckt hat, durch Seinen Geist, der in euch wohnt, auch euren sterblichen Leibern Leben geben.“ Das Leben, das im inneren Menschen gegenwärtig ist, bleibt nicht eingeschlossen; es beginnt, sogar unseren sterblichen Leib zu durchdringen – nicht im Sinne von Unverwundbarkeit, sondern als stille Lebenskraft, die Ermüdung, Entmutigung und Resignation nicht das letzte Wort lässt. Wo diese Stärkung Raum gewinnt, hören die Dinge des Glaubens auf, Theorie zu sein. Die Einsicht in Gottes Vorsatz und in den Leib Christi verbindet sich mit einer erfahrbaren Wirklichkeit: Gottes eigener Geist trägt, korrigiert und erneuert von innen her. In dieser Perspektive verlieren selbst Schwachheiten ihren Schrecken, weil sie zu Orten werden, an denen Gottes Kraft neu Gestalt gewinnen kann.
Was aus dem Fleisch geboren ist, ist Fleisch, und was aus dem Geist geboren ist, ist Geist. (Joh. 3:6)
Und wenn der Geist dessen, der Jesus von den Toten auferweckt hat, in euch wohnt, so wird Er, der Christus von den Toten auferweckt hat, durch Seinen Geist, der in euch wohnt, auch euren sterblichen Leibern Leben geben. (Röm. 8:11)
Der Gedanke, im inneren Menschen gestärkt zu werden, nimmt den Druck von der Oberfläche des christlichen Lebens. Die Aufmerksamkeit darf sich weg von bloßen Leistungen, Stimmungen oder geistlichen Hochzeiten hin zu dem richten, was der Heilige Geist tief innen schon begonnen hat. Wer sich daran erinnert, dass der Geist Gottes in ihm wohnt und mit seinem Geist zusammen bezeugt, ein Kind Gottes zu sein, findet einen anderen Ausgangspunkt: Nicht das, was gelingt, sondern der, der inwendig lebt, trägt die Geschichte. In dieser Haltung wächst stille Zuversicht, dass auch brüchige Tage und unklare Wege nicht außerhalb des Wirkens dieser Kraft liegen. Der innere Mensch mag unsichtbar sein, aber hier entscheidet sich, wie frei, wie weit und wie belastbar unser Leben vor Gott wird.
Christus macht sein Zuhause in unseren Herzen
Auf die Stärkung im inneren Menschen folgt bei Paulus sofort das Ziel: „dass der Christus durch den Glauben in euren Herzen Wohnung mache“. Damit ist mehr gemeint, als dass Christus in uns wohnt; das tut er bereits durch die Wiedergeburt. Gemeint ist, dass er sein Zuhause in uns macht, sich ausbreitet, sich einrichtet. Unser Herz ist nach biblischem Verständnis die Mitte des inneren Lebens: Verstand, Gefühle, Wille und das Gewissen gehören dazu. In diesen Räumen findet unser alltägliches inneres Geschehen statt – Überlegungen, Bewertungen, Entscheidungen, Freuden und Verletzungen. Wenn Christus in unseren Herzen Wohnung macht, bleibt er nicht in einem abgegrenzten „geistlichen“ Bereich, sondern nimmt diese Räume in Besitz. Hebräer 11:1. beschreibt den Glauben als „die Substanzverleihung von Dingen, auf die man hofft, das Überzeugtsein von Dingen, die man nicht sieht“. Eben durch diesen Glauben, der die unsichtbare Gegenwart Christi als reale Substanz erfasst, breitet sich Christus in unserem Herzhaus aus.
Der erste Teil von Vers 17 lautet: „Dass der Christus durch den Glauben in euren Herzen Wohnung mache.“ Unser Herz besteht aus allen Teilen unserer Seele – dem Verstand, dem Gefühl und dem Willen – sowie unserem Gewissen, dem Hauptteil unseres Geistes. Dies sind die inneren Teile unseres Seins. Durch die Wiedergeburt kam Christus in unseren Geist (2.Tim. 4:22). Danach sollten wir Ihm erlauben, Sich in jeden Teil unseres Herzens auszubreiten. (Witness Lee, Life-Study of Ephesians, Botschaft zweiunddreißig, S. 283)
Diese Ausbreitung hat ein stilles, aber tiefgreifendes Gepräge. Im Verstand beginnt Christus, unsere Denkmuster zu erhellen; alte Selbstverständlichkeiten verlieren ihre Selbstmacht, neue Perspektiven tun sich auf. In unseren Gefühlen ordnet er, was zerrissen ist: unklare Sehnsüchte, alte Bitterkeiten, unruhige Erwartungen. Der Wille lernt es, nicht nur aus Impuls oder Pflichtgefühl zu reagieren, sondern sich innerlich auf Gottes Willen auszurichten. Das Gewissen, als Mitte unseres Geistes, wird verfeinert: Es reagiert empfindsamer auf das, was Christus erfreut oder betrübt. 1.Korinther 6:17 drückt die Tiefe dieser Verbindung so aus: „Wer aber dem Herrn anhängt, ist ein Geist.“ Christus ist im Geist gegenwärtig, aber er bleibt nicht dort eingeschlossen; aus dieser Einheit heraus dringt sein Leben in alle anderen Bereiche unseres Herzens. Jeder Schritt, in dem wir ihm glauben, ihm zustimmen, ihm Raum geben, wird zu einem weiteren „Zimmer“, das er bewohnt.
Wo Christus mehr und mehr zuhause ist, verändert sich auch, wie wir Gemeinde wahrnehmen. Sie ist dann nicht zuerst Versammlung von Meinungen, Traditionen oder Aktivitäten, sondern ein Geflecht von Herzen, in denen Christus Wohnung gemacht hat. Dort, wo Gläubige so von innen her von Christus besiedelt sind, wird Gemeindeleben zum Ausdruck dessen, was Gott ist. Epheser 3.zeichnet genau diese Bewegung nach: vom inneren Menschen hin zu Christus im Herzen, von Christus im Herzen hin zu einer Gemeinde, die seine Fülle trägt. In dieser Sichtweise verliert das eigene innere Ringen etwas von seiner Isolation. Das, was Christus in einem Menschenherzen ordnet, klärt und heilt, steht immer auch im Dienst am Leib Christi. So wird die persönliche Geschichte mit ihm Teil einer größeren, leisen Bauarbeit Gottes in seiner Gemeinde.
Der Glaube nun ist die Substanzverleihung von Dingen, auf die man hofft, das Überzeugtsein von Dingen, die man nicht sieht. (Hebr. 11:1)
Wer aber dem Herrn anhängt, ist ein Geist. (1.Kor 6:17)
Christus in seinem Bemühen zu sehen, sich in unserem Herzen ein Zuhause zu schaffen, verändert den Umgang mit den eigenen inneren Spannungen. Sie erscheinen dann nicht mehr nur als Störfaktoren, sondern als Räume, in denen Christus noch mehr Wohnung machen will. Wo sein Wort gehört und geglaubt wird, bekommt seine Gegenwart Substanz im Denken, Fühlen, Wollen – oft unspektakulär, aber nachhaltig. Daraus erwächst ein neuer Mut, das eigene Herz nicht vor ihm zu verschließen, sondern es Schritt für Schritt offenzuhalten. In dieser Offenheit wächst eine stille Gewissheit: Je mehr Christus in uns heimisch wird, desto mehr wird auch durch uns etwas von seinem Wesen sichtbar – im persönlichen Leben ebenso wie in der Gemeinde, die von solchen Herzen her geformt wird.
Vater, du Quelle aller Familien im Himmel und auf Erden, danke, dass du uns nicht nur Erkenntnis über Christus und die Gemeinde gibst, sondern selbst in uns wirken willst. Stärke uns nach dem Reichtum deiner Herrlichkeit in unserem inneren Menschen, damit unser ganzes Sein in den Bereich deines Geistes zurückfindet und nichts uns aus deiner Gegenwart hinaustreibt. Herr Jesus Christus, breite dich aus von unserem Geist in alle Bereiche unseres Herzens, bis du dich wirklich bei uns zuhause fühlst und unsere Gedanken, Gefühle, Entscheidungen und unser Gewissen von dir durchdrungen sind. Heiliger Geist, bezeuge uns beständig die Gegenwart Christi in uns und Lass aus diesem verborgenen Werk in unserem Inneren ein sichtbares Zeugnis in der Gemeinde hervorgehen, das deine Gnade und deine Macht widerspiegelt. Amen.
Englische Quelle: Life-Study of Ephesians, Chapter 32