Das Wort des Lebens
lebensstudium

Zwei Arten des Wandels durch den Geist

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Viele Christen sehnen sich danach, „im Geist zu leben“, wissen aber kaum, was das konkret im Alltag bedeutet: Reicht es aus, Gottes Nähe zu spüren, oder gibt es noch einen tieferen Weg der Gemeinschaft mit Christus? Der Galaterbrief verbindet unser neues Leben aus Gott mit einem bestimmten Lebenswandel – einmal als gewöhnliche Lebensführung im Geist und dann als geordnetes Gehen in einer klaren Linie des Glaubens. Dahinter steht die Frage, wer der Geist heute ist und wie der Dreieine Gott sich uns so mitteilt, dass unser ganzes Leben von der unsichtbaren Wirklichkeit „eins sein mit dem Herrn“ geprägt werden kann.

Der allumfassende Geist – die Vollendung des Dreieinen Gottes

Wenn der Galaterbrief immer wieder schlicht von „dem Geist“ spricht, öffnet sich ein weiter Horizont. Es geht nicht um eine unpersönliche Kraft oder um innere Stimmungen, sondern um den Dreieinen Gott selbst, der sich in der Geschichte offenbart und „verarbeitet“ hat, um für uns erfahrbar zu werden. Am Anfang sehen wir in 1. Mose 1:2. den Geist Gottes, der über den Wassern schwebt, schöpferisch, ordnend, Licht bringend in eine chaotische Welt hinein: „Doch die Erde war zu einer Wüste und Leere geworden, und Finsternis war auf der Oberfläche der Tiefe.“ Im Lauf des Alten Bundes begegnet uns der Geist des HERRN, der kommt und wieder weicht, der bestimmte Menschen für bestimmte Aufgaben befähigt. In der Menschwerdung hören wir dann vom Heiligen Geist, der in Maria ein heiliges Leben hervorbringt (Lukas 1:35). Schritt für Schritt verdichtet sich die Offenbarung: Der Vater handelt durch den Sohn, der Sohn handelt im Geist. Doch Johannes 7:39 macht deutlich, dass nach Golgatha und der Auferstehung noch etwas Neues geschieht: „Dies aber sagte Er über den Geist, den jene empfangen sollten, die in Ihn hineinglauben; denn der Geist war noch nicht, weil Jesus noch nicht verherrlicht worden war.“

Alten Testament ist das heilige Salböl ein Vorbild auf den Geist. Dieses Salböl war ein Gemisch, das durch das Vermengen von Olivenöl mit vier Gewürzen hergestellt wurde (2.Mose 30:22–33). Diese Gewürze stellen verschiedene Aspekte von Christi Tod und Auferstehung dar. Dass vier Gewürze mit dem Olivenöl vermengt wurden, zeigt, dass Christi Menschlichkeit, Tod und Auferstehung in den Geist Gottes hineingemischt worden sind, um den zusammengesetzten Geist zu bilden. Dieser zusammengesetzte Geist ist der Geist im Neuen Testament. (Witness Lee, Life-Study of Galatians, Botschaft achtunddreißig, S. 343)

Mit der Verherrlichung des Sohnes durch Kreuz und Auferstehung wird der Geist nicht zu einem anderen Geist, aber Er wird auf neue Weise zusammengesetzt und reich. Gottheit, wahre Menschheit, die Wirksamkeit des Kreuzes und die Kraft der Auferstehung werden sozusagen in den Geist hineingemischt. Das Bild des heiligen Salböls in 2. Mose 30 hilft, dies zu erfassen: „Und mache daraus ein Öl der heiligen Salbung, eine Mischung von Gewürzsalbe, ein Werk des Salbenmischers; es soll ein Öl für die heilige Salbung sein“ (2. Mose 30:25). Olivenöl als Bild für den Geist Gottes wird mit Gewürzen vermengt, die auf Leiden, Tod, Wohlgeruch und Auferstehung Christi hinweisen. Der Geist, in dem wir leben und wandeln, ist daher der zusammengesetzte, allumfassende Geist – die erfahrbare Vollendung des Dreieinen Gottes. Der Vater ist im Sohn verkörpert, der Sohn ist im Geist für uns gegenwärtig. Wenn wir den Namen Jesu anrufen, ist es dieser Geist, der in uns Wohnung nimmt, in unsere Geschichte eintritt, alte Bitterkeit mit dem Kreuz berührt und zugleich die Frische der Auferstehung einträgt. Das macht unseren Weg mit Gott zugleich demütig und zuversichtlich: Wir sind nicht auf uns selbst zurückgeworfen, sondern dürfen damit rechnen, dass in jeder Situation dieser reiche Geist in uns wirksam ist – nicht nur, um uns zu trösten, sondern um uns Schritt für Schritt zu Menschen zu formen, in denen der Dreieine Gott Ausdruck findet.

Gerade im Alltag, in den unscheinbaren Stunden, wird dieser allumfassende Geist kostbar. Es ist derselbe Geist, der über den Wassern der Ur-Schöpfung schwebte, der in Maria ein heiliges Leben hervorbrachte und der jetzt in deiner Begrenztheit, in deinen Konflikten und Müdigkeiten still und konsequent wirkt. Galater 3:5 beschreibt Gott als den, „der euch den Geist überströmend darreicht“ – nicht knapp, sondern überfließend, nicht sporadisch, sondern beständig. Daraus wächst eine stille Ermutigung: Unsere Geschichte mit Gott hängt nicht an der Stärke unserer Gefühle, sondern an der Treue dieses Geistes, der alles, was Christus ist und getan hat, in unser Inneres trägt. In jeder neuen Situation dürfen wir neu entdecken, wie reich Er ist, und lernen, aus dieser Fülle zu leben.

Dies aber sagte Er über den Geist, den jene empfangen sollten, die in Ihn hineinglauben; denn der Geist war noch nicht, weil Jesus noch nicht verherrlicht worden war. (Joh. 7:39)

Doch die Erde war zu einer Wüste und Leere geworden, und Finsternis war auf der Oberfläche der Tiefe, (1.Mose 1:2)

Der Blick auf den allumfassenden Geist löst uns von einem engen, kraftzentrierten Verständnis und öffnet den Raum, Gott im Alltag als den zu erwarten, der seine ganze Geschichte in unser Inneres hineingetragen hat. So wird der Name Jesus auf unseren Lippen zu einer Tür, durch die der Dreieine Gott in seiner Fülle in konkrete Situationen eintritt: tröstend, zurechtbringend, erneuernd. Aus dieser Gewissheit wächst ein ruhiger Mut, die eigenen Grenzen und Brüche nicht zu verstecken, sondern ihnen als Orten zu begegnen, an denen der verarbeitete Dreieine Gott sich neu als der Geist des Lebens erweist.

Der alltägliche Wandel im Geist – eins sein mit dem Herrn

Wenn Paulus schreibt: „Ich sage aber: Wandelt durch den Geist, und ihr werdet die Begierde des Fleisches auf keinen Fall erfüllen“ (Galater 5:16), denkt er nicht zuerst an außergewöhnliche geistliche Höhenflüge, sondern an das schlichte Geflecht des Alltags. Das zugrunde liegende Wort meint das Umhergehen, den gewohnten Lebenswandel, unsere Art, zu sein, zu reagieren, Beziehungen zu leben. Wenige Verse später beschreibt er die Frucht dieses Wandels: „Die Frucht des Geistes aber ist Liebe, Freude, Friede, Langmut, Freundlichkeit, Güte, Treue“ (Galater 5:22). Es geht um einen Lebensstil, in dem der allumfassende Geist des verarbeiteten Dreieinen Gottes leise, aber spürbar Gestalt gewinnt – in der Art, wie wir reden, zuhören, Entscheidungen abwägen, unsere Zeit einteilen.

Das griechische Wort für „wandeln“ in Vers 16, peripateo (gr. peripateo), bedeutet, unser Sein zu haben, uns zu betragen, unseren Lebenswandel zu ordnen, umherzugehen. Es wird im Blick auf das gewöhnliche tägliche Leben gebraucht. Es bezeichnet einen gewöhnlichen, gewohnheitsmäßigen täglichen Wandel. Dieses Verständnis des Wandels durch den Geist wird durch die Verse 22 und 23 bestätigt, wo Paulus von der Frucht des Geistes spricht. (Witness Lee, Life-Study of Galatians, Botschaft achtunddreißig, S. 341)

Im Alten Bund ist oft davon die Rede, vor Gott zu wandeln, so wie Abraham vor dem Angesicht Gottes lebte. Das ist ehrfürchtig und kostbar, bleibt aber im Bild: der Mensch hier, Gott dort, der ihm zusieht. Der Neue Bund geht tiefer. Paulus sagt in 1. Korinther 6:17: „Wer aber dem Herrn anhängt, ist ein Geist mit Ihm.“ Im Geist wandeln heißt darum nicht nur, sich bewusst vor Gott zu wissen, sondern im Innersten mit Christus verbunden zu leben, so dass Er unser innerer Inhalt und Ausdruck wird. Wenn Paulus bekennt: „Denn das Leben ist für mich Christus“ (Philipper 1:21), beschreibt er genau dieses Geheimnis: Seine Reaktionen, seine Freude, sein Ertragen waren nicht die Summe seiner Anstrengungen, sondern das Ausleben dieser Einheitsbeziehung mit dem Herrn.

Gerade dort, wo unser „Fleisch“ spürbar wird – in Ungeduld, verletzter Ehre, selbstsüchtigen Träumen –, offenbart sich der Unterschied zwischen religiösem Bemühen und einem wirklichen Wandeln im Geist. Religion versucht, das Fleisch zu zähmen; der Geist bringt das Kreuz an seine Wurzeln und entfaltet zugleich die Kraft der Auferstehung. Römer 8:4 beschreibt, dass „die gerechte Forderung des Gesetzes in uns erfüllt würde, die wir nicht nach dem Fleisch wandeln, sondern nach dem Geist.“ Dieses Wandeln ist kein krampfhafter Perfektionismus, sondern ein lernendes Leben als eins mit dem Herrn: Wir dürfen entdecken, wie Er in uns denkt, fühlt und handelt – auch mitten in Stress, Beruf, Familie. So wächst ein stiller Trost: Wir sind auf unserem täglichen Weg nicht allein unterwegs, sondern mit dem, der sich mit uns zu einem Geist verbunden hat.

Aus dieser Sicht verliert der Alltag seine geistliche Eintönigkeit. Jede Begegnung, jede Entscheidung, jedes Ringen mit den eigenen Grenzen wird zu einem Raum, in dem der Geist Christi seinen Duft verbreiten möchte. Liebe, Freude und Friede sind dann keine idealen Forderungen, sondern Früchte eines Lebens, das innerlich an den Herrn angeschlossen ist. Wer so im Geist geht, erlebt, wie die Lust des Fleisches an Kraft verliert, nicht weil sie nie mehr anklopft, sondern weil ein stärkeres Leben in ihm wirksam ist. Das schenkt Hoffnung für lange eingeübte Muster und tröstet, wenn der eigene Wandel brüchig erscheint: Der Herr, mit dem wir ein Geist sind, ist geduldig und beständig und führt uns auf diesem Weg weiter.

Ich sage aber: Wandelt durch den Geist, und ihr werdet die Begierde des Fleisches auf keinen Fall erfüllen. (Gal. 5:16)

Die Frucht des Geistes aber ist Liebe, Freude, Friede, Langmut, Freundlichkeit, Güte, Treue, (Gal. 5:22)

Der alltägliche Wandel im Geist lädt dazu ein, die vielen unscheinbaren Momente nicht mehr als geistlich neutral zu betrachten. Mitten in gewohnten Abläufen darf deutlich werden, dass Christus in uns lebt und wirkt. So entsteht ein ruhiger, aber realer Wechsel: weg vom Versuch, das eigene Verhalten aus Pflichtgefühl zu perfektionieren, hin zu einem Leben, das sich innerlich an den Herrn hält und Ihn die Frucht des Geistes hervorbringen lässt. In diesem Bewusstsein können auch alte Schwächen zu Lernfeldern werden, in denen der Geist Christi seine Geduld und seine schöpferische Kraft neu erweist.

Der geordnete Gang im Geist – in der Linie des Glaubens bleiben

In Galater 5:25 verwendet Paulus für „wandeln“ ein anderes Wort als in Vers 16: „Wenn wir durch den Geist leben, lasst uns auch durch den Geist wandeln.“ Hier steht ein Ausdruck, der „in einer Reihe gehen, in Linie marschieren“ bedeutet. Das Bild erinnert an Soldaten, die im Gleichschritt gehen, oder an Fahrzeuge, die geordnet in markierten Spuren fahren. Während der alltägliche Wandel im Geist unsere Gewohnheiten und Reaktionen beschreibt, geht es hier um einen geordneten, ausgerichteten Gang: Der Geist, der uns Leben gegeben hat, setzt zugleich eine Spur, in der wir uns bewegen sollen. Römer 4:12 spricht von denen, „die in den Fußstapfen des Glaubens wandeln, den unser Vater Abraham hatte, als er unbeschnitten war.“ Glaube hat eine Linie, die Gott durch Abraham gezogen hat; der Geist führt uns heute in denselben Fußstapfen weiter.

Das griechische Wort für „wandeln“ in Vers 25, stoicheo (gr. stoicheo), hat eine ganz andere Bedeutung. Es ist von einer Wurzel abgeleitet, die „in einer Reihe anordnen“ bedeutet. Dies lässt sich mit der Bewegung des Verkehrs in den markierten Fahrspuren auf einer Autobahn veranschaulichen. So bedeutet das griechische Wort für „wandeln“ hier, in einer Reihe zu gehen. Es bedeutet auch, im militärischen Gleichschritt zu marschieren. Auf diese Weise zu wandeln, wie Soldaten, die in Reih und Glied marschieren, erfordert, dass wir im Gleichschritt bleiben. (Witness Lee, Life-Study of Galatians, Botschaft achtunddreißig, S. 341)

Dass unser Leben durch den Geist eine Ordnung erhält, wird auch in Galater 6 sichtbar. Dort heißt es: „Denn weder Beschneidung noch Unbeschnittenheit ist etwas, sondern was zählt, ist eine neue Schöpfung. Und so viele dieser Richtschnur folgen werden, Friede und Barmherzigkeit über sie und über das Israel Gottes!“ (Galater 6:15–16). Die neue Schöpfung in Christus ist die Richtschnur, die Linie, entlang der der Geist uns führt. Nicht religiöse Sonderwege, nicht wechselnde geistliche Moden bestimmen den Kurs, sondern das eine Zentrum: Christus und sein Kreuz, das alles Eigenrühmen und jede fleischliche Anstrengung ins Licht stellt. In Philipper 3:16 fasst Paulus es so: „Doch wozu wir gelangt sind, zu dem halten wir (uns auch).“ Der Geist ruft uns, an dem festzuhalten, was Er uns bereits gezeigt hat, und weiter in dieser Spur zu gehen, statt immer neue Bahnen zu suchen.

Dieser geordnete Gang im Geist ergänzt den täglichen Wandel im Geist. Im Alltag sind wir eingeladen, als eins mit dem Herrn zu leben; zugleich achtet der Geist darauf, dass wir im Glauben nicht aus dem Tritt geraten. Manchmal macht sich das als inneres Unbehagen bemerkbar, wenn wir gedanklich oder praktisch Wege einschlagen, die nicht zur Linie des Kreuzes und der neuen Schöpfung passen. Dann erfahren wir etwas von dem, was Paulus im Blick hat, wenn er im gleichen Zusammenhang von „Feinden des Kreuzes Christi“ spricht (Philipper 3:18): Lebensrichtungen, die sich an anderem orientieren als an dem Weg, den Gott mit Abraham, mit Christus und seiner Gemeinde geht. Der Geist, der uns in Christus verbunden hat, wird nicht müde, uns behutsam, aber klar zurück in die Spur zu rufen.

In dieser Perspektive gewinnt das Bild des „Gleichschritts“ eine tröstliche Note. Es geht nicht um militärischen Druck, sondern um die Zusage, dass Gott unseren Glaubensweg nicht dem Zufall überlässt. Er hat eine Spur gelegt – von Abraham über das Kreuz bis zur neuen Schöpfung – und gibt uns seinen Geist, um uns in dieser Linie zu halten. Wo wir merken, dass unsere Schritte unregelmäßig geworden sind, dass wir eine eigene Bahn gezogen haben, bleibt der Weg zurück nie versperrt: derselbe Geist, durch den wir leben, richtet unsere Schritte neu aus. Daraus wächst eine stille Entschlossenheit, den eigenen Weg nicht von Launen oder Strömungen bestimmen zu lassen, sondern vom leisen, konsequenten Takt des Geistes, der uns mit Christus und seinen Fußstapfen verbindet.

Wenn wir durch den Geist leben, lasst uns auch durch den Geist wandeln. (Gal. 5:25)

Denn weder Beschneidung noch Unbeschnittenheit ist etwas, sondern was zählt, ist eine neue Schöpfung. (Gal. 6:15-16)

Diese Wahrheit ermutigt dazu, vor dem Herrn still zu werden und neu zu sehen, wie Sein Leben Denken, Fühlen und Handeln von innen her prägt.


Herr Jesus Christus, wir danken Dir, dass Du als der verarbeitete, allumfassende Geist in uns wohnst und uns fähig machst, als eins mit Dir zu leben. Wir bringen Dir unseren täglichen Lebenswandel mit aller Unvollkommenheit und bitten Dich, dass Dein Geist unsere Gedanken, Worte und Entscheidungen durchdringt und ausrichtet. Lass uns tiefer erkennen, dass Du nicht fern bist, sondern uns in jedem Augenblick als der lebendig machende Geist nahe bist und uns in der Linie des Glaubens bewahrst, die Du selbst eröffnet hast. Stärke in uns die Gewissheit, dass Deine göttliche Kraft stärker ist als unser Fleisch und unsere Schwachheit, und dass Dein Kreuz und Deine Auferstehung in unserem Alltag wirksam sind. Fülle uns neu mit Deinem Frieden und Deiner Freude, damit unser Leben ein stilles Zeugnis dafür wird, dass Du in uns lebst und wir im Geist mit Dir gehen. Halte uns in Deiner Gnade auf Deinem Weg bis zur Vollendung. Amen.

Englische Quelle: Life-Study of Galatians, Chapter 38

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