Die Diener des neuen Bundes (1)
Viele Christen sehnen sich danach, Gott wirksam zu dienen, fühlen sich dabei aber schnell überfordert oder innerlich leer. Paulus beschreibt in 2.Kor 3.nicht zuerst Methoden oder Programme, sondern Menschen, die von innen her von Christus durchdrungen sind. Entscheidend ist nicht, wie begabt jemand ist, sondern woraus sein Dienst entspringt: aus eigener Anstrengung oder aus der Wirklichkeit des Herrn, der als Geist in uns lebt und wirkt.
Hoffnung und Kühnheit aus der bleibenden Herrlichkeit
Paulus beschreibt die Diener des neuen Bundes als Menschen, deren Blick von einer Herrlichkeit bestimmt ist, die nicht vergeht. Im Hintergrund steht ihm Mose vor Augen, der vom Berg Sinai herabstieg, die Tafeln des Gesetzes in den Händen, und dessen Gesicht leuchtete. In 2. Mose 34 wird berichtet, wie die Haut seines Angesichts strahlte, sodass Aaron und die Kinder Israels sich fürchteten, zu ihm heranzutreten. Am Ende dieses Abschnitts heißt es: „Als nun Mose aufgehört hatte, mit ihnen zu reden, legte er eine Decke auf sein Gesicht“ (2.Mose 34:33). Das Leuchten war real, doch es war an eine bestimmte Begebenheit, an eine äußere Begegnung mit Gott gebunden und es war vorübergehend. Es kündigte eine Herrlichkeit an, die größer ist als der Dienst des Gesetzes selbst. Gerade darin liegt die Begrenzung: Die Herrlichkeit des Gesetzes ist verklärt, aber sie verweilt nicht bleibend auf dem Diener.
In Vers 12 sagt Paulus jedoch, dass die Diener des neuen Bundes Hoffnung haben, denn die strahlende Herrlichkeit des Dienstes des neuen Bundes bleibt für immer. In einer solchen Hoffnung übten die Apostel große Freimütigkeit aus. Wenn du das Buch 2. Mose aufmerksam liest, wirst du sehen, dass Mose beim Geben des Gesetzes nicht so viel Freimütigkeit hatte, wie die Apostel beim Dienen Christi. Je mehr sie dienten, desto mehr Freimütigkeit hatten sie. Je länger sie dienten, desto freimütiger wurden sie. Ihre Freimütigkeit entsprang ihrem Vertrauen in die ewige Herrlichkeit. (Witness Lee, Life-Study of 2 Corinthians, Botschaft acht, S. 67)
Dem stellt Paulus die Situation der Apostel gegenüber: „Da wir nun eine solche Hoffnung haben, so gehen wir mit großer Freimütigkeit vor“ (2.Kor 3:12). Ihre Hoffnung entspringt nicht mehr einem zeitlich begrenzten Glanz auf einem menschlichen Angesicht, sondern der Gewissheit, dass die Herrlichkeit Christi, des Erhöhten, weder abnimmt noch verdunkelt wird. Das Evangelium ist für sie nicht ein System von Lehrsätzen, sondern die Offenbarung eines verherrlichten Herrn, dessen Licht durch alle Zeiten hindurch tragfähig bleibt. Deshalb konnte Gott, wie es heißt, „uns in dem Christus allezeit im Triumph einherführen und den Duft Seiner Erkenntnis durch uns an jedem Ort offenbar machen“ (2.Kor 2:14). Ablehnung, Widerstand oder auch lange Phasen scheinbaren Stillstands verlieren in diesem Licht ihre letzte Deutungshoheit. Die Diener rechnen damit, dass die Herrlichkeit des neuen Bundes – die Gegenwart Christi selbst – stärker ist als alle wechselnden Umstände und Meinungen und dass sie sich schließlich durchsetzt, auch wenn dies oft im Verborgenen geschieht. Aus dieser Sicht erwächst eine stille, aber starke Kühnheit: Die innere Zuversicht gründet sich nicht auf sofort sichtbare Resultate, sondern auf die unvergängliche Person des Herrn und auf die bleibende Herrlichkeit Seines Dienstes. Darin liegt eine Ermutigung, den Weg des Dienstes nicht an kurzfristigen Eindrücken zu messen, sondern an der Treue dessen, der sein eigenes Werk zur Vollendung bringt.
Als nun Mose aufgehört hatte, mit ihnen zu reden, legte er eine Decke auf sein Gesicht. (2.Mose 34:33)
Da wir nun eine solche Hoffnung haben, so gehen wir mit großer Freimütigkeit vor (2.Kor 3:12)
Wer im Licht der bleibenden Herrlichkeit Christi lebt, wird innerlich freier gegenüber dem Urteil der Zeit und der Menschen. Hoffnung und Kühnheit nähren sich dann nicht aus Erfolgskurven, sondern aus der Gewissheit, dass der verherrlichte Herr selbst hinter dem unscheinbaren Dienst steht. Diese Hoffnung bewahrt davor, in Bitterkeit oder Resignation zu versinken, und öffnet Raum für eine beständige, ruhige Treue, die ihren Lohn nicht im Sichtbaren, sondern in der kommenden Herrlichkeit erkennt.
Ein gewandeltes Herz und der Herr als der Geist
Die innere Konstitution eines Dieners des neuen Bundes beginnt nicht mit gesteigertem religiösem Eifer, sondern mit einem gewandelten Herz. Paulus zeichnet ein ernstes Bild von Israel: „Aber ihr Sinn ist verstockt worden, denn bis auf den heutigen Tag bleibt dieselbe Decke auf der Verlesung des Alten Testaments und wird nicht aufgedeckt, weil sie (nur) in Christus beseitigt wird. Aber bis heute, sooft Mose gelesen wird, liegt eine Decke auf ihrem Herzen“ (2.Kor 3:14–15). Die Schriften werden gehört, der Buchstabe ist bekannt, und doch fehlt der Durchbruch zur inneren Wirklichkeit. Das Herz selbst, von vielen anderen Dingen in Anspruch genommen, wird zur Decke, die Christus verbirgt, auf den gerade diese Schriften hinweisen. So konnte der Herr zu den Juden sagen: „Wenn ihr aber seinen Schriften nicht glaubt, wie werdet ihr meinen Worten glauben?“ (Johannes 5:47). Der Zugang zur Schrift ist tief mit der Stellung des Herzens zum Herrn verbunden.
Vers 16 sagt: „Wenn es aber zum Herrn umkehrt, wird die Decke weggenommen.“ Nach Vers 15 muss sich „es“ auf das Herz der Söhne Israels beziehen. Das zeigt, dass ihr Herz vom Herrn weg ist, wenn die Decke auf ihrem Herzen liegt. Wenn ihr Herz sich dem Herrn zuwendet, wird die Decke weggenommen. Tatsächlich ist ihr abgewandtes Herz die Decke. Ihr Herz dem Herrn zuzuwenden bedeutet, die Decke wegzunehmen. (Witness Lee, Life-Study of 2 Corinthians, Botschaft acht, S. 68)
Der Wendepunkt, den Paulus beschreibt, ist schlicht und zugleich tiefgreifend: „doch wenn immer ihr Herz sich zum Herrn hinwendet, wird der Schleier weggenommen“ (2.Kor 3:16). Das Problem liegt nicht zuerst im Verstehen, sondern in der Ausrichtung des Inneren. Wenn das Herz sich dem Herrn öffnet, beginnt die Decke zu weichen, Licht fällt hinein, und die Schrift beginnt von Christus her zu sprechen. Paulus’ eigene Bekehrung auf dem Weg nach Damaskus spiegelt das wider: Auf seine Frage „Wer bist du, Herr?“ (Apg. 9:5) antwortet ihm der verherrlichte Jesus, und wenig später fallen ihm wie Schuppen von den Augen. Dabei wird deutlich, wer der Herr ist, dem sich das Herz zuwendet: „Und der Herr ist der Geist; und wo der Geist des Herrn ist, da ist Freiheit“ (2.Kor 3:17). Der erhöhte Christus wohnt als lebengebender Geist in den Seinen. Dort, wo Er Raum gewinnt, löst sich die Bindung an bloßen Buchstaben, an die Verdammnis des Gesetzes und an äußerliche Frömmigkeit. Die Dienstfähigkeit des neuen Bundes entspringt darum einem inneren Raum, in dem das Herz dem Herrn als dem innewohnenden Geist zugewandt ist und in der Freiheit lebt, die Er schenkt. Aus einem solchen Herzen wächst ein Dienst, der nicht mehr aus religiöser Pflicht, sondern aus einer lebendigen Beziehung und einer inneren Klarheit über Christus hervorgeht.
Aber ihr Sinn ist verstockt worden, denn bis auf den heutigen Tag bleibt dieselbe Decke auf der Verlesung des Alten Testaments und wird nicht aufgedeckt, weil sie (nur) in Christus beseitigt wird. Aber bis heute, sooft Mose gelesen wird, liegt eine Decke auf ihrem Herzen. doch wenn immer ihr Herz sich zum Herrn hinwendet, wird der Schleier weggenommen. (2.Kor 3:14-16)
Wenn ihr aber seinen Schriften nicht glaubt, wie werdet ihr meinen Worten glauben? (Joh. 5:47)
Diese Wahrheit ermutigt dazu, vor dem Herrn still zu werden und neu zu sehen, wie Sein Leben Denken, Fühlen und Handeln von innen her prägt.
Mit aufgedecktem Angesicht in das Bild Christi verwandelt
Wenn Paulus vom Dienst des neuen Bundes spricht, führt er uns in eine Bewegung hinein, die vom Innern ausgeht: „Wir alle aber, die wir wie ein Spiegel mit unverschleiertem Angesicht die Herrlichkeit des Herrn anschauen und widerspiegeln, werden in dasselbe Bild umgewandelt von Herrlichkeit zu Herrlichkeit, so wie von dem Herrn Geist“ (2.Kor 3:18). Das aufgedeckte Angesicht setzt voraus, dass die Decken des Herzens gewichen sind und kein religiöser Schleier mehr zwischen dem Gläubigen und dem Herrn steht. Das Anschauen geschieht nicht äußerlich, sondern im verborgenen Umgang mit Christus, im Licht seines Wortes und in der feinen Berührung durch seinen Geist. Wie ein Spiegel nicht aus sich selbst leuchtet, sondern das empfangene Licht zurückwirft, so hat der Diener des neuen Bundes keine eigene Herrlichkeit vorzubringen; was an ihm sichtbar wird, ist die Ausstrahlung des Herrn, den er innerlich vor Augen hat.
Der Geist in Vers 17, der der endgültige Ausdruck des Dreieinen Gottes ist, war in Johannes 7:39 noch nicht da, weil Jesus zu jener Zeit noch nicht verherrlicht war. Er hatte den Prozess, den Er als die Verkörperung Gottes durchlaufen musste, noch nicht vollendet. Nach Seiner Auferstehung, das heißt nachdem Er alle Prozesse vollendet hatte – wie Menschwerdung, Kreuzigung und Auferstehung –, die der Dreieine Gott im Menschen für Seine erlösende Ökonomie durchlaufen musste, wurde Er zu einem Leben gebenden Geist (1.Kor. 15:45). (Witness Lee, Life-Study of 2 Corinthians, Botschaft acht, S. 71)
Diese Umwandlung ist mehr als moralische Veredelung oder fromme Stilkorrektur. Sie ist ein Vorgang, in dem der lebengebende Geist die Elemente der Person Christi in unser Wesen hineinlegt. Der Dreieine Gott ist durch Menschwerdung, Kreuzigung und Auferstehung hindurchgegangen, und „der letzte Adam wurde zu einem Leben gebenden Geist“ (1.Kor 15:45). Dieser Geist wohnt in den Gläubigen und wirkt in ihnen wie eine innere Lebenskraft, die sie nicht von außen unter Druck setzt, sondern von innen her umgestaltet. Darum mahnt Paulus: „Und lasst euch nicht nach diesem Zeitalter formen, sondern lasst euch umwandeln durch die Erneuerung des Verstandes, damit ihr prüfen könnt, was der Wille Gottes ist: das, was gut und wohlgefällig und vollkommen ist“ (Röm. 12:2). Schritt für Schritt, „von Herrlichkeit zu Herrlichkeit“, wird der Gläubige dem Bild des Sohnes gleichgestaltet, sodass die Gestalt Christi in seinem Denken, Fühlen und Handeln Gestalt gewinnt. So entsteht ein Dienst, der nicht aus angestrengter Nachahmung, sondern aus einer wachsenden inneren Ähnlichkeit mit Christus hervorgeht. In dieser Perspektive darf jeder Tag, mit seinen Spannungen und Freuden, zu einem Ort werden, an dem der Herr als der Geist weiterformt, klärt und vertieft – bis die Umrisse seines Bildes in uns deutlicher sichtbar werden und andere in unserem Leben etwas von der kommenden Herrlichkeit ahnen.
Wir alle aber, die wir wie ein Spiegel mit unverschleiertem Angesicht die Herrlichkeit des Herrn anschauen und widerspiegeln, werden in dasselbe Bild umgewandelt von Herrlichkeit zu Herrlichkeit, so wie von dem Herrn Geist. (2.Kor 3:18)
So steht auch geschrieben: „Der erste Mensch, Adam, wurde zu einer lebendigen Seele“; der letzte Adam wurde zu einem Leben gebenden Geist. (1.Kor 15:45)
Diese Wahrheit ermutigt dazu, vor dem Herrn still zu werden und neu zu sehen, wie Sein Leben Denken, Fühlen und Handeln von innen her prägt.
Herr Jesus, führe uns im Licht Deines Wortes und schenke uns Gnade, die gezeigte Wahrheit nicht nur zu verstehen, sondern im Alltag aus Deinem Leben zu erfahren. Bewahre uns in Deiner Gegenwart, damit unser Denken, Reden und Dienen von Dir geprägt wird und Dein Name in der Gemeinde verherrlicht wird. Amen.
Englische Quelle: Life-Study of 2 Corinthians, Chapter 8