Hineinwachsen in den vollen Besitz und Genuss Christi
Viele Christen kennen die Freude der ersten Begegnung mit Jesus, fühlen sich aber später in einem geistlichen Niemandsland zwischen Anfangsbegeisterung und reifer Erfahrung festgefahren. Die Bibel verschweigt diesen Spannungsbogen nicht: Sie zeichnet die Geschichte der Kinder Israels von der Erlösung aus Ägypten bis hinein in den vollen Genuss des guten Landes als ein großes Bild für Gottes Weg mit Seinem Volk. Diese Geschichte hilft, unsere eigene Glaubensreise neu zu verstehen – nicht als Kette von Enttäuschungen, sondern als Weg der göttlichen Führung hin zu tieferem Besitz und reicherem Genuss Christi.
Gottes vollständige Errettung: mehr als nur ein Anfang
Wenn wir die Geschichte der Kinder Israels betrachten, fällt auf, wie weit gespannt der Weg ist, den Gott mit ihnen geht. In einer Nacht wurden sie durch das Passah aus der Macht Pharaos herausgeführt, das Gericht ging an ihren Häusern vorüber, weil das Blut des Lammes an den Pfosten war. Doch damit war Gottes Werk mit ihnen nicht abgeschlossen, sondern erst eröffnet. Es folgten der Auszug selbst, das Durchschreiten des Roten Meeres, die lange Wüstenreise mit täglicher Speise und Trank aus göttlicher Quelle, die Begegnung mit Gott am Berg, das Empfangen Seiner Weisung und der Bau Seiner Wohnstätte mitten unter ihnen. Und doch zielte alles noch weiter: in das gute Land hinein, in dem Israel nicht nur überlebt, sondern von Reichtum umgeben lebt, Königreich und Tempel aufgebaut werden und Gott mitten unter Seinem auserwählten Volk wohnt. So entfaltet 2. Mose bis 5. Mose in der Sprache der Geschichte, was „vollständige Errettung“ bedeutet.
In der Bibel umfasst Gottes volle und vollständige Errettung das Passah, den Auszug, das Durchqueren des Roten Meeres, die Reise durch die Wüste, die Versorgung mit den göttlichen Zuteilungen, die Gemeinschaft mit Gott an Seinem Berg, das Empfangen göttlicher Offenbarung und den Aufbau von Gottes Wohnstätte. Wenn wir den Umfang dieser vollen und vollständigen Errettung betrachten, müssen wir erkennen, dass Gott niemals besiegt werden kann. (Witness Lee, Life-Study of 1 Corinthians, Botschaft achtundvierzig, S. 445)
In diesem Licht wird deutlich, wie arm ein Verständnis wäre, das Gottes Errettung fast ausschließlich mit der Vergebung der Sünden verbindet. Vergebung ist wie das Blut des Lammes in der Passahnacht – unentbehrlich, heilig, tröstlich –, aber sie ist der Beginn eines Weges, nicht das Ziel. Die Schrift fasst diesen weiten Horizont zusammen, wenn es in Hebräer 3:6 heißt: „Christus aber war treu als Sohn über Sein Haus; dessen Haus sind wir, sofern wir an dem Freimut und an dem Ruhm der Hoffnung bis zum Ende standhaft festhalten.“ Gottes Blick ruht nicht nur auf der Befreiung aus der „Ägypten“-Not, sondern auf einem Haus, einer Wohnstätte, einem Volk, das in freier Zuversicht und lebendiger Hoffnung einen Reichtum Christi kennt, der den Rahmen persönlicher Rettungsgewissheit weit übersteigt. Er will, dass Sein Sohn als allumfassender Christus von einem reifen Volk bewohnt, ausgedrückt und genossen wird, so real wie Israel die Quellen, Weingärten und Städte des guten Landes besaß. Wer diesen weiten Bogen sieht, darf seine eigene Geschichte nicht bei der Passahnacht stehen lassen. Auch wenn unser Weg durch Wüsten, Engpässe und Umwege führt, trägt alles auf ein göttliches Ziel hin: dass wir nicht nur wissen, gerettet zu sein, sondern in den vollen Besitz und Genuss Christi hineingewachsen sind – zu Seiner Freude und zu einer tiefen, tragenden Freude in uns.
Christus aber war treu als Sohn über Sein Haus; dessen Haus sind wir, sofern wir an dem Freimut und an dem Ruhm der Hoffnung bis zum Ende standhaft festhalten. (Hebr. 3:6)
Denn der HERR, dein Gott, bringt dich in ein gutes Land, ein Land von Wasserbächen, Quellen und Gewässern, die in der Ebene und im Gebirge entspringen; (5.Mose 8:7)
Gottes vollständige Errettung gibt dem Glaubensleben eine andere Farbe: Sie bewahrt davor, sich mit einem bloßen „Gerettetsein“ abzufinden oder in der Wüste innerer Trockenheit zu resignieren. Wer im Licht des guten Landes lebt, beginnt die vielen Etappen seines Weges – Befreiung, Prüfungen, Versorgung, Korrektur, Aufbau – als Teile eines großen Ganzen zu deuten. Dann verlieren vergangene Umwege ihre Macht, uns zu entmutigen, und gegenwärtige Wüsten verlieren das letzte Wort. Jeder Abschnitt wird zur Einladung, ein weiteres Stück des Landes Christi in Besitz zu nehmen: vielleicht eine neue Erfahrung Seiner Treue in einer Angst, ein tieferes Verständnis Seiner Gnade in einer Schuld, oder ein klareres Bewusstsein Seiner Gegenwart in einem scheinbar alltäglichen Tag. So wächst in der Seele ein leiser, aber beständiger Mut: Der Gott, der Israel nicht in Ägypten zurückließ und nicht in der Wüste vergaß, wird auch uns nicht auf halber Strecke stehen lassen, sondern uns in den vollen Genuss Seiner selbst führen.
Wachstum im Glauben und Wachstum im Leben
Zwischen den Zeilen des Hebräerbriefes spürt man einen inneren Schmerz: Gläubige, die Christus kennen, bleiben doch am Rand stehen, unfähig, in die „Ruhe“ einzutreten, die Gott ihnen zugedacht hat. Es ist nicht der Mangel an religiöser Aktivität, der hier beklagt wird, sondern ein Mangel an innerer Reife. „Denn während ihr der Zeit nach Lehrer sein solltet“, heißt es in Hebräer 5:12, „habt ihr es wieder nötig, dass jemand euch lehrt, was die Grundbegriffe des Anfangs der Aussprüche Gottes sind, und ihr seid solche geworden, die Milch brauchen und nicht feste Speise.“ Das Problem der Hebräer war nicht, dass sie gar keinen Glauben hatten, sondern dass ihr Glaube nicht mit einer tiefen, klaren Erkenntnis der Herrlichkeit Christi mitgewachsen war. Sie waren in Fragen der Lehre über Christus „unmündig“ geblieben – deshalb schwankte ihr Vertrauen, wenn Widerstand kam, und sie blieben unterhalb der Ruhe, die Gott ihnen zugedacht hatte. Wachstum im Glauben bedeutet hier nicht, dass man „tapferer glaubt“, sondern dass das Herz durch das „Wort der Gerechtigkeit“ genährt, geklärt, gestärkt wird, bis Christus als der größere Hohepriester, als der bessere Bund, als die himmlische Realität wirklich Gewicht bekommt.
Die hebräischen Gläubigen waren in den Lehren über Christus noch unmündig und darüber frustriert, dass sie wegen ihres Mangels an Glauben nicht in die volle Ruhe des verheißenen Landes eingehen konnten. Daher brauchten sie Wachstum im Glauben. Es fehlte ihnen an ausreichendem Glauben, gegründet auf der richtigen Erkenntnis der Wahrheit. (Witness Lee, Life-Study of 1 Corinthians, Botschaft achtundvierzig, S. 443)
Ganz anders, und doch ebenso ernst, zeigt sich die Lage in Korinth. Dort mangelte es nicht an geistlichen Erfahrungen, Gaben oder Eindrücken, aber die innere Beschaffenheit der Gläubigen blieb seelisch und fleischlich. Paulus schreibt: „Und ich, Brüder, konnte nicht zu euch reden als zu Geistlichen, sondern als zu Fleischlichen, als zu Unmündigen in Christus. Ich habe euch Milch zu trinken gegeben, nicht feste Speise; denn die konntet ihr noch nicht aufnehmen. Aber auch jetzt könnt ihr es noch nicht“ (1.Korinther 3:1–2). Hier liegt der Schwerpunkt nicht auf dem Wissen um Christus, sondern auf dem Zustand des Herzens: Eifersucht, Parteiungen, Vergleiche – all das waren Zeichen eines Lebens, in dem der alte Mensch noch viel Raum hatte. Wachstum im Leben bedeutet, dass das in uns eingepflanzte göttliche Leben – Christus selbst – mehr und mehr Form gewinnt, unsere Reaktionen, Sehnsüchte und Maßstäbe durchdringt. Wo bei den Hebräern ein klarer, reifer Glaube fehlte, fehlte bei den Korinthern die stille, durchdringende Arbeit des Lebens, das uns von innen her verwandelt.
Beide Bilder ergänzen sich: Wir brauchen das Wachstum im Glauben, das aus einer vertieften Erkenntnis Christi geboren wird, und wir brauchen das Wachstum im Leben, das unsere inneren Strukturen nach und nach prägt. Der Hebräerbrief ruft: „Darum wollen wir das Wort des Anfangs über Christus beiseite lassen und uns zur Reife bringen lassen“ (Hebräer 6:1), und die Korintherbriefe erinnern, dass derselbe Christus uns „zur Weisheit geworden ist: sowohl zur Gerechtigkeit als auch zur Heiligung und zur Erlösung“ (1.Korinther 1:30). Reifer Glaube und reifendes Leben gehören zusammen wie Wurzel und Frucht: Die Wurzel reicht tiefer in die Wahrheit über Christus hinein, und die Frucht zeigt sich in einer Lebensführung, die nicht mehr von alter Eifersucht, sondern von der inneren Ruhe des Vertrauens geprägt ist. Wer diesen Zusammenhang sieht, darf das langsame, manchmal schmerzliche Reifen des Lebens nicht gegen die Freude an klarer Lehre ausspielen – und umgekehrt die Freude an Lebenserfahrungen nicht von der festen Grundlage der Wahrheit lösen. In beidem führt derselbe Herr; Er nimmt uns an der Hand, wenn unser Glaube schwach ist, und Er wirkt unermüdlich in uns, wenn unser inneres Leben träge erscheint. So entsteht über die Zeit ein stilles Wunder: aus zögernden, hin- und hergerissenen Christen werden Menschen, in denen das Vertrauen auf Christus und das Leben aus Christus sich gegenseitig nähren.
Wer auf dieses doppelte Wachstum achtet, entdeckt mit der Zeit Spuren einer sanften, aber deutlichen Veränderung: Früher brachten bestimmte Situationen fast automatisch Angst, Trotz oder Resignation hervor; nun mischt sich in dieselben Situationen ein anderer Klang – ein inneres Wissen um Christus, das den Glauben trägt, und eine neue Art des Reagierens, die nicht aus altem Temperament, sondern aus dem in uns wirkenden Leben stammt. Das entlastet, denn die Aufgabe, in die volle „Ruhe“ einzutreten, liegt letztlich nicht auf unseren Schultern. Der Hebräerbrief spricht davon, dass wir uns „zur Reife bringen lassen“, und Paulus erinnert, dass „Gott das Wachstum gibt“ (1.Korinther 3:7). In dieser Atmosphäre kann das Herz aufatmen: Unser Anteil ist, uns dem Wort, das Christus vor Augen malt, und dem Leben, das Christus in uns wirkt, nicht zu verschließen. Der allumfassende Christus selbst sorgt dafür, dass unser Glaube geklärt, unsere Seele geheilt und unser innerer Mensch gestärkt wird, bis das, was jetzt noch wie ein fernes verheißenes Land wirkt, mehr und mehr zur erlebten Heimat wird.
Denn während ihr der Zeit nach Lehrer sein solltet, habt ihr es wieder nötig, dass jemand euch lehrt, was die Grundbegriffe des Anfangs der Aussprüche Gottes sind, und ihr seid solche geworden, die Milch brauchen und nicht feste Speise. (Hebr. 5:12)
Darum wollen wir das Wort des Anfangs über Christus beiseite lassen und uns zur Reife bringen lassen, ohne dabei wieder ein Fundament zu legen mit der Buße von toten Werken und mit dem Glauben an Gott, (Hebr. 6:1)
Das Zusammenspiel von Glaubenswachstum und Lebenswachstum bewahrt vor zwei einseitigen Wegen: vor einem intellektuellen Christsein, das vieles über Christus weiß, aber in Krisen innerlich zusammenbricht, und vor einem erfahrungsorientierten Christsein, das viel fühlt und erlebt, aber ohne feste Grundlage in der Wahrheit schnell ins Schwanken gerät. Wer lernt, Predigten, Bibellesen und Lehrfragen als Nahrung für den Glauben zu sehen – nicht als trockenen Stoff –, wird merken, wie das Vertrauen in die Größe und Treue Christi leiser, aber tiefer wächst. Und wer die leisen Regungen des göttlichen Lebens im Alltag ernst nimmt – ein Impuls zur Versöhnung, ein innerer Stopp vor einem scharfen Wort, eine neue Zärtlichkeit gegenüber Schwachen –, erkennt darin die unscheinbaren Schritte der Reife. Aus dieser Sicht verliert das Gefühl, „noch nicht weit zu sein“, seinen lähmenden Charakter. Es wird zur Einladung: Der Christus, der uns gerechtfertigt hat, will uns nicht nur informieren und nicht nur bewegen, sondern uns Schritt für Schritt so durchdringen, dass wir Ihn glauben, Ihm vertrauen und Ihn in unserer Art zu denken, zu fühlen und zu handeln widerspiegeln.
Vom alten zum neuen Menschen: Transformation wie ein Schmetterling
Die lange Wüstenreise der Kinder Israels ist voller dramatischer Szenen: Aufbruch, Murren, Gericht, Bewahrung, erneuter Aufbruch. Eine Beobachtung ist dabei entscheidend: Die Generation, die in Ägypten unter der Last der Ziegel gestöhnt hatte und das Blut des Passahlammes an ihren Türen sah, ist nicht dieselbe Generation, die später den Fuß auf das gute Land setzte. Zwischen Passahnacht und Jordanüberquerung stehen zwei Generationen. Die erste verließ Ägypten, ging durchs Rote Meer, erlebte Gottes Eingreifen – und fiel doch in der Wüste. Die zweite wuchs unter dem Zeichen des Manna, der Wolke und der Stiftshütte auf und war es, die unter Josua tatsächlich das Land einnahm. Geistlich gelesen wird damit ein inneres Geheimnis beleuchtet: Auch in uns gibt es einen „alten Menschen“ und einen „neuen Menschen“. Wir sind durch Christus mit der ersten Generation aus Ägypten herausgeführt worden; unsere Errettung steht fest. Aber der Weg in das volle Erbe Christi ist mit der zweiten Generation verbunden – mit dem neuen Menschen, den Gott in uns geschaffen hat und den Er zur Reife bringen will.
Bei den Kindern Israels gab es vom Passah bis zum Eintritt in das gute Land zwei Generationen. Die erste Generation bestand aus denen, die aus Ägypten auszogen, die zweite aus denen, die in das gute Land hineingingen. Dies macht deutlich, dass auch wir Gläubige zwei Generationen haben. Wir wurden mit der ersten Generation errettet, aber wir werden mit der zweiten Generation in das gute Land eingehen. Die erste Generation ist unser alter Mensch, und die zweite Generation ist unser neuer Mensch. (Witness Lee, Life-Study of 1 Corinthians, Botschaft achtundvierzig, S. 448)
Das Neue Testament deutet die Geschichte Israels ausdrücklich als Spiegel für unser Leben. „Diese Dinge nun sind als Beispiele für uns geschehen“, heißt es in 1.Korinther 10:6, „damit wir nicht solche sind, die nach bösen Dingen begehren, so wie auch jene begehrt haben.“ Der alte Mensch ist nicht durch einen einmaligen Entschluss aus der Welt; er ist wie jene erste Generation: er kennt Befreiung, aber er hängt innerlich noch an alten Mustern, alten Begierden, alten Sicherheiten. Deshalb lässt Gott eine Wüstenzeit zu, in der alte Reaktionsweisen offenbar werden, nicht um uns zu verurteilen, sondern um sichtbar zu machen, was sterben muss, damit der neue Mensch Raum bekommt. Die Verwandlung gleicht der Metamorphose einer Raupe: Was äußerlich wie Stillstand im Kokon aussieht, ist in Wahrheit ein tiefgreifender Umbau. In der Verborgenheit unseres Herzens, oft gerade in Zeiten der Begrenzung, wirkt der Herr an unserem Denken, unseren Erwartungen, unserer Art, Sicherheit zu suchen. Er führt den alten Menschen seinem Ende zu, nicht um uns zu vernichten, sondern um Platz zu schaffen für eine neue Weise zu leben – nicht aus Gewohnheit und Angst, sondern aus Vertrauen und Gemeinschaft mit Christus.
Auch die Geschichte der Eroberung Kanaans zeigt etwas von der Feinfühligkeit dieses Prozesses. Gott kündigt Israel an, dass Er die Völker des Landes „nach und nach“ vertreiben werde, damit das Land nicht verwüstet werde und die wilden Tiere sich nicht vermehren. Übertragen auf unser inneres Leben heißt das: Er nimmt uns nicht in einem Augenblick alles Alte weg, weil das neue, zarte Leben diese Leere gar nicht tragen könnte. Stattdessen führt Er uns Schritt für Schritt in neue Bereiche des Gehorsams, stellt uns neuen Herausforderungen, nimmt uns manche Stütze, während Er gleichzeitig neue Erfahrungen Seiner Treue schenkt. Der alte Mensch verliert Boden, aber der neue Mensch wächst hinein in die Weite Christi. So lernen wir, nicht nur einzelne „Segnungen“ Christi zu genießen, sondern Christus selbst als ein gutes Land zu bewohnen – mit seinen Bergen der Anbetung, seinen Tälern der Tränen, die zu Quellen werden, und seinen Feldern alltäglichen Gehorsams, auf denen Frucht wächst.
Wenn wir uns in dieser doppelten Generation wiedererkennen, braucht uns das nicht zu lähmen. Es erklärt, warum ein und derselbe Mensch in einem Moment voll Vertrauen und im nächsten von alten Ängsten eingeholt werden kann, warum jemand aufrichtig Christus liebt und doch noch in manchem an die „Fleischtöpfe Ägyptens“ denkt. Gott ist darüber nicht überrascht; Er hat den Prozess bedacht. Der neue Mensch in uns ist nicht eine Idee, sondern eine reale, göttliche Schöpfung in Christus, und der Herr selbst ist derjenige, der ihn zur Reife bringt. Je mehr wir die Wege erkennen, auf denen Er den alten Menschen entlarvt und den neuen stärkt, desto weniger müssen wir über uns verzweifeln. Jede Offenlegung eines alten Musters wird dann zu einem Schritt der inneren Beerdigung, jeder kleine Akt des Vertrauens zu einem Schritt ins Land. So wird aus der scheinbar endlosen Wüstenwanderung eine Reise mit Ziel: Wir wachsen hinein in den vollen Besitz und Genuss dessen, der unser wahres Land ist. Und wir entdecken, dass Gott aus ungeduldigen, verletzten, ängstlichen „Raupen“ tatsächlich Menschen formt, die in der Weite und Freiheit Christi leben.
Diese Dinge nun sind als Beispiele für uns geschehen, damit wir nicht solche sind, die nach bösen Dingen begehren, so wie auch jene begehrt haben. (1.Kor 10:6)
Die Sicht auf den alten und den neuen Menschen als zwei „Generationen“ innerhalb derselben Person nimmt dem geistlichen Leben viel Härte. Sie entlarvt Selbstvorwürfe, die aus falschen Erwartungen kommen – der Erwartung, ein paar starke Entscheidungen müssten genügen, um alles Alte hinter sich zu lassen –, und sie schützt vor Resignation, wenn alte Muster wieder auftauchen. In dieser Sicht wird jeder Tag zu einem leisen Trainingsfeld für den neuen Menschen: Wo früher spontane Reaktion war, entsteht die Möglichkeit einer Antwort aus Vertrauen; wo früher der Blick rückwärts ging, wächst die Bereitschaft, einen Schritt ins Land zu setzen. Das Entscheidende ist nicht, wie spektakulär diese Schritte aussehen, sondern dass sie in der Spur dessen geschehen, was Gott schon begonnen hat. Der Herr, der im Verborgenen an uns arbeitet wie an einer Raupe im Kokon, verliert nie den Blick für das Ziel: Menschen, die nicht nur aus Ägypten heraus sind, sondern in der Weite des guten Landes leben. Diese Hoffnung trägt – auch an Tagen, an denen man sich eher nach Wüste als nach Land fühlt – und sie macht Mut, Gottes stille, aber tiefgreifende Arbeit an uns nicht zu unterschätzen.
Herr Jesus, führe uns im Licht Deines Wortes und schenke uns Gnade, die gezeigte Wahrheit nicht nur zu verstehen, sondern im Alltag aus Deinem Leben zu erfahren. Bewahre uns in Deiner Gegenwart, damit unser Denken, Reden und Dienen von Dir geprägt wird und Dein Name in der Gemeinde verherrlicht wird. Amen.
Englische Quelle: Life-Study of 1 Corinthians, Chapter 48