Das Wort des Lebens
lebensstudium

Der Tisch des Herrn (1)

11 Min. Lesezeit

Beim Brotbrechen ist vieles vertraut: Brot, Kelch, stille Gebete, Lieder. Doch hinter diesen einfachen Zeichen steht ein geistlicher Wirklichkeitstisch, der weit über eine rituelle Erinnerung hinausgeht. Paulus verbindet das Mahl des Herrn in 1.Kor 10:14-22 mit ernsten Warnungen vor Götzenbildern, Dämonen und einem ganzen Lebensstil der Zerstreuung. Wer verstehen will, was am Tisch des Herrn wirklich geschieht, muss sich dieser Spannung stellen: Teilnahme an Christus oder Teilnahme an fremden Tischen; wahre Anbetung oder eine feinere Form von Götzenanbetung; Oberfläche des Rituals oder tiefes Erleben des ‚guten Landes‘, das Gott seinem Volk verheißen hat.

Gemeinschaft am Blut und Leib Christi

Wenn Paulus den Kelch „Kelch des Segens“ nennt und dann fragt: „ist er nicht die Gemeinschaft des Blutes Christi? Das Brot, das wir brechen, ist es nicht die Gemeinschaft des Leibes Christi?“ (1.Kor 10:16), öffnet er einen Blick hinter das Sichtbare. Brot und Kelch sind nicht nur Zeichen, die wir ansehen, und auch nicht nur Handlungen, die wir äußerlich vollziehen. Im Bild des Essens steckt eine tiefe Wirklichkeit: Was wir essen, geht in uns ein, wird uns zur Kraft und formt uns. Wenn wir am Tisch des Herrn Brot nehmen und den Kelch trinken, sagen wir im Glauben Ja dazu, dass das vergossene Blut und der gegebene Leib Christi unsere innerste Wirklichkeit werden. Sein Tod für uns wird der Tod, in den wir mit hineingenommen sind; seine Auferstehung wird die Kraft, aus der wir leben. So wird die Gemeinschaft am Mahl zu einem Hineingenommenwerden in das, was Christus für uns getan hat – und zugleich zu einem Teilhaben an dem, was er jetzt ist: der auferstandene Herr, der sich selbst zur Speise und zum Trank gibt.

Der Kelch des Segens, den wir segnen, ist er nicht die Gemeinschaft des Blutes Christi? Das Brot, das wir brechen, ist es nicht die Gemeinschaft des Leibes Christi? … Das griechische Wort, das mit Gemeinschaft wiedergegeben wird, bedeutet auch gemeinsame Teilhabe. Die Gemeinschaft hier bezieht sich auf die Gemeinschaft des Gläubigen in der gemeinsamen Teilhabe am Blut und Leib Christi. Dies macht uns, die Teilnehmer am Blut und Leib des Herrn, nicht nur untereinander eins, sondern auch eins mit dem Herrn. Wir, die Teilnehmer, identifizieren uns selbst mit dem Herrn in der Gemeinschaft Seines Blutes und Seines Leibes. (Witness Lee, Life-Study of 1 Corinthians, Botschaft neunundvierzig, S. 454)

Diese Gemeinschaft hat eine vertikale und eine horizontale Seite, die sich gegenseitig durchdringen. Vertikal bedeutet sie: Wir treten bewusst in die Gemeinschaft mit Christus ein, der uns durch sein Blut Zugang zu Gott eröffnet hat. Sein Blut spricht stärker als jede Anklage und jede Erinnerung an die Vergangenheit; es ist das Blut des Bundes, das uns in eine neue Beziehung des Vertrauens hineinführt. Horizontal bedeutet sie: Wer an demselben Brot, an demselben Christus, teilhat, wird zugleich mit allen anderen verbunden, die von ihm leben. „Da es ein Brot ist, sind wir, die Vielen, ein Leib; denn wir alle haben teil an dem einen Brot“ (1.Kor 10:17). So wachsen aus einem einfachen Stück Brot und einem Schluck aus dem Kelch die Wirklichkeiten von Versöhnung, Einssein und gegenseitiger Zugehörigkeit. In ihnen liegt eine stille, aber starke Ermutigung: Wir sind beim Mahl des Herrn nicht Bittsteller am Rand, sondern Geladene an seinem Tisch, Miteigentümer seiner Gnade. Wer so isst und trinkt, darf erwarten, dass Christus selbst mehr Raum in ihm gewinnt, Schatten weichen und eine neue Freude an seiner Nähe aufbricht.

Der Kelch des Segens, den wir segnen, ist er nicht die Gemeinschaft des Blutes Christi? Das Brot, das wir brechen, ist es nicht die Gemeinschaft des Leibes Christi? (1.Kor 10:16)

Da es ein Brot ist, sind wir, die Vielen, ein Leib; denn wir alle haben teil an dem einen Brot. (1.Kor 10:17)

Das Mahl des Herrn lädt dazu ein, die vertrauten Zeichen neu zu betrachten: nicht als religiöse Pflicht, sondern als Berührung mit dem lebendigen Herrn, der sich hingibt, um in uns Wohnung zu machen. In dieser Berührung wird die eigene Geschichte nicht verdrängt, aber sie verliert ihre Macht gegenüber der größeren Geschichte seines Blutes und seines Leibes. Mit jedem bewussten Nehmen von Brot und Kelch wächst die Gewissheit: Ich gehöre zu Christus, und ich gehöre nicht alleine. Aus dieser Gewissheit erwächst stille Dankbarkeit, die Herz und Blick weitet und uns innerlich freier macht, den Weg mit ihm weiterzugehen.

Ein Brot, ein Leib: Christus, das gute Land

Wenn Paulus sagt: „Weil es ein Brot ist, sind wir, die Vielen, ein Leib; denn wir alle haben teil an dem einen Brot“ (1.Kor 10:17), knüpft er die Einheit der Gemeinde nicht zuerst an gemeinsame Meinungen, Charaktere oder Traditionen, sondern an einen gemeinsamen Tisch. Einssein entsteht dort, wo viele von derselben Speise leben. Christus ist dieses eine Brot: Er gibt sich nicht in Stücke, die wir nach Belieben wählen, sondern als eine ganze Person, an der alle teilhaben. Je mehr wir uns innerlich von ihm nähren lassen, desto weniger definieren uns die Unterschiede, die zwischen uns bestehen. Der eine Christus, der uns ernährt, fügt uns zu einem Leib zusammen.

In Vers 17 spricht Paulus ein starkes Wort über das eine Brot und den einen Leib: „Weil es ein Brot ist, so sind wir, die vielen, ein Leib; denn wir alle teilhaben an dem einen Brot.“ Wir sind alle ein Brot, ein Leib, weil wir alle teilhaben an dem einen Brot. Unsere gemeinsame Teilhabe an dem einen Brot macht uns alle eins. Dies zeigt, dass unsere Teilhabe an Christus uns alle zu Seinem einen Leib macht. Gerade der Christus, an dem wir alle teilhaben, fügt uns zu Seinem einen Leib zusammen. (Witness Lee, Life-Study of 1 Corinthians, Botschaft neunundvierzig, S. 454)

Um diese Wirklichkeit zu vertiefen, erinnert Paulus an Israel: „Seht auf das Israel nach dem Fleisch. Sind nicht die, welche die Schlachtopfer essen, in Gemeinschaft mit dem Altar?“ (1.Kor 10:18). Wer von den Schlachtopfern aß, hatte Anteil an dem, was auf dem Altar geschah – an Sünd-, Friedens- oder Speisopfer, an Hingabe und Versöhnung. Zugleich führte Gott die Kinder Israels aus Ägypten hinaus, durch die Wüste in das gute Land, das – wie es heißt – „die Versorgung für die Existenz und für den Lebenswandel des Volkes Gottes und … für ihren Genuss“ ist. Dieses gute Land ist ein Bild auf den allumfassenden Christus, in dem es „Weite“ für das Volk Gottes gibt, Versorgung, Sicherheit und Freude. Wenn wir am Tisch des Herrn essen, stehen wir gleichsam an der Schnittstelle zwischen Altar und Land: Wir blicken zurück auf das vollbrachte Opfer Christi und kosten zugleich voraus, was es heißt, im „guten Land“ Christus zu leben – genährt, getragen und zusammengefügt in seiner Gegenwart.

So wird das Brotbrechen zu weit mehr als einer Erinnerung. Es ist ein Vorgeschmack eines Lebens, in dem Christus unser Boden, unsere Nahrung und unsere Atmosphäre ist. An seinem Tisch ahnen wir etwas von einer Gemeinschaft, in der niemand aus eigener Kraft versuchen muss, Einssein zu produzieren; das Einssein wächst aus dem gemeinsamen Christus-Genuss. In dieser Perspektive gewinnt auch der Alltag Konturen des „guten Landes“: mitten in Wüstenzeiten, Spannungen und Engpässen bleibt Christus dieselbe reiche Speise. Diese Aussicht richtet auf und ermutigt, ihm im Glauben zuzutrauen, dass er uns als Leib durchträgt und weiter in die Weite seines Landes hineinführt.

text”: “Seht auf das Israel nach dem Fleisch. Sind nicht die, welche die Schlachtopfer essen, in Gemeinschaft mit dem Altar?”

Da es ein Brot ist, sind wir, die Vielen, ein Leib; denn wir alle haben teil an dem einen Brot. (1.Kor 10:17)

Seht auf das Israel nach dem Fleisch. Sind nicht die, welche die Schlachtopfer essen, in Gemeinschaft mit dem Altar? (1.Kor 10:18)

Der Blick auf das eine Brot und den einen Leib öffnet einen anderen Zugang zu Gemeinschaft: Sie muss nicht aus uns hervorgebracht werden, sondern fließt aus dem einen Christus, von dem wir alle leben. Wo Menschen an seinem Tisch innerlich neu von ihm nehmen, wird das Miteinander entlastet – der Druck, sich selbst behaupten zu müssen, tritt zurück, und an seine Stelle tritt die Freude, gemeinsam aus derselben Quelle zu schöpfen. Diese Freude kann leise beginnen, vielleicht nur als zarter Geschmack von „gutem Land“ mitten im Gewöhnlichen, doch sie trägt die Verheißung in sich, dass der Herr seine Gemeinde weiter in die Erfahrung dieses Landes hineinführt.

Zwei Tische: Götzenanbetung und der eifersüchtige Gott

Paulus verschweigt nicht, dass neben dem Tisch des Herrn ein anderer Tisch im Raum steht. „Ihr könnt nicht des Herrn Kelch trinken und der Dämonen Kelch; ihr könnt nicht am Tisch des Herrn teilnehmen und am Tisch der Dämonen“ (1.Kor 10:21). Für viele in Korinth waren die Götzenbilder selbst bedeutungslos, bloßes Holz und Stein; sie wussten, „daß es keinen Götzen in der Welt gibt und daß kein Gott ist als nur einer“ (1.Kor 8:4). Doch Paulus legt die verborgene Seite frei: Hinter den Götzen stehen Mächte, die die Herzen binden wollen. „Das, was sie opfern, sie den Dämonen opfern und nicht Gott“ (1.Kor 10:20) – geistlich gesehen bindet das Essen an den Götzenopfermahlen an diese Mächte, macht, wie Paulus sagt, zu „Gemeinschaftsteilhabern“ der Dämonen.

Sondern dass das, was die Nationen opfern, sie den Dämonen opfern und nicht Gott; ich aber will nicht, dass ihr Gemeinschaft mit den Dämonen habt. … Da die Dämonen die Wirklichkeit der Götzen sind, macht das Essen der den Götzen geopferten Schlachtopfer die Essenden zu deren Gemeinschaftsteilhabern, zu deren gemeinsamen Teilnehmern. Die Essenden der den Götzen geopferten Schlachtopfer werden nicht nur Gemeinschaftsteilhaber mit Dämonen, sondern auch gemeinsame Teilnehmer der Dämonen und machen sich selbst eins mit den Dämonen. (Witness Lee, Life-Study of 1 Corinthians, Botschaft neunundvierzig, S. 456)

Damit ist Götzenanbetung nicht auf Tempel und Figuren beschränkt. Schon im Rückblick auf Israel beschreibt Paulus ein Volk, das sich „nieder[setzt], um zu essen und zu trinken, und sie standen auf, um zu spielen“ (1.Kor 10:7). Was harmlos aussieht – Essen, Trinken, Vergnügen – wird zum Zentrum, um das sich das Herz dreht. Die Dinge an sich sind nicht das Problem, aber sie können zu Trägern fremder Macht werden, wenn sie unsere Loyalität binden, unsere Zeit verschlingen und unseren inneren Blick von Gott wegziehen. In diesem Licht wird deutlich, warum Paulus so scharf spricht: „Darum, meine Geliebten, flieht vor dem Götzendienst“ (1.Kor 10:14). Zwischen dem Kelch des Herrn und dem Kelch der Dämonen gibt es keine Schnittmenge; der Tisch des Herrn duldet keine geteilte Zugehörigkeit.

Wenn Gott sich in den Geboten als „ein eifersüchtiger Gott“ vorstellt – „Du sollst dich vor ihnen nicht niederwerfen und ihnen nicht dienen. Denn ich-, der HERR, dein Gott, bin ein eifersüchtiger Gott“ (2.Mose 20:5) –, spricht daraus keine launische Besitzgier, sondern die Leidenschaft einer Liebe, die uns ungeteilt für sich gewinnen will, weil sie weiß, dass nur in ihr Freiheit und Leben liegen. Der Tisch des Herrn ist darum zugleich tröstlich und ernst: tröstlich, weil wir dort erfahren, dass Christus uns annimmt und nährt; ernst, weil an diesem Tisch alle verdeckten Bündnisse ans Licht kommen. Doch diese Ernsthaftigkeit trägt eine tiefe Hoffnung: Wo der Herr uns trennt von verborgenen Götzen, öffnet er Raum für größere Freude an ihm. So wird sein Tisch zum Ort der Befreiung – nicht durch Druck, sondern indem seine Liebe stärker wird als jede andere Bindung.

text”: “Du sollst dich vor ihnen nicht niederwerfen und ihnen nicht dienen. Denn ich-, der HERR, dein Gott, bin ein eifersüchtiger Gott, der die Schuld der Väter heimsucht an den Kindern, an der dritten und vierten (Generation) von denen, die mich hassen,”

Ihr könnt nicht des Herrn Kelch trinken und der Dämonen Kelch; ihr könnt nicht am Tisch des Herrn teilnehmen und am Tisch der Dämonen. (1.Kor 10:21)

Darum, meine Geliebten, flieht vor dem Götzendienst. (1.Kor 10:14)

Die Gegenüberstellung von zwei Tischen lädt zu einer stillen Ehrlichkeit ein: Was nährt mein Inneres wirklich, woraus lebe ich Tag für Tag? Der Herr deckt konkurrierende Loyalitäten nicht auf, um zu beschämen, sondern um freizumachen und tiefer an seinen Tisch zu ziehen. Dort, wo seine Eifersucht uns von verborgenen Götzen löst, wird seine Gemeinschaft klarer, sein Wort kostbarer, seine Gegenwart spürbarer. In dieser Erfahrung wächst Mut, ihm mehr zuzutrauen als allem, was um unser Herz wirbt – und der Tisch des Herrn wird mit jeder Feier zu einem Zeichen, dass seine Liebe stärker ist als jede andere Macht.


Herr Jesus Christus, danke für deinen Tisch, an dem du uns dein Blut und deinen Leib als wahre Speise und wahren Trank schenkst. Du siehst, wie leicht unser Herz von vielen Dingen gefangen genommen wird und wie unmerklich Götzen in unseren Alltag eindringen. Zieh uns neu zu dir, reinige unsere Gedanken und unsere Wünsche von allem, was zwischen uns und dir steht, und mach uns innerlich frei von jeder sichtbaren und verborgenen Götzenanbetung. Lass uns deinen Tisch als den Ort erkennen, an dem du uns in die Fülle des „guten Landes“ deiner Gegenwart führst und uns zugleich als ein Leib in dir zusammenfügst. Erfrische unsere Liebe zu dir, stärke unsere Einheit und bewahre uns darin, dass wir aus deiner Fülle leben und nicht von fremden Tischen genährt werden. Deine Eifersucht ist Liebe; bewahre uns darin, dir ungeteilt zu gehören und deine Gemeinschaft mit Freude zu genießen. Amen.

Englische Quelle: Life-Study of 1 Corinthians, Chapter 49

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