Das Wort des Lebens
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Gott verurteilt die Sünde im Fleisch

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Viele ernsthafte Christen kennen den schmerzhaften Zwiespalt: Der innere Wunsch, Gott zu gefallen, ist stark – und doch scheint eine unsichtbare Kraft uns immer wieder zu Fall zu bringen. Paulus beschreibt diese innere Spannung eindrücklich im Römerbrief und führt uns von einem hilflosen Seufzen hin zu einem kraftvollen Siegesruf. Im Zentrum steht die Frage, wie Gott selbst mit der Sünde umgegangen ist und was das ganz praktisch für unser tägliches Leben im Geist bedeutet.

Zwei Arten von Verdammnis – objektiv und subjektiv

Wenn Paulus am Anfang des Römerbriefes die Menschheit beschreibt, steht der Mensch vor dem heiligen Gott. Unter dem Licht Seines Gesetzes wird offenbar, dass kein Fleisch gerecht ist, dass „da ist keiner, der gerecht ist, auch nicht einer“ (Röm. 3:10). Diese Verdammnis ist ein rechtlicher Zustand vor Gott: Der Mensch steht unter dem Urteil des Gesetzes, schuldig, ohne Entschuldigung. Durch das Blut Jesu ist diese objektive Verdammnis für den Glaubenden ein für alle Mal hinweggenommen worden. Am Kreuz trat Christus an unsere Stelle; Er nahm die Schuld auf sich, die uns nach Gottes gerechtem Urteil treffen musste. Darum heißt es: „ALSO (gibt es) jetzt keine Verdammnis für die, welche in Christus Jesus sind“ (Röm. 8:1). Dieses „keine Verdammnis“ betrifft zuerst die Stellung vor Gott: Wer in Christus ist, steht nicht länger unter dem drohenden Urteil, sondern unter der Gnade, die durch Jesu Blut bestätigt ist.

Aber die Verurteilung, die in den Kapiteln zwei und drei beschrieben wird, ist vor 8:1 weggenommen worden. Daher ist die Verurteilung in diesem Vers anderer Art, nämlich eine Verurteilung, die in uns ist. Die Verurteilung in den Kapiteln zwei und drei ist etwas vor Gott, nicht etwas, das unserem inneren Empfinden oder Bewusstsein entspricht. Es ist eine objektive Verurteilung, eine Verurteilung gemäß dem Gesetz Gottes. (Witness Lee, Life-Study of Romans, Botschaft sechsundsechzig, S. 687)

Und doch kennen viele, die diese Wahrheit bejahen, ein hartnäckiges, inneres Gefühl des Verurteiltseins. Die Kapitel Römer 7 und 8 öffnen hier einen anderen Blick. Paulus spricht vom „inneren Menschen“, der am Gesetz Gottes Wohlgefallen hat, und zugleich vom anderen Gesetz in den Gliedern, das ihn in Gefangenschaft bringt (Röm. 7:22–23). Daraus entsteht ein subjektives Empfinden der Verdammnis: Das Herz möchte Gott gefallen, der Wille fasst Vorsätze, aber die Macht der Sünde im Fleisch durchkreuzt diese guten Absichten. Je ernster der Versuch, aus eigener Kraft „besser“ zu leben, desto schmerzhafter das Empfinden des Versagens. Das klagende „Ich elender Mensch! Wer wird mich befreien von dem Leib dieses Todes?“ (Röm. 7:24) ist die Stimme eines Menschen, der dieses innere Gericht kennt, obwohl seine Stellung vor Gott bereits geklärt ist.

Im Übergang zu Römer 8 verschiebt sich der Blick vom gesetzesorientierten Selbst zum rettenden Handeln Gottes im Inneren. Die Verdammnis, die Paulus dort aufhebt, ist nicht die längst getilgte Schuld vor Gott, sondern jene innere Anklage, die sich aus dem Kampf zwischen Gutwilligkeit und Sündenmacht speist. Gottes Antwort auf diesen inneren Konflikt ist nicht ein weiteres Gesetz, nicht eine feinere Methode der Selbstdisziplin, sondern ein neues Wirken des Geistes. „Denn das Gesetz des Geistes des Lebens hat mich in Christus Jesus frei gemacht von dem Gesetz der Sünde und des Todes“ (Röm. 8:2). Wo der Geist des Lebens wirkt, verliert das ständige Selbstgericht seine Herrschaft; an die Stelle des verzweifelten Blickes auf die eigene Unfähigkeit tritt das ruhige Vertrauen auf die Kraft Christi in uns.

So wird der Gläubige eingeladen, nicht mehr in der Logik der Selbstverurteilung zu leben, sondern in der Wirklichkeit des „jetzt“ von Römer 8:1. Die objektive Rechtfertigung durch das Blut Christi bleibt das unerschütterliche Fundament; doch Gott lässt es nicht dabei bewenden. Er will auch das innere Klima unseres Herzens verändern, das geprägte Empfinden, das so schnell in Verdammnis verfällt. Wenn das Wort sagt, dass es „jetzt keine Verdammnis“ gibt, dann sieht Gott uns in Christus, nicht im wechselhaften Auf und Ab unserer Leistung. Diese Perspektive macht das Herz weit: Schuld wird nicht verharmlost, aber sie ist nicht mehr das letzte Wort. Das letzte Wort liegt bei dem, der nicht nur unsere Sünden getragen, sondern auch das innere Gefängnis der Verdammnis aufgebrochen hat. In dieser Gewissheit darf das Gewissen zur Ruhe kommen, und der Alltag wird zu einem Weg, auf dem man immer wieder neu lernt, sich nicht auf sich selbst, sondern auf den inwendigen Christus zu verlassen.

ALSO (gibt es) jetzt keine Verdammnis für die, welche in Christus Jesus sind. (Röm. 8:1)

Denn ich habe nach dem inneren Menschen Wohlgefallen am Gesetz Gottes. Aber ich sehe ein anderes Gesetz in meinen Gliedern, das dem Gesetz meines Sinnes widerstreitet und mich in Gefangenschaft bringt unter das Gesetz der Sünde, das in meinen Gliedern ist. Ich elender Mensch! Wer wird mich befreien von dem Leib dieses Todes? (Röm. 7:22-24)

Wer zwischen der objektiven Verdammnis vor Gott und der subjektiven Verdammnis im eigenen Inneren unterscheidet, lernt, das ständige Selbstgericht im Licht des Evangeliums zu prüfen. Die eigene Unzulänglichkeit verliert ihren zerstörerischen Stachel, weil sie nicht mehr das letzte Urteil über das Leben spricht. Statt in der Spirale der Selbstanklage gefangen zu bleiben, gewinnt das Herz Raum, die Stimme des Geistes zu hören, der auf Christus weist und die Gewissheit stärkt: In Ihm ist die Frage der Verdammnis entschieden. Aus dieser Ruhe heraus wird Gehorsam nicht zur Zwangsleistung, sondern zur Antwort auf eine bereits geschenkte Gnade.

Gott verurteilt die Sünde im Fleisch Christi

Die Schrift spricht von der Sünde nicht nur als einer Summe von Verfehlungen, sondern als einer herrschenden Macht, die im Fleisch wohnt. Paulus beschreibt, wie die Sünde „durch das Gebot“ ihn täuschte und durch das Gebot tötete, und wie ein „Gesetz der Sünde“ in seinen Gliedern wirksam ist (vgl. Röm. 7:11.23). Diese Sünde im Fleisch ist mehr als ein schlechtes Verhalten; sie ist eine feindliche Kraft, die sich mit der gefallenen Menschheit verbunden hat und den Menschen innerlich beherrscht. Vor diese Wirklichkeit stellt Gott Sein Handeln im Evangelium: „Denn was dem Gesetz unmöglich war, weil es durch das Fleisch schwach war, das tat Gott: Er verdammte die Sünde im Fleisch, indem Er Seinen eigenen Sohn in der Gleichgestalt des Fleisches der Sünde und der Sünde wegen sandte“ (Röm. 8:3). Das Gesetz konnte die Sünde zwar benennen, aber nicht brechen; es konnte verurteilen, aber nicht befreien. Wo das Gesetz an seine Grenze kommt, beginnt das Handeln Gottes im Sohn.

Im nächsten Vers fährt er fort: „Denn das dem Gesetz Unmögliche, weil es durch das Fleisch kraftlos war, tat Gott, indem Er Seinen eigenen Sohn in Gleichgestalt des Fleisches der Sünde und um der Sünde willen sandte und die Sünde im Fleisch verurteilte.“ Nach diesem Vers sandte Gott Seinen eigenen Sohn nicht nur in der Gleichgestalt des Fleisches der Sünde, sondern Er sandte Ihn auch um der Sünde willen. (Witness Lee, Life-Study of Romans, Botschaft sechsundsechzig, S. 690)

Dass der Sohn „in Gleichgestalt des Fleisches der Sünde“ gekommen ist, bedeutet, dass der ewige, göttliche Logos wirklich Mensch geworden ist, ohne selbst sündig zu sein. „Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und das Wort war Gott“ (Johannes 1:1); derselbe göttliche Sohn nahm an der Menschheit Anteil, in allem uns gleich, ausgenommen die Sünde. Gerade in diesem wahren, aber sündlosen Menschsein hat Gott die Sünde erreicht. Als Christus im Fleisch ans Kreuz ging, trat die Sünde gleichsam mit Ihm vor das göttliche Gericht. Dort, im sterblichen Fleisch des menschgewordenen Sohnes, hat Gott die Sünde verurteilt – nicht nur in einem rechtlichen Akt auf dem Papier, sondern in einem realen, geschichtlichen Gericht, in dem die Sünde ihren Anspruch auf den Menschen verloren hat. Die Kreuzigung Christi ist so der Ort, an dem die Sünde im Fleisch öffentlich verurteilt und ihrer Herrschaft entkleidet wurde.

Dass Gott die Sünde im Fleisch Christi verurteilt hat, bedeutet für den Glaubenden, dass die Sünde zwar noch in seinem sterblichen Leib anwesend ist, aber nicht mehr das letzte Wort über ihn hat. Ihr Rechtstitel ist am Kreuz angefochten und aufgehoben worden. Die unsichtbaren Mächte, die sich dieser Sündenmacht bedienten, sind entwaffnet; das Reich der Finsternis trägt ein ergangenes Urteil. Der auferstandene Christus lebt nun im Geist in den Seinen und teilt ihnen den Sieg seines Kreuzes mit. Darum heißt es: „Wenn aber Christus in euch ist, ist zwar der Leib der Sünde wegen tot, der Geist aber ist Leben der Gerechtigkeit wegen“ (Röm. 8:10). Der Leib bleibt ein Ort der Schwachheit und Anfechtung, aber im Inneren wohnt eine neue Quelle: das Leben des Gekreuzigten und Auferstandenen.

So verändert sich der Blick auf den täglichen Kampf mit der Sünde. Er wird nicht romantisiert, aber er ist auch nicht hoffnungslos. Die Sünde im Fleisch ist nicht verschwunden, doch sie steht unter einem bereits gesprochenen Urteil. Jeder Rückfall, jede erfahrbare Schwäche vollzieht sich auf einem Boden, auf dem die grundlegende Herrschaftsfrage geklärt ist. Wer sich daran erinnert, sieht sich selbst nicht mehr zuerst als Gefangenen des eigenen Versagens, sondern als Menschen, der mit Christus in das Gericht über die Sünde hineingenommen wurde. In dieser Haltung wächst ein stilles Vertrauen: Die Macht, die mich anklagt, ist vor Gott bereits verurteilt. Dieses Bewusstsein nimmt der Sünde den Glanz des Unüberwindlichen und öffnet das Herz für die leise, aber wirksame Kraft des Heiligen Geistes, der das Werk des Kreuzes in unserem Inneren zur Entfaltung bringt.

Denn was dem Gesetz unmöglich war, weil es durch das Fleisch schwach war, das tat Gott: Er verdammte die Sünde im Fleisch, indem Er Seinen eigenen Sohn in der Gleichgestalt des Fleisches der Sünde und der Sünde wegen sandte, (Röm. 8:3)

Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und das Wort war Gott. (Joh. 1:1)

Die Erkenntnis, dass Gott die Sünde im Fleisch Christi verurteilt hat, entlastet den Glaubenden davon, selbst Richter über die Sünde sein zu müssen. Der Kampf gegen die Sünde wird dadurch nicht aufgehoben, aber er findet auf einem anderen Grund statt: nicht als aussichtsloser Versuch, einer übermächtigen Kraft aus eigener Kraft zu widerstehen, sondern als Teilnahme an einem bereits errungenen Sieg. In der Erinnerung an das vollzogene Gericht am Kreuz kann das Herz aufatmen: Die Sünde ist ernst, doch sie ist nicht mehr der unangefochtene Herr. Diese Sicht wirkt still tröstend und zugleich motivierend, in der Gemeinschaft mit dem Gekreuzigten auszuharren, bis das, was Gott in Christus entschieden hat, Schritt für Schritt im eigenen Leben Gestalt gewinnt.

Nach dem Geist wandeln – die gerechte Forderung des Gesetzes erfüllt sich in uns

Nachdem Paulus gezeigt hat, dass Gott die Sünde im Fleisch verurteilt hat, richtet er den Blick auf das Ziel dieses Handelns: „damit die gerechte Forderung des Gesetzes in uns erfüllt würde, die wir nicht nach dem Fleisch wandeln, sondern nach dem Geist“ (Röm. 8:4). Auffällig ist, dass er nicht sagt: „damit wir das Gesetz hielten“, sondern: damit seine Forderung „in uns erfüllt würde“. Gott gibt den Menschen nicht ein neues Programm der Selbstverbesserung an die Hand, sondern schafft einen neuen inneren Raum, in dem Er selbst das verwirklicht, was Sein Gesetz verlangt. Das Gesetz fordert Liebe, Wahrheit, Reinheit, Gerechtigkeit – nicht als einzelne Leistungen, sondern als Ausdruck eines Lebens, das Gott entspricht. Unsere gefallene Natur ist zu diesem Leben unfähig; sie kann Gebote anerkennen, aber nicht aus sich selbst heraus leben, was sie bejaht.

Daher verurteilte Gott die Sünde im Fleisch Jesu Christi und durch Seinen allumfassenden Tod. (Witness Lee, Life-Study of Romans, Botschaft sechsundsechzig, S. 693)

Darum spricht Paulus im selben Zusammenhang vom „Gesetz des Geistes des Lebens“: „Denn das Gesetz des Geistes des Lebens hat mich in Christus Jesus frei gemacht von dem Gesetz der Sünde und des Todes“ (Röm. 8:2). Dieses neue „Gesetz“ ist kein äußerer Kodex, sondern die innere, beständige Wirksamkeit des Heiligen Geistes im Herzen. Nach dem Fleisch zu wandeln bedeutet, in dieser Welt nur mit den Möglichkeiten des alten Menschen zu rechnen, auf seine Kräfte, Gefühle, Einsichten zu bauen und letztlich im Bereich zu bleiben, in dem die Sünde das Sagen hat. Nach dem Geist zu wandeln heißt, die unsichtbare Wirklichkeit des inwohnenden Christus zum Bezugspunkt zu machen, die sanfte Führung des Geistes ernst zu nehmen und sich Seiner Kraft anzuvertrauen, auch wenn die eigenen Gefühle oder Umstände anderes sagen. So wird das christliche Leben zu einem Spannungsfeld zwischen dem Sichtbaren und dem Unsichtbaren, zwischen dem alten und dem neuen Prinzip.

Die gerechte Forderung des Gesetzes erfüllt sich in denen, die auf dieser inneren Linie des Geistes bleiben. Nicht, weil sie ein höheres moralisches Niveau erreicht hätten, sondern weil ein anderer in ihnen lebt und handelt. „Denn die, die nach dem Fleisch sind, richten den Verstand auf die Dinge des Fleisches, die aber, die nach dem Geist sind, auf die Dinge des Geistes“ (Röm. 8:5). Indem der Verstand auf die Dinge des Geistes ausgerichtet wird – auf Christus, auf Sein Wort, auf die Wirklichkeit des inwohnenden Herrn – entsteht ein neuer Geschmack, ein verändertes Begehren. Die Liebe, die das Gesetz fordert, wächst nicht aus Zwang, sondern als Frucht des Geistes. Die Heiligkeit, die das Gesetz verlangt, wird nicht durch asketische Anstrengung erzwungen, sondern entsteht aus der Nähe zu dem Heiligen, der in uns wohnt. Damit verliert auch der Gedanke des Gesetzes seine Härte; er wird nicht länger als Drohkulisse erlebt, sondern als Beschreibung eines Lebens, das der Geist in uns Wirklichkeit werden lässt.

Aus dieser Sicht wird verständlich, warum Paulus den auf den Geist gerichteten Sinn „Leben und Frieden“ nennt (Röm. 8:6). Wo das Gesetz im Geist erfüllt wird, verschwindet die Angst vor dem Scheitern nicht von heute auf morgen, aber sie verliert ihren absoluten Anspruch. Der Blick auf Christus im Inneren löst die verkrampfte Konzentration auf das eigene Gelingen. So wächst eine stille, aber reale Freiheit: frei, dem inneren Drängen des Geistes zu folgen; frei, unter seiner Leitung zu korrigieren, wo etwas nicht gut ist; frei auch, aus der Gnade zu leben, wenn Schwachheit sich zeigt. Die gerechte Forderung des Gesetzes bleibt hoch, doch der Weg dorthin verläuft nicht mehr über das harte Pflaster der Gesetzlichkeit, sondern über den lebendigen Umgang mit dem Geist, der in unseren Herzen wohnt.

Relevante Schriftstellen: Röm. 8:2-4, Röm. 8:5-6, Gal. 5:16-18.

Diese Wahrheit ermutigt dazu, vor dem Herrn still zu werden und neu zu sehen, wie Sein Leben Denken, Fühlen und Handeln von innen her prägt.


Herr Jesus, führe uns im Licht Deines Wortes und schenke uns Gnade, die gezeigte Wahrheit nicht nur zu verstehen, sondern im Alltag aus Deinem Leben zu erfahren. Bewahre uns in Deiner Gegenwart, damit unser Denken, Reden und Dienen von Dir geprägt wird und Dein Name in der Gemeinde verherrlicht wird. Amen.

Englische Quelle: Life-Study of Romans, Chapter 66

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