Botschaft 9
Viele Christen kennen die Formulierung, dass wir dem Gesetz gestorben und Gott lebendig sind, doch im Alltag leben wir oft eher für Erwartungen, Regeln und innere Maßstäbe als für den lebendigen Gott selbst. Paulus beschreibt ein geistliches Geheimnis: Wer an Christus glaubt, wird untrennbar mit Ihm verbunden – wie in einer Ehe oder wie ein Zweig, der in einen neuen Baum eingepfropft wird. In dieser Verbindung mit dem gekreuzigten und auferstandenen Herrn geschieht etwas Radikales: Unsere alte Verbindung zu Gesetz, religiösem Leistungsdenken und eigenen Maßstäben wird abgeschnitten, und ein neues Leben beginnt, das von innen her aus der Gemeinschaft mit Gott fließt.
In organischer Einheit mit Christus: geschnitten und eingefügt
Wenn Paulus von unserer organischen Einheit mit Christus spricht, greift er zu zwei eindrücklichen Bildern: zur Ehe und zum Ölbaum. In Römer 7 malt er das Bild einer neuen Verbindung: Wir waren gleichsam mit dem Gesetz verheiratet, gebunden an Forderung, Leistung und Verurteilung. Durch den Leib Christi aber ist diese Bande gelöst worden. Es heißt: „So seid nun auch ihr, meine Brüder, durch den Leib Christi dem Gesetz gegenüber zu Tode gebracht worden, so dass ihr einem anderen anhängen könnt, dem, der von den Toten auferweckt worden ist, damit wir Gott Frucht brächten.“ (Röm. 7:4). Der Tod Christi ist hier mehr als ein äußeres Ereignis; er ist die Scheidung, die uns von unserem alten Bund löst, und die Trauung, die uns mit dem auferstandenen Christus verbindet. Wir gehören nicht mehr einer Ordnung von Forderung und Selbstrechtfertigung, sondern einer Person, die lebt und liebt.
Nach diesem Vers sind wir mit dem auferstandenen Christus verheiratet worden. Zwischen Ihm als dem Bräutigam und uns als der Braut besteht eine wunderbare Vereinigung. Wir sind eins mit Ihm in Person, Namen, Leben und Existenz. Das zeigt, dass unser christliches Leben ein Leben der organischen Einsheit mit Christus ist. (Witness Lee, Life-Study of Galatians, Botschaft neun, S. 78)
Das Bild des Ölbaums in Römer 11 vertieft diese Wirklichkeit. Dort werden wir beschrieben als Zweige, die aus einem wilden Baum herausgeschnitten und in einen edlen Ölbaum eingepfropft worden sind. Was abgeschnitten wird, verliert seine alte Wurzel, seine frühere Quelle. Was eingepfropft wird, lebt nun aus einem anderen Stamm, aus anderer Kraft, aus anderer Saftfülle. So hat Gott unseren alten Menschen am Kreuz abgeschnitten; unsere frühere Verbundenheit mit Gesetz, Sünde, religiöser Welt und eigenen Quellen ist vor Ihm beendet. Gleichzeitig sind wir in das Auferstehungsleben des Sohnes eingefügt worden. Darum kann Paulus sagen: „Denn ich bin durch das Gesetz dem Gesetz gestorben, damit ich Gott lebe.“ (Gal. 2:19). Christsein ist darum nicht ein moralisches „Upgrade“, sondern ein eingepfropftes Leben. In Christus sind wir eins geworden mit Seiner Person, Seinem Leben und Seinem Ziel. Je mehr wir diese Einheit im Glauben annehmen, desto natürlicher fließt Sein Leben durch uns und bringt Frucht für Gott hervor – nicht als Last, sondern als Ausdruck einer neuen, stillen Kraft in uns. Das darf uns ermutigen: Wir müssen nicht aus eigener Anstrengung hervorbringen, was nur der neue Stamm geben kann; wir dürfen lernen, uns von der Wurzel tragen und nähren zu lassen.
Diese organische Einheit mit Christus bedeutet zugleich ein Sterben und ein Lebendigwerden. In Römer 6 beschreibt Paulus, wie Gott uns nicht nur äußerlich mit Christus verbindet, sondern unsere Geschichte in Seiner Geschichte aufgehen lässt: „Wir sind darum zusammen mit Ihm begraben worden durch die Taufe in Seinen Tod hinein, damit, gleichwie Christus von den Toten auferweckt wurde durch die Herrlichkeit des Vaters, so auch wir in der Neuheit des Lebens wandeln können.“ (Röm. 6:4). Was Christus gestorben ist, ist Er der Sünde und dem ganzen alten System gestorben; was Er aber lebt, lebt Er Gott. In dieser Sicht ist unser „Ich“ nicht mehr Zentrum und Maßstab, sondern ist mitgekreuzigt und in den Hintergrund getreten. Das Zentrum ist nun die lebendige Person Christi, die in der Kraft der Auferstehung für Gott lebt.
Darin liegt eine stille, aber radikale Befreiung. Wer in dieser Einheit lebt, muss sich nicht länger vor dem Gesetz beweisen, sondern ist in Christus dem Gesetz gestorben und Gott lebendig geworden. Das entlastet von dem Druck, sich selbst rechtfertigen zu müssen, und öffnet Raum für ein Leben aus Gnade. Inmitten von Versagen, Schwäche und Unvollkommenheit gilt vor Gott nicht unsere Leistung, sondern die untrennbare Verbindung mit dem Gekreuzigten und Auferstandenen. Wer das im Glauben ergreift, beginnt, anders zu denken und zu fühlen: weniger besessen von sich selbst, mehr ausgerichtet auf den, der in uns lebt. So wächst ein Leben, das Gott Frucht bringt, weil seine Wurzel nicht mehr in uns, sondern in Ihm liegt – ein Leben, das uns leise, aber beständig in die Freiheit führt, wirklich für Gott zu leben.
So seid nun auch ihr, meine Brüder, durch den Leib Christi dem Gesetz gegenüber zu Tode gebracht worden, so dass ihr einem anderen anhängen könnt, dem, der von den Toten auferweckt worden ist, damit wir Gott Frucht brächten. (Röm. 7:4)
Denn ich bin durch das Gesetz dem Gesetz gestorben, damit ich Gott lebe. (Gal. 2:19)
In der organischen Einheit mit Christus bist du aus alten Bindungen herausgeschnitten und in Sein Auferstehungsleben eingefügt; je mehr du dich im Glauben von Seiner Wurzel tragen lässt, desto freier wirst du dem Gesetz gegenüber und desto lebendiger wirst du für Gott.
Dem Gesetz gestorben – auch unseren eigenen Maßstäben
Dem Gesetz gestorben zu sein, ist nicht nur eine dogmatische Feststellung, sondern eine tiefe Veränderung der inneren Ausrichtung. In Römer 7 heißt es: „Jetzt aber sind wir vom Gesetz losgemacht worden, nachdem wir dem gestorben sind, in dem wir festgehalten wurden, so dass wir in der Neuheit des Geistes dienen und nicht in der Altheit des Buchstabens.“ (Röm. 7:6). Vor Gott entscheidet nicht mehr, wie vollkommen wir Forderungen erfüllen, sondern ob wir in Einheit mit Christus leben. Doch obwohl wir nicht mehr unter dem mosaischen Gesetz stehen, entstehen in unseren Herzen oft neue „Gesetze“: eigene Maßstäbe, unausgesprochene Regeln, an denen wir uns und andere messen. So entstehen Spannungen zwischen Jung und Alt, zwischen verschiedenen Gruppen in der Gemeinde, weil jeder seine Sicht für verbindlich hält. Innerlich zeigt sich daran, wie stark wir noch an unseren eigenen Gesetzlichkeiten hängen.
Im Großen und Ganzen leben sie immer noch für etwas anderes als für Gott, besonders für ihr eigenes Gesetz. Anstatt uns um Gott zu kümmern, kümmern wir uns vielleicht um unser eigenes Gesetz. Verschiedene Menschen haben verschiedene Gesetze. Die jungen Leute haben ihr Gesetz, und die Älteren haben ihr Gesetz. (Witness Lee, Life-Study of Galatians, Botschaft neun, S. 81)
Diese inneren Gesetze sind tückisch, weil sie geistlich erscheinen können. Man kann sich auf richtige Lehren berufen und doch im Kern von sich selbst ausgehen: von dem, was man gewohnt ist, was einem entspricht, was man für richtig hält. Galater 3.legt den Finger in diese Wunde: „Seid ihr so unverständig? Nachdem ihr im Geist angefangen habt, wollt ihr jetzt im Fleisch vollenden?“ (Gal. 3:3). Wer im Geist angefangen hat, kehrt unmerklich zum Fleisch zurück, wenn er das Werk Gottes wieder unter das Regiment eigener Maßstäbe stellt. Dann wird das, was Gott gegeben hat, von unserer Art kontrolliert. Man lebt zwar christlich, aber nicht wirklich aus der organischen Einheit mit Christus, sondern aus einem religiösen Selbst, das seine Regeln verteidigt.
Dem Gesetz zu sterben heißt darum auch, unsere eigenen Maßstäbe aus der Hand zu geben. Paulus fasst diese Bewegung mit einem schlichten, aber gewichtigen Wort: „Denn ich bin durch das Gesetz dem Gesetz gestorben, damit ich Gott lebe.“ (Gal. 2:19). Zwischen Gesetz und Gott besteht hier ein Entweder-oder. Wer für sein Gesetz lebt – sei es das mosaische, sei es ein persönliches – lebt im Grunde nicht für Gott, sondern für ein System, das ihm Sicherheit gibt. Wer aber im Licht der Kreuzigung Christi erkennt, dass diese Systeme ihre Macht verloren haben, wird frei, sein Herz unmittelbar Gott zuzuwenden. An die Stelle innerer Kontrollmechanismen tritt eine lebendige Beziehung: Wir sind Ihm im Auferstehungsleben verantwortlich, nicht unseren mentalen Listen.
Diese Verschiebung der Mitte bleibt nicht folgenlos. Dort, wo das eigene Gesetz an Autorität verliert, verliert auch verurteilende Härte ihre Stimme. Stolz auf eigene Leistung, der subtile Triumph über das Versagen anderer, die innere Distanz gegenüber denen, die „anders“ leben – all das verliert an Gewicht, wenn die Person Christi in unserer Wahrnehmung wichtiger wird als unsere Sicht der Dinge. Galater 5 bringt diese Freiheit mit dem Wandel im Geist zusammen: „Ich sage aber: Wandelt durch den Geist, und ihr werdet die Begierde des Fleisches auf keinen Fall erfüllen.“ (Gal. 5:16). Das Fleisch äußert sich nicht nur grob und offensichtlich, sondern auch feinsinnig: in geistlichem Stolz, in Besserwissen, in unbarmherzigen Urteilen. Wer aber durch den Geist lebt und durch den Geist wandelt (vgl. Gal. 5:25), lernt eine andere Haltung: Er nimmt sich selbst weniger wichtig und gibt Gott Raum, in Beziehungen, Urteilen und Entscheidungen das Sagen zu haben.
Jetzt aber sind wir vom Gesetz losgemacht worden, nachdem wir dem gestorben sind, in dem wir festgehalten wurden, so dass wir in der Neuheit des Geistes dienen und nicht in der Altheit des Buchstabens. (Röm. 7:6)
Seid ihr so unverständig? Nachdem ihr im Geist angefangen habt, wollt ihr jetzt im Fleisch vollenden? (Gal. 3:3)
Dem Gesetz – auch den eigenen inneren Gesetzen – zu sterben bedeutet, sich vom Regiment der Maßstäbe zu lösen und in der Neuheit des Geistes aus der lebendigen Einheit mit Christus zu leben, sodass Urteil, Stolz und Härte mehr und mehr durch die leise Freiheit der Gnade ersetzt werden.
Glauben als liebende Wertschätzung: so wird das neue Leben wirksam
Die organische Einheit mit Christus ist keine abstrakte Verbindung, sondern wird in einem bestimmten Klima lebendig: im Klima des Glaubens, der aus der Liebe Christi hervorgeht. Paulus beschreibt sein eigenes Leben mit Christus in schlichten, aber tiefen Worten: „Ich bin mit Christus gekreuzigt; und nicht mehr lebe ich, sondern Christus lebt in mir; und das Leben, das ich jetzt im Fleisch lebe, das lebe ich im Glauben, in dem Glauben des Sohnes Gottes, der mich geliebt und Sich Selbst für mich hingegeben hat.“ (Gal. 2:20). Dieser Glaube ist mehr als Zustimmung zu einer Lehre. Er ist eine innere Hinwendung zu einer Person, die mich geliebt und sich für mich hingegeben hat. Wo diese Liebe das Herz berührt, entsteht eine neue Vertrauensbewegung: Man wagt, sich auf Christus zu stützen, loszulassen, was bisher Sicherheit gab, und sich der unsichtbaren Wirklichkeit Seines Lebens in uns zu öffnen.
Es ist bedeutsam, dass Paulus in diesem Vers den Sohn Gottes ausdrücklich als den bezeichnet, „der mich geliebt hat“. Wenn wir kein Bewusstsein von der Liebe Christi zu uns haben, werden wir nicht imstande sein, Glauben an Ihn zu haben. Lebendiger Glaube entspringt unserem Empfinden Seiner Liebe. Das zeigt, dass der Glaube, durch den wir an Ihn glauben, mit unserer Wertschätzung Seiner Lieblichkeit verbunden ist. (Witness Lee, Life-Study of Galatians, Botschaft neun, S. 80)
In dieser Bewegung wird die Einheit mit Christus praktisch erfahrbar. Der Glaube verbindet uns fortwährend mit Ihm; er ist gleichsam die feine Wurzel, durch die das Auferstehungsleben in unsere konkrete Situation hineinwirkt. Wenn das Herz kalt oder distanziert ist, bleibt der Glaube blass und theoretisch. Wo aber die Liebe Christi neu bewusst wird – sei es durch das Wort, durch ein Getröstetsein mitten in der eigenen Schwachheit oder durch das stille Erleben Seiner Treue –, da wird der Glaube lebendig und wirkt. Das, was Christus gestorben ist, beginnt uns innerlich loszulösen: von Sünde, von religiösem Stolz, von eigenen Gesetzen. Das, was Christus lebt, beginnt uns neu auszurichten: auf Gott, auf Seinen Willen, auf Sein Wohlgefallen. In Römer 6 klingt das so: „Wenn wir nun zusammen mit Christus gestorben sind, glauben wir, dass wir auch zusammen mit Ihm leben werden,“ (Röm. 6:8). Das „glauben wir“ ist nicht eine fromme Formel, sondern der atmende Vollzug der Einheit.
Dieser Glaube ist zutiefst mit dem Wirken des Geistes verbunden. Galater 5 führt das Leben im Geist und das Leben im Glauben zusammen: „Wenn wir durch den Geist leben, lasst uns auch durch den Geist wandeln.“ (Gal. 5:25). Durch den Geist leben wir, weil Christus, das Auferstehungsleben, in uns wohnt; durch den Geist wandeln wir, wenn diese innere Wirklichkeit unser Denken, Reden und Handeln prägt. Der Glaube ist dabei wie ein inneres Zustimmen zum Wirken des Geistes: Er sagt Ja zu Gottes Führung, auch wenn sie unser eigenes Gesetz durchkreuzt; er sagt Ja zum Kreuz, wenn es unser religiöses Selbst trifft; er sagt Ja zur Gnade, wenn wir an uns selbst verzweifeln könnten. So wird aus Glauben ein Weg der Liebe: nicht ein krampfhafter Versuch, etwas zu leisten, sondern ein vertrauensvoller Blick auf den Sohn Gottes, der mich liebt.
Daraus wächst eine stille, aber kräftige Veränderung. Wo Christus als der kostbare, liebende Herr im Vordergrund steht, wird Sein Weg nicht zur Last eines neuen Gesetzes, sondern zum Ausdruck eines neuen Lebens, das in uns wirkt. Der Glaube wird dann nicht zur ständigen Selbstprüfung, ob er groß genug ist, sondern zur einfachen Ausrichtung auf Ihn, der treu ist. In den Spannungen des Alltags, in der Begegnung mit der eigenen Unvollkommenheit, in den Herausforderungen der Gemeinde bleibt diese Ausrichtung entscheidend: Im Glauben an den liebenden Sohn Gottes zu leben heißt, in Seiner Gegenwart zu stehen, Seiner Kraft zu trauen und Seiner Liebe Raum zu geben. So wird die organische Einheit mit Christus nicht nur eine Lehre, sondern eine erfahrbare Wirklichkeit, in der wir – trotz aller Schwachheit – mehr und mehr Gott leben.
Ich bin mit Christus gekreuzigt; und nicht mehr lebe ich, sondern Christus lebt in mir; und das Leben, das ich jetzt im Fleisch lebe, das lebe ich im Glauben, in dem Glauben des Sohnes Gottes, der mich geliebt und Sich Selbst für mich hingegeben hat. (Gal. 2:20)
Wenn wir nun zusammen mit Christus gestorben sind, glauben wir, dass wir auch zusammen mit Ihm leben werden, (Röm. 6:8)
Glauben als liebende Wertschätzung Christi heißt, sich immer neu der Liebe des Sohnes Gottes zu öffnen und Ihm zu vertrauen, sodass Seine Auferstehungskraft in den konkreten Spannungen des Lebens wirksam wird und dich befähigt, wirklich für Gott zu leben.
Herr Jesus Christus, danke, dass Du mich in Deinem Tod von allen alten Bindungen abgeschnitten und mich in Dein Auferstehungsleben hineingepfropft hast. Du bist der, der mich geliebt und sich selbst für mich hingegeben hat, und in dieser Liebe darf ich ruhen. Vertiefe in mir die lebendige Wertschätzung Deiner Person, damit mein Glaube gestärkt wird und meine Einheit mit Dir immer realer wird. Lass alles, was wie ein eigenes Gesetz in mir herrschen möchte – Selbstgerechtigkeit, harte Urteile über andere, Angst vor Versagen –, vor Deiner Gegenwart verblassen. Fülle mich mit Deinem Geist, damit nicht mehr mein altes Ich, sondern Du in mir lebst und ich in Neuheit des Lebens Dir zugewandt bin. Richte meinen Blick auf die Freiheit und Freude, die darin liegt, nur Dir verpflichtet zu sein und in Deiner Gnade zu stehen. Bewahre mein Herz in der Gewissheit, dass Deine Geschichte meine Geschichte ist und dass ich, mit Dir gekreuzigt und auferstanden, wirklich für Gott leben darf. Amen.
Englische Quelle: Life-Study of Galatians, Chapter 9