Das Wort des Lebens
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Das Getötetwerden Jesu und die Erneuerung des inneren Menschen (1)

10 Min. Lesezeit

Viele Christen verbinden geistlichen Erfolg mit sichtbaren Ergebnissen, wachsenden Zahlen und beeindruckenden Projekten. Beim Lesen des zweiten Korintherbriefes fällt jedoch auf, dass Paulus seine Glaubwürdigkeit gerade nicht mit seiner Erfolgsbilanz begründet. Stattdessen öffnet er ein Fenster in sein verborgenes Leben mit dem Herrn und spricht von Schwachheit, Leiden und dem geheimnisvollen “Getötetwerden Jesu” in seinem eigenen Leib – und gerade so wird das Leben Jesu durch ihn wirksam.

Jesus – ein Leben statt ein Werk

Wenn Paulus in seinem zweiten Brief an die Korinther von seinem Dienst spricht, überrascht die Schlichtheit seiner Sprache: Er spricht nicht vom „Herrn der Herrlichkeit“ oder vom „Christus“, sondern wiederholt von „Jesus“, und er verbindet diesen Namen mit einem Lebensweg, nicht mit einer Liste großartiger Werke. In den Evangelien tritt der Sohn Gottes nicht als geistlicher Unternehmer auf, der Projekte plant, Bewegungen organisiert und sichtbare Erfolge sammelt. Er lebt. Er wohnt in Nazareth, geht zu den Verachteten, hört dem Vater zu, entzieht sich der Bühne, wenn die Menge ihn zum König machen will. Nach der Speisung der Fünftausend, als die Begeisterung ihren Höhepunkt erreicht, zieht er sich zurück. Es heißt über die Menschen: “Als nun die Leute das Zeichen sahen, das Jesus tat, sprachen sie: Dieser ist wahrhaftig der Prophet, der in die Welt kommen soll” (Johannes 6:14). Sie denken in Kategorien von Wirkung und Durchbruch, er denkt in Kategorien von Gehorsam und Kreuz.

Die vier Evangelien legen nicht den Schwerpunkt darauf, was der Herr tat und welche Werke Er vollbrachte. Der Bericht über den Herrn Jesus in den Evangelien ist vor allem ein Bericht des Lebens. In den Evangelien liegt die Betonung auf dem Leben, nicht auf Werken oder Aktivitäten. Die Evangelien sind Biographien, die eine Person zeigen, die auf eine bestimmte Weise lebt. (Witness Lee, Life-Study of 2 Corinthians, Botschaft dreiunddreißig, S. 300)

Paulus greift genau diesen Ton auf. In seinem Zeugnis steht nicht an erster Stelle, welche Gemeinden er gegründet und welche Wunder geschehen sind, sondern dass das Leben Jesu sich in seinem sterblichen Körper ausprägt. In 2. Korinther 4 ist der Dienst des neuen Bundes nicht eine Arena für beeindruckende Werke, sondern eine Bühne für das stille Wirken eines Lebens, das vom Vater herkommt. Weil Gott zuerst auf das Leben sieht, das aus der Gemeinschaft mit Christus fließt, werden Werke relativiert, die nur äußerlich glänzen. Das entlastet und stellt zugleich in Frage: Erfolg ist vor Gott nicht das, was viele sehen, sondern das, was der Vater im Verborgenen erkennt. Aus dieser Sicht wird das Christsein nicht ärmer, sondern reicher. Ein unscheinbarer Tag, in dem jemand in innerer Übereinstimmung mit Jesus handelt, hat vor Gott mehr Gewicht als eine Woche voller Aktivitäten ohne wahre Nähe zu ihm. Wer das erkennt, muss die großen Werke nicht verachten, aber er lernt, sie nur noch als Frucht eines Lebens mit Jesus zu sehen – und findet darin eine stille, nachhaltige Freude, die nicht an äußere Ergebnisse gebunden ist.

Als nun die Leute das Zeichen sahen, das Jesus tat, sprachen sie: Dieser ist wahrhaftig der Prophet, der in die Welt kommen soll. (Joh. 6:14)

Wo das Leben Jesu wichtiger wird als der Nachweis großer Werke, entsteht Freiheit: Freiheit von der Jagd nach messbarem Erfolg und Freiheit zu einem einfachen, treuen Gehen mit Christus. Ein Tag, der äußerlich unscheinbar bleibt, kann innerlich reich sein, wenn er aus der Gemeinschaft mit ihm geboren ist. So wird der Blick neu ausgerichtet: weg von der Frage, was man für Gott „leisten“ kann, hin zu der Frage, wie sein Leben Raum bekommt, in den uns anvertrauten, oft kleinen Situationen. In dieser Verschiebung reift ein stiller Mut, auch dann weiterzugehen, wenn niemand applaudiert, weil der Wert eines solchen Lebens in Gott selbst verankert ist.

Getötetwerden Jesu – Leben in zerbrechlichen Gefäßen

Das Wort, das Paulus in 2. Korinther 4 für seinen Weg wählt, ist hart und zugleich zart: “allezeit tragen wir das Zu-Tode-gebracht-Werden von Jesus im Leib umher, damit auch das Leben Jesu in unserem Leib offenbar werde” (2. Korinther 4:10). Er spricht nicht theoretisch vom Kreuz, sondern von einem fortdauernden „Getötetwerden“, das seinen Körper und seine Gefühle erreicht. Er ist bedrängt, ohne einzuengen; ratlos, aber nicht verzweifelt; verfolgt, aber nicht verlassen. Das sind keine heroischen Schlagworte, sondern die Sprache eines menschlich überforderten, innerlich jedoch gehaltenen Menschen. Damit macht Paulus deutlich: Das Sterben Jesu setzt sich in seinem Alltag fort, nicht indem er etwas zur Erlösung hinzufügt, sondern indem derselbe Geist, der Jesus seinen Weg in Niedrigkeit und Ablehnung gehen ließ, jetzt auch seinen Weg als Apostel prägt.

In Vers 10 sagt Paulus: „Allezeit das Sterben Jesu am Leib umhertragend, damit auch das Leben Jesu an unserem Leib offenbar werde.“ Hier bezieht sich Paulus auf den Tod Jesu und auf das Leben Jesu. In Vers 11 fährt er fort: „Denn wir, die wir leben, werden allezeit dem Tod überliefert um Jesu willen, damit auch das Leben Jesu an unserem sterblichen Fleisch offenbar werde.“ (Witness Lee, Life-Study of 2 Corinthians, Botschaft dreiunddreißig, S. 299)

Auffällig ist, wie stark Paulus die Zerbrechlichkeit des Gefäßes betont. Er spricht von „unserem sterblichen Fleisch“ und zeigt, wie sehr die göttliche Kraft in einem Körper wohnt, der müde wird, verwundet werden kann und menschlich reagiert. In 2. Korinther 4:11 heißt es: “Denn wir, die wir leben, werden allezeit dem Tod ausgeliefert um Jesu willen, damit auch das Leben Jesu in unserem sterblichen Fleisch offenbar werde.” Gerade dieses Spannungsfeld – äußerlich angefochten, innerlich getragen – ist für ihn Kennzeichen des Dienstes des neuen Bundes. Gottes Ziel ist nicht, aus seinen Dienern unverwundbare Helden zu machen, sondern Gefäße, in denen deutlich wird, dass das Leben, das trägt und weitergibt, nicht aus ihnen selbst stammt. So wird die eigene Schwachheit nicht romantisiert, aber sie verliert ihren Schrecken: Sie wird zu dem Raum, in dem das unzerstörbare Leben Jesu aufleuchtet. Wer in dieser Weise das Getötetwerden Jesu kennt, erfährt, dass sein Dienst weniger darin besteht, sich selbst zu beweisen, sondern darin, in allen Brüchen und Begrenzungen den auferstandenen Christus sichtbar werden zu lassen.

In dieser Perspektive verändert sich auch der Blick auf Verletzungen, Enttäuschungen und verborgene Kämpfe. Sie bleiben schmerzhaft, aber sie müssen nicht mehr das letzte Wort haben. Das „mortal Fleisch“ wird nicht verdrängt, sondern angenommen als Ort, an dem das göttliche Leben Wohnung nimmt. So können auch sehr zerbrechliche Menschen zu Trägern einer erstaunlichen Hoffnung werden: nicht weil sie stark wirken, sondern weil das Leben Jesu in ihrer Schwachheit Gestalt gewinnt. Aus dieser Einsicht wächst ein leiser Trost: Kein Stück unseres Weges, das vom Getötetwerden Jesu gezeichnet ist, ist vergeblich; überall dort, wo wir dem Sterben Jesu verbunden werden, bereitet Gott zugleich Räume, in denen seine Lebenskraft sichtbar wird – oft unscheinbar, aber tief wirksam.

Denn wir, die wir leben, werden allezeit dem Tod ausgeliefert um Jesu willen, damit auch das Leben Jesu in unserem sterblichen Fleisch offenbar werde. (2.Kor 4:11)

Wer das Sterben Jesu als Muster seines Alltags erkennt, muss sich nicht mehr schämen, schwach und angefochten zu sein. Zerbrechlichkeit wird nicht zum Makel, sondern zur Öffnung für das Leben Jesu. Im Licht dieser Wahrheit dürfen auch die dunklen Abschnitte eines Dienstes oder Lebenswegs neu gelesen werden: nicht als Beweise des Scheiterns, sondern als Stellen, an denen Gott Raum gewinnt, das Eigene zurückzunehmen und seine Auferstehungskraft umso deutlicher hervortreten zu lassen. So entsteht eine stille Hoffnung: Selbst da, wo alles nach Abbruch aussieht, kann das unscheinbare, aber reale Leben Jesu weiterwirken und Menschen berühren.

Durch Sterben Leben weitergeben – die Erneuerung des inneren Menschen

Die kurze Zusammenfassung, die Paulus mitten in seinem Bericht über Leiden und Bewahrung gibt, ist von einer schlichten, aber schneidenden Klarheit: “So wirkt nun der Tod in uns, das Leben aber in euch” (2. Korinther 4:12). Sein eigener Weg ist vom Mitsterben mit Jesus gekennzeichnet, und gerade dadurch fließt Leben zu anderen. Von außen gesehen wird er aufgerieben; innerlich aber geschieht etwas, das er als Erneuerung beschreibt. Der Druck, die Entbehrungen, das schrittweise Loslassen von Sicherheiten brechen das Vertrauen auf die eigene Kraft und das Bedürfnis, alles unter Kontrolle zu behalten. In diesem Zerbrechen gewinnt der Heilige Geist Raum, Christus tiefer in den inneren Menschen einzuprägen.

In Vers 12 sagt Paulus: „So wirkt also der Tod in uns, das Leben aber in euch.“ In diesem Vers bezieht er sich auf sein Werk. Sein Werk war ein Werk des Todes, der in ihm wirkte. Was ist das Werk der Apostel? Das Werk der Apostel ist das Werk des Todes, der in ihnen wirkt, damit das Leben in den Gläubigen wirken kann. (Witness Lee, Life-Study of 2 Corinthians, Botschaft dreiunddreißig, S. 305)

Darum kann Paulus über seinen Weg sagen: “Darum verlieren wir nicht den Mut; sondern wenn auch unser äußerer Mensch verfällt, so wird doch unser innerer Mensch Tag für Tag erneuert” (2. Korinther 4:16). Was äußerlich nach Abbau aussieht, wird innerlich zu einem Wachstum im Leben bis zur Reife. Die Leiden werden nicht romantisiert, aber sie erscheinen im Licht eines größeren Horizonts. Er beschreibt sie als „augenscheinliche Leichtgewichtigkeit“ im Vergleich zu dem „ewigen Gewicht an Herrlichkeit“ (2. Korinther 4:17), das sie hervorbringen. Gott verwandelt das Mitsterben mit Jesus in einen Weg der Vertiefung: Die Sicht auf das Unsichtbare wird klarer, die Bindung an das Zeitliche wird gelockert, und die Liebe zu Christus gewinnt Schwere, Tragfähigkeit, Bestand.

So wird das Getötetwerden Jesu nicht zu einem düsteren Leitmotiv, sondern zu einer verborgenen Quelle von Trost und Hoffnung. Es bedeutet nicht, dass das Leben permanent dunkel sein muss, wohl aber, dass durch jeden Schatten hindurch eine leise, aber unaufhaltsame Erneuerung geschieht. Der innere Mensch wird nicht auf einmal, sondern „Tag für Tag“ erneuert. In dieser Perspektive bekommen auch die unscheinbaren, ermüdenden oder schmerzhaften Abschnitte des Weges eine neue Farbe: Sie können zu Orten werden, an denen Gottes Geist tiefer greift, alte Sicherheiten löst und eine stille, beständige Lebenskraft in uns verankert. Wer das im Rückblick entdeckt, beginnt seine Geschichte anders zu lesen – nicht als Abfolge zufälliger Lasten, sondern als Weg, auf dem Gott Schritt für Schritt den inneren Menschen formt und durch die eigene Schwachheit hindurch anderen Leben weitergibt.

Darum verlieren wir nicht den Mut; sondern wenn auch unser äußerer Mensch verfällt, so wird doch unser innerer Mensch Tag für Tag erneuert. (2.Kor 4:16)

Gott nimmt die Erfahrungen des Verfalls des äußeren Menschen nicht, um uns zu brechen und liegenzulassen, sondern um den inneren Menschen zu erneuern und durch uns Leben auszuteilen. Wenn der Blick sich weg von den sichtbaren Erfolgen und Einbußen hin zu dem richtet, was er uns innerlich schenken will, verlieren die Leiden nicht ihren Schmerz, aber sie verlieren ihre Macht, den Mut zu nehmen. In dieser leisen Umwertung wächst eine Hoffnung, die tiefer reicht als jede Stimmung: dass Gott aus jedem Mitsterben mit Jesus ein Mehr an Leben, an innerer Klarheit und an beständiger, tragender Herrlichkeit hervorbringt – für uns selbst und für Menschen, die durch unser Leben gestärkt werden, oft ohne dass wir es merken.


Herr Jesus, du bist nicht als großer Religionsgründer gekommen, sondern als das sanfte Lamm Gottes, das in Verborgenheit, Gehorsam und Hingabe seinen Weg gegangen ist. Danke, dass dein Leben stärker ist als jede Schwachheit, jede Begrenzung und jedes Leid, das wir erfahren. Wo wir das Getötetwerden Jesu in unserem Alltag erleben, öffne unsere Augen für die stille, aber mächtige Wirkung deines Auferstehungslebens in unserem inneren Menschen. Lass gerade unsere Zerbrechlichkeit zum Raum werden, in dem deine Herrlichkeit aufleuchtet und andere durch uns Leben empfangen. Stärke den Glauben, dass keine Träne und kein unscheinbarer Gehorsam vor dir verloren ist, sondern alles in deine ewige Herrlichkeit eingewoben wird. Halte unsere Herzen fest in der Hoffnung auf dich, bis dein Leben in uns ganz offenbar wird. Amen.

Englische Quelle: Life-Study of 2 Corinthians, Chapter 33

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