In den göttlichen Regeln und Schritten durch den Geist wandeln
Viele Christen wünschen sich ein Leben, das Gott ehrt, und doch bleibt oft unklar, worauf alles eigentlich hinausläuft. Die Bibel zeichnet ein anderes Bild: Gott hat uns nicht nur geschaffen, sondern in Christus neu geschaffen, damit unser täglicher Weg und unser zielgerichtetes Vorangehen von seinem Geist bestimmt werden. Zwischen Alltagsroutine, inneren Kämpfen und geistlichen Sehnsüchten stellt sich daher die Frage, wie unser Leben in eine göttliche Spur kommt, die mehr ist als bloß „fromm sein“ – nämlich Teil von Gottes Weg zu seinem Ziel.
Zwei Wege des Lebens im Geist
Wenn die Schrift vom Leben im Geist spricht, zeichnet sie kein enges, abstraktes Bild, sondern etwas überraschend Konkretes. In unserem gewöhnlichen täglichen Leben – in Gedanken, Worten, Beziehungen und Arbeit – kann ein leiser, unscheinbarer Wandel im Geist stattfinden. Er besteht nicht zuerst darin, hohe moralische Ansprüche zu erfüllen, sondern darin, in Verbindung zu bleiben mit dem, der in uns wohnt. So wie der Körper ohne Atem nicht leben kann, kann der neue Mensch ohne dieses geistliche „Atmen“ nicht gesund bleiben. Wenn wir den Namen des Herrn anrufen, beten und das Wort in uns aufnehmen, öffnen wir uns immer wieder für das Wirken des Geistes. Dann gewinnt der Heilige Geist Raum mitten in den kleinen Dingen des Tages, ohne dass wir ständig „geistliche Leistungen“ im Blick haben müssen. In einem solchen Alltag beginnt sich zu bewähren, was in Galater 5:26 als Warnung formuliert ist: „Laßt uns nicht nach eitler Ehre trachten, indem wir einander herausfordern, einander beneiden.“ Wo der Geist unseren Blick auf Christus richtet, verliert das Ringen um Anerkennung seine Kraft; unser gewöhnliches Leben wird zu einem stillen Weg mit Gott.
In der vorangehenden Botschaft haben wir darauf hingewiesen, dass es zwei Arten des Wandels durch den Geist gibt. Die erste Art bezieht sich auf unser gewöhnliches tägliches Leben. Die zweite Art ist ein Wandel innerhalb einer Spur oder in einer Reihe. In dieser Botschaft werden wir uns ausführlicher mit dieser zweiten Art des Wandels beschäftigen – mit dem Wandel in den göttlichen Regeln und Schritten durch den Geist. (Witness Lee, Life-Study of Galatians, Botschaft neununddreißig, S. 352)
Doch dieser grundlegende Wandel im Geist ist nicht das Ganze. Die Schrift deutet an, dass sich in diesem täglichen Gehen eine zweite Dimension öffnet: ein zielgerichteter Weg, eine Spur mit klarer Richtung. Der Unterschied lässt sich mit dem Leben eines Schülers vergleichen: Einerseits der Alltag mit Hausaufgaben, Pausen, Gesprächen; andererseits die Ausrichtung auf den Abschluss, auf ein Ziel, das all dem einen inneren Zusammenhang gibt. So führt der Geist nicht nur durch die wechselnden Situationen hindurch, sondern bindet unser Leben an Gottes ewigen Vorsatz. Er macht unser Gehen zu einem Gehen „auf Gottes Weg“, weg von bloßer Ziellosigkeit hin zu einem bewussten Lauf, in dem der Wille des Vaters, die Person des Sohnes und die Führung des Geistes eine Linie bilden. Dieser Gedanke darf nicht unter Druck setzen, sondern tröstet: Der gleiche Geist, der uns im Alltag trägt, ist es, der uns Schritt für Schritt in Gottes Ziel hineinführt. In dieser Spannung zwischen Gewöhnlichkeit und Ausrichtung wächst ein Leben, das weder im Alltag steckenbleibt noch in hochfliegenden Plänen verhärtet, sondern ruhig, beständig und hoffnungsvoll unterwegs ist – getragen von der Gewissheit, dass unser Weg für Gott Bedeutung hat.
Laßt uns nicht nach eitler Ehre trachten, indem wir einander herausfordern, einander beneiden. (Gal. 5:26)
Ein geistlich gesunder Alltag und ein zielgerichteter Weg schließen einander nicht aus; im Gegenteil, der Heilige Geist verbindet beides, indem er unser gewöhnliches Leben trägt und gleichzeitig in eine klare Ausrichtung auf Gottes Vorsatz stellt. Je mehr wir lernen, im Kleinen in Verbindung mit dem Geist zu leben, desto leiser, aber bestimmter zeichnet sich der Weg ab, auf dem Gott mit uns sein Ziel verfolgt.
Der Geist und die neue Schöpfung als göttliche Spur
Die Schrift verwendet für den Wandel im Geist einen Ausdruck, der über das bloße „Gehen“ hinausgeht. In den entsprechenden Versen wird ein Wort gebraucht, das ein Gehen in Reih und Glied, ein Sich-Einordnen in eine vorhandene Ordnung meint. Damit wird deutlich: Der Geist ist nicht nur eine Kraft, die uns „irgendwie“ bewegt, sondern er selbst ist die göttliche Regel, die Linie, das Prinzip, das auf Gottes Ziel hinführt. Galater 6:15-16 fasst dies scharf: „Denn weder Beschneidung noch Unbeschnittenheit ist etwas, sondern was zählt, ist eine neue Schöpfung. Und so viele dieser Richtschnur folgen werden, Friede und Barmherzigkeit über sie und über das Israel Gottes!“ Die „Richtschnur“ ist hier nicht ein neuer Gesetzeskatalog, sondern das innere Maß des Geistes. Er führt uns nicht zurück unter das Gesetz, und er bestätigt auch nicht unsere eigenen spirituellen Maßstäbe, sondern er führt in eine neue Ordnung: die Ordnung der neuen Schöpfung.
Wenn wir Galater 5:25 im Licht der anderen Verse betrachten, in denen das griechische Wort stoicheo für „wandeln“ gebraucht wird, erkennen wir, dass Wandeln durch den Geist bedeutet, durch den Geist als unsere Regel zu wandeln. Der Geist selbst ist der Weg, die Regel, die Linie, das Prinzip, das auf Gottes Ziel hinführt. Der Geist selbst sollte unsere Regel sein. (Witness Lee, Life-Study of Galatians, Botschaft neununddreißig, S. 355)
Mit der Wiedergeburt hat Gott uns nicht einfach ein religiöses Programm gegeben, sondern sich selbst in uns hineingelegt und damit eine neue Wirklichkeit geschaffen. „Neue Schöpfung“ bedeutet, dass Christus in uns Wohnsitz genommen hat und der Geist des verarbeiteten Dreieinen Gottes unser innerer Maßstab geworden ist. In dieser neuen Schöpfung ist nicht mehr der alte Mensch mit seiner Religiosität, seinen Meinungen und seiner eigenen Kraft richtungsweisend, sondern die Person Christi in uns. Man könnte sagen: Der Geist ist die göttliche „Autobahn“, die neue Schöpfung die „Fahrspur“, auf der wir uns bewegen. Je mehr wir lernen, aus unserem erneuerten Geist zu leben, statt aus der alten, selbstbezogenen Natur, desto deutlicher spüren wir diese Spur. Dann werden selbst unser Dienst und unser Eifer nicht von Selbstbehauptung oder verstecktem Ehrgeiz geprägt, sondern vom neuen Menschen. Es wächst ein stiller Friede, wie ihn Galater 6:16 verheißt: Friede und Barmherzigkeit liegen auf denen, die dieser inneren Richtschnur folgen. Das ist eine unscheinbare, aber tiefe Ermutigung: Wir müssen nicht selbst eine Spur bahnen; wir dürfen uns einordnen in das, was der Geist bereits gelegt hat – und darin entdecken, wie Gott seinen Weg mit uns geht.
Denn weder Beschneidung noch Unbeschnittenheit ist etwas, sondern was zählt, ist eine neue Schöpfung. Und so viele dieser Richtschnur folgen werden, Friede und Barmherzigkeit über sie und über das Israel Gottes! (Gal. 6:15-16)
Der Geist als Regel und die neue Schöpfung als Spur bewahren davor, unter alte oder selbst gemachte Maßstäbe zurückzufallen. Indem wir uns innerlich an den Geist halten und aus der Wirklichkeit der neuen Schöpfung leben, finden wir einen Weg, der zugleich frei von Gesetzlichkeit und doch gebunden an Gottes Ziel ist – ein Weg, auf dem Friede und Barmherzigkeit unsere Begleiter werden.
Christus gewinnen und im Gemeindeleben auf Gottes Ziel zugehen
Im Philipperbrief öffnet Paulus einen Blick in das Herz dieses zielgerichteten Weges im Geist. Es ist bemerkenswert, worauf er sein Leben ausrichtet: nicht auf Erfolg, Ansehen oder sichtbaren Dienst, sondern auf die Person Christi selbst. Er schreibt: „Nicht dass ich es schon erlangt hätte oder schon vollendet wäre, ich jage aber nach, ob ich wohl das ergreifen kann, wozu ich auch von Christus Jesus ergriffen worden bin“ (Philipper 3:12). Hier wird deutlich, was die „engere Regel“ dieses zweiten Weges ist: das Nachjagen nach Christus, das beständige Ausstrecken nach einem tieferen Erfassen seiner Person. Paulus verankert diese Bewegung in einer nüchternen Selbstwahrnehmung – er hält sich nicht für angekommen, und gerade das hält ihn innerlich beweglich. So verbindet sich Demut mit Zielstrebigkeit: Er vergisst, was hinter ihm liegt, streckt sich aus nach dem, was vor ihm liegt, und jagt auf das Ziel zu „für den Siegespreis, zu dem Gott mich in Christus Jesus aufwärts berufen hat“ (Philipper 3:13-14). Der Weg im Geist erhält dadurch eine Richtung, die über alle äußeren Stationen des Lebens hinausreicht.
Dem Zusammenhang dieses Kapitels nach ist die Regel in Vers 16 das Nachjagen nach Christus, das in Vers 12 erwähnt wird. Weil Paulus mehr von Christus gewinnen wollte, jagte er Christus nach. Nach derselben Regel zu wandeln bedeutet daher, nach der Regel des Nachjagens nach Christus zu wandeln. Diese Regel ist sogar noch enger als die des Geistes und der neuen Schöpfung. (Witness Lee, Life-Study of Galatians, Botschaft neununddreißig, S. 359)
Doch dieser Lauf ist in der Schrift nie ein einsamer Sololauf. Gottes Ziel ist nicht nur, einzelne Menschen innerlich zu vertiefen, sondern den Leib Christi als Ausdruck seines Sohnes aufzubauen. Darum ist der Weg des Nachjagens nach Christus untrennbar mit dem praktischen Gemeindeleben verbunden. In Römer 4:12 wird Abraham als Vater derer beschrieben, „die in den Fußstapfen des Glaubens wandeln“, und in 1. Timotheus 1:16 sagt Paulus von sich: „Aber deswegen ist mir Barmherzigkeit erwiesen worden, damit Jesus Christus an mir, dem Ersten, Seine ganze Langmut erweise, zum Vorbild für die, die an Ihn glauben sollen zum ewigen Leben.“ Der zielgerichtete Weg im Geist verläuft also in den Fußspuren solcher, die vor uns gelaufen sind, und zugleich Schulter an Schulter mit den Geschwistern in der Gemeinde. In dieser Ordnung des Leibes lernen wir, unsere Gliedschaft anzuerkennen, voneinander zu empfangen und miteinander Christus zu gewinnen. So wird das individuelle Nachjagen nach Christus hineingenommen in ein gemeinsames Vorangehen des Leibes hin zu Gottes ewigen Vorsatz. Das kann still und unspektakulär aussehen, trägt aber eine große Verheißung in sich: Unser persönlicher Lauf bekommt Gewicht in Gottes Geschichte mit seinem Volk, und unser gemeinsames Gehen im Geist wird zu einem Raum, in dem Christus Gestalt gewinnt – in uns und durch uns.
Nicht dass ich es schon erlangt hätte oder schon vollendet wäre, ich jage aber nach, ob ich wohl das ergreifen kann, wozu ich auch von Christus Jesus ergriffen worden bin. Brüder, ich schätze mich selbst nicht so ein, es ergriffen zu haben; eins aber tue ich: Indem ich die Dinge vergesse, die hinter mir liegen, und mich ausstrecke nach den Dingen, die vor mir liegen, jage ich auf das Ziel zu für den Siegespreis, zu dem Gott mich in Christus Jesus aufwärts berufen hat. Lasst uns darum, so viele gereift sind, diesen Sinn haben; und wenn ihr in irgendetwas anders gesinnt seid, so wird Gott euch auch dies offenbaren. Doch wozu wir gelangt sind, zu dem (laßt uns auch) halten! (Phil. 3:12-16)
Aber deswegen ist mir Barmherzigkeit erwiesen worden, damit Jesus Christus an mir, dem Ersten, Seine ganze Langmut erweise, zum Vorbild für die, die an Ihn glauben sollen zum ewigen Leben. (1.Tim. 1:16)
Der zielgerichtete Weg im Geist zeigt sich daran, dass Christus selbst zum inneren Ziel wird und dieses Streben im Rahmen des Leibes Christi gelebt wird. Wo unser persönliches Nachjagen nach dem Herrn sich mit dem gemeinsamen Weg der Gemeinde verbindet, entsteht ein Lauf, der über bloße Individualität hinausreicht und in Gottes ewigen Vorsatz hineingebunden ist – still, aber wirkungsvoll.
Herr Jesus, führe uns im Licht Deines Wortes und schenke uns Gnade, die gezeigte Wahrheit nicht nur zu verstehen, sondern im Alltag aus Deinem Leben zu erfahren. Bewahre uns in Deiner Gegenwart, damit unser Denken, Reden und Dienen von Dir geprägt wird und Dein Name in der Gemeinde verherrlicht wird. Amen.
Englische Quelle: Life-Study of Galatians, Chapter 39