Das Wort des Lebens
lebensstudium

Die Diener des neuen Bundes (11)

11 Min. Lesezeit

Manchmal merken wir, dass wir zwar an Jesus glauben, aber innerlich noch nicht wirklich im Frieden mit Gott sind: alte Verletzungen sitzen tief, wir reagieren hart auf andere und unsere Freude ist brüchig. Paulus beschreibt, wie Gottes Versöhnungswerk nicht an einem Punkt stehenbleibt, sondern uns weiter hineinzieht in seine Gerechtigkeit und uns zu Menschen mit weiten Herzen macht – gerade mitten in Druck, Spannungen und Enttäuschungen.

Gottes Gerechtigkeit werden – mehr als Vergebung

Wenn Paulus sagt, dass wir „die Gerechtigkeit Gottes“ werden, öffnet er einen Blick in den innersten Kern von Gottes Heilsplan. Vergebung bedeutet, dass unsere Schuld nicht mehr gegen uns steht; Versöhnung bedeutet, dass wir in Gott hineingenommen werden. „Den, der Sünde nicht kannte, hat Er für uns zur Sünde gemacht, damit wir in Ihm die Gerechtigkeit Gottes würden“ (2.Kor 5:21). Hier geht es nicht nur um eine neue Bilanz vor Gottes Gericht, sondern um eine neue Wirklichkeit unseres Seins: Gott teilt uns etwas von dem mit, was Er ist. Gerechtigkeit ist kein kaltes Prinzip, sondern ein lebendiger Wesenszug Gottes – seine Treue zu sich selbst, seine Zuverlässigkeit, seine geradlinige Liebe. Wenn wir in Christus seine Gerechtigkeit werden, werden wir in dieses göttliche Wesen hineingezogen.

Wir haben gesehen, dass in Kapitel 5 die Apostel den Dienst der Versöhnung empfangen haben, um Gottes Volk – nicht nur Sünder – zurück in Gott Selbst hineinzubringen, damit sie die Gerechtigkeit Gottes in Christus werden. Die Apostel waren mit diesem Dienst beauftragt worden, Gottes Volk in Ihn hineinzuführen und es organisch eins mit Ihm zu machen. Wenn wir auf diese Weise in Gott zurückgebracht werden, werden wir die Gerechtigkeit Gottes. Da Gerechtigkeit ein Attribut Gottes ist, bedeutet es, Gottes Gerechtigkeit in Christus zu werden, eben dieses göttliche Attribut zu werden. In diesem Sinn werden wir das, was Gott ist. Gott ist Gerechtigkeit, und in Christus werden wir diese Gerechtigkeit Gottes, ein Attribut dessen, was Gott Selbst ist. Wie wunderbar! Dies ist der Zweck von Gottes Errettung und das Ziel Seiner Ökonomie. (Witness Lee, Life-Study of 2 Corinthians, Botschaft zweiundvierzig, S. 377)

Darum ist Versöhnung mehr als ein juristischer Freispruch; sie ist eine organische Vereinigung. Der Dreieine Gott kommt in Christus zu uns herab, um uns in sich aufzunehmen, bis seine Gedanken unsere Gedanken prägen, seine Empfindungen unsere Empfindungen färben und seine Entscheidungen in unseren Entscheidungen wiederklingen. Je tiefer wir uns auf Christus einlassen, desto erkennbarer wird sein Leben in unserem Alltag. In Situationen, in denen wir früher von Angst, Eigensinn oder Berechnung geleitet waren, wächst eine innere Geradheit und ein leiser, aber fester Sinn für das, was Gott ehrt. So beginnt sich zu erfüllen, was sein Herz von Anfang an wollte: Menschen, in denen er sich wiedererkennt, Menschen, die in ihrer Schwachheit sein Wesen widerspiegeln. Wer sich dieser Bewegung Gottes anvertraut, entdeckt, dass Errettung nicht nur Vergangenheit aufräumt, sondern Gegenwart verwandelt und Zukunft öffnet – und dass Gottes Gerechtigkeit in Christus kein fernes Ideal bleibt, sondern ein still wachsendes Leben, das uns Schritt für Schritt umgestaltet.

Wo Gottes Gerechtigkeit Gestalt gewinnt, verliert das Herz seine Angst, sich Gott zu nähern. Die Last, sich ständig rechtfertigen zu müssen, weicht dem Vertrauen, dass Christus selbst unsere Gerechtigkeit ist und in uns zu wirken begonnen hat. In dieser Gewissheit dürfen wir mutig in die Dunkelheiten unseres Inneren hinabsehen, ohne zu verzweifeln: Was wir dort entdecken, ist nicht das letzte Wort. Das letzte Wort gehört dem, der uns in sich hineinzieht, bis sein Licht unsere Schatten durchdrungen hat. In dieser Bewegung zu leben, heißt, jeden Tag neu daran erinnert zu werden: Gottes Ziel mit mir ist höher als meine Fehler, weiter als meine Geschichte und fester als meine wechselnden Gefühle.

Den, der Sünde nicht kannte, hat Er für uns zur Sünde gemacht, damit wir in Ihm die Gerechtigkeit Gottes würden. (2.Kor 5:21)

Gottes Ziel ist nicht nur, dich von deiner Schuld zu lösen, sondern dich zu einem lebendigen Ausdruck seiner eigenen Gerechtigkeit zu machen; indem du Christus Raum gibst, bereitest du deinem Leben einen Weg, auf dem dieses göttliche Wesen still, aber unwiderruflich Gestalt gewinnt.

Volle Errettung – Versöhnung als wachsender Prozess

Paulus spricht von Versöhnung nicht als einem punktuellen Ereignis, das mit der Bekehrung abgeschlossen wäre, sondern als einem Weg, der sich vertieft. Darum nennt er die weitergehende Versöhnung „Errettung“ und wendet dieses Wort überraschend auf Gottes eigenes Volk an. „Denn Er sagt: ‚Zur annehmbaren Zeit habe Ich dich erhört, und am Tag der Errettung habe Ich dir geholfen.‘ Siehe, jetzt ist die wohlannehmbare Zeit; siehe, jetzt ist der Tag der Errettung“ (2.Kor 6:2). Er schreibt nicht an Menschen, die Christus noch nicht kennen, sondern an Glaubende, die die empfangene Gnade leicht „vergeblich“ werden lassen könnten (2.Kor 6:1). Das zeigt: Errettung ist eine Frage des Maßes. Es gibt Bereiche, in denen wir schon im Licht und im Frieden Gottes stehen, und andere, in denen unser Inneres noch auf Abstand geht.

Aus diesem Grund bezeichnet er in 6:2 die Versöhnung als Errettung. Die Errettung hier ist nicht die Errettung von Sündern; es ist die Errettung von Gottes halb versöhntem Volk. Diejenigen, die nur teilweise mit Gott versöhnt worden sind, brauchen weitere Versöhnung, weitere Errettung. Wir alle können mit Zuversicht sagen, dass wir errettet worden sind. Dennoch sind wir vielleicht noch nicht völlig errettet. (Witness Lee, Life-Study of 2 Corinthians, Botschaft zweiundvierzig, S. 378)

Dieses innere Maß lässt sich daran erkennen, worauf unser Denken ausgerichtet ist. In Römer 8:6 heißt es: „Denn der auf das Fleisch gesetzte Verstand ist Tod, aber der auf den Geist gesetzte Verstand ist Leben und Friede.“ Wo unser Sinn ungebrochen um das kreist, was uns selbst schützt, durchsetzt oder erhöht, entsteht Spannung zu Gott – Feindschaft in milder oder deutlicher Form. Wo hingegen der Geist Christi unser inneres Zentrum wird, wächst ein Frieden, der nicht von äußeren Umständen abhängt. Fehlt dieser Friede, ist das kein Anlass zur Verdammnis, sondern ein ehrlicher Hinweis: Hier wartet noch ein Stück Versöhnung, hier braucht es weitere Errettung. Gnade ist dann nicht nur ein einmal empfangenes Geschenk, sondern eine anhaltende Wirksamkeit, die uns tiefer in Gottes Willen hineinzieht, Widerstände auflöst und Verhärtungen aufbricht.

So kann jeder Tag zu einem „Tag der Errettung“ werden, nicht weil wir unsere Bekehrung ständig in Frage stellen müssten, sondern weil Gott seine anfängliche Rettung entfaltet. Manchmal geschieht dies in stillen Einsichten, in denen wir zum ersten Mal erkennen, wie sehr wir auf uns selbst vertraut haben. Manchmal durch Krisen, in denen unsere vertrauten Sicherheiten zerbrechen und wir neu lernen, dem zu trauen, den wir nicht sehen. In alledem bleibt Gottes Absicht dieselbe: Er möchte unser Herz Stück für Stück in Einklang mit sich bringen, bis die Feindschaft im Inneren verstummt und der Friede Christi unser Denken trägt. Wer diese langsame, aber beständige Bewegung Gottes wahrnimmt, lernt seine Unvollkommenheit nicht als ständige Anklage zu sehen, sondern als Einladung, die Gnade von heute nicht zu verpassen.

So wird aus dem Bewusstsein eigener Halbheit ein Raum für Hoffnung. Wir müssen uns nicht vormachen, schon „vollständig versöhnt“ zu sein, um von Gott geliebt und gebraucht zu werden. Gerade auf dem Weg, mit allen Zwischenständen, begleitet uns der, der begonnen hat, uns zu retten, und der nicht aufhören wird, bis sein Werk vollendet ist. In dieser Zuversicht verliert auch das Ringen mit inneren Spannungen etwas von seiner Schwere: Es wird Teil eines größeren Prozesses, in dem Gottes Geduld größer ist als unsere Trägheit und seine Treue stärker als unsere wechselnden Gefühle.

denn Er sagt: „Zur annehmbaren Zeit habe Ich dich erhört, und am Tag der Errettung habe Ich dir geholfen.“ Siehe, jetzt ist die wohlannehmbare Zeit; siehe, jetzt ist der Tag der Errettung. (2.Kor 6:2)

Denn der auf das Fleisch gesetzte Verstand ist Tod, aber der auf den Geist gesetzte Verstand ist Leben und Friede. (Röm. 8:6)

Dass deine Errettung noch nicht in allem voll erfahrbar ist, bedeutet nicht, dass Gottes Werk an dir unsicher wäre, sondern dass seine Gnade noch Raum hat, täglich neue Bereiche deines Herzens zu erreichen und aus innerer Spannung in seinen Frieden zu führen.

Ein weites Herz – Kennzeichen des Dieners des neuen Bundes

Ein Kennzeichen derer, die in der Versöhnung mit Gott wachsen, ist ein Herz, das weiter geworden ist. Paulus beschreibt sich und seine Mitarbeiter mit einer Reihe von Spannungsfeldern: „als Traurige, aber allezeit uns freuend; als Arme, aber viele reich machend; als nichts habend und (doch) alles besitzend“ (2.Kor 6:10). Dazwischen steht eine Lebensweise, die durch Bedrängnisse, Schläge, Missverständnisse und falsche Urteile hindurchgegangen ist und dennoch Reinheit, Langmut, Güte, „ungeheuchelte Liebe“ und „das Reden der Wahrheit“ bewahrt (2.Kor 6:4–7). Aus diesem geprägten Leben heraus ruft er den Korinthern zu: „Unser Mund hat sich euch gegenüber aufgetan, ihr Korinther; unser Herz ist weit geworden“ (2.Kor 6:11). Der Dienst des neuen Bundes ist kein enges, misstrauisches Dienen, sondern ein Dienst mit geweitetem Herzen.

Wenn wir völlig mit Gott versöhnt und völlig errettet sein wollen, müssen wir in unserem Herzen erweitert werden. Paulus appellierte an die Korinther, erweitert zu werden: „Ihr seid nicht beengt in uns, sondern ihr seid beengt in euren inneren Teilen; nun aber, als Entgelt in gleicher Art – ich rede wie zu Kindern – werdet auch ihr erweitert“ (2.Korinther 6:12–13). (Witness Lee, Life-Study of 2 Corinthians, Botschaft zweiundvierzig, S. 379)

Dieses weite Herz zeigt sich gerade darin, dass Paulus zwischen Gottes Maßstab und menschlicher Schwachheit unterscheiden kann. Er verharmlost Sünde nicht, aber er schreibt Menschen nicht vorschnell ab. Er hält fest an der Wahrheit, ohne die Beziehung preiszugeben. Deshalb kann er sagen: „Ihr nehmt in uns keinen engen Raum ein, aber eng ist der Raum in euren inneren Teilen“ (2.Kor 6:12). Die Engheit liegt nicht in der Strenge des Evangeliums, sondern in den verengten inneren Räumen derer, die sich schützen, recht behalten und nicht mehr verletzt werden wollen. Ein vergrößertes Herz ist dagegen bereit, Spannungen auszuhalten, ohne innerlich zu verhärten, und Wunden zu vergeben, ohne sie ständig neu hervorzuholen. Im Alltag von Ehe, Familie und Gemeindeleben hat das ein sehr konkretes Gesicht: Es zeigt sich darin, dass alte Kränkungen nicht immer wieder auf den Tisch kommen müssen, dass man nicht jede Schwäche des anderen fixiert, sondern auch den Raum sieht, in dem Gott bereits wirkt.

Solche Herzensweite ist kein natürlicher Charakterzug, sondern Frucht der Versöhnung. Wo wir erfahren, wie großzügig Gott mit uns umgeht, wie weit sein Herz für uns geöffnet ist, wächst die Bereitschaft, anderen gegenüber barmherzig zu sein. „Werdet auch ihr weit“ (2.Kor 6:13) ist deshalb kein moralischer Appell im luftleeren Raum, sondern die Einladung, aus empfangener Gnade zu leben. Ein Herz, das weiß, wie viel ihm vergeben wurde, verliert nach und nach das Bedürfnis, alles festzuhalten, was ihm angetan wurde. Es lernt zu vergeben und auch zu vergessen, nicht aus Leichtfertigkeit, sondern weil das Gewicht der Vergangenheit gegenüber dem Reichtum der Gegenwart Christi kleiner geworden ist.

In dieser Bewegung zu einem weiteren Herzen liegt eine stille Freude. Beziehungen müssen nicht an jeder Verletzung zerbrechen; Gemeindeleben muss nicht von unausgesprochenen Listen und stillen Rechnungen geprägt sein. Wenn das Herz weiter wird, gewinnt auch Gott mehr Raum, seine Versöhnung durch uns hindurch wirken zu lassen. Dann werden Menschen in unserer Nähe etwas von dem spüren, was Paulus beschreibt: einen Dienst, der in den Spannungen des Lebens nicht bitter wird, sondern in Christus weit, tragfähig und erstaunlich großzügig bleibt.

als Traurige, aber allezeit uns freuend; als Arme, aber viele reich machend; als nichts habend und (doch) alles besitzend. (2.Kor 6:10)

Unser Mund hat sich euch gegenüber aufgetan, ihr Korinther; unser Herz ist weit geworden. Ihr nehmt in uns keinen engen Raum ein, aber eng ist der Raum in euren inneren Teilen. Doch als Gegenlohn in gleicher Weise – ich rede als zu Kindern –: Werdet auch ihr weit. (2.Kor 6:11-13)

Ein weites Herz ist nicht die Leistung starker Menschen, sondern die Spur eines Gottes, der dir in deiner eigenen Enge immer wieder entgegengekommen ist und dich nun befähigt, anderen denselben Raum zu geben, den du bei Ihm gefunden hast.


Herr Jesus, führe uns im Licht Deines Wortes und schenke uns Gnade, die gezeigte Wahrheit nicht nur zu verstehen, sondern im Alltag aus Deinem Leben zu erfahren. Bewahre uns in Deiner Gegenwart, damit unser Denken, Reden und Dienen von Dir geprägt wird und Dein Name in der Gemeinde verherrlicht wird. Amen.

Englische Quelle: Life-Study of 2 Corinthians, Chapter 42

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