Das Wort des Lebens
lebensstudium

Wachstum im Leben nötig (2)

11 Min. Lesezeit

Viele Christen kennen die Freude der Bekehrung, erleben aber später, dass ihr persönliches Glaubensleben und das Gemeindeleben spannungsvoll, zerrissen oder oberflächlich bleiben. Gaben, Aktivitäten und sogar geistliche Erfahrungen scheinen nicht auszureichen, um ein stabiles, reiches Leben mit Christus und eine gebaute, einige Gemeinde hervorzubringen. Die Botschaft von Paulus an die Korinther zeigt, dass hinter all dem ein Mangel an Wachstum im Leben steht – und dass Gott einen liebevollen Weg hat, uns aus geistlicher Kindheit in geistliche Reife zu führen.

Warum Wachstum im Leben mehr ist als geistliche Anfangsgaben

Paulus rückt den Blick der Korinther zurecht. Sie waren errettet, sie hatten das göttliche Leben empfangen, sie kannten die Gegenwart des Heiligen Geistes und bewegten sich in auffälligen Gaben – und doch nennt er sie „Unmündige in Christus“. In 1. Korinther 3:1 heißt es: „Und ich, Brüder, konnte nicht zu euch reden als zu Geistlichen, sondern als zu Fleischlichen, als zu Unmündigen in Christus.“ Offenbar genügt es Gott nicht, dass der Anfang gemacht ist. Er achtet das neue Leben in uns als einen Samen, der wachsen, sich ausbreiten und Raum gewinnen soll. Wo dieser Same in der Verborgenheit des Herzens nicht heranreifen darf, bleibt alles Christliche äußerlich: richtig im Bekenntnis, echt in der Erfahrung der Errettung, aber flach in der inneren Wirklichkeit.

Dass Paulus sie als Unmündige bezeichnet, zeigt, dass sie im Leben nicht gewachsen waren, nachdem sie die anfänglichen Gaben des göttlichen Lebens und des Heiligen Geistes empfangen hatten. Wenn es den Heiligen an einem bestimmten Ort an Wachstum im Leben mangelt, können sie kein richtiges Gemeindeleben haben. Tatsächlich ist die Wirklichkeit der Gemeinde nicht unter ihnen vorhanden. Ja, sie sind dem Namen nach eine örtliche Gemeinde, aber sie haben nicht die Wirklichkeit der Gemeinde. Die Gemeinde existiert als eine Versammlung erretteter Menschen, aber sie kann nicht als eine Wirklichkeit im Wachstum des Lebens und in der Erfahrung und im Genuss von Christus angesehen werden. (Witness Lee, Life-Study of 1 Corinthians, Botschaft fünfundzwanzig, S. 225)

Darum verschiebt Paulus das Gewicht weg von dem, was beeindruckt, hin zu dem, was innerlich aufbaut. Er stellt der Sprachenrede, die leicht als spektakulär erlebt wird, das Weissagen gegenüber. „Wer in einer Sprache redet, erbaut sich selbst; wer aber weissagt, erbaut die Gemeinde“ (1. Kor. 14:4). Weissagen meint hier nicht in erster Linie Zukunftsvorhersage, sondern Christus aus der eigenen Erfahrung heraus sprechen und darreichen. Dazu genügt es nicht, die richtigen Begriffe gelernt zu haben; es braucht Wachstum im Leben. Je mehr Christus in uns Gestalt gewinnt, desto mehr wird er zur gelebten Weisheit in unseren Entscheidungen, zur Gerechtigkeit in unseren Beziehungen, zur Heiligung in unseren verborgenen Motiven und zur Erlösung in unseren Sackgassen – so beschreibt es 1. Korinther 1:30: „Von Ihm aber seid ihr in Christus Jesus, der uns von Gott zur Weisheit geworden ist: sowohl zur Gerechtigkeit als auch zur Heiligung und zur Erlösung.“

Ein solches Wachsen macht aus einer Gemeinde, die nur dem Namen nach Gemeinde ist, einen Ort gelebter Wirklichkeit. Dann besteht sie nicht mehr nur aus einer Versammlung erretteter Menschen, sondern aus einem Leib, in dem Christus spürbar geteilt, genossen und ausgedrückt wird. Wunderbare Gaben können dieses Defizit nicht ersetzen; sie können es im schlimmsten Fall sogar überdecken. Wenn aber Christus in den Einzelnen zunimmt, entsteht ein gesundes persönliches Christenleben, und das Gemeindeleben wird zu einem Raum, in dem Gott sich wohlfühlt und Menschen Heimat finden. Diese Perspektive nimmt dem bloßen „Erreichtsein“ die Endgültigkeit und öffnet sie in eine Bewegung hinein: Gott hat mehr vor als unseren Anfang. Er lädt in ein Leben ein, das Tag für Tag tiefer in das hineinwächst, was er in Christus bereits geschenkt hat. In dieser Sicht wird Wachstum im Leben keine Last, sondern eine zuversichtliche Hoffnung: Der, der das gute Werk begonnen hat, will es auch vollenden.

Und ich, Brüder, konnte nicht zu euch reden als zu Geistlichen, sondern als zu Fleischlichen, als zu Unmündigen in Christus. (1.Kor 3:1)

Wer in einer Sprache redet, erbaut sich selbst; wer aber weissagt, erbaut die Gemeinde. (1.Kor 14:4)

Wachstum im Leben bedeutet, den Anfang Gottes mit uns ernst zu nehmen und ihm Zeit, Raum und Gehorsam zu gönnen, damit Christus aus dem Samen zur Gestalt wird – nicht nur in unserer persönlichen Frömmigkeit, sondern in der gemeinsamen Wirklichkeit der Gemeinde, in der sein Leben mehr Gewicht hat als jede Gabe.

Wie sich geistliche Kindheit zeigt und wie Gott ihr begegnet

Geistliche Kindheit hat ein freundliches Gesicht – sie gehört zum Anfang des Glaubenslebens –, aber wenn sie bleibt, wird sie zur Last. Paulus beschreibt ihre Kennzeichen ungeschönt. Zuerst spricht er von der Nahrung: „Ich habe euch Milch zu trinken gegeben, nicht feste Speise; denn die konntet ihr noch nicht aufnehmen. Aber auch jetzt könnt ihr es noch nicht“ (1. Kor. 3:2). Milch entspricht dem, was direkt zugänglich ist: die grundlegende Botschaft der Errettung, einfache Zusprüche, elementare Lehre. Feste Speise sind die tiefen Dinge Gottes, die das Herz durchdringen, unsere Selbstsicht infrage stellen und uns in Gottes Gedanken über seine Gemeinde, seinen Bau und seinen ewigen Vorsatz hineinziehen. Unmündigkeit zeigt sich darin, dass das Herz diese Tiefe scheut oder ihr ausweicht – nicht unbedingt aus Widerstand, oft aus Müdigkeit, Ablenkung oder innerer Ungeschultheit.

Vers 2 sagt: „Ich gab euch Milch zu trinken, nicht feste Speise; denn ihr wart damals noch nicht imstande, sie zu vertragen. Aber auch jetzt seid ihr es noch nicht.“ Ein Kennzeichen der Unmündigkeit unter den Gläubigen ist, dass sie nur Milch, nicht aber feste Speise aufnehmen können. Solange ein Gläubiger in einem Stadium der Unmündigkeit bleibt, ist er nicht imstande, irgendetwas Festes aufzunehmen, ganz gleich, wie viele Botschaften er hören mag, die feste Speise enthalten. (Witness Lee, Life-Study of 1 Corinthians, Botschaft fünfundzwanzig, S. 229)

Daneben nennt Paulus die zwischenmenschlichen Spannungen als Hinweis auf mangelndes Wachstum: „denn ihr seid noch fleischlich. Denn da Eifersucht und Streit unter euch ist: Seid ihr nicht fleischlich und wandelt nach Menschenweise?“ (1. Kor. 3:3). Eifersucht und Streit sind mehr als ärgerliche Begleiterscheinungen; sie offenbaren, dass das alte, natürliche Leben den Ton angibt. Wo Vergleichen, verletzter Stolz und das Bedürfnis, recht zu behalten, die Atmosphäre bestimmen, hat Christus an dieser Stelle noch wenig Gestalt gewonnen. Ein weiteres Merkmal ist das Lagern um geistliche Persönlichkeiten: „Ich bin des Paulus, ich aber des Apollos“ (1. Kor. 3:4). Statt Christus als den einen Mittelpunkt zu sehen, werden Diener betont, Stile und Prägungen gegeneinander ausgespielt, und die Einheit des Leibes reißt auf.

Gottes Antwort darauf ist erstaunlich sanft und zugleich entschlossen. Er setzt nicht zuerst bei unserer Anstrengung an, sondern bei seinem eigenen Wirken. Paulus fasst es zusammen: „Ich habe gepflanzt, Apollos hat begossen, Gott aber hat das Wachstum gegeben. So ist nun weder der, der pflanzt, etwas, noch der, der begießt, sondern Gott, der das Wachstum gibt“ (1. Kor. 3:6–7). Gott schafft Situationen, in denen unser Fleisch sichtbar wird, nicht um uns zu beschämen, sondern um uns zu zeigen, woran er arbeiten will. Durch sein Wort, das Reden des Geistes und das konkrete Miteinander in der Gemeinde löst er uns aus alten Identitäten, kulturellen Mustern und religiösen Gewohnheiten. Heiligkeit wird so sehr konkret: nicht weltfremde Sonderlichkeit, sondern zu Gott hin abgesondert werden in unseren Reaktionen, unseren Wertungen, unserem Umgang mit Brüdern und Schwestern. „Der Tempel Gottes ist heilig, und solche seid ihr“ (1. Kor. 3:17). In dieser Zusage steckt eine stille Ermutigung: Gott traut uns zu, aus der geistlichen Kindheit herauszuwachsen, weil er selbst derjenige ist, der dieses Wachstum wirkt.

Wer seine eigene Unreife erkennt, steht damit nicht am Ende, sondern am Anfang eines tieferen Weges mit dem Herrn. Die Entlarvung unserer Kindlichkeit, unserer Dünnhäutigkeit und Parteilichkeit ist kein Rückschlag, sondern ein Ruf in die Reife hinein. Gott beschämt nicht, er bildet; er verwirft nicht, er erzieht. Wer sich von dieser Art göttlicher Pädagogik berühren lässt, entdeckt im Lauf der Zeit, dass Konflikte weniger trennen, dass Lehre tiefer greift und dass Christus in den alltäglichen Regungen des Herzens wirklich an Gewicht gewinnt. So wird geistliche Reife kein unerreichbares Ideal, sondern ein Weg, auf dem Gott selbst treu an seinem Ziel mit uns festhält.

Ich habe euch Milch zu trinken gegeben, nicht feste Speise; denn die konntet ihr noch nicht aufnehmen. Aber auch jetzt könnt ihr es noch nicht, (1.Kor 3:2)

denn ihr seid noch fleischlich. Denn da Eifersucht und Streit unter euch ist: Seid ihr nicht fleischlich und wandelt nach Menschenweise? (1.Kor 3:3)

Geistliche Kindheit verliert ihren Schrecken, wenn sie nicht geleugnet, sondern im Licht Gottes erkannt wird: In diesem Licht werden Eifersucht, Streit und Personenkult nicht das letzte Wort behalten, sondern zu Orten, an denen Gott als der, der pflanzt, begießt und wachsen lässt, seine geduldige Erziehung fortsetzt und uns Schritt für Schritt in die Heiligkeit seines Hauses hineinwachsen lässt.

Wachstum im Leben für Gottes Ackerfeld und Bau

Wenn Paulus auf die Gemeinde blickt, sieht er mehr als eine Gruppe Glaubender; er sieht Gottes Feld und Gottes Bau. „Denn wir sind Gottes Mitarbeiter; ihr seid Gottes Ackerfeld, Gottes Bau“ (1. Kor. 3:9). Das Bild des Ackerfeldes erinnert daran, dass alles mit Leben beginnt: Gott sät Christus in menschliche Herzen. Durch Pflanzung und Begießen wächst dieses Leben nach unten in die Wurzel und nach oben in die Frucht hinein. Aus diesem Wachstum entstehen die „Materialien“, mit denen Gott weiterarbeitet – nicht Holz, Heu und Stroh, sondern Gold, Silber und kostbare Steine, das heißt: was aus Gottes eigener Natur, aus der Erlösung Christi und aus verhärtetem, verwandeltem Charakter besteht.

„Ich habe gepflanzt, Apollos hat begossen, Gott aber hat das Wachstum gegeben; so dass weder der etwas ist, der pflanzt, noch der, der begießt, sondern Gott, der das Wachstum gibt“ (V. 6–7). Das zeigt deutlich, dass die Gläubigen das Pflanzen und das Begießen brauchen, um im Leben zu wachsen. (Witness Lee, Life-Study of 1 Corinthians, Botschaft fünfundzwanzig, S. 228)

Der „Bau“ greift die andere Seite auf: Gottes Ziel ist nicht nur, überall Felder voller Leben zu haben, sondern aus diesem Leben ein Haus zu fügen, eine Wohnung für sich selbst. Der Tempel Gottes ist Ausdruck seines ewigen Vorsatzes: Er will mitten unter Menschen wohnen und sichtbar werden. In Epheser 2.wird dieselbe Linie aufgenommen: Christus ist der Eckstein, „in welchem der ganze Bau, wohl zusammengefügt, wächst zu einem heiligen Tempel im Herrn“ (Eph. 2:21). Zuerst wächst, was Gott gesät hat; dann fügt er das Gewachsene zusammen. Persönliches Wachstum im Leben und der Aufbau der Gemeinde gehören deshalb untrennbar zusammen: Wo das eine fehlt, leidet das andere.

So bekommt unser individuelles Vorankommen in Christus eine überraschende Weite. Es geht nicht nur um ein stabiles Innenleben, sondern um Gottes Ackerfeld und seinen Bau. Dort, wo Gläubige im Leben reifen, entsteht eine Gemeinde, in der Weissagen, Leitung, Dienst und gegenseitige Fürsorge tragfähig sind; eine Gemeinde, in der nicht menschliche Weisheit und kulturelle Muster dominieren, sondern der Heilige Geist Raum hat, das lebendige Zeugnis Jesu auszudrücken. Paulus ist sich bewusst, dass ein solches Ergebnis nicht aus menschlicher Planung hervorgebracht werden kann. Er erinnert an eine tiefe Grundwahrheit: „Also liegt es nun nicht an dem, der will, noch an dem, der läuft, sondern an Gott, der sich erbarmt“ (Röm. 9:16).

Diese Barmherzigkeit Gottes zeigt sich eindrücklich in der Berufung des Saulus. Ein Mann mit großem religiösem Eifer wird auf dem Weg nach Damaskus gestoppt, geblendet und doch sehend gemacht. Aus einem Verfolger wird ein Werkzeug zum Aufbau der Gemeinden. In Apostelgeschichte 9:5–6 heißt es, wie der Herr sich ihm offenbart und seinen Weg wendet. Was bei Saulus so dramatisch geschah, vollzieht sich bei uns meist leiser, aber mit demselben Ziel: Gott schenkt uns Momente eines klaren Himmels, in denen seine Ökonomie – sein Plan, in Christus eine gebaute Gemeinde zu gewinnen – vor unserem inneren Auge aufleuchtet. Solche Augenblicke können ein ganzes Christenleben prägen. Wer beginnt zu ahnen, dass sein persönliches Wachstum mit Gottes Haus verbunden ist, findet eine neue Motivation: Das eigene Reifen hat Gewicht für die Brüder und Schwestern neben uns und für das Zeugnis Gottes in dieser Welt. Diese Einsicht beugt und ermutigt zugleich – sie nimmt uns aus der Enge unserer Privatpläne heraus und stellt uns in die große, stille Bewegung Gottes, der sein Feld pflegt, seinen Bau errichtet und uns gnädig daran beteiligt.

Denn wir sind Gottes Mitarbeiter; ihr seid Gottes Ackerfeld, Gottes Bau. (1.Kor 3:9)

in welchem der ganze Bau, wohl zusammengefügt, wächst zu einem heiligen Tempel im Herrn; (Eph. 2:21)

Wer sich als Teil von Gottes Ackerfeld und Gottes Bau versteht, erlebt Wachstum im Leben nicht mehr nur als persönlichen Gewinn oder Verlust, sondern als Beteiligung an Gottes großem Bauprojekt: Das gibt stillen Prozessen Gewicht, bewahrt vor Resignation und nährt die Hoffnung, dass Gottes treue Barmherzigkeit aus unserem oft unscheinbaren Wachsen etwas Ewiges formt.


Herr Jesus, führe uns im Licht Deines Wortes und schenke uns Gnade, die gezeigte Wahrheit nicht nur zu verstehen, sondern im Alltag aus Deinem Leben zu erfahren. Bewahre uns in Deiner Gegenwart, damit unser Denken, Reden und Dienen von Dir geprägt wird und Dein Name in der Gemeinde verherrlicht wird. Amen.

Englische Quelle: Life-Study of 1 Corinthians, Chapter 25

Diesen Artikel teilen

Wenn er hilfreich war, kannst du ihn einfach weitergeben.

E-Mail WhatsApp