Umgang mit dem Missbrauch der Freiheit in Speisen und im Leib (3)
Freiheit ist ein großes Wort – auch unter Christen, wenn es um Essen, Körper, Ehe und persönliche Rechte geht. Doch mitten in diesen sehr praktischen Fragen öffnet Paulus in 1. Korinther 6 einen tiefen Blick: Unser Leib ist nicht nur eine Hülle, sondern für den Herrn geschaffen, von seinem Auferstehungsleben berührt und als Tempel des Heiligen Geistes gedacht.
Gottes Ordnung: Freiheit, Leib und Auferstehungsleben
Wenn Paulus von Freiheit beim Essen spricht, stellt er diese Freiheit sofort unter ein größeres Licht. Er erinnert daran, dass „die Speisen für den Bauch und der Bauch für die Speisen“ sind, dass Gott aber „sowohl diesen als jene zunichte machen“ wird; im Gegensatz dazu gilt: „Der Leib aber ist nicht für die Hurerei, sondern für den Herrn und der Herr für den Leib“ (1.Kor 6:13). Speisen und Bauch gehören zur vergänglichen Seite unseres Daseins; sie sind nicht unwichtig, aber sie haben kein ewiges Gewicht. Unser Leib dagegen steht in einer anderen Ordnung: er ist für den Herrn geschaffen, und der Herr hat sich selbst für den Leib gegeben. Wo wir in Alltagsfragen nur Kategorien wie erlaubtes oder schädliches Essen sehen, nimmt Paulus uns an die Hand und öffnet den Blick für Gottes Absicht mit unserem ganzen Menschsein.
In 6:13 und 14 sagt Paulus: „Die Speisen sind für den Bauch und der Bauch für die Speisen; Gott aber wird sowohl diesen als auch jene zunichte machen. Der Leib aber ist nicht für Hurerei, sondern für den Herrn, und der Herr für den Leib. Gott aber hat sowohl den Herrn auferweckt als auch uns wird Er durch Seine Kraft auferwecken.“ Unser Leib wurde für den Herrn geschaffen, und der Herr ist für den Leib. Gott hat den Herrn leiblich auferweckt, und unser Leib wird in der Auferstehung an dem Leib der Herrlichkeit des Herrn teilhaben (Phil. 3:21) und unverweslich auferweckt werden. Das wird die Erlösung unseres Leibes sein. (Witness Lee, Life-Study of 1 Corinthians, Botschaft vierzig, S. 365)
Genau an diesem Punkt ruft er die Auferstehung vor unsere Augen: „Gott aber hat den Herrn auferweckt und wird auch uns auferwecken durch seine Macht“ (1.Kor 6:14). Die Auferstehung Christi ist für ihn nicht nur ein dogmatischer Eckstein, sondern der große Rahmen, in dem unsere Freiheit verstanden werden soll. Dass Gott den Herrn leibhaftig auferweckt hat, bedeutet, dass der Leib nicht nebensächlich ist. Derselbe Gott, der den Leib Jesu aus dem Grab herausgenommen hat, wird unseren „Leib der Erniedrigung umgestalten, dass er Seinem Leib der Herrlichkeit gleichgestaltet sei, gemäß Seinem Wirken, durch das Er fähig ist, Sich auch alles zu unterwerfen“ (Phil. 3:21). Wenn der Leib eine so herrliche Zukunft hat, kann sein heutiger Gebrauch nicht belanglos sein.
Dieses Wirken Gottes ist nicht in eine ferne Zukunft verschoben. Die Schrift spricht davon, dass der Geist dessen, der Jesus auferweckt hat, in uns wohnt und unseren sterblichen Leibern Leben gibt. Auferstehung ist deshalb nicht nur Ereignis am Ende der Zeit, sondern eine gegenwärtige Kraft, die sich in unserem schwachen, müden, oft widersprüchlichen körperlichen Leben bemerkbar macht. In Erschöpfung, Krankheit oder Versuchung bleibt unser Leib sterblich, und doch kann er Träger eines anderen Lebens sein. Die Freiheit, was wir essen, wie wir mit unserem Körper umgehen, wird dann nicht vor allem durch Gebote begrenzt, sondern von innen her durch das Auferstehungsleben geformt, das uns fein, wach und Gott zugewandt macht.
So entsteht eine stille, aber tiefgreifende Umordnung: Speisen und Leib gehören nicht mehr in dieselbe Kategorie. Das Materielle bleibt Gabe Gottes, doch es verliert den Anspruch, die Richtung unseres Lebens zu bestimmen. Unser Leib erscheint als Teil eines größeren Geschehens: Gott zieht unseren ganzen Menschen – Geist, Seele und Leib – in die Kraft der Auferstehung hinein. In diesem Licht wird Freiheit nicht enger, sondern weiter: Sie löst sich von bloßer Selbstbestimmung und wird zur Freiheit, mit einem Leib zu leben, der nicht mehr nur Träger von Bedürfnissen, sondern Werkzeug der Herrlichkeit Gottes ist. In den unscheinbaren Entscheidungen des Alltags, bei Tisch wie in der Gestaltung unseres Lebensstils, darf dieser Horizont uns innerlich tragen und ermutigen: Nichts, was wir mit unserem Leib tun, ist zu klein, um nicht von der Auferstehungskraft Christi berührt und verwandelt werden zu können.
Die Speisen (sind) für den Bauch und der Bauch für die Speisen; Gott aber wird sowohl diesen als jene zunichte machen. Der Leib aber (ist) nicht für die Hurerei, sondern für den Herrn und der Herr für den Leib. (1.Kor 6:13)
Gott aber hat den Herrn auferweckt und wird auch uns auferwecken durch seine Macht. (1.Kor 6:14)
Wer seinen Leib unter der Perspektive der Auferstehung sieht, beginnt Freiheit nicht als grenzenlose Verfügbarkeit, sondern als Einladung zu verstehen, in allen körperlichen Bereichen von der Kraft des Auferstehungslebens Christi durchzogen zu werden. So kann selbst das Gewöhnliche zu einem Ort werden, an dem Gottes zukünftige Herrlichkeit schon jetzt leise Gestalt gewinnt.
Organisch eins mit Christus: Leib als Glied und Tempel
Paulus scheut sich nicht, sehr konkret zu werden: „Wißt ihr nicht, daß eure Leiber Glieder Christi sind?“ (1.Kor 6:15). Er hätte sagen können: Wir sind Glieder Christi – und das wäre wahr gewesen. Aber er betont ausdrücklich die Leiber. Damit rückt er jene Zone unseres Lebens ins Zentrum, die wir leicht als zu irdisch, zu schwach oder zu beschämt empfinden, um sie eng mit Christus zu verbinden. Gerade dort setzt das Evangelium an: Was wir als bloß physisch wahrnehmen, sieht Gott als Teil des Leibes Christi. In dem Augenblick, in dem Christus uns ergreift, beansprucht er nicht nur unsere inneren Regungen, sondern auch unseren physischen Leib als Glied seiner eigenen Leiblichkeit.
In Vers 15 sagt Paulus: „Wisst ihr nicht, dass eure Leiber Glieder Christi sind?“ Beachte, dass Paulus hier nicht nur sagt, dass wir Glieder Christi sind, sondern ausdrücklich, dass unsere Leiber Glieder Christi sind. Das Thema dieser Verse ist der Missbrauch der Freiheit in Bezug auf die Speisen und den Leib. Daher gilt Paulus’ Sorge dem Leib der Gläubigen. Weil wir organisch mit Christus vereint sind und weil Christus in unserem Geist wohnt (2.Tim. 4:22) und durch den Glauben in unseren Herzen Wohnung macht (Eph. 3:17), wird unser ganzes Sein, einschließlich unseres gereinigten Leibes, zu einem Glied von Ihm. (Witness Lee, Life-Study of 1 Corinthians, Botschaft vierzig, S. 367)
Diese starke Aussage ruht auf einer unsichtbaren, aber realen Einheit: „Wer aber dem Herrn anhängt, ist ein Geist“ (1.Kor 6:17). Christus ist „der letzte Adam“, der „zu einem Leben gebenden Geist“ wurde (1.Kor 15:45). Als solcher wohnt er in unserem Geist und macht nach und nach in unseren Herzen Wohnung, wie es heißt: „damit Christus durch den Glauben in euren Herzen Wohnung mache“ (Eph. 3:17). Von dort aus dehnt er sich in unser Denken, Fühlen und Wollen hinein, prägt unsere Seele und berührt schließlich unseren Leib. Dass unsere Leiber Glieder Christi sind, bedeutet deshalb nicht, dass unser Körper von außen geliehen wird, sondern dass der innewohnende Christus unseren ganzen Menschen organisch mit sich verbindet. Körperliche Existenz wird zum Ausdruck der inneren Gemeinschaft: Was Glied ist, gehört dem Haupt, und das Haupt sorgt für sein Glied.
In derselben Linie steht das Wort: „Oder wisst ihr nicht, dass euer Leib ein Tempel des Heiligen Geistes in euch ist, den ihr von Gott habt, und dass ihr nicht euch selbst gehört?“ (1.Kor 6:19). Der Heilige Geist wählt keinen abstrakten, idealisierten Innenraum; er nimmt Wohnung im konkreten, begrenzten, alternden, manchmal schmerzenden Leib. Dieser Leib wird so zu einem heiligen Raum, nicht weil er makellos wäre, sondern weil Gott sich an ihn bindet. Glieder Christi und Tempel des Heiligen Geistes – diese beiden Bilder ergänzen sich: Als Glied sind wir organisch mit Christus verbunden, als Tempel sind wir bewohnt und durchdrungen von der Gegenwart Gottes.
Wer so auf seinen Leib blickt, muss ihn nicht verachten und auch nicht vergötzen. Der Leib erhält Würde, ohne zur letzten Instanz zu werden. Schwachheit, Versehrtheit oder Begierde verlieren ihren absoluten Charakter, weil über allem die Zusage steht, dass Christus in uns wohnt und unser Leib ihm gehört. Zugleich gewinnt jede körperliche Wirklichkeit eine neue Ernsthaftigkeit: Was wir mit unserem Leib tun, berührt den Leib Christi, in dem wir Glied sind, und den Tempel, in dem Gott wohnt. Diese Einsicht kann still, aber kraftvoll trösten und zugleich sammeln: Unser Körper ist nicht bloß Last oder Bühne eigener Wünsche, sondern Ort der Gegenwart des dreieinen Gottes – und darin liegt eine tiefe, leise Würde, die unseren Umgang mit uns selbst nachhaltig verwandeln kann.
Wißt ihr nicht, daß eure Leiber Glieder Christi sind? Soll ich denn die Glieder Christi nehmen und zu Gliedern einer Hure machen? Das sei ferne! (1.Kor 6:15)
Wer aber dem Herrn anhängt, ist ein Geist. (1.Kor 6:17)
Wer seinen Leib als Glied Christi und Tempel des Heiligen Geistes begreift, entdeckt in den vertrauten Schwächen und Bedürfnissen einen geheimen Ort göttlicher Nähe. Diese Sicht nimmt dem Körper die Scham und die Überhöhung zugleich und führt hinein in ein Leben, in dem sogar das Unscheinbare vom leisen Glanz der Gegenwart Christi durchzogen werden darf.
Ein Festleben: Gott im Leib verherrlichen
Paulus verbindet seine Korrektur des Missbrauchs der Freiheit mit einem überraschend festlichen Bild: „So lasst uns nun das Fest feiern, nicht mit dem alten Sauerteig noch mit dem Sauerteig der Schlechtigkeit und Bosheit, sondern mit dem ungesäuerten Brot der Lauterkeit und Wahrheit“ (1.Kor 5:8). Er knüpft an das Fest der ungesäuerten Brote an, von dem es heißt: „Sieben Tage sollt ihr ungesäuertes Brot essen; ja, (gleich) am ersten Tag sollt ihr den Sauerteig aus euren Häusern wegtun“ (2.Mose 12:15). Sieben Tage – eine vollzählige Zeit – deuten auf die gesamte Spanne des christlichen Lebens hin: vom Anfang der Erlösung bis zu ihrer Vollendung. Freiheit, Leib, Essen, Sexualität: all dies steht nicht unter dem Zeichen einer freizügigen Beliebigkeit, sondern unter dem Zeichen eines andauernden Festes, in dem Christus selbst das ungesäuerte Brot ist.
So sagt Paulus zum Beispiel in 5:8: „Lasst uns also das Fest halten.“ Wir haben gesehen, dass sich dieses Fest auf das Fest der ungesäuerten Brote als Fortsetzung des Passahfestes bezieht (2.Mose 12:15–20). Es dauerte sieben Tage, eine Zeit der Vollendung, und bezeichnet die gesamte Spanne unseres christlichen Lebens, vom Tag unserer Bekehrung bis zum Tag der Entrückung. Das zeigt, dass das ganze christliche Leben ein Fest sein sollte, ein Genuss Christi als unseres Festmahls. (Witness Lee, Life-Study of 1 Corinthians, Botschaft vierzig, S. 364)
Dieses Fest ist nicht laut, sondern tief. Es besteht darin, dass Christus unsere Lebensversorgung wird, gerade in den alltäglichen Körperlichkeiten. Wenn Paulus sagt: „Denn ihr seid um einen Preis erkauft worden. So verherrlicht nun Gott in eurem Leib“ (1.Kor 6:20), dann verknüpft er Erlösung, Leib und Anbetung. Der teuer bezahlte Leib wird nicht dem Zufall überlassen, sondern in ein neues Eigentumsverhältnis gestellt: Er gehört dem, der ihn geschaffen, erlöst und für sich beansprucht hat. Gott im Leib zu verherrlichen bedeutet daher, dass der innewohnende Geist Raum erhält, unsere Gewohnheiten, unser Essverhalten, unsere Triebkräfte, unsere Müdigkeit zu durchdringen. Es geht nicht um äußerliche Askese, sondern um eine stille, innere Neuausrichtung: Der Leib dient nicht mehr der ungefilterten Begierde, sondern wird zum Ort, an dem die Lauterkeit und Wahrheit Christi Gestalt gewinnt.
In dieser Perspektive wird die Freiheit im Essen wie im Umgang mit dem Leib nicht aufgehoben, sondern verwandelt. Freiheit wird nicht Anlass zur Selbstbehauptung, sondern Rahmen für die Gegenwart des Geistes. In Versuchungen, die direkt unseren Körper betreffen, in Fragen von Genuss, Verzicht, Sexualität oder Lebensrhythmus, ist der Geist nicht fern. Er ist der nahe, innewohnende Helfer, der uns daran erinnert, dass unser Leib Tempel ist, und der uns die Kraft gibt, nicht dem alten Sauerteig zu entsprechen. So kann der Alltag – gerade dort, wo wir uns körperlich begrenzt und zerrissen fühlen – zu einem Raum werden, in dem Gottes Treue und Geduld erlebbar werden, oft unspektakulär, aber tragfähig.
Wenn das Christenleben als Fest verstanden wird, verliert es seinen moralistischen Druck und zugleich seine Beliebigkeit. Christus selbst ist das Brot dieses Festes, und der innewohnende Geist ist die Kraft, in der wir es feiern. In der Spannung zwischen Schwachheit und Berufung bleibt ein freundlicher Ruf: Der Leib ist erkauft, bewohnt und bestimmt zur Herrlichkeit. So können selbst kleine Schritte im Umgang mit Speisen, mit unserem Körper und mit unserer Freiheit von einem leisen Bewusstsein getragen sein: Hier, in diesem ganz gewöhnlichen Leben, will der dreieine Gott Wohnung machen, sein Auferstehungsleben ausbreiten und sich verherrlichen. Das schenkt Mut, nicht vor der eigenen Körperlichkeit zu fliehen, sondern sie als den Ort zu akzeptieren, an dem Gottes Fest – oft verborgen – bereits begonnen hat.
So lasst uns nun das Fest feiern, nicht mit dem alten Sauerteig noch mit dem Sauerteig der Schlechtigkeit und Bosheit, sondern mit dem ungesäuerten Brot der Lauterkeit und Wahrheit. (1.Kor 5:8)
SIEBEN Tage sollt ihr ungesäuertes Brot essen; ja, (gleich) am ersten Tag sollt ihr den Sauerteig aus euren Häusern wegtun; denn jeder, der Gesäuertes ißt, diese Seele soll aus Israel ausgerottet werden (2.Mose 12:15)
Wer das eigene Leben als Fortsetzung des Festes der ungesäuerten Brote sieht, erkennt in den alltäglichen Entscheidungen rund um Essen, Leib und Freiheit keinen engen Korridor, sondern einen Raum, in dem Christus als unser wahres Brot erfahrbar werden will. So kann der Alltag Schritt für Schritt von der nüchternen Freude geprägt sein, Gott im Leib zu verherrlichen und sich vom innewohnenden Geist in eine leise, aber reale Festgemeinschaft hineinziehen zu lassen.
Herr Jesus Christus, danke für den unermesslichen Preis, mit dem du uns erkauft hast, und für dein Auferstehungsleben, das durch den Heiligen Geist in unseren sterblichen Leib hineinströmt. Öffne unser Inneres, damit dein Leben vom Geist in die Seele und in den Leib hineinreichen kann und wir in allem, was wir tun, essen und erleben, Ausdruck deiner Gegenwart sind. Lass unser Leben zu einem Fest werden, in dem deine Gnade stärker ist als unsere Schwachheit und deine Heiligkeit schöner ist als jede Versuchung. Erfülle unseren Leib als deinen Tempel, sodass Gott in uns verherrlicht wird und andere in unserem normalen menschlichen Leben etwas von dir erkennen. Amen.
Englische Quelle: Life-Study of 1 Corinthians, Chapter 40