Die Gemeinschaft Christi, die in das Erfahren von Ihm mündet
Viele Christen sehnen sich nach echter geistlicher Tiefe, erleben ihren Glauben aber eher als Sammlung von Lehren und Regeln. Im ersten Korintherbrief öffnet Paulus einen anderen Horizont: Er spricht von einer lebendigen Gemeinschaft mit dem Sohn Gottes, einem geistlichen Strom, der durch die Jahrhunderte und über alle Grenzen hinweg fließt. Wer in diesen Strom hineingerufen ist, bleibt nicht bei einer äußeren Einheit stehen, sondern erfährt Christus selbst – als Kraft, Weisheit und verändernde Gegenwart im ganz normalen Alltag.
Die Gemeinschaft des Sohnes – mehr als äußere Einheit
Wenn Paulus schreibt, dass wir „hinein in die Gemeinschaft Seines Sohnes Jesus Christus, unseres Herrn“ berufen sind, öffnet sich ein weiter Horizont. Gemeinschaft ist hier weit mehr als das harmonische Miteinander einer religiösen Gruppe. Sie ist der Ausdruck eines geteilten Lebens. Wie das Blut unaufhörlich den Leib durchströmt und jedes Glied mit Leben versorgt, so ist die Gemeinschaft des Sohnes der unsichtbare, aber reale Lebensstrom des Sohnes Gottes, der von Gott her zu uns und von uns untereinander fließt. In 1. Korinther 1:9 heißt es: „Gott ist treu, durch den ihr berufen worden seid hinein in die Gemeinschaft Seines Sohnes Jesus Christus, unseres Herrn.“ Nicht wir bauen diese Gemeinschaft, nicht unsere Organisationen oder Programme erzeugen sie. Gott selbst ruft uns hinein, indem Er uns in Christus setzt und uns so an Seinem eigenen Leben teilhaben lässt.
Gemeinschaft setzt Leben voraus. Ohne Leben gibt es keine Gemeinschaft. Gemeinschaft ist etwas Inneres; man kann sie als den gegenseitigen Austausch des Lebens beschreiben. (Witness Lee, Life-Study of 1 Corinthians, Botschaft vierzehn, S. 126)
Das Alte Testament kennt bereits das kostbare Bild der Einheit des Volkes Gottes. Psalm 133 preist die „gute und liebliche“ Eintracht der Brüder und vergleicht sie mit dem Öl, das Aarons Haupt überströmt. Doch diese Einheit bleibt überwiegend äußerlich: das gemeinsame Volk, der gemeinsame Gottesdienst, die gemeinsame Geschichte. Im Neuen Bund wird diese Einheit innerlich vertieft und erhält einen neuen Namen: koinonia, Gemeinschaft. Johannes beschreibt sie so: „Was wir gesehen und gehört haben, verkündigen wir auch euch, damit auch ihr Gemeinschaft mit uns habt; und zwar ist unsere Gemeinschaft mit dem Vater und mit Seinem Sohn Jesus Christus“ (1. Johannes 1:3). Gemeinschaft ist hier gegenseitige Mitteilung des göttlichen Lebens – ein vertikaler Fluss zwischen dem Vater, dem Sohn und uns, und ein horizontaler Fluss zwischen allen, die an diesem Leben Anteil haben. Sie ist kein bloßes Einverständnis in Lehrfragen, sondern das gemeinsame Atmen desselben Lebens, das in Christus erschienen ist.
Seit Pfingsten hat dieser Lebensstrom eine geschichtliche Gestalt gewonnen. Von den 120 im Obersaal in Jerusalem über die ersten Gemeinden im Mittelmeerraum bis in unsere Zeit fließt dieselbe Gemeinschaft weiter. Von den ersten Gläubigen wird berichtet: „Und sie blieben beharrlich in der Lehre und in der Gemeinschaft der Apostel, im Brechen des Brotes und in den Gebeten“ (Apostelgeschichte 2:42). Lehre, Brotbrechen und Gebet stehen hier nicht nebeneinander wie drei Programme, sondern sind Ausdruck einer durchströmenden Gemeinschaft. Die Lehre der Apostel entfaltet Christus, das Brotbrechen erinnert und nährt mit Christus, die Gebete richten alles auf Christus aus – und die Gemeinschaft ist der Raum, in dem dieser Christus als Leben geteilt wird.
Darum widersprechen Spaltungen, Parteiungen und das Festhalten an menschlichen Vorlieben diesem Strom des Lebens. Sobald „meine“ Gruppe, „mein“ Lehrer, „mein“ Stil wichtiger wird als die gemeinsame Teilhabe an Christus, wird der Strom blockiert. Paulus spricht die Korinther sehr konkret an: „Ich flehe euch nun an, Brüder, durch den Namen unseres Herrn Jesus Christus, dass ihr alle dasselbe redet und dass keine Spaltungen unter euch seien“ (1. Korinther 1:10). Nur wenn Christus selbst die Mitte bleibt, kann die in Ihm geschenkte Gemeinschaft frei fließen. Und gerade hier liegt ein großer Trost: Gemeinschaft ist nicht zuerst eine Forderung, die wir erfüllen müssten, sondern eine Gabe, in die wir hineingerufen sind. Schritt für Schritt dürfen wir lernen, uns vom Strom des Sohnes prägen zu lassen – bis unsere Sicht von Gemeinde, unser Umgang mit Geschwistern und unser inneres Klima von dieser stillen, aber kräftigen Lebenszirkulation durchdrungen wird.
Gott ist treu, durch den ihr berufen worden seid hinein in die Gemeinschaft Seines Sohnes Jesus Christus, unseres Herrn. (1.Kor 1:9)
Was wir gesehen und gehört haben, verkündigen wir auch euch, damit auch ihr Gemeinschaft mit uns habt; und zwar ist unsere Gemeinschaft mit dem Vater und mit Seinem Sohn Jesus Christus. (1.Joh. 1:3)
Die Gemeinschaft des Sohnes ist eine geschenkte Wirklichkeit, in die Gott selbst hineinruft. Wer sich innerlich immer wieder an den lebendigen Christus bindet, beginnt zu erfahren, dass aus dieser unsichtbaren Lebenszirkulation konkrete Haltungen entstehen: weniger Festhalten an Lieblingspositionen, mehr Achtung vor dem gleichen Leben im anderen, mehr Ruhe inmitten unterschiedlicher Auffassungen. So wächst – oft leise und unspektakulär – eine Gemeinschaft, die nicht aus menschlicher Harmonie, sondern aus dem gemeinsamen Anteil an Christus lebt.
Christus – Gottes Kraft und Weisheit in einem geteilten Umfeld
Die Gemeinde in Korinth war keine idealisierte Mustergemeinde, sondern ein Spiegel menschlicher Wirklichkeit: geprägt von Kultur, sozialen Spannungen, starken Persönlichkeiten und dem Bedürfnis, sich an beeindruckende Leiter zu hängen. In genau dieses Umfeld spricht Paulus nicht ein pädagogisches Reformprogramm, sondern eine Person hinein. Er sagt: „wir aber predigen Christus als gekreuzigt … für die aber, die berufen sind, sowohl für die Juden als auch für die Griechen, predigen wir Christus als die Kraft Gottes und die Weisheit Gottes“ (1. Korinther 1:23–24). Gottes Antwort auf die Verflochtenheit von menschlicher Weisheit, Machtdenken und religiösem Ehrgeiz ist nicht ein neuer Ansatz, sondern der gekreuzigte und auferstandene Sohn. In der Gemeinschaft mit Ihm begegnet uns Gottes Kraft nicht als Druckmittel, sondern als die Macht des Kreuzes, die alte Maßstäbe entlarvt und beendet.
Spaltungen widersprechen der Gemeinschaft. Sie richten sich gegen die Gemeinschaft, in die Gott uns berufen hat. (Witness Lee, Life-Study of 1 Corinthians, Botschaft vierzehn, S. 128)
Die Weisheit Gottes in Christus besteht darin, dass das Kreuz zwischen uns und unseren natürlichen Bewertungsmustern steht. Die Juden suchten Zeichen, die Griechen Weisheit – beides sind Ausdrucksformen eines religiösen oder kulturellen Stolzes, der sich seiner Maßstäbe sicher ist. In unseren Zusammenhängen sieht das anders aus, trägt aber ähnlichen Charakter: wir suchen Bestätigung in bestimmten Frömmigkeitsstilen, geistlichen Konzepten, Leitungsfiguren oder kulturellen Ausdrucksformen des Glaubens. Wo Christus als Gottes Weisheit unter uns wirksam wird, verlieren diese Maßstäbe ihre selbstverständliche Autorität. Das Licht, von dem es in Johannes 1:9 heißt: „Das war das wahrhaftige Licht, das, in die Welt kommend, jeden Menschen erleuchtet“, fällt dann auch auf unsere frommen Vorlieben. Es wird sichtbar, wo wir „Ich bin des Paulus, ich aber des Apollos, ich aber des Kephas“ (1. Korinther 1:12) denken, auch wenn wir es nicht so aussprechen.
Christus als Gottes Kraft zeigt sich nicht zuerst in spektakulären Erfahrungen, sondern darin, dass wir dem Kreuz in ganz konkreten Situationen nicht ausweichen. Die Kraft des gekreuzigten Christus trägt, wenn wir an einem Recht festhalten möchten, das uns innerlich von Geschwistern trennt. Sie wirkt, wenn ein hartes Wort uns nachläuft und Er uns innerlich die Stärke gibt, nicht zurückzuschlagen, sondern Ihn machen zu lassen. In solcher Schwachheit erweist sich, dass die „Schwachheit Gottes stärker ist als die Menschen“ (1. Korinther 1:25). Gemeinschaft nimmt in dieser Atmosphäre eine andere Gestalt an: sie ist nicht das Bündnis der Starken, sondern das Miteinander derer, die aus der Kraft des Kreuzes leben.
Christus als Gottes Weisheit schenkt darüber hinaus einen neuen Blick auf Gemeinde. Wo Er Mittelpunkt der Gemeinschaft wird, geraten unsere kulturgeprägten Erwartungen in Bewegung. Es entsteht ein Raum, in dem verschieden geprägte Menschen einander nicht mehr über ihre Herkunft, Bildung oder Spiritualität definieren, sondern über den gemeinsamen Anteil an Christus. Seine Weisheit ordnet neu, wer wem dient, wer zuhört, wessen Stimme Gewicht hat – und zwar nicht nach äußeren Kriterien, sondern danach, wie Er sich selbst im Leib ausdrücken will. So wächst eine Gemeinschaft, die nicht durch Gleichschaltung, sondern durch das gemeinsame Hören auf die Weisheit Christi zusammengehalten wird.
Wir aber predigen Christus als gekreuzigt, für die Juden ein Anstoß und für die Heiden eine Torheit; für die aber, die berufen sind, sowohl für die Juden als auch für die Griechen, predigen wir Christus als die Kraft Gottes und die Weisheit Gottes. (1.Kor 1:23-24)
Ich meine aber dies, daß jeder von euch sagt: ich bin des Paulus, ich aber des Apollos, ich aber des Kephas, ich aber Christi. (1.Kor 1:12)
Christus als Gottes Kraft und Weisheit wird konkret, wo wir uns in Konflikten, Unsicherheiten und kulturellen Reibungen nicht zuerst auf eigene Klugheit oder Durchsetzungskraft verlassen, sondern innerlich an Ihn wenden. Wer in der Gemeinschaft mit Ihm den Mut findet, die eigenen Maßstäbe ans Kreuz zu bringen, erlebt, wie eine andere Sicht auf Geschwister und Gemeinde wächst. So kann selbst ein von Spannungen geprägtes Umfeld zu einem Ort werden, an dem die Kraft des Kreuzes und die Weisheit Christi sichtbar werden.
Christus erfahren: Gerechtigkeit, Heiligung und Erlösung im Alltag
Wenn Paulus schreibt: „Von Ihm aber seid ihr in Christus Jesus, der uns von Gott zur Weisheit geworden ist: sowohl zur Gerechtigkeit als auch zur Heiligung und zur Erlösung“ (1. Korinther 1:30), bündelt er die ganze Fülle des Heils in einem Satz. Gott hat uns nicht nur ein neues Gesetz oder bessere Maßstäbe gegeben, sondern uns in eine Person hineingesetzt. In Adam lebten wir in einem Wirklichkeitsraum, der von Sünde, Selbstbehauptung und Trennung von Gott gekennzeichnet war. In Christus sind wir in einen anderen Bereich versetzt worden – in die Sphäre Seines Lebens. Die Gemeinschaft mit Ihm macht diese neue Stellung erfahrbar: nicht als abstrakte Wahrheit, sondern als konkrete innere Realität, in der Christus Schritt für Schritt unsere Gerechtigkeit, unsere Heiligung und unsere Erlösung wird.
- Korinther 1:30 sagt: „Aus Ihm aber seid ihr in Christus Jesus, der uns von Gott zur Weisheit gemacht worden ist: sowohl zur Gerechtigkeit als auch zur Heiligung und zur Erlösung.“ Gott hat uns in Christus hineingetan, und jetzt sind wir in Ihm. Früher waren wir in Adam, doch wir sind aus Adam heraus in Christus hinein versetzt worden. Dies war keine äußerliche, sondern eine innerliche Versetzung des Lebens. (Witness Lee, Life-Study of 1 Corinthians, Botschaft vierzehn, S. 129)
Dass Christus unsere Gerechtigkeit ist, bedeutet zuallererst: Vor Gott steht nicht mehr unsere Leistung, sondern Seine Vollkommenheit. Doch im Alltag entfaltet sich diese Gerechtigkeit weiter. Sie bleibt nicht im unsichtbaren Bereich, sondern will in unsere Beziehungen hineinwirken. Wenn es irgendwo „ungerecht“ zugeht – in einer Ehe, am Arbeitsplatz, im Dienst –, prallen oft verletzte Gefühle und starre Positionen aufeinander. In der Gemeinschaft mit Christus beginnt sich etwas zu verschieben: Er deckt unser eigenes Unrecht auf, selbst dort, wo wir uns im Recht wähnen, und führt zu einem gerechteren, wahrhaftigeren Umgang miteinander. So wird Er zur praktischen Gerechtigkeit, indem Er uns befähigt, fair, wahrhaftig und barmherzig zu handeln, wo wir es aus uns selbst nicht könnten.
Wo Christus so unsere Gerechtigkeit wird, beginnt zugleich ein Prozess der Heiligung. Heiligung bedeutet nicht fromme Sonderlichkeit, sondern ein Abgesondertwerden zu Gott hin mitten im ganz normalen Leben. Wer in Konflikten nicht mehr nach dem Muster „wie alle anderen“ reagiert, sondern innerlich auf Christus hört, erlebt, wie ein anderes Muster greift. Unsere spontanen Reaktionen – Rechthaberei, Rückzug, harte Worte – werden in der Gemeinschaft mit Ihm in Frage gestellt. Seine Gegenwart zieht uns heraus aus dem Gewohnten und hinein in eine Weise des Handelns, die zu Gott hin abgesondert ist. Heiligung wird so zur alltäglichen Erfahrung: Christus prägt, wie wir sprechen, vergeben, Prioritäten setzen und Grenzen ziehen.
In diesem Geflecht von Gerechtigkeit und Heiligung geschieht Erlösung bereits heute. Erlösung ist mehr als die zukünftige Befreiung von aller Not; sie umfasst auch das „Zurückholen“ aus Situationen, in denen wir innerlich von Gott weggeraten sind. Wo Christus in einer schwierigen Begegnung das letzte Wort bekommt, erlöst Er uns aus der Gefangenschaft verletzter Ehre oder verbissener Selbstbehauptung. Er bringt uns zurück in den Raum Seines Friedens, auch wenn die äußere Situation unverändert bleibt. Diese fortwährende Erlösung ist ein Vorgeschmack auf die noch ausstehende Vollendung, von der Paulus sagt, dass wir „die Erlösung unseres Leibes“ erwarten (Römer 8:23). Schon jetzt beginnt der Geist Christi in uns, unser Denken, Fühlen und Wollen zu verwandeln, sodass wir nicht mehr von der Logik der alten Schöpfung, sondern von der Wirklichkeit des neuen Menschen bestimmt werden.
Von Ihm aber seid ihr in Christus Jesus, der uns von Gott zur Weisheit geworden ist: sowohl zur Gerechtigkeit als auch zur Heiligung und zur Erlösung, (1.Kor 1:30)
Aber nicht nur sie, sondern auch wir selbst, die wir die Erstlingsgabe des Geistes haben, seufzen in uns selbst und erwarten die Sohnschaft, die Erlösung unseres Leibes. (Röm. 8:23)
Christus als Gerechtigkeit, Heiligung und Erlösung bleibt nicht Theorie, wenn wir lernen, die Gemeinschaft mit Ihm in konkrete Situationen hineinwirken zu lassen: in Missverständnisse, Überforderung, verborgene Schuldgefühle und lange eingeübte Muster. Gerade dort, wo das eigene Vermögen an Grenzen stößt, erweist sich, dass Gott uns nicht sich selbst überlassen hat, sondern uns in Seinen Sohn hineingesetzt hat. Diese Gewissheit schenkt eine stille Hoffnung, dass Veränderung möglich ist, weil Christus selbst der Inhalt und die Kraft unseres neuen Lebens ist.
Herr Jesus, führe uns im Licht Deines Wortes und schenke uns Gnade, die gezeigte Wahrheit nicht nur zu verstehen, sondern im Alltag aus Deinem Leben zu erfahren. Bewahre uns in Deiner Gegenwart, damit unser Denken, Reden und Dienen von Dir geprägt wird und Dein Name in der Gemeinde verherrlicht wird. Amen.
Englische Quelle: Life-Study of 1 Corinthians, Chapter 14