Das Wort des Lebens
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Paulus’ Verteidigung Seiner apostolischen Autorität (6)

11 Min. Lesezeit

Manchmal wirken Menschen geistlich beeindruckend, weil sie viel wissen, stark auftreten oder sich auf eine lange religiöse Tradition berufen. Doch wenn man genauer hinschaut, stellt sich die Frage: Woran erkennt Gott wirklich einen Diener, der in Seinem Auftrag spricht? In 2.Kor 12:1-10 öffnet Paulus ein Fenster in sein verborgenes Leben mit Gott – mit überwältigenden Offenbarungen, tiefen Leiden und einer Gnade, die ihn gerade in der Schwachheit trägt. Diese Verse entlarven oberflächliche Religiosität und zeigen, welche Linien Gott im Leben eines echten Apostels zieht – und welche Spuren dieselbe Gnade heute im Leben von Christen hinterlassen möchte.

Wahre Autorität entsteht aus Offenbarung – nicht aus religiöser Leistung

Paulus steht in Korinth Menschen gegenüber, die ihre geistliche Geltung aus Herkunft, Wissen und religiöser Leistung beziehen. Sie rühmen sich des Gesetzes, der Traditionen, vielleicht beeindruckender Redekunst. Paulus könnte auf dieser Ebene mithalten – seine Ausbildung als Pharisäer übertraf die seiner Gegner. Doch er verweigert sich diesem Wettstreit. Er lässt sich gewissermaßen dazu „nötigen“, von etwas zu sprechen, das sich jeder religiösen Karriere entzieht: „GERÜHMT muß werden; zwar nützt es nichts, aber ich will auf Erscheinungen und Offenbarungen des Herrn kommen“ (2.Kor 12:1). Offenbarung heißt, dass Gott selbst den Schleier wegnimmt und uns sehen lässt, was kein religiöses System hervorbringen kann. Vision ist dieses Sehen, die innere Schau, die Gott schenkt, wenn Er verborgene Dinge aufdeckt – nicht als Sensation, sondern als Teil Seiner Herrschaft über das Universum.

In Vers 1 spricht Paulus sowohl von Vision als auch von Offenbarung. Offenbarung bedeutet, dass der Schleier beiseitegesetzt wird, das Enthüllen verborgener Dinge. Vision ist das Sehen, die Schau, die sich bei diesem Enthüllen ergibt. So viele Dinge in Bezug auf Gottes Ökonomie und seine Verwaltung im Universum waren verborgen. Der Herr hat dem Apostel diese Dinge offenbart, enthüllt, und er hat Visionen von diesen verborgenen Dingen empfangen. (Witness Lee, Life-Study of 2 Corinthians, Botschaft fünfundfünfzig, S. 496)

Wenn Paulus von der Entrückung „bis in den dritten Himmel“ und „in das Paradies“ spricht (2.Kor 12:2-4), dann verteidigt er damit nicht seine Person, sondern den Ursprung seiner Botschaft. Er macht deutlich: Der neue Bund, den er verkündigt, ist nicht das Produkt eines kreativen Theologen, sondern die Frucht göttlichen Redens. Der Gott, dem „die Himmel und die Himmel der Himmel, die Erde und alles, was in ihr ist“ gehören (5.Mose 10:14), hat ihn in Seinen Ratschluss hineingesehen lassen. Darauf gründet seine Autorität. Alter, Bildung, Erfolg, Frömmigkeitsstil – all das kann Eindruck machen, aber es trägt keine himmlische Vollmacht. Wirkliche Autorität entsteht dort, wo Gott Sein Herz öffnet und ein Mensch innerlich vor diesem Licht niederkniet. Paulus’ Weg erinnert daran, dass Christus auch heute Seine Gemeinde durch Menschen baut, die von Ihm erleuchtet sind und Seinem Wort Raum geben – auch wenn ihre äußere Erscheinung unscheinbar bleibt. Dieses Bewusstsein nimmt den Druck, sich durch religiöse Leistungen beweisen zu müssen, und ermutigt dazu, im Verborgenen vor Gott zu leben, damit Sein Reden Gewicht gewinnt und nicht unsere Person.

GERÜHMT muß werden; zwar nützt es nichts, aber ich will auf Erscheinungen und Offenbarungen des Herrn kommen. (2.Kor 12:1)

Siehe, dem HERRN, deinem Gott, (gehören) die Himmel und die Himmel der Himmel, die Erde und alles, was in ihr ist. (5.Mose 10:14)

Paulus’ Blick weg von religiösem Ruhm hin zu Gottes Offenbarung lädt dazu ein, unsere Maßstäbe zu prüfen: Was beeindruckt uns an geistlichen Leitern – äußere Stärke oder inneres Geformtsein durch Gottes Reden? Wo das stille, gehorsame Hören auf Christus wichtiger wird als die eigene Profilierung, wächst eine Autorität, die nicht trägt, weil Menschen sie anerkennen, sondern weil Gott sich zu ihr stellt. Gerade darin liegt Trost: Gott benutzt keine perfekten Lebensläufe, sondern Menschen, die sich Seinem Licht aussetzen und darin stehenbleiben.

Der „Mensch in Christus“ – Leben aus der neuen Schöpfung

In der Mitte von 2. Korinther 12 vollzieht Paulus eine feine, aber tiefgehende Unterscheidung: „Ich kenne einen Menschen in Christus“ (2.Kor 12:2). Er spricht in der dritten Person, obwohl von Anfang an klar ist, dass es um ihn selbst geht. Auf diesen „Menschen in Christus“ bezieht er den außergewöhnlichen Einblick in den dritten Himmel und das Paradies, und über ihn könnte er sich rühmen. Gleichzeitig fügt er hinzu: „Über mich selbst aber will ich mich nicht rühmen, nur der Schwachheiten“ (2.Kor 12:5). Damit trennt er sein neues Sein in Christus scharf von seinem alten Ich. Der frühere Saulus, der starke, religiös glänzende Mann, ist nicht der Maßstab. Zählt vor Gott, was der alte Mensch aus sich macht – oder was Christus aus einem Menschen macht, der sich von Ihm neu schaffen lässt?

In den Versen 2 bis 5 sieht Paulus sich gewissermaßen als zwei Personen. In Vers 2 sagt er: „Ich kenne einen Menschen in Christus.“ Auf diesen Menschen in Christus bezogen sagt er in Vers 5: „Für einen solchen will ich mich rühmen, für mich selbst aber will ich mich nicht rühmen, außer in meinen Schwachheiten.“ Der Mensch in Christus in Vers 2 ist der Apostel (V. 7), nicht als alte Schöpfung, sondern als neue Schöpfung (5:17). In diesem Abschnitt möchte der Apostel sich der neuen Schöpfung in Christus rühmen, indem er Sich seiner Schwachheiten im Fleisch, der alten Schöpfung, rühmt (V. 5.9). Der in Vers 2 erwähnte Mensch in Christus war nicht Saulus, sondern Paulus. Saulus war der natürliche Mensch, Paulus aber ist der neue Mensch in Christus. (Witness Lee, Life-Study of 2 Corinthians, Botschaft fünfundfünfzig, S. 498)

Paulus verankert diese Unterscheidung in einer grundlegenden Aussage des Evangeliums: „Wenn nun jemand in Christus ist, so ist er eine neue Schöpfung. Die alten Dinge sind vergangen; siehe, sie sind neu geworden“ (2.Kor 5:17). Der „Mensch in Christus“ ist nicht einfach der verbesserte Saulus, sondern eine neue Schöpfung, die aus der Einheit mit Christus lebt. Sein innerer Maßstab ist nicht mehr religiöse Leistung, sondern das Leben des Sohnes Gottes. Daher kann Paulus später sagen: „Nicht mehr lebe ich, sondern Christus lebt in mir“ (Gal. 2:20). Spirituelles Wachstum heißt dann nicht, den alten Menschen immer religiöser zu machen, sondern den Raum zu erweitern, in dem Christus in uns denken, lieben und handeln darf. Das entlastet und ermutigt zugleich: Wir müssen unsere Vergangenheit nicht tragen, um vor Gott Gewicht zu haben; entscheidend ist, dass wir im Glauben an Christus festhalten und der neuen Schöpfung in uns Vorrang geben.

Diese Sichtweise verändert auch den Blick auf unscheinbare oder widersprüchliche Lebensgeschichten. Von außen mag jemand kaum Eindruck machen, wenig Bildung, wenig sichtbare Erfolge – und doch kann in ihm ein „Mensch in Christus“ gewachsen sein, dessen inneres Ja zu Gott von großer Bedeutung ist. Umgekehrt kann ein glanzvoller Lebenslauf vor Menschen kaum etwas vor Gott bedeuten, wenn er aus dem alten Menschen heraus gelebt wird. Indem Paulus sich weigert, sich als Saulus zu präsentieren, schützt er die Gemeinde vor einem Christentum, das sich um das religiös optimierte Ich dreht. Stattdessen lenkt er den Blick auf die leise, aber mächtige Wirklichkeit der neuen Schöpfung, in der Christus selbst das Zentrum ist.

Im Licht dieser Wahrheit dürfen wir unser eigenes Leben nüchterner und zugleich hoffnungsvoller betrachten. Nüchterner, weil alles, worauf der alte Mensch stolz ist, vor Gott kein Kapital bildet. Hoffnungsvoller, weil kein Bruch, keine Schwäche und kein Verlust den „Menschen in Christus“ zerstören kann, den Gott geschaffen hat. So wird der Weg mit Christus nicht zur Bühne für unser religiöses Ich, sondern zum Raum, in dem die neue Schöpfung Gestalt gewinnt – oft verborgen, aber real und bleibend.

Ich kenne einen Menschen in Christus, der vor vierzehn Jahren (ob im Leib, weiß ich nicht, oder außerhalb des Leibes, weiß ich nicht; Gott weiß es) zum dritten Himmel entrückt wurde. (2.Kor 12:2)

Über diesen will ich mich rühmen; über mich selbst aber will ich mich nicht rühmen, nur der Schwachheiten. (2.Kor 12:5)

Die Unterscheidung zwischen Saulus und Paulus, zwischen altem und neuem Menschen, befreit von dem Druck, sich über Herkunft, Leistung oder Frömmigkeitsstil definieren zu müssen. Sie lädt ein, den eigenen Wert darin zu sehen, dass Christus uns in Seine neue Schöpfung hineingenommen hat. Dort, wo wir innerlich lernen zu sagen: „Nicht mehr lebe ich“, öffnet sich eine stille Freude darüber, dass Christus in uns lebt – auch wenn unsere äußere Biografie brüchig bleibt.

Der Dorn im Fleisch – wie Gott durch Schwachheit Seine Gnade offenbart

Auf die Höhen außergewöhnlicher Offenbarungen folgt bei Paulus kein Triumphzug, sondern ein tiefes Ringen. Er schreibt: „Damit ich mich nicht überhebe, wurde mir ein Dorn für das Fleisch gegeben, ein Engel Satans, daß er mich mit Fäusten schlage, damit ich mich nicht überhebe“ (2.Kor 12:7). Derselbe Gott, der ihn in den dritten Himmel entrückt hat, lässt zu, dass ein Bote Satans ihn schlagen darf – und doch bleibt Gott derjenige, der „gegeben“ hat. Paulus durchschaut, dass Gottes Hand und Satans Angriff sich in diesem Dorn kreuzen: Was der Feind zur Zerstörung einsetzen will, benutzt Gott, um Seinen Diener zu bewahren und zu vertiefen. Die große Gefahr nach geistlichen Höhen ist nicht äußere Verfolgung, sondern innerer Hochmut. Daher verbindet Gott Offenbarung mit Schwachheit, damit der Mensch nicht auf den Gedanken verfällt, er stünde über anderen.

Darum ist mir, damit ich mich nicht wegen der Außerordentlichkeit der Offenbarungen überhebe, ein Dorn für das Fleisch gegeben worden, ein Engel Satans, damit er mich mit Fäusten schlage, damit ich mich nicht überhebe. (Witness Lee, Life-Study of 2 Corinthians, Botschaft fünfundfünfzig, S. 503)

Paulus reagiert zunächst so, wie wir es auch tun würden: „Um dessentwillen habe ich dreimal den Herrn angerufen, daß er von mir ablassen möge“ (2.Kor 12:8). Seine Bitte ist verständlich, seine Erwartung naheliegend – doch die Antwort Gottes überrascht: Der Dorn bleibt. Statt Befreiung schenkt der Herr ein Wort, das das Zentrum dieser ganzen Passage bildet: „Meine Gnade ist genug für dich, denn Meine Kraft wird in Schwachheit vollkommen gemacht“ (2.Kor 12:9). Gnade bleibt hier nicht ein tröstlicher Gedanke neben der Not; sie wird zur erfahrbaren Nähe Christi, der in der Schwachheit selbst gegenwärtig ist. Paulus beschreibt, wie die Kraft Christi „über ihm stiftshütte“ – wie ein Zelt, das ihn umhüllt. Der Dorn wird nicht entfernt, aber unter diesem Zelt lernt er eine andere Art von Stärke kennen: „Deshalb habe ich Wohlgefallen an Schwachheiten, an Mißhandlungen, an Nöten, an Verfolgungen, an Ängsten um Christi willen; denn wenn ich schwach bin, dann bin ich stark“ (2.Kor 12:10).

Damit wird deutlich, wie Gott Seine Diener formt. Er führt sie auf Höhen, auf denen sie Seine Herrlichkeit schauen, und in Tiefen, in denen sie Seine Gnade als tragende Wirklichkeit erfahren. Die Autorität, mit der Paulus der Gemeinde dient, entspringt nicht nur den Visionen des dritten Himmels, sondern ebenso der Demütigung durch den Dorn. Wer nur Offenbarungen kennt, ohne Schwachheit, wird hart und hochmütig; wer nur Schwachheit kennt, ohne Offenbarung, verliert den Blick für die Größe Gottes. Bei Paulus fallen beide Linien zusammen: Er sieht weit und leidet tief – und gerade so wird Christus in ihm sichtbar.

In dieser Spannung liegt eine besondere Ermutigung. Unerfüllte Gebete, bleibende Lasten, Beschwerden, die Gott nicht weggenommen hat, bedeuten nicht, dass Er uns vergessen hätte; sie können Teil jenes Weges sein, auf dem Seine Gnade Gestalt annimmt. Wo der eigene Anspruch auf ein störungsfreies Leben schmilzt, wächst Raum für die Erfahrung, dass Gottes Kraft unsere innere Ohnmacht durchdringt. So wird der Dorn, den wir uns nie gewünscht hätten, mit der Zeit zu einem Ort, an dem das Wort Christi leise, aber nachhaltig wahr wird: Meine Gnade reicht – auch hier, auch jetzt.

Relevante Schriftstellen: 2.Kor 12:7-10, Apg. 9:15-16, Eph. 4:9-10, Hebr. 4:14-16, Eph. 6:17-18.

Diese Wahrheit ermutigt dazu, vor dem Herrn still zu werden und neu zu sehen, wie Sein Leben Denken, Fühlen und Handeln von innen her prägt.


Herr Jesus Christus, danke, dass Du Dich nicht durch äußeren Glanz, sondern durch Dein Reden, Deine Gnade und Deine Kraft in der Schwachheit verherrlichst. Du kennst die Dornen in unserem Leben, die Fragen, die Schmerzen und die Begrenzungen, die wir nicht verstehen. Lehre uns, wie Paulus, mehr auf Dein Wort zu achten als auf unsere Gefühle und hilf uns, in allem als neue Menschen in Dir zu leben. Lass Deine Gnade uns tragen, wenn wir uns selbst nicht mehr halten können, und lass Deine Kraft über uns wohnen wie ein schützendes Zelt. Richte unseren Blick weg von äußerlicher Religiosität hin zu Dir selbst, damit unser Leben und unser Dienst aus echter Offenbarung und einem tiefen Erfahren Deiner Treue hervorgehen. Stärke alle, die sich klein und schwach fühlen, mit der Gewissheit, dass Du gerade dort mächtig wirkst, und erfülle uns neu mit der Hoffnung auf Deine ewige Herrlichkeit. Amen.

Englische Quelle: Life-Study of 2 Corinthians, Chapter 55

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