Ein Geist der Weisheit und Offenbarung und die Augen unseres Herzens
Viele Christen lesen Epheser immer wieder, ohne dass sich ihnen wirklich erschließt, was hinter den Worten liegt. Paulus geht jedoch davon aus, dass Gott nicht nur Fakten in sein Wort gelegt hat, sondern unser inneres Auge öffnen will, damit wir seine ewige Absicht erkennen. Die Frage ist nicht, ob Gott spricht – sondern ob unser innerer Mensch so ausgerichtet ist, dass Weisheit, Offenbarung und Licht uns wirklich durchdringen können.
Der Gott unseres Herrn Jesus Christus, der Vater der Herrlichkeit
Wenn Paulus zu „dem Gott unseres Herrn Jesus Christus, dem Vater der Herrlichkeit“ betet, hebt er gleich zu Beginn den Blick weg von unserer engen Gegenwart hinein in Gottes große Geschichte. Dieser Gott ist zunächst der Gott Jesu: Er ist der Schöpfer, „der, als Er in der Gestalt Gottes existierte, es nicht als ein gewaltsam festzuhaltendes Raubgut ansah, Gott gleich zu sein,“ (Phil. 2:6), und der doch den Weg nach unten wählte, um Mensch zu werden. In Jesus Christus begegnen sich der ewige Gott und der wirkliche Mensch so, dass sie nie wieder voneinander zu trennen sind. Wenn Paulus sagt „der Gott unseres Herrn Jesus Christus“, verbindet er den ewigen Gott fest mit dieser Menschengestalt – er erinnert daran, dass Gott sich an diesen Menschen gebunden hat und durch ihn für immer mit uns Menschen verknüpft bleiben will.
In 1:17 gebraucht Paulus den Ausdruck „der Vater der Herrlichkeit“. Herrlichkeit ist der ausgedrückte Gott. Der Vater der Herrlichkeit ist also Gott, der durch Seine vielen Söhne ausgedrückt wird. Der Titel „Vater“ setzt Wiedergeburt voraus, und das Wort „Herrlichkeit“ setzt Ausdruck voraus. Daher schließt der Titel „Vater der Herrlichkeit“ sowohl Wiedergeburt als auch Ausdruck ein. (Witness Lee, Life-Study of Ephesians, Botschaft vierzehn, S. 124)
Der zweite Teil des Titels öffnet eine noch tiefere Dimension: Gott ist „der Vater der Herrlichkeit“. Herrlichkeit ist nicht zuerst Glanz oder Eindruck, sondern der ausgedrückte Gott selbst, Gott, der sichtbar geworden ist. Als Vater der Herrlichkeit ist er die Quelle eines Lebens, das von innen her in Herrlichkeit aufbricht – zuerst in Christus, dann in allen, die aus ihm geboren werden. Vatersein setzt voraus, dass er Söhne hat; Herrlichkeit setzt voraus, dass diese Söhne ihn sichtbar machen. So spannt dieser Titel den Bogen: In der Wiedergeburt teilt Gott uns sein eigenes Leben mit und macht uns zu Söhnen; in der Verherrlichung wird dieses Leben ungehindert aufleuchten und Gott durch viele Söhne hindurch offenbaren.
Wer mit diesem Titel betet, tritt nicht vor einen fernen, unberührbaren Gott, sondern vor den, der in der Schöpfung alles ins Dasein rief, in der Menschwerdung mitten in seine Schöpfung eintrat, am Kreuz die Erlösung vollbrachte, in der Wiedergeburt sein Leben in unser Inneres legte und in der kommenden Herrlichkeit durch eine erlöste Menschheit sichtbar werden will. In allem, was er tut, zielt er darauf, dass seine Herrlichkeit in einer Menschheit aufscheint, die ihn kennt und widerspiegelt. Römischerweise heißt es: „und die, die Er vorherbestimmt hat, diese hat Er auch berufen; und die, die Er berufen hat, diese hat Er auch gerechtfertigt; und die, die Er gerechtfertigt hat, diese hat Er auch verherrlicht.“ (Röm. 8:30). In dieser Kette wird deutlich: Gottes Plan endet nicht bei Vergebung und Rechtfertigung, sondern darin, dass er uns in seine eigene Herrlichkeit hineinzieht.
So bekommt unser eigenes Leben einen anderen Klang. Der Alltag mit seinen Spannungen, Freuden und Mühen steht unter dem Namen dieses Gottes: des Gottes Jesu, der die Tiefe unseres Menschseins kennt, und des Vaters der Herrlichkeit, der sich selbst durch uns ausdrücken will. Auch in Zeiten der Schwachheit trägt uns der, der sich schon in Christus auf unsere Seite gestellt hat. Und gerade dort, wo unsere Möglichkeiten an ein Ende kommen, erhält sein Plan, uns in seine Herrlichkeit hineinzunehmen, besonderes Gewicht. Es ist tröstlich und zugleich anspornend, dass hinter allen Wegen, die er mit uns geht, dieser Vater steht, dessen Herz darauf aus ist, sich in seinen Kindern zu zeigen und ihnen Anteil an seiner Herrlichkeit zu geben.
der, als Er in der Gestalt Gottes existierte, es nicht als ein gewaltsam festzuhaltendes Raubgut ansah, Gott gleich zu sein, (Phil. 2:6)
und die, die Er vorherbestimmt hat, diese hat Er auch berufen; und die, die Er berufen hat, diese hat Er auch gerechtfertigt; und die, die Er gerechtfertigt hat, diese hat Er auch verherrlicht. (Röm. 8:30)
Wenn Gott der Vater der Herrlichkeit ist, dann ist dein Leben nicht zuletzt eine Geschichte, in der dieser Vater sein eigenes Licht zur Entfaltung bringen will. Selbst unscheinbare oder dunkle Abschnitte bekommen vor ihm einen anderen Wert: Sie sind nicht Ausfallzeiten, sondern Gelegenheiten, in denen er tiefer in dir wurzelt, um sich später umso klarer durch dich auszudrücken. Die Erinnerung an diesen Namen Gottes – der Gott Jesu, dein Bruder; der Vater der Herrlichkeit, dein Vater – kann eine stille Zuversicht nähren, die durch Widrigkeiten hindurchträgt und dich innerlich daran erinnert, wozu du eigentlich bestimmt bist: nicht nur gerettet, sondern hineingenommen in die Herrlichkeit dieses Vaters.
Ein Geist der Weisheit und Offenbarung
Paulus richtet sein Gebet nicht auf äußere Veränderungen, sondern auf unser Inneres: Gott möge uns „einen Geist der Weisheit und Offenbarung“ geben. Gemeint ist nicht einfach mehr Scharfsinn im Denken, sondern unser wiedergeborener menschlicher Geist, in dem der Heilige Geist wohnt – ein vermengter Geist, in dem Gott und Mensch in einer neuen Weise zusammenkommen. In diesem inneren Bereich entsteht Weisheit: die Fähigkeit, geistliche Tatsachen zu erfassen, sie in ihrem Zusammenhang zu verstehen und in Gottes Blickrichtung hineinzutreten. Ein Mensch kann im Verstand brillant und doch blind sein für Gottes Wege; ein anderer mag unscheinbar und einfach wirken und dennoch im Geist weise sein, weil er Gottes Gedanken Raum gibt. Weisheit im Geist ist mehr als Information – sie ist Teilnahme an Gottes Sichtweise.
Damit wir Offenbarung haben können, brauchen wir einen Geist der Weisheit und Offenbarung. Der Geist in Vers 17 muss unser wiedergeborener Geist sein, in dem der Geist Gottes wohnt. Einen solchen Geist gibt Gott uns, damit wir Weisheit und Offenbarung haben, um Ihn und Seine Ökonomie zu erkennen. Tatsächlich ist der Geist in diesem Vers der vermengte Geist, der wiedergeborene menschliche Geist, in dem der Heilige Geist wohnt. (Witness Lee, Life-Study of Ephesians, Botschaft vierzehn, S. 125)
Zur Weisheit tritt die Offenbarung. Offenbarung bedeutet, dass Gott den Schleier zurückzieht, dass er unsere innere Dunkelheit aufbricht und uns die Tatsachen seines Ratschlusses zeigt, die schon da sind. Die Wirklichkeit seines Heilsplanes ist in Christus vollendet, die Schrift legt diese Wirklichkeit vor uns hin, aber ohne Offenbarung bleibt sie wie ein verschlossenes Buch. 1. Johannes 1:5 erinnert daran, worum es dabei geht: „Und dies ist die Botschaft, die wir von Ihm gehört haben und euch verkünden: dass Gott Licht ist und dass überhaupt keine Finsternis in Ihm ist.“ Wo Gott Offenbarung schenkt, tritt dieses Licht nicht nur von außen an uns heran, sondern beginnt uns von innen her zu erleuchten. Wir merken, wie vertraute Worte auf einmal Gewicht bekommen, wie wir in bekannten Geschichten neue Linien entdecken und wie Gottes Plan mit Christus und seiner Gemeinde in unserer Wahrnehmung zusammenwächst.
Wenn Paulus um einen Geist der Weisheit und Offenbarung bittet, dann steht dahinter die Sehnsucht Gottes, dass wir ihn nicht nur von außen kennen, sondern in volle Erkenntnis hineinwachsen. Es genügt ihm nicht, dass wir den Buchstaben seiner Wege kennen; er möchte, dass die dahinterliegende Wirklichkeit unser Inneres prägt. Johannes 14:21 drückt dieses Anliegen auf eine andere Weise aus: „Wer Meine Gebote hat und sie hält, der ist es, der Mich liebt; und wer Mich liebt, der wird von Meinem Vater geliebt werden, und Ich werde ihn lieben und Mich ihm offenbar machen.“ Erkenntnis, Liebe und Gehorsam greifen ineinander, und in dieser Bewegung „macht“ Christus sich uns „offenbar“ – er wird erkennbar, nicht als Gedanke, sondern als lebendige Person.
Dieser Geist der Weisheit und Offenbarung ist kein Privileg weniger, sondern Gottes Geschenk an alle, die zu Christus gehören. Ein nüchterner Sinn, ein geordnetes Inneres und eine wachsende Sensibilität für das, was Gottes Geist spricht, reifen Schritt für Schritt heran. So entsteht ein stilles Vertrauen: Gott ist nicht stumm, und er ist nicht sparsam mit seiner Selbstmitteilung. Auch wenn vieles zunächst dunkel bleibt, darf in uns die Zuversicht wachsen, dass der Vater der Herrlichkeit den Schleier weiter lüften wird – im Maß, wie er uns formen und zu Menschen machen kann, die sein Licht nicht nur empfangen, sondern auch tragen.
Und dies ist die Botschaft, die wir von Ihm gehört haben und euch verkünden: dass Gott Licht ist und dass überhaupt keine Finsternis in Ihm ist. (1.Joh. 1:5)
Wer Meine Gebote hat und sie hält, der ist es, der Mich liebt; und wer Mich liebt, der wird von Meinem Vater geliebt werden, und Ich werde ihn lieben und Mich ihm offenbar machen. (Joh. 14:21)
Ein Geist der Weisheit und Offenbarung bedeutet, dass dein innerer Mensch zu einem Ort werden darf, an dem Gottes Licht nicht nur kurz aufblitzt, sondern sich niederlässt. Das nimmt dem Druck, alles sofort begreifen zu müssen, und stärkt zugleich die Erwartung, dass Gott sich selbst gern erkennen lässt. In dieser Spannung zwischen noch nicht Verstehen und wachsender Einsicht kann Gelassenheit entstehen: Du bist nicht auf dich selbst gestellt, deine geistliche Wahrnehmung ist eingebettet in den treuen Umgang eines Gottes, der es liebt, sich denen zu öffnen, die ihm Raum geben.
Die erleuchteten Augen unseres Herzens
Wenn Paulus von „den erleuchteten Augen eures Herzens“ spricht, nimmt er ein feines biblisches Bild auf: Unser Herz hat Augen, eine innere Sehfähigkeit, mit der wir Gott und seine Wege wahrnehmen. Diese Augen können geöffnet oder verschlossen, klar oder getrübt sein. Die Apostelgeschichte fasst Gottes rettendes Handeln so zusammen, dass der Herr Menschen sendet, „um ihnen die Augen zu öffnen, um sie zu wenden von der Finsternis zum Licht und von der Gewalt Satans zu Gott, damit sie Vergebung der Sünden empfangen und ein Erbteil unter denen, die durch den Glauben an Mich geheiligt worden sind.“ (Apg. 26:18). Am Anfang des Glaubens steht ein solches Öffnen; aber damit ist das Thema nicht abgeschlossen. Durch den Weg, den wir gehen, durch Schuld, Bitterkeit, Enttäuschung, durch falsche Bindungen oder Unordnung im Inneren können diese Augen wieder stumpf und kurzsichtig werden.
Die Augen, von denen wir sprechen, sind natürlich die geistlichen Augen, die Augen des Herzens. In Offenbarung 3:18 sagte der Herr Jesus: „so rate Ich dir, von Mir Gold zu kaufen, das durch Feuer geläutert ist, damit du reich werdest, und weiße Gewänder, damit du dich bekleidest und die Schande deiner Nacktheit nicht offenbar werde, und Augensalbe, um deine Augen zu salben, damit du sehen kannst.“ Wir brauchen Augensalbe, damit das Sehvermögen unserer Augen wiederhergestellt wird. Heute gibt es kein Problem mit den Tatsachen, denn die Bibel ist voller Tatsachen. Ebenso gibt es kein Problem mit Offenbarung, mit dem Öffnen des Schleiers. Gott ist gnädig zu uns, und Sein Wort ist ständig für uns geöffnet. Das Hauptproblem liegt bei unseren Augen. (Witness Lee, Life-Study of Ephesians, Botschaft vierzehn, S. 128)
Die Schrift zeigt zwei große Bereiche, in denen die Augen unseres Herzens geheilt und geklärt werden: unseren Geist und unser Herz. Unser Geist braucht Offenheit und ein gereinigtes Gewissen. Wo das Gewissen belastet ist, zieht sich der innere Mensch zusammen; das Licht Gottes wird zwar nicht schwächer, aber unser Blick darauf wird unscharf. Hebräer 9:14 verbindet deshalb die Reinigung des Gewissens direkt mit lebendigem Dienst: „wie viel mehr wird das Blut Christi, der Sich Selbst durch den ewigen Geist als ein makelloses Opfer Gott dargebracht hat, unser Gewissen reinigen von toten Werken, um dem lebendigen Gott zu dienen?“ Wo das Blut Christi unser Gewissen reinigt, entsteht ein neuer Mut, ins Licht zu treten, und der innere Blick wird frei für das, was Gott zeigt.
Zugleich braucht unser Herz eine innere Ordnung und Reinheit. In biblischer Sprache umfasst das Herz Verstand, Gefühl, Wille und Gewissen. Ein verwirrter Verstand, der ständig in alle Richtungen auseinanderläuft, eine von vielen anderen Bindungen besetzte Gefühlswelt, ein harter oder unentschlossener Wille – all dies legt Nebel über die Augen des Herzens. Darum verheißt Jesus: „Gesegnet sind die, die im Herzen rein sind, denn sie werden Gott sehen.“ (Mt. 5:8). Reinheit des Herzens bedeutet nicht makellose Biographie, sondern ein ungeteiltes Ausgerichtetsein: Gott steht nicht eingerahmt neben vielen anderen Zielen, sondern wird zum eigentlichen Maßstab. Wo ein solcher innerer Fokus wächst, klärt sich auch der Blick: Gottes Wege werden unterscheidbarer, sein Reden erkennbarer.
In diesem Zusammenhang gewinnt das Wort des Herrn an die Gemeinde in Laodizea besonderes Gewicht: „so rate Ich dir, von Mir Gold zu kaufen, das durch Feuer geläutert ist, damit du reich werdest, und weiße Gewänder, damit du dich bekleidest und die Schande deiner Nacktheit nicht offenbar werde, und Augensalbe, um deine Augen zu salben, damit du sehen kannst.“ (Offb. 3:18). Der Herr stellt fest: Das Problem liegt nicht an der Fülle der Tatsachen – die Wirklichkeit Gottes ist da, sein Wort liegt offen vor uns –, sondern an unseren Augen. Die Augensalbe steht für das zarte, innerlich wirkende Handeln des Heiligen Geistes, der unsere Sicht korrigiert, blinde Flecken aufdeckt und falsche Selbstbilder durch das Licht Christi ersetzt. Er salbt nicht grob, sondern behutsam; doch wo er wirken darf, werden die Dinge, die Gott wichtig sind, auch für uns wichtig.
um ihnen die Augen zu öffnen, um sie zu wenden von der Finsternis zum Licht und von der Gewalt Satans zu Gott, damit sie Vergebung der Sünden empfangen und ein Erbteil unter denen, die durch den Glauben an Mich geheiligt worden sind. (Apg. 26:18)
so rate Ich dir, von Mir Gold zu kaufen, das durch Feuer geläutert ist, damit du reich werdest, und weiße Gewänder, damit du dich bekleidest und die Schande deiner Nacktheit nicht offenbar werde, und Augensalbe, um deine Augen zu salben, damit du sehen kannst. (Offb. 3:18)
Die Augen des Herzens erinnern daran, dass dein Leben nicht nur aus sichtbaren Umständen besteht, sondern ebenso aus der Art, wie du diese Umstände innerlich wahrnimmst. Gottes Ziel ist es nicht, dich mit mehr Eindrücken zu überfordern, sondern dein inneres Sehen zu heilen und zu klären, sodass du seine Gegenwart und seine Spur auch dort erkennst, wo sie sich zunächst verbirgt. Dieses Wissen nimmt dem eigenen Blick den Druck der Perfektion und öffnet Raum für Vertrauen: Der, der dich aus der Finsternis zum Licht gewendet hat, lässt dich nicht in Halbdunkel zurück, sondern bleibt an deiner Seite, bis dein Herz seine Wege klarer und freier sehen kann.
Herr Jesus Christus, Vater der Herrlichkeit, danke, dass du nicht verborgen bleiben willst, sondern unsere inneren Augen öffnest, damit wir dich und deine herrliche Absicht erkennen. Reinige unser Gewissen, ordne unseren Verstand, erwärme unsere Herzen in deiner Liebe und Lass uns durch einen Geist der Weisheit und Offenbarung tiefer in die Erkenntnis deiner selbst hineingeführt werden, sodass wir inmitten aller äußerlichen Umstände von deiner himmlischen Vision getragen werden. Erfülle uns mit der Hoffnung deiner Berufung und der Gewissheit deiner Herrlichkeit, die du in deinen Heiligen offenbarst. Amen.
Englische Quelle: Life-Study of Ephesians, Chapter 14