Christus als Gekreuzigter, der Mittelpunkt des Dienstes des Apostels
Es gibt Predigten, die bewundert, aber schnell wieder vergessen werden – und es gibt Worte, die das Herz treffen und ein Leben lang nachklingen. Paulus stand in Korinth vor einem gebildeten Publikum, das scharfsinnige Argumente und glänzende Redekunst liebte. Trotzdem verzichtete er bewusst auf alles, was beeindruckend wirkte, und stellte nur eines in den Mittelpunkt: Jesus Christus, und zwar als den Gekreuzigten. Seine Entscheidung stellt auch heute die Frage, worauf sich unser Verständnis vom Evangelium und unser Dienst wirklich konzentrieren.
Das Zeugnis Gottes: Christus und die Gemeinde als eine Einheit
Wenn Paulus davon spricht, dass er den Korinthern das „Zeugnis Gottes“ angekündigt hat, meint er damit nicht eine fromme Allgemeinaussage über Gott, sondern etwas zutiefst Konkretes und zugleich Umfassendes. „Ihm nun, der fähig ist, euch zu festigen nach meinem Evangelium, das heißt nach der Verkündigung Jesu Christi, nach der Offenbarung des Geheimnisses, das in den Zeiten der Zeitalter verschwiegen worden ist“ (Röm. 16:25), heißt es. Dieses Geheimnis ist nach dem Neuen Testament nicht eine esoterische Zusatzinformation, sondern Gottes eigene Selbstoffenbarung in Christus und die Auswirkung dieser Offenbarung in der Gemeinde. In Christus tritt Gott aus der Verborgenheit in die Geschichte; in der Gemeinde gewinnt dieser Christus Gestalt, Ausdruck, Körper. Was Gott also über sich selbst bezeugt, ist untrennbar mit Jesus Christus verbunden – und mit den Menschen, die als sein Leib zu ihm gehören.
Was der Apostel als das Zeugnis Gottes verkündigte, war das Geheimnis Gottes, nämlich Christus als die Verkörperung Gottes und die Gemeinde als der Ausdruck Christi (Röm. 16:25–26; Kol. 1:26–27; 2:2; 4:3; Eph. 3:4–6, 9). In Wirklichkeit sind das Zeugnis Gottes und das Geheimnis Gottes eins. Das Geheimnis Gottes ist das Zeugnis Gottes. Dieses Zeugnis, dieses Geheimnis, umfasst Christus als die Verkörperung Gottes und die Gemeinde als den Ausdruck Christi. (Witness Lee, Life-Study of 1 Corinthians, Botschaft fünfzehn, S. 134)
Schon das Bild der Lade des Zeugnisses in 2. Mose weist in diese Richtung. Die Lade steht für Christus als den Ort der Gegenwart Gottes, als Träger des Gesetzes und als Mittelpunkt der Stiftshütte. Aber die Lade steht nie isoliert in einer Vitrine; sie ist eingebettet in das ganze Heiligtum, umgeben von Priestertum, Opferdienst und dem Volk. So ist Christus nie ohne sein Umfeld zu denken: Er ist das Haupt, doch dieses Haupt hat einen Leib. Kolosser 1:27 fasst das Geheimnis in einer bemerkenswert dichten Formulierung: „Christus in euch, die Hoffnung der Herrlichkeit.“ Der Christus, in dem „die ganze Fülle der Gottheit leibhaftig“ wohnt (Kol. 2:9), bleibt nicht nur über uns, sondern wohnt in einem Volk, das ihn trägt, widerspiegelt und verkörpert.
Wer nur von Christus als persönlichem Retter spricht, aber die Gemeinde als seinen Leib ausblendet, gibt deshalb nur eine halbe Wahrheit weiter. Gewiss: Vergebung, Rechtfertigung, Versöhnung sind kostbare Gaben. Doch Gottes Zeugnis zielt weiter. Er will nicht lediglich einzelne Gerettete nebeneinander stellen, sondern einen Leib hervorbringen, eine konkrete, sichtbare Gemeinde, in der Christus als das Geheimnis Gottes erkennbar wird. Kolosser 2:2. spricht davon, dass die Herzen „zur völligen Erkenntnis des Geheimnisses Gottes, Christus“ geführt werden. Diese Erkenntnis bleibt nicht theoretisch; sie nimmt Gestalt an in Beziehungen, in gemeinsamem Leben, in einem Miteinander, in dem Christus das verbindende Zentrum ist.
So wird verständlich, warum der erste Korintherbrief nicht bei hohen christologischen Aussagen stehenbleibt. Er beginnt mit Christus als Gottes Weisheit und Gottes Kraft, mit dem Gekreuzigten als Skandalon und Torheit für die Welt – und führt dann mitten hinein in Fragen der Gemeindeordnung, des Umgangs miteinander, der Versammlungen, der Gaben. Gerade dort, in den manchmal mühsamen Themen des Gemeindelebens, soll sichtbar werden, dass der bezeugte Christus wirklich das Haupt ist. Gottes Zeugnis ist daher nicht nur die Botschaft: „Christus ist für dich gestorben“, sondern auch: „Dieser Christus baut sich eine Gemeinde, in der er heute lebt, wirkt und herrscht.“
Ihm nun, der fähig ist, euch zu festigen nach meinem Evangelium, das heißt nach der Verkündigung Jesu Christi, nach der Offenbarung des Geheimnisses, das in den Zeiten der Zeitalter verschwiegen worden ist, (Röm. 16:25-26)
das Geheimnis, das von den Zeitaltern und von den Generationen her verborgen gewesen ist, jetzt aber Seinen Heiligen offenbar gemacht worden ist, (Kol. 1:26-27)
Das Zeugnis Gottes gewinnt im eigenen Leben an Klarheit, wenn Christus nicht nur als persönliche Hilfe gesehen wird, sondern als das Haupt eines Leibes, in den wir hineingerufen sind. Je mehr dieser Zusammenhang von Christus und Gemeinde innerlich Gewicht bekommt, desto weniger bestimmen zufällige Stimmungen oder private Vorlieben den Glauben. Stattdessen wächst eine stille Gewissheit: Ich gehöre zu einem Ganzen, in dem Christus selbst gegenwärtig ist und in dem Gottes Geheimnis – Christus in euch, die Hoffnung der Herrlichkeit – Schritt für Schritt sichtbar wird.
Der gekreuzigte Christus als Mitte und Maßstab des Dienstes
Mit einem knappen, aber radikalen Satz beschreibt Paulus den inneren Kompass seines Dienstes: „Denn ich hatte mich dafür entschieden, unter euch nichts außer Jesus Christus zu wissen, und diesen als gekreuzigt“ (1. Kor. 2:2). Er formuliert nicht nur ein Predigtthema, sondern eine entschiedene Begrenzung. In Korinth, einer Stadt voller Rhetorik, Philosophenschulen und religiöser Vielfalt, hätte er viele Anknüpfungspunkte wählen können: Weisheitstraditionen, Ethik, religiöse Erfahrungen. Doch er setzt das Kreuz in die Mitte – nicht als Symbol, sondern als Wirklichkeit: der verworfene, leidende, sterbende Messias. Der Maßstab seines Dienstes ist nicht, ob man ihn für tiefsinnig, kultiviert oder geistlich beeindruckend hält, sondern ob der gekreuzigte Christus sichtbar wird.
Denn ich nahm mir vor, nichts unter euch zu wissen außer Jesus Christus, und Ihn als gekreuzigt. Der gekreuzigte Christus war das einzigartige Thema, das Zentrum, der Inhalt und die Substanz des Dienstes des Apostels. Deshalb nahm er sich vor, nichts anderes zu kennen als den allumfassenden Christus, als er im Begriff war, den Griechen, die ausgezeichnete Rede hochschätzten und Weisheit verehrten, das Wort vom Zeugnis Gottes zu dienen. (Witness Lee, Life-Study of 1 Corinthians, Botschaft fünfzehn, S. 135)
Der gekreuzigte Christus entlarvt alles selbstbezogene Streben, auch im geistlichen Gewand. Am Kreuz wird deutlich, wie Gott mit menschlicher Stärke umgeht: Sie wird nicht optimiert, sondern mit Christus gekreuzigt. Daher stößt dieses Zentrum notwendigerweise auf Widerstand – im Herzen des religiösen Menschen ebenso wie im Herzen des intellektuellen Menschen. Lukas 24:26 fasst diese Spannung in einem Satz: „Musste der Christus nicht diese Dinge erleiden und in Seine Herrlichkeit eingehen?“ Der Weg in die Herrlichkeit führt nicht an der Schmach vorbei, sondern hindurch. Wenn Paulus den gekreuzigten Christus predigt, predigt er damit auch eine Lebensform, die sich nicht über andere erhebt, sondern sich hingibt, nicht glänzen will, sondern liebt.
Darum verzichtet Paulus auf die Mittel, die in Korinth besonders beeindruckt hätten. Seine Rede soll nicht durch „Vortrefflichkeit der Rede oder Weisheit“ glänzen (1. Kor. 2:1), sondern den Raum lassen, in dem Gottes eigene Kraft wirksam wird. Apg. 2:36 bezeugt, wie Gott auf die Erniedrigung des Sohnes antwortet: „Das ganze Haus Israel wisse darum mit Gewissheit, dass Gott Ihn sowohl zum Herrn als auch zum Christus gemacht hat, diesen Jesus, den ihr gekreuzigt habt.“ Gerade der Gekreuzigte ist von Gott zum Herrn erhöht. An diesem Punkt entscheidet sich auch die Gestalt von Dienst und Verkündigung: Wird die Aufmerksamkeit auf den Dienenden gelenkt, auf seinen Stil, sein Charisma, seine Besonderheiten – oder wird sie auf den erhöhten Herrn ausgerichtet, der als der Gekreuzigte herrscht?
Wo der gekreuzigte Christus Mitte und Maßstab bleibt, relativieren sich viele andere Themen. Lehren, Traditionen, geistliche Strömungen werden daran gemessen, ob sie das Kreuz vertiefen oder verdecken. Persönlicher Dienst wird daran erkennbar, ob er den Dienenden aufbaut oder den Gekreuzigten groß macht. Das hat eine befreiende Seite: Man muss nicht alles wissen, nicht alles können, nicht jedem Ideal entsprechen; entscheidend ist, ob der Eine, der für uns gelitten hat und nun lebt, durchscheinen darf. Wer das für sich annimmt, erlebt: Der Druck, etwas Besonderes darstellen zu müssen, weicht einer stillen Freude, diesem Christus zu gehören und ihn, unscheinbar und doch kraftvoll, in den Mittelpunkt zu stellen.
Denn ich hatte mich dafür entschieden, unter euch nichts außer Jesus Christus zu wissen, und diesen als gekreuzigt. (1.Kor 2:2)
Musste der Christus nicht diese Dinge erleiden und in Seine Herrlichkeit eingehen? (Lk. 24:26)
Diese Wahrheit ermutigt dazu, vor dem Herrn still zu werden und neu zu sehen, wie Sein Leben Denken, Fühlen und Handeln von innen her prägt.
Dienen in Schwachheit, Furcht und der Kraft des Geistes
Das Bild, das Paulus von seinem Auftreten in Korinth zeichnet, überrascht. Er erinnert die Gemeinde daran: „Und ich war bei euch in Schwachheit und mit Furcht und in vielem Zittern“ (1. Kor. 2:3). Kein Selbstbewusstsein, keine souveräne Bühne, kein glänzender Auftritt. Die Schwachheit hat gewiss eine körperliche Seite – Leiden, Verfolgungen, Erschöpfung –, doch sie ist mehr als ein gesundheitliches Detail. Sie beschreibt eine Haltung, in der sich Paulus seiner eigenen Grenzen und der Größe dessen, was er zu sagen hat, sehr bewusst ist. Furcht und Zittern sind kein Zeichen mangelnden Glaubens, sondern Ausdruck einer wachen inneren Verantwortung: Er weiß, wie leicht er, um der Griechen willen, in ihre Muster von Weisheit und Rhetorik hineinrutschen könnte und dabei gerade den Christus verfehlt, den er verkündigen soll.
„Und ich war bei euch in Schwachheit und in Furcht und in vielem Zittern.“ Schwachheit bezieht sich hier auf die körperliche Schwachheit des Apostels, vielleicht aufgrund seiner körperlichen Leiden in den Verfolgungen, die er um des Evangeliums willen erduldete. … Furcht ist das innere Empfinden; Zittern ist das äußere Erscheinungsbild. Der Apostel fürchtete, Christus in seinem Dienst an die nach Weisheit suchenden Griechen zu verfehlen, und zitterte davor, von ihrem vorherrschenden Streben beeinflusst zu werden. Durch eine solche Furcht und ein solches Zittern stand er treu und standhaft in seinem von Gott bestimmten Dienst gemäß der himmlischen Vision und wich in keiner Weise davon ab. (Witness Lee, Life-Study of 1 Corinthians, Botschaft fünfzehn, S. 138)
Gerade deshalb betont Paulus: „Und meine Rede und meine Predigt (bestand) nicht in überredenden Worten der Weisheit, sondern in Erweisung des Geistes und der Kraft“ (1. Kor. 2:4). Die Alternative ist deutlich: Entweder gründet sich der Glaube der Hörer auf menschliche Überzeugungskunst, oder er entsteht durch ein Wirken, das über den Menschen hinausweist. Epheser 2:1–5 erinnert daran, dass der Zustand der Menschen, denen gedient wird, nicht nur ein Mangel an Information ist, sondern geistlicher Tod: „Und euch, obwohl ihr tot wart in euren Verfehlungen und Sünden, … hat Gott … zusammen mit Christus lebendig gemacht.“ Ein Toter lässt sich nicht argumentativ zum Leben überreden; Leben wird geschenkt. Darum ist die Erweisung des Geistes entscheidend: Der Geist offenbart Christus, macht das Wort lebendig, durchbricht Widerstände, schenkt Buße und Glauben.
Dieser Weg des Dienens steht quer zu vielem, was menschlich naheliegt. Es ist verlockend, sich auf Stil, Methoden, psychologische Wirkung oder kulturelle Anschlussfähigkeit zu verlassen. Paulus kennt diese Versuchung, deshalb fürchtet und zittert er – nicht vor den Menschen, sondern davor, Christus zu verfehlen. Seine Schwachheit wird so zum Schutz: Sie hindert ihn daran, sich auf sich selbst zu stützen, und hält ihn offen für die Leitung des Geistes. Wo ein Mensch auf diese Weise lernend und abhängig bleibt, kann der Dreieine Gott sich in einer Weise erweisen, die nicht an die Fähigkeiten des Dienenden gebunden ist. Dann zeigen sich Früchte, die niemand auf das Konto menschlicher Begabung buchen kann, sondern die auf Gottes Eingreifen hinweisen.
Für die Gemeinde hat diese Art des Dienens eine heilsame Folge: „damit euer Glaube nicht auf Menschenweisheit, sondern auf Gottes Kraft beruhe“ (1. Kor. 2:5). Ein Glaube, der auf Persönlichkeit, Eloquenz oder Überzeugungskraft eines Menschen gegründet ist, bleibt anfällig – er schwankt mit dessen Stärken und Schwächen. Ein Glaube, der aus der Erweisung des Geistes geboren ist, trägt auch dann, wenn äußere Stützen wegbrechen. Er ruht in dem Gott, der „reich an Barmherzigkeit ist“ und uns „zusammen mit Christus lebendig gemacht“ hat (Eph. 2:4–5). In dieser Perspektive wird die eigene Schwachheit nicht mehr nur als Hindernis erlebt, sondern als Raum, in dem Gottes Kraft gerade nicht überdeckt wird.
Und ich war bei euch in Schwachheit und mit Furcht und in vielem Zittern; und meine Rede und meine Predigt (bestand) nicht in überredenden Worten der Weisheit, sondern in Erweisung des Geistes und der Kraft, damit euer Glaube nicht auf Menschenweisheit, sondern auf Gottes Kraft beruhe. (1.Kor 2:3-5)
Und euch, obwohl ihr tot wart in euren Verfehlungen und Sünden, (Eph. 2:1-5)
Diese Wahrheit ermutigt dazu, vor dem Herrn still zu werden und neu zu sehen, wie Sein Leben Denken, Fühlen und Handeln von innen her prägt.
Herr Jesus Christus, danke, dass du dich nicht mit menschlicher Weisheit durchgesetzt hast, sondern dich für uns hast kreuzigen lassen, damit Gottes Kraft gerade in der Schwachheit sichtbar wird. Leite das Herz immer wieder weg von Stolz, Wissen und Selbstsicherheit hin zu dir als dem Gekreuzigten, der die ganze Fülle Gottes in sich trägt. Lass das Zeugnis Gottes unter uns vollständig sein, indem du als Haupt geehrt wirst und deine Gemeinde als dein Leib in Liebe, Einheit und Schlichtheit lebt. Richte den Glauben tiefer auf deine Kraft aus, die durch dein Wort und deinen Geist wirkt, und tröste dort, wo das Kreuz schwer zu verstehen oder zu tragen ist, mit der Hoffnung deiner Auferstehung. So bewahre in deiner Gnade und lasse dein Licht in dieser Welt durch ein Leben und Gemeindeleben leuchten, das dich allein in den Mittelpunkt stellt. Amen.
Englische Quelle: Life-Study of 1 Corinthians, Chapter 15