Das Wort des Lebens
lebensstudium

Einführung (1)

12 Min. Lesezeit

Wer die ersten Kapitel des 1. Korintherbriefes liest, ist schnell enttäuscht: Streit, Parteiungen und Unreife prägen diese junge Gemeinde. Doch gerade dieses scheinbar negative Bild gehört zu Gottes weiser Ordnung der Bibel. Nach den Evangelien und der Apostelgeschichte, nach dem großen Entwurf von Glaubensleben und Gemeindeleben im Römerbrief, stellt 1. Korinther gleichsam ein ehrliches Foto unseres gewöhnlichen christlichen Alltags dar – mit all seinen Brüchen und doch getragen von einem treuen Gott.

Korinther als Spiegel unseres gewöhnlichen Christenlebens

Dass der Heilige Geist ausgerechnet eine Gemeinde wie Korinth in die Heilige Schrift aufnimmt, ist selbst schon eine Botschaft. Wer den ersten Korintherbrief liest, steht nicht vor einem Hochglanzbild der Kirche, sondern vor einem Spiegel. Spaltungen, Rivalität, geistliche Überheblichkeit, moralische Verirrungen – all das wird nicht zugedeckt, sondern nüchtern benannt. Und doch setzt Paulus seinen Brief nicht mit einer Strafpredigt, sondern mit einer Anrede voller Würde und Gnade ein: „PAULUS, berufener Apostel Christi Jesu durch Gottes Willen, und Sosthenes, der Bruder, an die Gemeinde Gottes, die in Korinth ist, an die, die in Christus Jesus geheiligt worden sind, an die berufenen Heiligen“ (1.Kor 1:1–2). Das Wort „Gemeinde Gottes“ steht direkt neben dem Namen „Korinth“ – dieser Handelshafen voller heidnischer Prägungen, Unruhen und Versuchungen. Damit macht Gott deutlich: Er scheut sich nicht, seine Gemeinde mitten in der Realität menschlicher Schwäche zu verorten.

7 von Jesus Christus gemäß dem Glauben der Auserwählten Gottes und der vollen Erkenntnis der Wahrheit, die der Gottseligkeit gemäß ist, in der Hoffnung des ewigen Lebens. 1. Korinther 1:1 betont zwei Punkte in Bezug auf das Aposteltum des Paulus: dass Paulus ein berufener Apostel Christi Jesu war und dass er durch den Willen Gottes ein Apostel wurde. Dass Paulus ein berufener Apostel war, macht deutlich, dass er sich nicht selbst auswählte oder selbst ernannte, dass sein Aposteltum also nicht von ihm selbst ausging. (Witness Lee, Life-Study of 1 Corinthians, Botschaft eins, S. 7)

Wer in 1. Mose den Weg Abrahams, Isaaks und Jakobs verfolgt, erkennt einen ähnlichen Zug in Gottes Offenbarung. Die Patriarchen erscheinen nicht als makellose Helden, sondern als Menschen mit Angst, List, Unglauben und eigensinnigen Wegen. Gerade so lernt man, was Gnade wirklich ist: Gott bindet sich an Menschen, die Er kennt, mit ihren Brüchen und Schatten. Der Korintherbrief steht in dieser Linie. Er zeigt Christen, die zwischen Seele, Fleisch und Geist hin- und hergerissen sind, und doch nennt Paulus sie ohne Zögern „geheiligt“ und „berufen“. In 1.Kor 1:4–5 heißt es: „Ich danke meinem Gott allezeit euretwegen aufgrund der Gnade Gottes, die euch in Christus Jesus gegeben worden ist, in ihm seid ihr in allem reich gemacht worden, in allem Wort und aller Erkenntnis.“ Nicht ihre Reife, sondern Gottes Gnade ist sein Ausgangspunkt.

Diese Sicht befreit von einem idealisierten Bild einer perfekten Gemeinde, das oft mehr aus frommen Wunschbildern als aus der Schrift stammt. Wer Korinth ernst nimmt, muss zugeben: Die Probleme dort sind uns näher, als wir es gern hätten. Sie tauchen in einer anderen Kultur und unter anderen Vorzeichen auf, aber die inneren Bewegungen sind vertraut. Sobald man das anerkennt, entsteht Raum für Demut. Man braucht nicht länger so zu tun, als sei das eigene Christenleben oder die eigene Gemeinde über den Kampf mit Fleischlichkeit und Unreife erhaben. Stattdessen kann man bekennen: Auch wir leben von der gleichen Gnade, von der gleichen geduldigen Treue Gottes, die die Korinther getragen hat.

Die Botschaft dieses Briefes ist darum nicht ein resigniertes „So sind wir halt“, sondern eine ermutigende Realismuskur: Gott arbeitet mit realen Menschen und wirklichen Gemeinden, nicht mit Idealtypen. Er kennt Streit, Rückschläge und Blindheiten und nennt doch sein Werk bei Namen: Gemeinde Gottes. Das nimmt den Druck, sich selbst oder die eigene Gemeinschaft als Vorzeigeprojekt präsentieren zu müssen. Man darf lernen, in Wahrheit zu leben – mit Licht auf der eigenen Schwachheit und mit Licht auf Gottes Berufung zugleich. Wo dieser Blick wächst, wird die Atmosphäre in der Gemeinde nicht laxer, sondern wahrhaftiger: Fehler müssen nicht beschönigt werden, weil sie von der Gnade her schon überboten sind; Wachstum wird nicht eingefordert wie eine Leistung, sondern erwartet wie eine Frucht der Treue Gottes. So kann der Korintherbrief zu Beginn nicht entmutigen, sondern leise Mut machen: Der Gott, der Korinth nicht aufgegeben hat, wird auch an uns nicht vorbeigehen.

PAULUS, berufener Apostel Christi Jesu durch Gottes Willen, und Sosthenes, der Bruder, (1.Kor 1:1)

an die Gemeinde Gottes, die in Korinth ist, an die, die in Christus Jesus geheiligt worden sind, an die berufenen Heiligen, zusammen mit allen, die den Namen unseres Herrn Jesus Christus an jedem Ort anrufen, ihres und unseres Herrn: (1.Kor 1:2)

Wenn Korinth als Spiegel unseres gewöhnlichen Christenlebens verstanden wird, verliert das eigenen Ringen seinen Schockcharakter. Man muss sich nicht mehr dauernd fragen, ob man mit den eigenen Unzulänglichkeiten grundsätzlich am Glauben gescheitert ist. Stattdessen darf man sie in das Licht dessen stellen, der uns trotz allem „in Christus Jesus geheiligt“ nennt. Wer so auf sich und seine Gemeinde schaut, lernt, den Maßstab Gottes ernst zu nehmen, ohne das Fundament seiner Annahme zu verlieren. Die Mischung aus Ehrlichkeit und Hoffnung, die Paulus am Anfang des Briefes vorlebt, kann zu einer inneren Haltung werden: nüchtern im Blick auf unsere Schwachheit, beharrlich im Vertrauen darauf, dass Gott aus gerade solchen Menschen und Situationen seine Geschichte schreibt.

Die Gemeinde Gottes – zugleich universal und lokal

Der kleine Ausdruck „Gemeinde Gottes, die in Korinth ist“ enthält eine dichte Spannung. Auf der einen Seite steht die universale Wirklichkeit: Gemeinde Gottes – aus Ihm geboren, durch Ihn erkauft, von Ihm her bestimmt. Auf der anderen Seite steht die konkrete Verortung: in Korinth – in einer bestimmten Stadt, in einer bestimmten Kultur, mit sehr bestimmten Herausforderungen. Paulus schreibt: „an die Gemeinde Gottes, die in Korinth ist, an die, die in Christus Jesus geheiligt worden sind, an die berufenen Heiligen, zusammen mit allen, die den Namen unseres Herrn Jesus Christus an jedem Ort anrufen“ (1.Kor 1:2). In einem Satz verbindet er den lokalen Ausdruck mit der weltweiten Gemeinschaft aller, die den Namen des Herrn anrufen.

9 Der Natur nach ist die Gemeinde in Gott universal, in der Praxis jedoch ist die Gemeinde örtlich an einem bestimmten Ort. Daher hat die Gemeinde zwei Aspekte: den universalen und den örtlichen. Ohne den universalen Aspekt hat die Gemeinde keinen Inhalt; ohne den örtlichen Aspekt ist es der Gemeinde unmöglich, irgendeinen Ausdruck und irgendeine Praxis zu haben. (Witness Lee, Life-Study of 1 Corinthians, Botschaft eins, S. 9)

Damit wird deutlich: Es gibt die eine Gemeinde Gottes, den einen Leib Christi, der durch alle Orte und Zeiten geht. Wenn in der Apostelgeschichte von der „Gemeinde, die in Jerusalem war“ die Rede ist (Apg. 8:1), oder von der „dortigen Gemeinde“ in Antiochien mit ihren Propheten und Lehrern (Apg. 13:1), geht es nicht um verschiedene Kirchen im konkurrierenden Sinn, sondern um verschiedene Orte, an denen dieselbe eine Gemeinde Gestalt gewinnt. Der universale Aspekt schenkt Inhalt und Identität: Wir gehören nicht zuerst zu einer Tradition, einem Stil oder einer Konfession, sondern zu Gottes eigenem Volk. Der lokale Aspekt gibt dieser Zugehörigkeit eine konkrete Form: Menschen, mit denen man tatsächlich lebt, betet, streitet, sich versöhnt.

Wer diese doppelte Perspektive aus dem Blick verliert, gerät leicht in Schieflage. Wird nur der universale Aspekt gesehen, kann Gemeinde zu einer abstrakten Idee werden, die kaum mit der eigenen, manchmal mühsamen Ortsgemeinde in Verbindung gebracht wird. Wird nur der lokale Aspekt gesehen, neigt man dazu, die eigene Gruppe zum Maß aller Dinge zu machen – als hätte Gott vor allem mit „uns hier“ seine Freude. Die Schrift hält beides zusammen: Die Heiligen in Korinth werden im selben Atemzug mit „allen, die den Namen unseres Herrn Jesus Christus an jedem Ort anrufen“ genannt. Die kleine, kämpfende Gemeinde am Hafen wird dadurch in eine weite, weltumspannende Geschichte hineingestellt.

Diese Sicht kann den Blick auf die eigene Gemeinde heilen. Sie ist weder ein Zufallsprodukt noch ein Sonderfall, sondern ein Ausdruck der einen Gemeinde Gottes an einem bestimmten Ort. Sie bleibt unvollkommen, manchmal befangen in ihrer Kultur, geprägt von ihrem Umfeld – und dennoch ist sie von Gott her gedacht: ein Ort, an dem die universale Gemeinde konkret sichtbar und erfahrbar wird. Das bewahrt davor, die Schwächen der eigenen Gemeinde absolut zu setzen oder sie innerlich abzuschreiben. Gleichzeitig schützt es davor, sie zu überhöhen, als wäre hier schon der Himmel angebrochen. Man darf sie als das sehen, was sie ist: ein geliebter, begrenzter, von Gottes Gnade getragener Ausdruck seiner einen Gemeinde.

an die Gemeinde Gottes, die in Korinth ist, an die, die in Christus Jesus geheiligt worden sind, an die berufenen Heiligen, zusammen mit allen, die den Namen unseres Herrn Jesus Christus an jedem Ort anrufen, ihres und unseres Herrn: (1.Kor 1:2)

Und Saulus willigte in seine Ermordung ein. Und an jenem Tag entstand eine große Verfolgung gegen die Gemeinde, die in Jelusalem war; und alle außer den Aposteln wurden im ganzen Gebiet von Judäa und Samarien zerstreut. (Apg. 8:1)

Die Verbindung von universaler und lokaler Gemeinde lädt dazu ein, die eigene geistliche Heimat anders einzuordnen. Sie ist nicht das Zentrum der Welt, aber sie ist auch nicht zufällig oder belanglos. Wer sich als Teil der einen Gemeinde Gottes versteht, kann die Grenzen des eigenen Horizonts sprengen, ohne die konkrete Zugehörigkeit zu verlieren. Das schenkt Freiheit, sich von anderen Ortsgemeinden und Traditionen beschenken zu lassen, und zugleich Treue, am eigenen Ort verlässlich mitzuleben. In der Spannung zwischen „Gemeinde Gottes“ und „in Korinth“ liegt eine stille Ermutigung: Gott schreibt seine Geschichte nicht nur mit den großen Zentren und sichtbaren Werken, sondern auch mit den kleinen, verborgenen Gemeinden – und mitten unter ihnen steht Christus selbst.

Der gekreuzigte Christus im Zentrum einer unvollkommenen Gemeinde

Mitten in die verworrene Situation der Gemeinde in Korinth hinein setzt Paulus einen radikalen Schwerpunkt. Nachdem er ihre Berufung und die Gnade Gottes vor Augen gestellt hat, sagt er über seinen eigenen Dienst in der Stadt: „Denn ich hatte mich dafür entschieden, unter euch nichts außer Jesus Christus zu wissen, und diesen als gekreuzigt“ (1.Kor 2:2). In einer Gemeinde, in der sich Gruppen um verschiedene Leiter scharen, in der geistliche Gaben zum Prestigefaktor geworden sind, greift Paulus nicht zu einem ausgefeilten Organisationskonzept. Er führt zurück zu einer Person und zu einem Ereignis: Jesus Christus und sein Kreuz.

6 In 1:1–9 behandelt Paulus eine Reihe wichtiger Punkte. In diesen Versen erhalten wir zunächst ein richtiges Erfassen in Bezug auf den Apostel. Dann bekommen wir einen klaren Blick auf die Gemeinde und auf die Gläubigen, die Heiligen. (Witness Lee, Life-Study of 1 Corinthians, Botschaft eins, S. 6)

Der gekreuzigte Christus relativiert alle geistlichen Rangordnungen. Vor dem Kreuz gibt es keine Erste-Reihe-Christen und keine zweite Klasse. Alle stehen als Empfangende da, als solche, denen etwas geschenkt wurde, was sie sich nicht verschaffen konnten. Das trifft in Korinth besonders ins Mark, weil dort die Versuchung groß war, Gaben, Erkenntnis und Zugehörigkeiten zu bestimmten Leitern als Ausweis besonderer Geistlichkeit zu werten. Indem Paulus den Gekreuzigten in die Mitte stellt, entlarvt er diesen Stolz. Er erinnert daran, dass der Weg Gottes durch Niedrigkeit, Schwachheit und scheinbaren Verlust führt – und dass gerade dieser Weg Gottes Weisheit und Kraft ist.

Zugleich ist der gekreuzigte Christus nicht nur ein Maßstab, sondern auch Trost. Wenn Paulus in 1.Kor 1:8–9 schreibt, der Herr werde die Korinther „festigen […] bis zum Ende, damit ihr am Tag unseres Herrn Jesus Christus unanklagbar seid. Gott ist treu, durch den ihr berufen worden seid hinein in die Gemeinschaft Seines Sohnes Jesus Christus, unseres Herrn“, dann ist damit gerade auch ihre aktuelle Unreife mitgemeint. Gemeinschaft mit dem Sohn heißt: Sein Kreuz umfasst nicht nur die Vergangenheit, sondern auch den Weg, auf dem die Gemeinde unter seinen Händen steht. In den Spannungen, Missverständnissen und Fehltritten verliert sie ihren Herrn nicht – sie bleibt in seine Gemeinschaft hineingerufen.

Wo dieser Christus im Zentrum bleibt, verlieren menschliche Parteien an Anziehungskraft. Es wird zweitrangig, wem man sich ursprünglich besonders verbunden fühlte, wessen Stil einem näherliegt, welche Gabe man besitzt. Entscheidend wird, dass alle vom gleichen Kreuz leben, von der gleichen Barmherzigkeit. Das verändert auch die Art, wie man Versagen in der Gemeinde wahrnimmt. Es muss nicht verharmlost werden, aber es bekommt nicht das letzte Wort. Das letzte Wort gehört dem, der sich selbst für seine Gemeinde hingegeben hat.

Denn ich hatte mich dafür entschieden, unter euch nichts außer Jesus Christus zu wissen, und diesen als gekreuzigt. (1.Kor 2:2)

der euch auch festigen wird bis zum Ende, damit ihr am Tag unseres Herrn Jesus Christus unanklagbar seid. Gott ist treu, durch den ihr berufen worden seid hinein in die Gemeinschaft Seines Sohnes Jesus Christus, unseres Herrn. (1.Kor 1:8-9)

Der gekreuzigte Christus im Zentrum einer unvollkommenen Gemeinde ist eine Einladung, die eigenen Maßstäbe neu justieren zu lassen. Nicht das, was andere von uns erwarten, und auch nicht das Bild, das wir gern von uns zeichnen würden, ist entscheidend, sondern das, was am Kreuz sichtbar wurde: unsere Bedürftigkeit und seine Hingabe. Wer das annimmt, kann entspannter mit den Spannungen und Enttäuschungen umgehen, die in jeder Gemeinde auftauchen. Er rechnet damit, dass der Herr gerade durch das Kreuzförmige – durch Verluste, Korrekturen, schmerzhafte Einsichten – seine Gemeinde formt. In diesem Vertrauen entsteht eine stille, tragfähige Zuversicht: Der, der sich für uns hat kreuzigen lassen, wird sein Werk an uns und in unserer Mitte nicht liegenlassen.


Herr Jesus Christus, danke, dass Du Deine Gemeinde nicht erst dann liebst, wenn sie vollkommen ist, sondern dass Du mitten in unserer Schwachheit gegenwärtig bist. Du kennst unsere inneren Spannungen, unsere unausgesprochenen Spaltungen und alles, was nicht Deinem Geist entspricht, und dennoch nennst Du uns „Gemeinde Gottes“. Richte unseren Blick neu auf Dich als den Gekreuzigten, damit unser Stolz zerbricht, unsere Vergleiche verstummen und Dein Kreuz zum Mittelpunkt unseres persönlichen Lebens und unseres Gemeindelebens wird. Lass uns aus der Gemeinschaft mit Dir leben, damit Deine Treue größer ist als unsere Untreue und Deine Gnade sichtbarer wird als unsere Fehler. Stärke alle, die entmutigt sind über den Zustand der Gemeinde, mit der Gewissheit, dass Du Dein Werk vollendest und Deine Kirche durch die Zeiten hindurch treu trägst. Fülle unsere Herzen mit Hoffnung, dass Du auch aus unserem „Korinth“ etwas zu Deiner Ehre formst. Amen.

Englische Quelle: Life-Study of 1 Corinthians, Chapter 1

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