Das Wort des Lebens
lebensstudium

Wachstum im Leben nötig (1)

10 Min. Lesezeit

Viele Christen haben echte, starke Anfangserfahrungen mit Gott: sie sind errettet, spüren den Heiligen Geist und nehmen geistliche Gaben wahr – und bleiben dennoch innerlich stehen. Konflikte, Neid und Parteigeist zeigen, dass etwas Entscheidendes fehlt: nicht mehr Aktivitäten oder spektakuläre Erlebnisse, sondern das stille, beständige Wachstum im Leben, durch das Christus in uns Gestalt gewinnt und die Gemeinde wie ein Ackerfeld Gottes heranreift.

Vom fleischlichen Christen zum geistlichen Menschen

Paulus spricht die Gemeinde in Korinth mit einer überraschend scharfen Diagnose an: „Und ich, Brüder, konnte nicht zu euch reden als zu Geistlichen, sondern als zu Fleischlichen, als zu Unmündigen in Christus“ (1.Kor 3:1). Damit stellt er nicht das Heil dieser Gläubigen in Frage; sie gehörten zu Christus, sie hatten den Heiligen Geist empfangen. Aber ihre Lebensweise war von etwas anderem bestimmt als von dem Geist Gottes. Eifersucht, Streit und Parteiungen zeigten, wie er weiter schreibt, dass sie „noch fleischlich“ waren und „nach Menschenweise“ wandelten (1.Kor 3:3–4). Das Fleischliche besteht also nicht zuerst in groben Sünden, sondern darin, dass ein Christ seine Maßstäbe, Reaktionen und Entscheidungen aus der alten, natürlichen Quelle nimmt – aus verletzter Ehre, gekränkter Empfindlichkeit, eigener Klugheit oder Bewunderung für bestimmte Menschen – statt aus dem, was der Geist Gottes in seinem inneren Menschen bezeugt.

Ein geistlicher Mensch ist jemand, der sich nicht nach dem Fleisch richtet und nicht nach dem seelischen Leben handelt, sondern nach dem Geist lebt, das heißt nach seinem mit dem Geist Gottes vermengten Geist. Ein solcher Mensch wird von diesem vermengten Geist beherrscht, regiert, geleitet, bewegt und geführt. (Witness Lee, Life-Study of 1 Corinthians, Botschaft vierundzwanzig, S. 217)

Demgegenüber beschreibt die Schrift den geistlichen Menschen als jemanden, der aus einem anderen Mittelpunkt lebt. Er vertraut dem inneren Zeugnis des Heiligen Geistes mehr als den wechselnden Launen des eigenen Herzens. Er fragt nicht zuerst: Was fühle ich? Was passt zu mir? Sondern: Was wirkt der Herr in meinem Geist? Deshalb heißt es in Römer 8:4, dass die gerechte Forderung des Gesetzes in denen erfüllt wird, „die wir nicht nach dem Fleisch wandeln, sondern nach dem Geist“. Der geistliche Christ bleibt ein wirklicher Mensch mit Gefühlen und Grenzen, aber seine innere Steuerung ist verlagert: sein erneuerter Geist, in dem der lebengebende Geist wohnt, wird zur Leitstelle seines Denkens, Wollens und Handelns.

Wachstum im Leben bedeutet in diesem Licht nicht, dass unser altes Wesen religiös veredelt wird, sondern dass Gott selbst in uns zunimmt. Was Paulus den Korinthern vor Augen stellt, ist ein Weg: weg von der Herrschaft des spontanen, seelischen Lebens hin zu einer Existenz, die vom Geist her geprägt wird. „Wenn wir durch den Geist leben, lasst uns auch durch den Geist wandeln“ (Gal. 5:25), heißt es; die neue Lebensquelle soll nicht nur eine theologische Tatsache bleiben, sondern zur rhythmischen Bewegung unseres Alltags werden. Mit der Zeit verändert diese innere Verlagerung unsere spontanen Reaktionen, unsere Art zu sprechen, unsere Prioritäten. Wo früher Konkurrenz den Ton angab, wächst Raum für Wertschätzung; wo man sich an Leitfiguren klammerte, wird Christus selbst zum Mittelpunkt.

Gerade im Gemeindeleben zeigt sich, ob wir fleischlich oder geistlich leben. Konflikte, Vergleiche und Gruppierungen sind oft nicht das eigentliche Problem, sondern Symptome: sie legen offen, aus welcher Quelle wir leben. Gott stellt uns diese Spannung nicht vor, um uns zu entmutigen, sondern um uns in ein tieferes Vertrauen zu rufen. Er hat nicht nur die Forderung gestellt, im Geist zu wandeln, sondern uns denselben Geist gegeben, der Jesus aus den Toten auferweckt hat. In seinem Licht darf jeder Tag – auch mit Rückschlägen, mit Versagen und neuem Aufstehen – ein Weg des Erwachsens werden: weg vom bloß Menschlichen, hin zu einem Leben, in dem Christus Schritt für Schritt Gestalt gewinnt. Darin liegt Trost und stille Ermutigung: Unser Maß an Geistlichkeit ist nicht das Letzte; entscheidend ist, dass der Herr uns weiterführt und wir nicht stehenbleiben.

Und ich, Brüder, konnte nicht zu euch reden als zu Geistlichen, sondern als zu Fleischlichen, als zu Unmündigen in Christus. (1.Kor 3:1)

denn ihr seid noch fleischlich. Denn da Eifersucht und Streit unter euch ist: Seid ihr nicht fleischlich und wandelt nach Menschenweise? (1.Kor 3:3)

Wer erkennt, wie eng Paulus Fleischlichkeit und Unmündigkeit verknüpft, wird wach für die innere Quelle seines Handelns. Wachstum im Leben geschieht dort, wo Christus in unserem Geist mehr Gewicht erhält als verletzte Gefühle, alte Muster oder menschliche Bewunderung. Jeder kleine Schritt, in dem das leise Zeugnis des Geistes schwerer wiegt als der spontane Impuls des Fleisches, ist ein reales Wachsen vom fleischlichen Christen zum geistlichen Menschen – ein Wachstum, das nicht spektakulär sein muss, aber das Gemeindeleben spürbar verwandelt.

Anfangsgaben und Wachstum im göttlichen Leben

Die Korinther standen in reichem Anfangsbesitz. Paulus erinnert sie daran, dass sie „an keiner Gnadengabe Mangel“ hatten, während sie auf die Offenbarung Jesu Christi warteten (vgl. 1.Kor 1:7). Sie hatten das ewige Leben empfangen, der Heilige Geist wohnte in ihnen, geistliche Wirkungen waren unter ihnen deutlich sichtbar. Und doch bezeichnet er dieselben Gläubigen später als Unmündige in Christus, unfähig, feste Speise zu vertragen (1.Kor 3:2). Zwischen diesen beiden Aussagen liegt eine scharfe Linie: Es ist möglich, reich beschenkt anzufangen und dennoch innerlich kindlich zu bleiben, wenn das empfangene Leben nicht wachsen, sich nicht ausbreiten darf.

Obwohl sie alle anfänglichen Gaben im Leben empfangen hatten und es ihnen an keiner von ihnen mangelte (1:7), waren sie nach deren Empfang im Leben nicht gewachsen, sondern blieben Unmündige in Christus – nicht geistlich, sondern fleischlich. Der Apostel weist hier auf ihren Mangel hin und macht ihren Bedarf deutlich, nämlich im Leben zu wachsen bis zur Reife, voll erwachsen zu sein (2:6; Kolosser 1:28). (Witness Lee, Life-Study of 1 Corinthians, Botschaft vierundzwanzig, S. 218)

Das Bild des Samens hilft, diesen Gegensatz zu verstehen. In 1. Mose wird erzählt, wie Gott Samen „nach ihrer Art“ in die Schöpfung hineingelegt hat – Leben, das in sich die Kraft zur Entfaltung trägt. Ähnlich legt Gott durch die neue Geburt sein eigenes Leben wie einen Samen in unser Herz. Ein Same aber ist nicht dazu bestimmt, als Besitz verwahrt zu werden; er will keimen, Wurzeln treiben, nach unten und nach oben wachsen, Blätter, Blüten und schließlich Frucht hervorbringen. Spektakuläre Anfangsgaben oder beeindruckende Erfahrungen können dabei nicht ersetzen, was wahres Wachstum ausmacht: die Zunahme Gottes selbst in unserem Denken, Empfinden und Wollen. Darum schreibt Paulus über sein eigenes Dienstziel: Christus zu verkündigen und zu lehren, „damit wir jeden Menschen gereift in Christus darstellen“ (Kolosser 1:28).

Wachstum im Leben bis zur Reife bedeutet, dass die Gaben Gottes vom Rand in das Zentrum unseres Lebens rücken. Was der Geist uns lehrt, bleibt nicht Theorie, sondern beginnt, unsere Urteile und Reaktionsmuster zu prägen. Gottes Liebe wird nicht nur als Wahrheit anerkannt, sondern färbt unsere Beziehungen; seine Heiligkeit wird nicht nur bewundert, sondern gewinnt Gewicht in unseren Entscheidungen; seine Geduld mit uns formt unsere Geduld mit anderen. In dieser Perspektive sind erstaunliche Gaben und Dienste ein Anfang, aber nicht das Ziel. Reife zeigt sich dort, wo das göttliche Leben in uns tragfähige Gestalt angenommen hat, sodass wir nicht nur empfangen, sondern auch tragen, nähren und mithelfen können, dass andere wachsen.

Dass Gott uns am Anfang so reich beschenkt und uns zugleich weiterführen will, ist zutiefst tröstlich. Nichts von dem, was er in uns hineingelegt hat, ist zufällig oder überflüssig; alles trägt Wachstumspotenzial in sich. Wo wir uns von der Unruhe lösen, uns ständig mit anderen zu vergleichen, und stattdessen auf die stille Arbeit des göttlichen Lebens in uns achten, wird der Weg zur Reife nicht zur Überforderung, sondern zu einer Hoffnung: Der, der den guten Anfang gemacht hat, wird sein Werk nicht unvollendet lassen. Jeder unscheinbare Fortschritt – ein gereiftes Wort, eine überwundene Bitterkeit, ein neuer Gehorsam – ist ein Vorgeschmack dessen, was Christus in seiner Fülle in uns sein will.

so dass ihr an keiner Gnadengabe Mangel habt, während ihr das Offenbarwerden unseres Herrn Jesus Christus erwartet. (1.Kor 1:7)

Ich habe euch Milch zu trinken gegeben, nicht feste Speise; denn die konntet ihr noch nicht aufnehmen. Aber auch jetzt könnt ihr es noch nicht, (1.Kor 3:2)

Diese Wahrheit ermutigt dazu, vor dem Herrn still zu werden und neu zu sehen, wie Sein Leben Denken, Fühlen und Handeln von innen her prägt.

Gott gibt das Wachstum – wir leben im Ackerfeld seiner Gnade

Um das Geheimnis des Wachstums im Leben zu beleuchten, verwendet Paulus ein schlichtes, aber tiefes Bild: „Ich habe gepflanzt, Apollos hat begossen, Gott aber hat das Wachstum gegeben“ (1.Kor 3:6). Die Gemeinde ist für ihn „Gottes Ackerfeld, Gottes Bau“ (1.Kor 3:9). Da ist Boden – unser Menschsein mit seiner Geschichte, seinen Prägungen, seiner Verwundbarkeit. Da ist der Samen – Christus selbst, das in uns gelegte Leben. Da sind Menschen, die pflanzen und begießen: Diener, Geschwister, die das Wort weitergeben, ermutigen, lehren, begleiten. Doch bei allem Tun der Menschen bleibt eine Grenze bestehen: Keiner kann Wachstum machen. Leben entzieht sich menschlicher Machbarkeit; es wächst, weil Gott gegenwärtig ist und wirkt.

Damit sie wachsen konnten, mussten sie begossen werden. Zwar können die Heiligen andere begießen, doch Wachstum kommt nur von Gott selbst. Wie Paulus sagt: „Ich habe gepflanzt, Apollos hat begossen, Gott aber hat das Wachstum gegeben; so dass weder der ist, der pflanzt, noch der, der begießt, etwas, sondern Gott, der das Wachstum gibt.“ (Witness Lee, Life-Study of 1 Corinthians, Botschaft vierundzwanzig, S. 222)

Dieses Wirken geschieht nicht im Abstrakten. Wenn wir gemeinsam das Wort Gottes hören und im Glauben aufnehmen, wenn wir in schlichter Weise unser Herz vor Gott öffnen und unseren Geist auf ihn ausrichten, wird das Innerste begossen. Manchmal geschieht dies im persönlichen Stillsein, manchmal mitten in der Unvollkommenheit des Gemeindelebens: ein Wort trifft, ein Lied öffnet, ein Gebet anderer trägt. So fließt eine frische Lebensversorgung zu dem, was Gott bereits in uns hineingelegt hat. Dass Menschen pflanzen und begießen, ist darum nicht geringzuschätzen; es ist Teil von Gottes Weg, sein Leben auszubreiten. Aber die Wirksamkeit liegt nicht in der Geschicklichkeit der Diener, sondern in der Gegenwart dessen, der das Wachstum gibt.

Wer sich selbst und andere unter diesem Blickwinkel sieht, wird gelassener und zugleich hoffnungsvoller. Die eigene Begrenztheit – im Verstehen, im Erklären, im Trösten – muss nicht zur Verzweiflung führen, weil Gott auch dort weiterwirkt, wo unser Einfluss endet. Zugleich verliert das Gemeindeleben seine Schwere: es ist nicht ein Projekt, das wir stemmen müssen, sondern ein Ackerfeld seiner Gnade, auf dem er die Verantwortung für das Wachsen trägt. In dieser Sichtweise werden auch die unscheinbaren Dinge bedeutsam: ein treues Gebet, eine leise Aufmerksamkeit, ein kleines Wort zur rechten Zeit sind wie Schlucke Wasser für junge Pflanzen.

So wird aus der Lehre, dass Gott das Wachstum gibt, eine sanfte Einladung zur Ruhe und zum Vertrauen. Nicht unsere Anstrengung macht das Reich Gottes groß, sondern die stille, beharrliche Wirksamkeit seines Lebens. Das entwertet unser Mittun nicht, im Gegenteil: Es löst es aus Ehrgeiz und Vergleich und stellt es in die Freiheit des Dienstes. Wer weiß, dass er auf Gottes Ackerfeld arbeitet, darf mit Freude pflanzen und begießen und zugleich damit rechnen, dass Gott selbst, oft im Verborgenen, Wurzeln vertieft, Triebe stärkt und Frucht heranreifen lässt.

Ich habe gepflanzt, Apollos hat begossen, Gott aber hat das Wachstum gegeben. (1.Kor 3:6)

So ist nun weder der, der pflanzt, etwas, noch der, der begießt, sondern Gott, der das Wachstum gibt. (1.Kor 3:7)

Diese Wahrheit ermutigt dazu, vor dem Herrn still zu werden und neu zu sehen, wie Sein Leben Denken, Fühlen und Handeln von innen her prägt.


Herr Jesus, führe uns im Licht Deines Wortes und schenke uns Gnade, die gezeigte Wahrheit nicht nur zu verstehen, sondern im Alltag aus Deinem Leben zu erfahren. Bewahre uns in Deiner Gegenwart, damit unser Denken, Reden und Dienen von Dir geprägt wird und Dein Name in der Gemeinde verherrlicht wird. Amen.

Englische Quelle: Life-Study of 1 Corinthians, Chapter 24

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